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Freitag, Oktober 23, 2015

Fehlende Taiwanberichte

Deutsche Politik ist auf anarchistische Art so viel spannender. Und ich habe sowieso wenig Zeit, da ich ein Managementtool unter Windows mit Datenbankanbindung fertigstelle, mit dem mittlerweile das ganze 45-Leute-Team u.a. auch seine Urlaubsplanung macht und eigene Fähigkeiten zwecks Zuordnung zu den einzelnen Hardwaretest-Projekten hier im Testteam einhacken kann in das System. So groß ist das Programm, dass ich es mittlerweile "SAT / Software aus Taiwan" nenne statt SAP. Obwohl, so groß ist es nun auch wieder nicht.

Daher habe ich nicht darüber berichtet, dass die noch regierende KMT ihre Präsidentschaftskandidatin Hung gegen den moderateren Chu ausgetauscht hat, der Bürgermeister des Landkreises Taipei alias New Taipei City ist. In einer aktuellen Umfrage liegt jetzt Frau Tsai von der DPP mit um die 40% immer noch mit Abstand vorn, gefolgt von Herrn Chu aus der KMT mit 18% und dann Soong aus der PFP (KMT-nah eigentlich) mit 12%. Lustige Szenen gab es, als Hung-Anhänger vor der KMT-Zentrale demonstrierten und KMT-Honoratioren am Weiterfahren in ihren Limusinen hinderten. Aber Deutschland ist einfach so viel spannender und morgen geht es besuchsweise nach Manila, auch um die Permanent Residency abzuholen. Da tritt Taiwan und seine ewige "sind wir nun China oder nicht?"-Leier Gott sei Dank gnädig in den Hintergrund.

Bei mir gilt also jetzt das Motto: "Der Trend zum Drittland hält an". Selbst wenn Merkel eines von den dreien kaputt spielt, bleiben mir immer noch zwei andere. 

Freitag, Oktober 16, 2015

Republikflucht! (Geht auch ohne Merkel)

Langsam wird es ernst mit der Republikflucht aus Taiwan, der "Republik China", wie sie ja eigentlich heißt.

Ich will noch mal kurz rekapitulieren, wie es zu der stürmischen Entwicklung kam, die Frau und mich seit 2 Jahren oder dergleichen umtreibt - verschärft in den letzten Monaten.. Alles fing an mit dem dicken Volvo SUV names XC60 T5 in Glitterschwarz, mit dem meine Frau des guten Crashtests halber unseren alten Nissan Xtrail ersetzen wollte. Alles Reden half nichts, am Ende stand die schöne und in Taiwan im Vgl. zu Deutschland noch teurere Karosse vor der Tür. Oder genau gesagt auf dem Familienparkplatz bei Schwiegermutter. Parkplätze sind ja durchaus Kostbarkeiten in Taipei. Der "Familienparkplatz" war ursprünglich von meiner Frau gemietet und bezahlt worden und war während unseres kurzen Lebens in Deutschland dann vom "reichen" Schwager meiner Frau übernommen worden, der da manchmal seinen Porsche Panamera oder vorher Audi S8 und den parallelen BMW X5 35i drauf parkte. Großzügig und nett wie er ist durften wir da immer unseren Wagen gratis drauf abstellen, weil der Parkplatz so gut wie nie genutzt wurde. Ich wollte ja immer schon einen eigenen, aber meine Frau hatte sich da eine Art Zweikampf mit ihrer Schwester geleistet, die ja die erste Tochter der Familie ist und mangels Söhnen daher nach chinesischer Sitte eine ganz besondere Stellung hat. Als statt dem alten Nissan nun der glimmerschwarze Volvo auf dem Parkplatz stand, flog der ersten Tochter offenbar der Korken aus dem Kropf und sie erklärte Ludigels Kleinfamilie den Krieg. Nebenher hatte ihr Sohn auch einen Führerschein bekommen und nun ein eigenes Auto (erst Audi und BMW, wohlhabende Taiwaner lieben deutsche Autos) und hätte eigentlich den "Familienparkplatz" seines Vaters selbst gebraucht. Nett wie er ist, hat er aber kein Wort gesagt. Also erklärte uns die erste Tochter - die mich als zu "unchinesisch" vom ersten Tag an immer schon buchstäblich wie Luft behandelt und auf chinesische Art mit leerem Blick durch mich durch starrt - den totalen Taiwan-Weiberl-Krieg.
Als Resultat fing auch Schwiegermutter an, durch mich durch zu gucken als sei ich Luft. Ich fand ja, sie hat ein bisschen geschielt dabei. Aber gut, auch egal. Da damals wegen unserer viel zu kleinen Wohnung Frau 50m neben unserer nur von mir bewohnten Wohnung bei Schwiegermutter mit Junior lebte (ein merkwürdiges Arrangement, ich weiß) flogen Frau und Junior auch noch achtkantig aus der Wohnung und zogen bei mir in die seither überfüllte Miniwohnung. Was ja auch asiatisch nett ist, so eng beieinander. Ich gebe es zu und achte drauf, nicht Frau oder Junior beim morgendlichen Recken ausversehen aus dem Fenster zu boxen. Wie dem auch sei, Schwiegermutter weigerte sich auch noch, auf ihren Großsohn tagsüber wochentags aufzupassen und sagte uns, wir sollten uns gefälligst eine Kinderschwester suchen für den damals noch im Babyalter befindlichen Junior.
Zuuuuuuufällig weilte damals die zweite Schwester der Familie in Taipei, die eigentlich mit einem Sino-Filipino verheiratet in Manila lebt. Da Taiwaner Gruppenmenschen sind, litt meine Frau sowieso unter sozialen Entzugserscheinungen und auch dass uns die werte erste Tochter an der Familientafel manchmal buchstäblich das Essen (für Junior) aus der Hand nahm und demonstrativ an die Kinderchen der dritten Tochter weitergab, trug nicht gerade zur Genesung meiner Gattin bei.
In der Folge bekam meine Frau dann auch noch ein Augenleiden, das evtl. zur Erblindung führen könnte und verlor nun ganz und gar die Contenance.

Dann ging es so schnell, dass ich kaum noch mitkam. Will sagen, dass ich wirklich nicht mehr mitbekam was in Windeseile vor sich ging. Die "Manila-Schwester" und meine Frau schmiedeten ohne große Diskussion den Plan zur Umsiedlung der Familie Ludigel nach Manila. Frau hätte da Familienanschluss, bräuchte nicht mehr im Büro auf den kleinen Bildschirm zu starren und könnte ins schwägerliche Business einsteigen. Im Handumdrehen war alles gemeinsame Geld in Manila angelegt und ich kam und komme mir ein bisschen vor wie jemand, der nach durchzechter Nacht in Frauenkleidern auf der Glaskuppel des Reichtags in Berlin mit einem zeltgroßen Schlüpfer von Peter Altmaier auf dem Kopf wach wird. Wie bin ich da bloß hingekommen? Und ich wusste gar nicht, dass ich sowas auch mache. Nur statt Alkohol hatte ich Famileindramen, Krankheiten und Nervenzusammenbrüche seitens der Gattin.

Da meine Frau in Sachen Manilaumzug unbeirrbar ist, war ich die Tage in Sachen polizeiliches Führungszeugnis, Legalisierungen (Beglaubigungen) und anderem Kram unterwegs. Unter anderem habe ich auch die horrende Summe für ein philippinisches Familienvisum (genauer: eine permanente Residency) übewiesen. Und heute hat der erste Verkaufskiosk des Joint-Ventures zwischen meiner Frau und ihrer "Manilaschwester" aufgemacht, drei neue Arbeitsplätze in Manila sind geschaffen. Und Frau und Junior werden Mitte nächsten Jahres in Manila erwartet, u.a. zwecks Kontrollieren der Verkaufsstelle. Meine Wenigkeit wohl auch - wenn Frau nicht zu viel Angst hat in der Manilafamilie könnten wieder ähnliche Verwerfungen auftreten wie mit der Taipeifamilie, das Business läuft und die Götter gewogen sind. Und ich mein Gesichtverziehen beim Thema Manila und Familie einstelle, sagt Frau. Da bin ich mir noch im Unklaren ob das klappt.
Lustig: Auch das Paar Will/ShaoWu will mit nach Manila ziehen, das treuen Lesern aus dieser Geschichte hier noch  bekannt sein könnte.

Schuld am ganzen Chaos war also nur der dicke Volvo, der ganz am Anfang der Geschichte stand. Oder auch der Bossanova, wer weiß das schon. In Manila soll es wieder ein alter Nissan werden, sagt Frau. Vielleicht fragen wir mal die Schwester dort, ob sie damit einverstanden ist*.


* Das ist genau die Manila-Nörgelei, die meine Frau beanstandet.

Nachtrag: Manchmal habe ich ja schon das Gefühl, ich sei im Jahre 2004 beim nächtelangen Programmieren in Deutschland bei meinem letzten Arbeitgeber mit dem Kopf auf die Tischplatte geknallt und läge seither im Krankenhaus im Koma. Und alles sei nur ein wilder Traum, während neben mir die Herz-Lungenmaschine rattert. Ist der Taiwahnsinn real?  

Nachtrag 2: Seit dem heutigen wiederholten Besuch im Manila Trade Office (der diplomatischen Vertretung der Philippinen in Taiwan) sehe ich die Ausreise nach Manila viel positiver. Die nette Schalter-Dame dort hat mich beim zweiten Mal mit einem netten Lächeln begrüßt und die vielen netten Damen in der Vertretung und die spanischen Worte, die sie in das Tagalog im Gespräch untereinander einfließen ließen, ließen die ganze Sache viel positiver wirken. "Tu es marido, no sé?" sagte gleich eine längst verloren geglaubte innere Stimme als ich wieder im Fahrstuhl war. Die hatte ich zuletzt bei meinen Lateinamerikareisen vor meine Taiwanzeit gehört ;-) Seien sie mit meinem alten Touristenspanisch nicht allzu streng.

Montag, Oktober 12, 2015

Peinliches bei Mr. Donut

Da will man nur seine Donuts in Ruhe essen. Und schon ist man mitten drin im Apple-Daily-Taiwan. Wenn auch nicht ganz schuldlos.

 Am verlängerten Wochenende waren wir jeden Tag mit Junior in einem Spielparadies, wo er klettern kann und in den unvermeindlichen Bällen herumtauchen kann, die dort dne Boden pflastern. Sowohl Junior als auch sein Vater waren stolz, auf diesen mehrere Meter hohe Scheiben-Kletterpfosten geklettert zu sein. Auch die vielen dratigen Taiwaneltern wollen da den Kids nicht folgen, während ich Junior erst mal mit Schweiß auf der Stirn vormachen musste, dass das Klettern da gefahrlos ist. Ab dem dritten Mal ging es dann bei mir fast automatisch, offensichtlich hatte sich irgendein altes Primaten-Kletterprogramm aktiviert. Als die Tage dann ein Ziehen in allen vier Gliedmaßen einsetzte musste ich mich ermahnen, nichts davon gegenüber der Frau zu erwähnen. Die hätte mich sicher sofort zum Taiwanarzt geschickt, der die Amputation aller vier Gliedmaßen oder einen Herzschrittmachen empfohlen hätte, tolloperationswütig wie sie sind. Muskelkater nennt man das eigentlich.
Jedenfalls nach dem Spielaufenthalt dort will Junior immer seine Donuts bei Mr. Donut essen, wofür wir extra in ein zweites Einkaufszentrum fahren. Nach Hause mitnehmen will er sie nicht, sondern man muss zusammen sitzen, essen und gucken, wie er mit seinen 4 Jahren ausführt. Das Wort "Café" hat er schon fest im Wortschatz auf Englisch und Deutsch. Die Donuts nach US-Vorbild sind deutlich filigraner als die in den US-Polizeiserien, wo sie offenbar das Grundnahrungsmittel eines jeden schießwütigen Polizisten sind. Neulich haben die sogar einen Rollstuhlfahrer erschossen, weil er nicht die Hände hoch genommen hat, habe ich gelesen. Unglaublich. Schuld wird aber eher die nur wenigwöchige Ausbildung der Herren Polizisten sein und nicht der Donut. Die Donuts bei Mr. Donut sind auch viel filigraner, kleine Kugeln bilden einen Ring aus etwas, das man in Niedersachsen als "Krapfenteig" bezeichnen würde. Was nichts mit Fischen zu tun hat.

So warteten Junior und ich am Tisch auf Mama, die die US-Krapfenring bestellte und schließlich mit an den Tisch brachte. Zwei für Junior und einen je für uns nebst Tee. Junior schmiert sich wegen der Schokokuvertüre seiner bevorzugten Sorte Donuts schon immer ein so dass wir wie alle Elternteile einen dicken Stapel Papierservietten mitnehmen. Meine Frau brachte taiwantypisch sowieso wieder einen extradicken, aber auch ich bediene mich da durchaus. Nicht ganz koscher, musste ich selbstkritisch feststellen, legt man doch da dem Unternehmen im Prinzip einen finanziellen Anteil an der Aufzucht der eigenen Brut auf die Kasse. Nichtsdestotrotz verbraucht Junior aber auch immer 90% der von mir üblicherweise mitgenommen Servietten und etwa 50% der von Frau eingesteckten. Auch am Nebentisch fand es so statt, eine Familie mit 2 Kindern hatte einen noch dickeren Stapel und ließ mindestens die Hälfte davon gleich in der Tasche verschwinden. Taiwan-Sorglos-Gratiskultur. So machen wir es denn nun doch nicht.

Nächstes Bild: Plötzlich steht einer der uniformieren Leutchen vom Bedientresen bei uns am Tisch, guckt mich wütend mit rotem Kopf an und fummelt in den von Frau mitgebrachten Servietten herum, von denen er die Hälfte wieder mit nimmt. "Tai dou le" sagt er dabei die ganze Zeit mehrfach vor sich hin, was etwa mit "ziemlich viele" zu übersetzen wäre. Er sieht nur mich an, nicht meine Frau und ich bemühe mich nach besten Kräften, den Kerl zu ignorieren. Klar dass er mich ansieht, denke ich so. Er hat vermutlich Apple Daily gelesen, die Taiwan-Bildzeitung, die schreibt gerne von unverschämten Ausländern, die keine Steuern zahlen, Drogen nehmen und nur die Mädels flach legen wollen. Aber ich habe auf den ganzen Mist keine Lust und mache mit ihm das was ich fast immer mit mir auf die Nerven gehenden Leuten mache: Ich ignoriere sie. So verschwindet er mit seiner Beute und ich muss ihm ja auch zugestehen, dass er nicht ganz Unrecht hat. Und wer möchte auch schon Aufhebens davon machen, dass man gerade deswegen zum "Mr. Donut strikes back"-Ziel geworden ist, weil man irgendwie anders aussieht. Woran es vermutlich liegen wird. In Taiwan wird man mittlerweile so behandelt als "weißer" Ausländer, was ich "moderat unfreundlich" nenne. Meistens neutral, mit dem ein oder anderen bösen Blick auf der Straße, manchmal aber auch etwas freundlicher als der Normalo behandelt würde, manchmal aber auch etwas unfreundlicher, etwa von Service-Personal. Eigentlich kann es sich Personal im serviceorientierten Taiwan ganz und gar nicht leisten, Kunden unfreundlich zu behandeln. Aber unsereins Langnase erwischt es manchmal, wohl aus dem Gedanken heraus, dass wir uns ja nicht so einfach beim Vorgesetzten oder gar dem Firmen-HQ einer Kette beschweren können wegen der Sprachbarriere. Manche Taiwaner glauben auch, meine Frau spräche nur Englisch, wenn sie sie mit mir auf Englisch reden hören. Dann halten sie uns wohl für ein US-Paar, denke ich mal.

Na ja, es kam wie es kommen musste. Frau rief das Headquarter an, die schicken zweimal den Serviettenrücknehmer zu uns an den Tisch nebst anderem Personal zum Entschuldigen. Er hat wieder einen roten Kopf, diesmal aber nicht vor Wut sondern vor Angst um seine Karriere, wie man den stark geweiteten Pupillen und dem Kaninchenblick entnehmen kann. Beim 2. Mal wollten sie die Donuts auch noch aufs Haus gehen lassen, aber wir haben das abgelehnt. Alles in allem eine oberpeinliche Veranstaltung, aber auch grenzwertig lustig, wie Taiwan eben oft ist.

Trotz allem ist Taiwan im Jahre 2015 ein angenehmeres Pflaster als es 2004 war, als ich hier her gekommen bin. Damals wurde man oft wie ein Popstar glorifiziert, fast unglaublich ist das heute. Aber auch ständig gefragt ob oder warum man immer nur Cola trinkt und Burger frisst - beides tat ich damals eigentlich nur sehr selten wie auch heute -  und hatte schon mal "Ausländer! Ausländer!"-singende Kinder hinter sich her dackeln und die beiden Jungs im "Family"-24h-Supermarkt waren so unfreundlich, dass ich manchmal befürchtete, sie würden eine Prügelei mit mir anfangen wollen. Und das Kantinenpersonal tatschte an mir herum wie an einem frisch gelandeten Marschmenschen und die halbe Firma wieherte dazu ... mit rotem Kopf.

Heute gibt es weniger rote Köpfe und das Klima ist angenehm neutral. Fast immer jedenfalls. Wenn es Probleme gibt, dann mit Leuten mit niedrigem Bildungsgrad, die möglicherweise für Servietten zuständig sind oder mit manchmal mit Senioren. Oder es lag doch nur an den Servietten oder am Bossanova.


Donnerstag, Oktober 08, 2015

Juniors Sprachentwicklung

Ein Update für Interessierte, von wegen Dreisprachigkeit

Junior (4) ist tagsüber im deutschen Kindergarten in Taipei und nachmittags bei der Schwiegermutter, die Mandarin mit ihm redet und ausdrücklich angewiesen ist, kein Hoklo alias Taiwanisch mit ihm zu reden, damit er nicht durch Viersprachigkeit verwirrt wird. Sonst abends und am Wochenende redet er Mandarin mit meiner Frau und Deutsch mit mir neben Englisch mit uns beiden, was also summa summarum drei Sprachen macht. Eine kurze japanische Phase wo er viel "annnooo" von sich gegeben hat hatte Junior auch mal. Da waren wir in Tokio gewesen und er hatte das aufgeschnappt. Vielleicht auch wegen des gelegentlichen Minijapanisch, mit dem seine Oma manchmal kontert, wenn Junior sie auf Deutsch anredet. Oma, also meine Schwiegermutter, hat nämlich in der japanischen Kolonialzeit noch Japanisch gelernt auf der Schule, aber den Großteil davon wieder vergessen. Wenn Junior sich einen Spaß macht und Deutsch mit seiner Oma redet und sich freut, wenn sie ihn nicht versteht, dann kontert sie eben schon mal auf Japanisch.

Neulich fragte ich Junior, wie viele Sprachen er denn spricht und er zählte auf:

Chinesisch
Deutsch
Minion

Letzteres hat damit zu tun, dass er viel die Filme des Despicable-Me - Franchises gesehen hat. Wir haben ihn durch englischsprachige Filme Englisch lernen lassen und das hat wirklich gut funktioniert, sogar richtige Native-Speaker-Formulierungen wie "gosh" als Erstaunenslaut hat er da drauf. Nur die englischsprachigen Despicable-Me-Filme haben ihn jetzt durcheinander gebracht, denn die kleinen gelben "Minions", die in dem Film die Stars sind, reden ein polyglottes Gewirr, das unter anderem wohl aus Japanisch, Spanisch, falsch gesprochenem Chinesisch (oder einem anderen Dialekt als ich ihn kenne), Englisch, Deutsch und allerlei mehr besteht. Das Vermischen von Englisch und dem Minion-Polyglott führte dann zu ein paar Sprachunfällen, etwa beschwerte sich Junior bei uns auf Englisch, seine Minion-Puppe hätte keinen "Wonderful". Also ein "Wunderbar" würde sie nicht haben. Frustriert fing er an zu weinen als wir ihn nicht verstanden. Erst später fiel mir ein, dass er "wonderful" als Hauptwort schon mal anstatt "Arm" benutzt hat. In der Tat fehlen der Puppe Arme. Auch stand er vor seinem Spielhaus mit offenem Eingang und sagte zu mir in Pseudodeutsch "Torweg zu?". Verblüfft guckte ich ihn an und ein paar Minuten später plapperten die Minions beim gehen durch eine Tür "Torweg zu?" oder irgendwas, das so ähnlich klang. Einstweilen sind die Minionfilme verboten, denn er fing an unverständliches wie "Bapu" und "Neipu" von sich zu geben und korrigierte mich schon mal energisch, wenn ich "Napu?" nachgefragt habe, was immer das auch sei. Abgesehen davon hat die Vielsprachigkeit aber gut geklappt, er spricht fließend Mandarin seiner Altersstufe entsprechend und wird daher von taiwanischen Kindern als einer der ihren akzeptiert, nur ihre Eltern bezeichnen ihn manchmal als "kleinen Ausländer", seiner braunen Haare wegen. Englisch kann er gut als Zweitsprache und fällt auch mir gegenüber darauf zurück, wenn ihm die Vokabeln fehlen.
Deutsch ist die Drittsprache und lässt sicher viel zu wünschen übrig, hat sich durch den Besuch des Kindergartens allerdings deutlich verbessert. Er ist stolz, wenn er ein neues Wort gelernt hat wie neulich "Aufräumzeit" oder vorher "Stuhlkreis", probiert dieses dann sogleich bei mir aus und ist glücklich, wenn ich es verstehe. Oft will er komplexe Sachen auf Deutsch sagen und dann fehlen die Worte dazwischen und er hat sich angewöhnt, diese dann mit deutsch klingenden Fantasielauten zu füllen und mit Gesten zu untermalen. Im Kindergarten ist man nicht glücklich über seinen Rückstand gegenüber den Kindern aus rein deutschen Familien, er ist da eben zwischen den Kindern aus rein taiwanischen Familien die sicher weniger Deutsch können als er und den Deutsch-Deutschen Kindern. Deutsche Filme und Hörspiele einzuführen hat nur bedingt geklappt. Wenn ich seine Lieblingsfilme deutsch synchronisiert zeige, fängt er an zu schimpfen und Hörspiele mag er eh nicht so, weil er den Bildschirm vermisst. Nur "Lucas der Locomotivführer" kam bislang gegen die Hollywoodstreifen an, Pumuckl hingegen hat er die kalte Schulter gezeigt.

Sollte Mitte nächsten Jahres wirklich der Umzug nach Manila auf den Philippinen stattfinden, dann würde er auch dort die deutsche Schule besuchen und dort auch Tagalok lernen (wie immer man das auch genau schreibt). Viersprachig dann also. Das ist eine nette Sprache. Der Satz "May reklamo ka" / "Wenn Sie eine Beschwerde haben" am Taxi verführt richtig dazu sie lernen zu wollen.

Stinksauer wird Junior, wenn seine Mutter plötzlich Deutsch statt Mandarin oder Englisch redet und ich ein paar Brocken Chinesisch benutze. Dann klärt er uns schon mal genervt auf, dass Papa kein Chinesisch spricht sondern Deutsch reden muss und Mama kein Deutsch spricht. Das haben wir nur mal spaßeshalber gemacht, als er uns mit Minion genervt hatte und wir lassen es jetzt wieder. Dieser kleine Plastik-Baseballschläger, den er dann hervor holt, tut nämlich wirklich weh.

Freitag, September 18, 2015

Rentenlage in Taiwan: Ausländer kriegen offenbar weniger...

Ein für Renteneinzahler wie mich beunruhigendes Update zur Rentenlage in Taiwan:

Um es kurz zu machen, eigentlich erhält man in Taiwan mit 15 vollen Beitragsjahren nach der Labor Law-Regelung eine monatliche Rente, die nicht zu knapp ausfällt. Hat man weniger als 15 Beitragsjahre voll, kriegt man nur eine recht schmale Einmalzahlung. Offenbar drücken sich taiwanische Rentenbehörden aber jedenfalls bei der Gewährung der Rente für Staatsdiener um die monatl. Rentenzahlung und bieten (vmtl. gesetzwidrig) Ausländern nur die recht geringe Einmalzahlung an.

http://osttellerrand.blogspot.tw/2015/05/ludigels-lustige-lenten-legende.html

Die Frage ist, welchen Sinn solche Renteninfos wie meine obige haben, wenn Beamte in Taiwan doch einfach machen, was ihnen so in den Kopf kommt.

Mittwoch, September 16, 2015

Halluzinierender Amerikaner sicher wieder daheim (Update)

Ein junger US-Amerikaner hatte am helligten Nachmittag vor ein paar Wochen einen taiwanischen Polizeibeamten mit einer Flasche angegriffen. Psychische Probleme in Kombination mit Alkohol spielten wohl eine Rolle

Mal ausnahmsweise ein Lob an die sonst sehr auf Regenbogenpresse-Niveau befindlichen taiwanischen Medien. Diese Story (http://www.waow.com/story/30020833/2015/09/13/family-of-stevens-point-man-stuck-in-taiwan-speaks-out) hätte sich sehr für eine dieser "unverschämter Ausländer"-Stories geeignet, die die taiwanischen Medien sonst sehr gern bringen. Ein junger US-Amerikaner in den 20ern, der in Taiwan Mandarinchinesisch studiert hat, greift ohne erkennbaren Grund einen taiwanischen Polizisten mit einer Flasche an. Der junge Mann ist offensichtlich stark alkoholisiert. Er wird überwältigt und im Ausländerfotos gibt es Foto, wie er gefesselt am Boden liegt. Überraschenderweise hat sich die taiwanische Presse hier zurück gehalten. Und natürlich ist ein Lob an die taiwanische Polizei angebracht, die längst nicht so schießwütig wie die US-Polizei ist. Dort in den USA wäre die Wahrscheinlichkeit wohl hoch, so einen Angriff nicht zu überleben.
Die Familie des jungen Mannes gibt an, er habe psychische Probleme gehabt und er selbst gibt an, von Halluzinationen heimgesucht worden zu sein, bei denen er schließlich den Polizisten für einen Dämonen gehalten hätte und entsprechend kraftvoll angegriffen hätte. Die Familie hat dann eine Crowdfunding-Campagne gestartet und mittlerweile ist er wieder daheim und in medizinischer Behandlung. Das Taiwanblog wünscht gute Genesung. Alles noch nicht so peinlich wie der Bericht eines Deutschen der angab, auf seiner eigenen Hochzeit in Taiwan die Hochzeitsgäste unter unfreiwilligem Drogeneinfluss geschlagen und gebissen zu haben. Den Link hatten wir auch irgendwo mal. Vergessen wir ihn lieber.

UPDATE: Im Ausländerforum Forumosa.com heißt es nun, der junge Mann sei schon psychisch krank gewesen, bevor er nach Taiwan gekommen sei. Immer wieder ist dort zu lesen, dass US-Familien ihre Problemsprösslinge mit ein paar Dollar Handgeld und einer Klinikpackung Tabletten nach Taiwan schicken, weil sie dort einigermaßen gut zurecht kommen und leicht ein paar Dollar als Englischlehrer verdienen können. Dieser junge Mann hatte allerdings Mandarin studiert. Wie dem auch sei, unsereiner hier ist froh, wenn solche Problemfälle Taiwan schnell wieder verlassen. Denn hätte er einen sogar Polizisten getötet (offenbar hat er ihn mit der Bierflasche gravierend verletzt), dann würde das Klima gegen "weiße" Ausländer sicherlich ein paar Nuancen frostiger werden.

"Feeling groovy..."

Ludigels Mini-Nierenstein. Autsch! Gott sei Dank hatten sie im Tri-Service-Krankenhaus gute Medikamente

Für Frau und mich droht ja eventuell das letzte Jahr Taiwan. Meine Frau ist schon länger auswanderungswillig, weil ihr die lange Arbeitszeit als Chefin eines 50-Leute-Teams zu sehr auf die Gesundheit schlägt. Und angesichts ihres Ziels, dass wir mit ihrer Schwester in Manila/Philippinen geschäftlich zusammenarbeiten und insbesondere angesichts des erheblichen Invests dort habe auch ich den Kurs Richtung Republikflucht (aus der Republik China aka Taiwan) gesetzt. Denn entweder ermöglicht uns das Investment bald ein Leben dort - oder es kommt zu Clash mit dem Manilazweig der Familie meiner Frau und ich gehe nach Europa oder gar nach Deutschland, um das Konto wieder aufzufüllen.
Daher genießen wir derzeit Taiwan. Hängen an Ausflugszielen rum, schlürfen Cocktails im Hotel und die Gefriertruhe ist voll mit in Taiwan viel zu teurem Importeis.
Zu viel Wohlleben ist aber auch nicht gut. Obwohl ich sonst ja fast nur noch von Obst und Salat, Käse und Brot lebe und die schrecklich verunreinigten taiwanischen Öle und Fette meide wie der Vampir das Knoblauch-Kruzifix-Sonderangebot bei Aldi. Wie dem auch sei, heute Morgen um 6.00 drückte es auf der rechten Seite. Und dann immer mehr und mehr. Vor Schmerzen krümmend begab ich mich in die Notaufnahme des nahen Tri-Service-Krankenhauses, mit dem ich ja durchaus durchwachsene Erfahrungen gemacht habe. Mein Notfallchinesisch war nur bedingt einsatzbereit, weil ich fast nur wimmern konnte. Und so wurde ich englisch umsorgt von Pflegern und Ärzten. Man kann große Gefühle entwicklen für Krankenschwerstern und -brüder, die einem erst ein Schmerzmittel geben und dann nach einer halben Stunde sorgenvoll bemerken, dass man sich noch immer krümmt und ein stärkeres Schmerzmittel vorschlagen. Oh ja! Det war jut! Es gibt kaum etwas schöneres, als wenn der Schmerz nachlässt und sich dank des gelben Schmerzmittels (in die Infusion gespritzt) so ein entspanntes Groovy-Ich-liebe-euch-alle - Gefühl einstellt. So schlief ich mitten im dem Notaufnahmesaal entspannt auf meiner Liege, während um mich herum Senioren beatmet werden vor sorgenvoll piepsenden Maschinen und sonst auf den anderen Liegen überall junge Männer schlaff herumliegen, deren modelmäßig aussehende Freundinnen oder Ehefrauen mit ihren Ultra-Hotpans und Ultraminis ihnen ständig feuchte Umschläge und Wasserbecher kredenzen. Wieso liegen hier so viele junge Männer und wieso sind die jungen Frauen offenbar gegen Krankheiten immun? Nun, vermutlich haben sich die Herren einfach überanstrengt oder irgendwas in der Art. Ist ja heiß die Tage.

Meine Frau saß freilich erstmal im Büro bei einem wichtigen Meeting, aber mit dem tollen gelben Schmerzmittel hatte ich grinsend schließlich mein Little Peace of Heaven auf der Gummimatratze gefunden und träumte seelig. "Alles Okay" sagte schließlich der Doc. Weniger süße Getränke, weniger Eis, weniger Süßes und auch weniger kaltes Wasser. Nur noch warmes Wasser die Tage und Tabletten schlucken, dann ist er wieder weg, der Mini-Nierenstein, den ich mir des Wohllebens halber zugelegt habe. "War alles kaum der Rede wert", sagte er später meiner Frau, die schließlich in langer Hose auch ins Krankenhaus eilte. Hmmm... dann möchte ich nie erfahren, wie dann erst ein richtiger Nierenstein weh tut, wenn so ein Miniding, das kaum auf dem Sonar auftauchte, solche Höllenqualen macht. Aber das gelbe Zeug... det war nett. Bin immer noch in so einer "Ich liebe euch alle"-Stimmung. Also schreiben wir noch medikamentenseelig schnell auf was mir sonst nie aus den Fingern quillt beim Blogschreiben:  "I love Taiwan." Musste auch mal gesagt werden, bei dem vielen Gemeckere sonst hier im Blog. Hoffentlich editiere ich es nicht wieder, wenn die Wirkung nachlässt...

EDIT: Und alles mit der grünen Chipkarte von der National Health Insurance, für die ich wohl den Maximalsatz zahle. Mehr als 1000 NT/25 Euro etwa im Monat sind das nicht. Taiwan hat eine gesetzliche Krankenversicherung, die für alle vorgeschrieben ist.

Donnerstag, September 10, 2015

Geist-Geschichte (Ghostmonth die Zweite)

Passend zum Ghostmonth/Geistermonat in Taiwan eine weitere Geschichte aus der Welt des Unerklärlichen. 

Gott sei Dank dass es den Geistermonat in Taiwan gibt, hat man endlich mal ein Alibi um die ganzen merkwürdigen Geschichten im Leben aufzuschreiben, deren Reproduktion halber man sonst als Wirrkopf gilt.

Eine Redensart sagt, dass wenn man nur genug auf Reisen ist, man sich irgendwann selber trifft. Irgendwo da draußen in der Weite. Ein Werbespot der Deutschen Bahn hat das vor Jahren mit Ex-Außenminister Genscher recht hübsch inszeniert, der sich selbst in einem Zug auf dem anderen Gleis sitzen sieht, als er aus dem Fenster guckt. Ein grob ähnliches Erlebnis hatte ich auch mal, obwohl ich sicher nicht so viel reise wie der Herr in der gelben Weste damals.

Alles fing an in den frühen 80ern. Das ist in der Retrospektive ein etwas peinlicher Lebensabschnitt. Auf dem Gymnasium ging es fast jeden Abend feiern und meine Clique war eine, die der alkoholischen Gärung allzusehr zugesprochen hat. Unser Leader of the Pack war ein Mitschüler, der schon etliche Jahrgänge wiederholt hatte und einen dem Wort "Machete" sehr ähnlichen Spitznamen hatte. Oder richtigen Namen, ich wusste wohl damals auch nicht wie er hieß. Er grinste immer nur zufrieden, lallte anfangs noch "Alkohol", dann später "Allelhol", noch später "Lohl" und ganz am Ende nur noch "Llllll". Diese berühmte Lautabfolge fand allgemeine Bewunderung und unter anderem bei den legendären Feten eines gewissen Junge Unions-Mitgliedes, das auch meine Wenigkeit und einen anderen Juso damals zu seinen Feten einlud, kopierten wir alle munter unseren Vortrinker "Machete". Gewalttätig war der ganz und gar nicht trotz des Namens - oder höchstens einer Bar gegenüber. Wie dem auch sei, bei dieser Geschichte geht es weniger um echte Geister, noch um den Weingeist per se. Eher darum, wie vielleicht das Raumzeitkontinuum durch Massentrinkerei aus den Fugen geraten kann und sich ganz und gar erstaunliche Phänomene einstellen - im Wachzustand und unter Zeugen.

Aber zurück zum Mittelteil. Es war eines jener spektakulären Besäufnisse im JU-Keller, bei dem mir heute die Schamesröte ins Gesicht steigen. Junge Männer die viel zu viel trinken sind ein peinliches Klischee und wir alle kennen ja die Stories von Türkeiurlauben und Methanoltoten. Methanol gab es freilich im JU-Keller nicht, dafür aber schon mal Fast-Trinkopfer. Ich habe selbst mal eines ins Krankenhaus gefahren nachdem ich ... die Atmung wieder hergestellt hatte. Was man damals alles gemacht hat in jungen Jahren, unglaublich finde ich das heute selbst. Wie dem auch sei - an einem anderen Fetentag war ich selbst so ein Alkoholopfer gewesen - und hier fängt die Geschichte eigentlich erst an. Ich erinnere mich noch dunkel daran, das irgendjemand "Sternenfeuer 72%" auf den Tisch stellte. Viel mehr weiß ich nicht mehr. Jugendsünden sind peinlich und ich endete buchstäblich an einer Straßenbahnhaltestelle, war verschollen und brachte den Rest der Truppe damals zu einer fehlgeschlagenen Suchaktion. Wach wurde ich auf der Intensivstation des örtlichen Kleinstadtkrankenhauses. Ich erinnere mich noch, dass mich die Krankenschwestern nach dem Namen fragten und ich geantwortet habe. Irgendwann fragten sie mich dann, wieso ich Englisch reden würde und ob ich Engländer sei. Das hat mich im Nachhinein immer gewundert, konnte ich doch damals gar nicht so gut Englisch und stand sogar mit meinem Englischlehrer im Leistungskurs auf Kriegsfuß. Det war so ein ekeliger USA-Fan, der jeden schlechten Kommentar über seine ehemalige Heimat -obwohl Deutscher- mit Anfeindungen und schlechten Noten bestrafte. Wochen später erst kam die komplette Erinnerung an den denkwürdigen Abend zurück. Und nun wurde es recht merkwürdig. Ich erinnerte mich an folgenden Ablauf, obwohl der Abend ja im niederdeutschen Niedersachsen stattgefunden hatte:

a) Ich gehe mit einer Frau Hand-in-Hand an einem schönen Stand entlang (liegt linkerhand), rechts liegt ein Hotel vor dschungelähnlicher Kulisse. Toller Blick aufs Meer im Sonnenuntergang. Sehr merkwürdige Bilder für das strandlose Hannover, wo der Abend ja stattgefunden hatte. Ich sah alles recht deutlich vor mir. Die Frau an meiner Hand konnte ich nicht erkennen, wie auf diesen Fotos, wo man selbst schwarz unterbelichtet ist vor dem hübschen Sonnenuntergang. Ich unterhalte mich auf Englisch mit der Frau, die mir offenbar sehr vertraut ist.

b) Ich werde in dem wach in etwas, was offensichtlich eine Krankenstation ist. Mein erster Gedanke ist: "Ich muss am Strand ohnmächtig geworden sein und bin jetzt auf der Hotel-Krankenstation!". Ich fragte mich, wieso zur Hölle ich ohnmächtig geworden bin (da habe ich kein Vorleiden o.ä.) und frage das anwesende "Hotelpersonal" - natürlich auf Englisch - was denn passiert ist. Sicher wird gleich meine weibliche Begleitung aufgeregt durch die Tür der Krankenstation kommen!

Beunruhigende Erinnerungen im Nachhinein des Jahres 1984 oder welches Jahr auch immer wahr,  hatte ich doch einen solchen Urlaub nie gemacht und auch keine feste Beziehung gehabt in der Zeit. Und meine niedersächsische Kleinstadt sah wirklich nicht so aus wie diese offenbar exotische Umgebung.

Man ahnt es vielleicht schon. Das - als ich auf Englisch frage was los ist - ist der Augenblick, in dem mich die Krankenschwestern auf Deutsch fragen, wieso ich Englisch spreche. Dann wird mir kurz schwindlig und ich weiß wieder wo ich bin. Deutschland, JU-Fete etc. Und die Krankenschwestern klären mich auch auf wo ich mich aufhalte.

Jetzt vergehen viele Jahre, es dauert bis 2004, bis ich nach Taiwan auswandere (meine Frau kenne ich seit 2003). Und etwa bis 2006 oder 2007 oder dergleichen, bis ich mit meiner Frau eine Reise ... nach Malaysia mache. Ich erinnere mich noch gut. Wir hatten gut gegessen, ich gehe Hand in Hand mit ihr am Strand lang. Links liegt das Meer im wunderschönen Sonnenuntergang, rechts das Hotel vor Dschungelkulisse. "Das darf doch nicht wahr sein", dachte ich. Das sieht ja genau aus wie in meinen merkwürdigen Trunkenheitsbildern vor.... langer Zeit. Skeptisch sah ich mich um, erwartete halb wie in einem schlechten SciFi-Streifen nun ohnmächtig zu werden und mich im Jahre 1984 wieder zu finden. Na das wäre was gewesen! Kein Handy in der Tasche, kein Internet zu Hause und morgen früh Englisch, Französisch, Mathe und Sport. Um Gottes Willen! Das ist mir erfreulicherweise erspart geblieben. Gut, privat hätte ich eine wesentliche Sache anders gemacht, aber das sprengt jetzt hier den Rahmen (seufz). Natürlich gab es keine Zeitschleife oder ähnliches. Frau und ich gingen einfach weiter und ich tat die ganze merkwürdige Vision als Narretei ab.

Jedoch ist mir die Episode nie so ganz aus dem Kopf gegangen. In der Retrospektive erscheint es mir wie eine wirre, Sternenfeuer-72%-induzierte Zeitreise zu sein, in einem Augenblick, als der Geist vielleicht frei war von den Beschränkungen, die unsere chronologisch sonst streng sortierte und kausalitätshörige Existenz sonst hat. Schließlich gibt es auch physikalische moderne Theorien von gleich mehreren Raumzeiten und Parallelität. Wie auch immer: "Don't try this at home" ist sicher ein guter Ratschlag. Jedenfalls "mit ohne Sternenfeuer"(sic) ist immer besser.

Freitag, September 04, 2015

Blogpartei hat gewählt: DPP gewinnt (und gibt Hung/KMT auf?) (Update)

Die kleine Wahl oben rechts in der Ecke im Blog ist zu Ende gegangen. "Amtliches" Endergebnis:

Wahlbeteidigung: 16 Stimmen
(durch Tricks ist Mehrfachabstimmung natürlich möglich gewesen)

Gewinnerin: Tsai, DPP mit 56% bzw. 9 Stimmen

Dahinter Frau Hung, KMT mit 18% bzw, 3 Stimmen gleichauf mit Herrn Shih (parteilos).
Herr Soong, PFP, mit 1 Stimme immer noch für 6% gut.

Gemessen am Klima in der realen Republik China alias Taiwan ist sicher Frau Hung von der KMT etwas unterrepräsentiert*** und der parteilose Herr Shih wohl stark überrepräsentiert. Grund für die Überrepresentation des eigentlich chancenlosen Shih ist sicher meine Beschreibung im letzten Artikel zur "Blogwahl", in der sich Shih sehr positiv geschildert habe. In meiner Kandidatenvorstellung wirkt er ein bisschen zu edel und schwebt elegant über den Niederungen des Politikbetriebes mit seinen erwähnten 25 Jahren Dissidentenhaft. Was in meiner Schilderung freilich fehlt ist, dass er auch gut austeilen kann und dadurch mehrere Male für Irritationen beim Wahlvolk gesorgt hat. Eben als er den Expräsidenten Chen (von Shihs Expartei DPP) als ehemaligen Regierungsspitzel (angeblich tätig als solcher zu Diktaturzeiten) bezeichnet hat. Auch den Kandidaten Frank Hsieh (DPP) der vorletzten Wahl hat er beschuldigt, ein Spitzel gewesen zu sein. Beweise ist er freilich schuldig geblieben. Und als er von der aktuellen DPP-Präsidentschaftskandidatin Tsai verlangt hat, sie möge vor der Wahl ihre sexuelle Orientierung offenlegen, da ist das beim Wahlvolk auch nicht immer gut angekommen. Man redet ja, Frau Tsai sei lesbisch, aber das interessiert im aufgeschlossenen Taiwan eigentlich niemanden.
In der Realität ist zwar Tsai Ingwen von der DPP auch klare Favoritin, aber nicht so deutlich wie hier im Blog. Sicher weil Leser hier i.A. wenig emotionale Bindungen zum chinesischen Festland haben und daher im Schnitt mit der "prochinesischen" KMT weniger anfangen können . Was bei Taiwanern öfter mal anders ist.

Halb sensationell ist, dass die KMT-Kandidatin möglicherweise mit dem Gedanken spielt aufzugeben. In einem Facebookposting hat sie angekündigt, die nächsten Tage eine Wahlkampfpause einzulegen und über alles zu reflektieren. Hat sie ob ihrer schlechten Umfrageergebnisse die Sinnkrise bekommen? Oder hängt es damit zusammen, dass der frühere Präsidentschaftskandidat Lien Chan (KMT) derzeit gerade die VR-China besucht und an Militärparaden teilnimmt? Dieser Akt, der eher im Taiwan-Independence-Lage beheimateten Taiwanern Magenschmerzen machen wird, lässt die "Wiederverinigung-mit-China"-Aussagen von Frau Hung noch radikaler erscheinen als sie so schon sind. Und macht sie daher noch unpassender für den taiwanischen Zeitgeist, der eher in Richtung taiwanische Identität geht als in Richtung China-Nostalgie. "Weißt du noch Frau Fong, als wir alle vor den Kommunisten davon gelaufen sind? Mei, war das eine schöne Zeit..." ist eine Art von Nostalgie, mit der jüngere Taiwaner immer weniger anfangen können.

Aber lassen wir doch einfach die Taiwaner im Januar selbst entscheiden. Mit welcher KMT-Kandidatin oder welchem KMT-Kandidaten auch immer.

Quelle über die Gerüchte zur Aufgabe von Hung (KMT): http://www.taipeitimes.com/News/front/archives/2015/09/04/2003626892 

EDIT: Vermutlich ist das die erste Phase der medialen Vorbereitung einer Ersetzung von Frau Hung. Kommt jetzt ein hellblauer Kandidat statt der bisherigen Hardlinerin, die sogar noch die Chinafreundlichkeit des amtierenden Präsidenten Ma (KMT) zu übertreffen drohte?


*** Nachtrag: Sie liegt zwar in den tatsächlichen Umfragen ähnlich wie hier, allerdings gehe ich von einem Stimmengewinn zu Lasten von Soong aus, der meiner Ansicht nach zu hoch bewertet ist in der letzten Umfrage. Die sind nicht so zuverlässig wie "daheim".

UPDATE: Hung hat nur einen Publicity-Stunt geliefert und macht weiter wie bisher: http://www.taipeitimes.com/News/front/archives/2015/09/07/2003627120
Sie posiert mit Ananas auf dem Kopf und hofft, die (selbst ausgelösten) Gerüchte mögen ein Ende nehmen.

Geistergeschichte

Da lebt man in einem geister- und magiegläubigen Umfeld und wenn einem dann eine Geistergeschichte passiert, dann hat sie rein gar nichts mit Taiwan zu tun. Merkwürdig, oder?

Nun bin ich natürlich ein naturwissenschaftlich geprägter Mensch. Schon von Berufswegen. Ergo würde ich an die Weiterexistenz verstorbener Verwandter höchstens glauben, wenn sie mir höchstselbst optisch wahrnehmbar erscheinen würden und am besten noch einen physischen Beweis ihrer Existenz hinterlassen. "Packung Manna steht im Kühlschrank, mach´s gut, muss jetzt weiter." Oder irgendwie so. Nun, etwas ähnliches ist mir passiert. Nicht in optisch sichtbarer Form freilich und so kann ich das ganze als Zufall verbuchen und mir mein naturwissenschaftlich geprägtes Weltbild erhalten. Frei nach dem Motto: Was nicht sein darf, wird als statistische Abweichung erklärt.

Was hat sich also zugetragen? Nun, es fing alles an mit irgendeinem kurzen TV-Ausschnitt aus Meran, einer italienischen Stadt. In der hatte ich mit meinen Großeltern in den sehr frühen 70er Jahren öfter als Kind viele Urlaube verbracht. Und kann mich leider an so gut wie nichts mehr aus der Zeit erinnern. Was mich schon mehrfach geärgert hat. Nur eine Wischi-Waschi-Erinnerung von einer als Pferdeskulptur zurecht gestutzten Buschanlage im Park habe ich und das ich als ganz kleiner Pöks da drum herum renne im Kreis. Das alles zog mir so durch den Kopf, als auf der taiwanischen Mattscheibe hier irgendein Reisebericht kam. Wahrscheinlich wieder diese Reisesendungen wo kichernde Taiwaner "exotisches" Essen in die Kamera halten, daran herum essen, "Mmmmmmhhhh" und "Aaaaaaah" und "Ohhhhhh" rufen, von links nach rechts springen und meine Frau am Ende des Beitrages immer in das jeweilige Land auswandern will.

Wie dem auch sei, ich legte mich mit Gedanken an das in meiner Erinnerung verschollene Meran schlafen. Und träumte dann offensichtlich von den alten Urlauben in Meran, mit samt Großeltern. Denn als meine Frau mich wegen ratternder Gasleitungen oder sonst etwas weckte und ich senkrecht im Bett stand, da fiel mir auf, dass ich den Traum komplett parat hatte. So real, als sei ich eben noch wirklich in Meran gewesen. Mit einer solchen Intensität hatte ich noch nie eine Traumerinnerung gehabt, es wirkte völlig real. Wahrscheinlich wegen des plötzlichen Herausgerissen-werdens. Kennen Sie die Situation? Eben noch glaubt man die Traumerinnerung komplett zu haben und im nächsten Moment ist sie schon wieder verschwunden. Das soll daher kommen, dass Träume vom Unterbewusstsein produziert werden. Übrigens eine Art Aufräummechanismus der etwa der "Garbage Collection" in Computerbetriebssystemen oder der Laufzeitumgebung eines Programms gleicht, etwa wenn nicht mehr benötigte Speicherbereiche frei gegeben werden. Weil aber nun unser Verstand davon logisch getrennt ist, versackt die Erinnerung wieder blitzschnell. Da hilft die manuelle Technik des "Stück-für-Stück Durchgehens" des Traumes, so als würde man ihn nacherzählen wollen. Habe ich mal - sicher in einer Frauenzeitschrift beim Frisör - gelesen und es funktioniert wirklich. Also "speicherte" ich den Traum schnell ab und war verblüfft. Eben noch waren wir in der Traumwelt beim "Italiener" Essen gewesen. Wo auch sonst im Meran der frühen 70er? "Wir" waren also meine Großeltern und ich. Ich - der im Traum gar nicht so klein wirkte - hatte Gulasch mit Spagetti. Lecker! Dann sind wir wieder aufs Hotelzimmer - sogar die Straße und das Treppenhaus vom Hotel sah ich recht klar vor mir und Großmutter und ich warteten im Zimmer auf meinen Großvater, der Einkaufen war. Er kam auch kurze Zeit später zur Tür rein und stellte eine Flasche Rotwein auf den Tisch. Mit so einem typisch gedrehten Hals, wie sie manche Touristenflaschen haben. Er zeigte auf die Flasche und sagte "Meraner Bier!". Alle lachten und im Traume war der Witz wesentlich komischer als jetzt beim Nacherzählen. Gut, der Humor meines Großvaters soll nicht so der beste gewesen sein. Sagt jedenfalls sein Schwiegersohn ergo mein Vater. Aber lassen wir das. Mich wunderte wie real das Erlebnis war, so als sei ich eben im Nebenzimmer noch mit den Großeltern - die seit den 70ern bzw. 80ern verstorben sind) zusammen gewesen. Schon ein ungewöhnliches Erlebnis. Dieses Abspielen eines alten "Urlaubsfilms" fand ich jedenfalls sehr beeindruckend. Schon erstaunlich, was man möglicherweise aus der frühen Kindheit noch im Gedächtnis abgespeichert hat, was aber dem Verstand normalerweise nicht zugänglich ist. Wie dem auch sei, ich musste daran denken, dass auch die Urlaube mit einer Tante (mit Namen Grete), mit der ich damals viel Zeit verbracht hatte - auch in Meran - ebenfalls aus dem Gedächtnis verschwunden waren. Und so murmelte ich ein nicht ernst gemeintes "Tante Grete.... melde dich doch mal als nächstes" noch halb schlaftrunken, während ich noch den grausamen Kontrast der Realität einer Taipei-Schlichthauswohnung mit der des malerischen Merans der 70er Jahre verkraftete.

Nun kommt das dicke Ende. Zwei Tage später rief meine Mutter an und erwähnte beiläufig, mein Vater habe im Keller (wo er allerdings immer viel rumsucht) das Tagebuch von "Tante Grete" gefunden. "Sie hat alles detailliert aufgeschrieben, auch deine Urlaube mit ihr in Meran", sagte meine Mutter. Mir wäre fast der Telefonhörer aus der Hand gefallen. Gesehen habe ich die Tagebücher noch nicht - werde sie mir bei der nächsten Deutschlandreise zu Gemüte führen. Aber prompter kann man eine Bestellung kaum erfüllen, oder? Kein Mensch wusste übrigens, dass Tante Grete Tagebuch geführt hat und wir haben -eigentlich- auch so gut wie kein Zeug von ihr im Keller.

Seither bin ich trotz des gerade von unserem Mobiltelefonprovider in Taipei erfolgten Umstiegs von "3G" auf "4G" viel mehr beeindruckt von der "1G"-Leitung, die ich da scheinbar ins Jenseits hatte für eine kurze Zeit. Weitere Versuche mit 1G sind allerdings bislang gescheitert. Sehr zuverlässig ist die Leitung wohl nicht ;-)

Ja ja, schon klar, war alles nur ein Zufall.

Die erste von zwei kleinen Geistergeschichten, passend zum Ghostmonth, der jetzt hier ausbricht. Aber 100% wahr - und schon vor ein paar Monaten passiert.

Montag, August 31, 2015

2004-2015, was hat sich verändert?

Heute Morgen fand ich eine Email im Postfach, in der ein Ex-Kommilitone fragte, was sich in Taiwan über die Jahre so verändert hat. Hier die schnelle Antwort, die trotz Pauschalitäten im Wesentlichen korrekt ist aus meiner Sicht.

Edit: Guter Hinweis in den Kommentaren: Ich beziehe mich hier eigentlich nur auf Taipei, wo ich mich eben fast immer aufhalte.


2004: Leute himmeln einen an wie ein Popstar oder starren mit offenem Mund. Kinder rennen kreischend hinter einem her.
2015: weitestgehend normal, moderat unfreundlich (hier fehlt: freundlich oder moderat freundlich gibt es auch ;-)

2004: Stinkende Müllberge in den Straßen. Leute kaufen ihr Essen direkt daneben und verzehren es sogar direkt neben riesigem Gammelhaufen (hier fehlt: nicht immer, aber manchmal). Treppenhäuser voller toter Ratten, Käfer und (Hunde-)Uringestank.
2015: Weitgehend saubere Treppenhäuse, innerstädtischen Müllhaufen größtenteils verschwunden

2004: fast ganz Taipei bis auf wenige Straßenzüge besteht aus grauen Plattenbauten mit rostigen Fenstergittern
2015: Obiges teilrennoviert und auf dem Rückschritt. Nobelviertel oder westlich aussehende Bauten verdrängen Schritt für Schritt den alten Schamott.

2004: Autofahrer fahren angetrunken abends Schlangenlinien (hier hat mich vielleicht auch das zeitweilige Landleben beeinflusst in der Erinnerung)
2015: Sehr viel seltener geworden

2004: penetranter Smoggeruch
2015: deutlich weniger

Fehlt noch:
2004: Nur Busse mit chinesischen Schriftzeichen im Viertel, ich habe keine Ahnung wohin die fahren und komme so gut wie nie raus.
2015: Großzügige Metro (MRT) - Anbindung im Viertel, alles prima erklärt mit lateinischen Buchstaben







 

Freitag, August 28, 2015

Taiwanwahlkampf! Hung, Tsai, Shih oder Soong?

Welchen Präsidentschaftskandidaten würden Sie in der nächsten taiwanischen Präsidentschaftswahl 2016 favorisieren? Frau Hung, Frau Tsai oder Herrn Soong?  Oder den Außenseiter Shih?

Anmerkung: Mühevoll habe ich eine Überschrift wie "Lieber Hung-over, zart be-Tsai-tet oder too-Soon(g) in China?" hier aus dem Titel verbannt.

Wenn im Januar 2016 gewählt wird, haben die Wählerinnen und Wähler des taiwanischen Wahlvolkes (streng genommen müsste man sagen: des Wahlvolkes der Republik China - die wir umgangssprachlich Taiwan nennen) die Wahl zwischen vier Kandidaten, von denen aber nur drei praktische Bedeutung haben. Außenseiter ist Shih Ming-Teh. Herr Shih war einst Mitglied und sogar Vorsitzender der derzeitigen Oppositionspartei DPP, der Democratic Progress Party, die in der Zeit der Diktatur in Taiwan schon für Demokratie und auch den Bruch der verfassungsrechtlichen Bezüge zu China eingetreten ist. Herr Shih hat aber den letzten Präsidenten aus der DPP -Chen- im Jahre 2006 massiv kritisiert und dabei die Rothemden-Bewegung ins Leben gerufen. Kritikpunkt war die recht extreme und offene Korruption der Chen-Regierung, wegen der Chen bis vor kurzem im Gefängnis saß. Herr Shih selbst saß lange vorher unter der Kuamintang(KMT)-Diktatur 25 Jahre im Gefängnis -als Dissident und Kämpfer für die Demokratie - und ist sicher ein ehrenhafter Mann. Chancen bei der Wahl hat er als Parteiloser aber wohl keine laut Wahlprognosen.

Shih, parteilos, Foto von Wikipedia

Seine Expartei, die DPP, tritt nämlich mit Tsai Ingwen an, die jedenfalls nicht unpopulär ist. Die Vorsitzende der DPP wirkt extrem ruhig und ist nicht gerade ein Massenmagnet. Im bisweilen aufgeregten taiwanischen Politklima wirkt sie mit ihrer ruhigen Persönlichkeit und der Erklärung, den Status Quo Taiwans zu China wahren zu wollen allerdings durchaus positiv. Natürlich will sie ihrer Parteilinie gemäß keine "Wiedervereinigung" mit China, aber eben auch keine "formale Unabhängigkeit" Taiwans. Ich merke hier gerne an, dass die Republik China aka Taiwan sowieso schon ein de-facto unabhängiger Staat mit eigener Währung, eigener Staatsbürgerschaft, eigenem Militär und eigener Regierung ist, aber im DPP-Lager würde man gerne die Bezüge zur chinesischen Vergangenheit aus der Verfassung und dem Staatsnamen streichen. Nur dass die VR-China für diesen Fall eben mit einem militärischen Angriff auf Taiwan droht, was diese Idee etwas problematisch macht. Aber Frau Tsai will ja auch dahingehend nichts verändern, sagt sie.
Frau Tsai ist die aussichtsreichste Kandidatin und wird bei 36% in den Umfragen gesehen (es wird eine Direktwahl des Präsidenten/der Präsidentin in einem einzigen Wahlgang geben und die Wahl des Legislativen Yuan aka Parlaments gleich dazu). Gefahrenpunkt hier vielleicht: Was wenn Tsai nach erfolgter Wahl mehr in Richtung formeller taiwanischer Unabhängigkeit geht als sie jetzt sagt?

 Tsai, DPP, Foto von DPP-Webseite

Einen Titelverteidiger gibt es nicht, denn die derzeit wieder regierende Partei KMT/Kuamintang, die höchstselbst die KMT-Diktatur in eine parlamentarische Demokratie überführt hat zwischen 1992 und 1996, muss mit einem neuen Kandidaten respektive einer neuen Kandidatin antreten. Eben weil der amtierende Präsident Ma Ying-Jeou (KMT), der dritte freigewählte Präsident der Republik China/Taiwan überhaupt, schon zwei Wahlperioden amtiert hat und daher nicht wieder antreten darf. Präsident Ma hatte eine i.A. als prochinesisch wahrgenommene Politik gemacht, mit wirtschaftlicher Annäherung an die VR-China, die 2014 nach massiven Studentenprotesten bis hin zur Parlamentsbesetzung zumindest teilweise gestoppt worden ist. Die für 2011 angekündigte "politische Union" zwischen der Republik China/Taiwan und der VR-China fand jedoch nicht statt. Ma gilt heute als unpopulär, doch positiv formuliert hat er eine Taiwan-China - Entspannungspolitik auf die angespannten Jahre der vorhergehenden Chen (DPP)-Präsidentschaft folgen lassen, unter der die VR-China dem kleinen Taiwan oft mit Krieg gedroht hat wegen der angestrebten "Unabhängigkeits"-Schritte.

 Hung, KMT, Foto von KMT-Webseite

Die KMT tritt heute mit Frau Hung Hsiu-Chu an, die als Hardlinerin und Anhängerin einer "nationalen Vereinigung" zwischen der Republik China/Taiwan und der VR-China gilt. Sie redet im Wahlkampf u.a. davon, "den nächsten Schritt in der Beziehung zu China" folgen zu lassen. Was damit gemeint ist, ist Beobachtern nicht völlig klar. Frau Hung redet sowohl davon, die Republik China aka Taiwan von der VR-China offiziell anerkannt bekommen zu wollen (eine solche offizielle Zweistaatlichkeit a la BRD/DDR ist völliger Science Fiction in Taiwan/China) als eben auch von der nationalen Vereinigung. Frau Hung gilt auch nicht gerade als Massenmagnet und ihre Aufstellung als Kandidatin wurde von vielen Beobachtern mit Erstaunen zur Kenntnis genommmen. Denn demographisch bedingt scheint die Popularität einer "Wiedervereinigungspolitik" in Taiwan eher auf dem Rückschritt zu sein (1949 aus China geflohene Wähler sterben weg) und ihre offenbar prochinesische Haltung steht zumindest im Gegensatz zum öffentlich wahrnehmbaren Klima unter jungen Leuten - vergleiche die erwähnten Studenten- und die aktuellen Schülerproteste. Frau Hung liegt nur bei 17% in der oben referenzierten Umfrage. Allerdings muss man beachten, dass Umfragen in Taiwan oft sehr stark das Meinungsbild des Auftraggebers widerspiegeln sollen.
Korruption findet bei der KMT immer sehr verdeckt statt, sagt man im Allgemeinen. Schließlich ist die KMT die alte Staatspartei Taiwans. Beleg dafür ist beispielsweise die derzeitige grenzwertige Kooperation mit dem "Weißen Wolf" aus der Bambusgang-Triade, der zur Zeit der Studentenproteste plötzlich aus dem chinesischen Exil auftauchte und von der Justiz mit Samthandschuhen angefasst wurde.

Soong, PFP, Foto von PFP-Webseite

Anfang August erst hat James Soong seine Kandidatur bekannt gegeben. James Soong ist altes KMT-Urgestein und seine jetzige Partei, die PFP (People First Party) unterstützt normalerweise auch die KMT im sogenannten Pan-Blauen - Lager (Blau ist die Parteifarbe der KMT, der Gegenpol zu Pan-Blau ist Pan-Grün, das sich um die DPP schart). Soong war im Jahre 2000 mit eigener Partei gegen den Präsidentschaftskandidaten Lien Chan (KMT) seiner alten Partei angetreten. Das war eine turbolente Zeit, als der Noch-KMT-Vorsitzende und amtierende Präsident Lee damals nicht mehr als Präsident wg. 2 Legislaturperioden Amtszeit antreten durfte. Lee hatte eine sehr DPP-ähnliche Politik gemacht und damit viele in der KMT von sich entfremdet. Aber eben auch die parlamentarische Demokratie eingeführt. In der 2000er - Wahl verlor Soong nur sehr knapp hinter Chen (DPP), der damals Präsident wurde. Erst 2012 trat Soong wieder zur Präsidentschaftswahl an, gegen den amtierenden Ma von seiner Expartei KMT und gegen Frau Tsai von der DPP. Soong erhielt nur um die 2% bei dieser Wahl.
Soong gilt offenbar als recht charismatisch, ist von der ideologischen Linie her auch eher ein Wiedervereinigungsfreund und trägt sicherlich den Ballast der Dikataturzeit mit sich herum (wie allerdings durchaus auch der amtierende Präsident Ma), gibt sich aber offenbar moderat im Wahlkampf. Vielleicht um Hung (KMT) Stimmen eher chinaneutraler KMT-Wähler abzujagen? Soong wird in der zitierten Umfrage bei hohen 24% noch vor Hung (KMT) gesehen, was mich angesichts seines letzten 2%-Resultats doch sehr verblüfft hat. Kann das stimmen? Was meinen Sie? Und wie würden Sie wählen - vergleiche die (gerade in Arbeit befindliche) Abstimmung hier im Blog.


Nachtrag: Der erwähnte Expräsident Lee, ehemals KMT-Diktator, dann Einführer der parlamentarischen Demokratie, ist heute in der von ihm ins Leben gerufenen Partei TSU (Taiwan Solidarity Union), die allerdings keinen eigenen Präsidentschaftskandidaten aufgestellt hat und stattdessen Frau Tsai von der DPP unterstützt. Die TSU gehört zum Pan-Grünen Lager wie auch andere Kleinparteien.

Bisherige frei gewählte Präsidenten "Taiwans" (der Republik China):

1. Lee Teng Hui, ehemals KMT, heute TSU, 1992-1996 (indirekt gewählt), 1996-2000 (direkt gewählt)
2. Chen Shui-Bian, ehemals DPP, heute parteilos, 2000-2008
3. Ma Ying-jeou, KMT, 2008 bis heute

EDIT: Die Poll/Wahl ist oben rechts im Blog zu sehen. Mobilgeräte zeigen das leider nicht an.Einen Link konnte ich leider nicht finden/produzieren dazu, jedenfalls keinen funktionierenden.
Auf einem PC/Notebook guckt man einfach oben rechts ins Blog, wo das Wahl-Gadget ist.

Donnerstag, August 27, 2015

Kennen Sie Thaiwan?

Taiwan und Thailand werden gerne verwechselt, hier zwei Links aus dem Forum Forumosa.com:

In "Thaiwan" bei McDonalds gibt es eine niedliche Bedienung, der dieser US-Artikel gewidmet ist: http://www.bostonnewstime.com/regional/116089-mcdonald-s-goddess-hsu-wei-han-in-thaiwan-is-their-most-attractive-worker.html

Und die familiäre Herkunft aus "Thaiwan" spielt hier bei einem US-Politiker irgendeine Rolle: http://www.theblaze.com/stories/2013/02/26/progressive-group-mounts-racist-attack-against-mitch-mcconnells-wife/
Habe mir nicht die Mühe gemacht, das alles zu lesen. Die Fotos der Bedienung habe ich natürlich eingehend studiert, um Hinweise auf ihre Herkunft zu bekommen. Gemeint ist offensichtlich immer Taiwan, nicht Thailand.

 Taiwan (bei Yilan), nicht Thailand, kapische?


Selbst bin ich einst vor der Eheschließung mit meiner taiwanischen Frau gewarnt worden, weil die "Thailänderinnen" eben angeblich ihren deutschen Ehegatten immer das Geld abnehmen und es, wie die Erfahrung lehrt, an ihre Familie überweisen. Nun, nachdem ich jahrelang immer allen erklärt habe, dass die Dinge in Taiwan ganz anders als in Thailand sind, ist mein Geld komplett bei der Familie meiner Frau angekommen, allerdings investiert und nicht einfach weg. Lustigerweise in Manila, Philippinen, wovor man auch gern warnt. Ein bisschen komme ich mir vor wie ein Arzt, der jahrelang vor der Krebsgefahr des Rauchens warnt und die Inhalation von frischer Bergluft in Dosen empfiehlt. Und dann Krebs von den Konservierungsstoffen der Bergluftdosen bekommt. Wenn sie den Vergleich verstehen.

Äh.... Viele Grüße aus Thaiwan wünscht...

Ludigel

Mittwoch, August 26, 2015

Dein innerer Buddhist

Wie auch andere Expats wurde Ludigel von der fernöstlichen Weisheit seiner Gastgeber angezogen

Viele Expats werden, wenn sie lange genug in Asien sind zu Buddhisten. So ich natürlich auch, klar. Wer könnte sich der Weisheit des Gastgebervolks entziehen, das seine meditativ ruhige fernöstlich weise Art ja tagtäglich beispielsweise im Straßenverkehr demonstriert. Nun gibt es andere Expats die einwenden, hier in Taiwan gäbe es gar keinen Buddhismus sondern die i.d.R. den chinesischen Götterhimmel Anbetenden seinen in Wirklichkeit.... äh ... irgendwas anderes. Doch ehrlich gesagt, solche Klugscheißerei kann einen richtig überzeugten Buddhisten wie mich natürlich nicht vom täglichen Anbetungsgeschäft abhalten. Schließlich kannte man auch bei der letzten Religion nicht den Unterschied zwischen Arianern und Trinitarianern und hat das mit der Heiligen Dreifaltigkeit eh nie so ganz verstanden. Weil damals die Grundschullehrerin folgendes sagte:

"Also das mit der Heiligen Dreifaltigkeit erkläre ich euch mal. Das ist so....."
[sie legt die Stirn in Falten]
"Ach neh, da seit ihr noch zu klein zu."

 Heilige Dreifaltigkeit (zweite Reihe nicht mitgezählt)

Man wird dann größer im Laufe der Jahrzehnte, aber kriegt es immer noch nicht erklärt. Aber heute ist man ja Buddhist. Mir geht es da so wie einem Deutschen, der vor ein paar Jahren im deutschen Fernsehfunk Berühmtheit erlangte, als er mit seiner Familie nach Kambodscha auswanderte. "Nur durch den Buddhismus kann ich meine wilde innere Natur zügeln" schrieb er sinngemäß. Ich weiß nicht, wie es ihm ging, aber ich sitze natürlich mit meinem muskelbepackten eingeölten Oberkörper andachtsvoll im Tempel, das orange Stirnband um und das Schnellfeuergewehr draußen an den Bambustempel gelehnt. Nur die Ruhe des Buddhismus, wenn er denn gerade einer ist, kann da die innere Bestie zur Ruhe bringen. Und der gratis Ingwertee.

Wie dem auch sei, auch die tieferschürfende Theologie will ich dem geneigten Leser nicht vorenthalten. Bei den vielen Göttern verliert man schon mal den Überblick. Doch ich will es Ihnen schnell erklären: Desto Rauschebart und desto Augenleuchten, desto heiliger. So einfach ist das mit den vielen Göttern. Manche dampfen sogar, die sind dann noch heiliger. Das ist ergo anders als im Christentum, da dampft nur der Leviathan und das ist der Teufel. Kann man sich leicht merken.

Und natürlich gibt es die hiesigen Götter wirklich, hier ist der oberste, Xian Sheng Drachengott himself, von mir im Bilde festgehalten: http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/07/ein-drache-im-foto.html



Typisch Taiwan, oder? (Update)

Taiwan hat es mit einer bizarren Story mal wieder in die deutschen Nachrichten geschafft

Taiwan aka Republik China (mit vollem Staatsnamen) ist bei Spiegel.de präsent derzeit. Nicht etwa, weil Taiwan eine der wenigen parlamentarischen Demokratien in Asien ist und bald 2016 wieder Präsidentschaftswahlen sind - der Wahlkampf läuft - oder weil beide maßgeblichen 'Präsidentschaftskandidaten" eben Frauen sind. Nein, der Anlass ist ein tollpatschiges Kind, das mit einem Getränkebecher in der Hand in einem Museum stolpert, sich mit dem Getränk in der Hand an einem 1.5-Millionen teuren Bild abstützt und es dabei ruiniert. Das Video dazu kann man hier sehen:
http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/museum-in-taiwan-junge-stolpert-und-zerstoert-1-3-millionen-gemaelde-a-1049651.html 

Trotzdem gebe ich zu bei dem Video sofort gedacht zu haben: Typisch Taiwan! Es handelt sich zwar bei dem zuckrigen Bildersturm nur um eine kleine Katastrophe im Vergleich zu anderen. Aber erst kürzlich hat z.B. die britische BBC den Taiwanern "den Kopf gewaschen" in einem harschen Artikel. Nämlich wegen der zahlreichen taiwanischen Katastrophen in der letzten Zeit, die offenbar alle durch sträflich missachtete Sicherheitsvorkehrungen entstanden sind: http://osttellerrand.blogspot.tw/2015/07/bbc-wascht-katastrophen-taiwan-den-kopf.html

Und in diesem Fall muss man schon fragen: Warum darf ein Kind mit einem teilweise offenen Getränk herumlaufen in einem Museum, in dem so kostbare Gemälde gezeigt werden? Wenn ich an meine Museumsbesuche aus der Schulzeit denke, da wurden wir von strengen Museumswächtern schon zur Ordnung gerufen, wenn wir nur in der falschen Tonlage andächtig "uiiii" geraunt hatten. Eine Oktave zu hoch und man wurde fast am Ohr gezogen. Und in Taiwan? Da darf ein Kind mit Getränk in der Hand fröhlich durch die Gegend ziehen. Anders habe ich freilich das Nationale Palastmuseum in Taipei in Erinnerung, wo der alte chinesische Kaiserschatz zu sehen ist. Da stehen auch überall Wächter herum, meine ich mich zu erinnern. Aber da geht es ja auch um die heiligen Grale der chinesischen Kultur, die man in Taipei gern hoch hält. Und nicht nur um "English-Teacher"-Kunst. Denn "Weiße" kennt man in Taiwan eben meist als Englischlehrer und über die rümpft man schon mal die Nase.
Ich gebe zu, ich hätte Hemmungen, große Kostbarkeiten an Taiwan zu verleihen, so lax wie man hier eben Sicherheitsvorkehrungen sieht. Gut, dass die Bilder nicht im Freien gezeigt wurden. So oft wie es hier Dusche-ähnliche Regenfälle gibt ;-)

Update: Hier näheres zum beschädigten Bild, auch Fotos: http://www.theguardian.com/world/2015/aug/25/boy-trips-in-museum-and-punches-hole-through-million-dollar-painting
Und leider kann es für die Familie des Jungen, der den Schaden verursacht hat, ein finanzieller Alptraum werden, auch wenn das Museum keine Ansprüche stellen will (es entscheidet der Versicherer, nicht der Geschädigte darüber): https://taiwanlawblog.wordpress.com/2015/08/25/boy-who-punched-hole-in-painting-may-still-be-liable-for-monetary-damages/
Denn Haftpflichtversicherungen hat man in Taiwan oft nicht.

Dienstag, August 18, 2015

"This is my country!" (Update)

Ludigel will eigentlich nur das Auto umparken

Im März hatte ich geschlagene drei Parkplätze in der Nachbarschaft zur Verfügung, brauchte aber doch oft fünf Minuten um den dicken Volvo in den schmalen Gassen einzuparken. Parkplatz 1 ist der Familienparkplatz, noch von anderen genutzt. Parkplatz Nummer 2 wurde deshalb gemietet, in einer Tiefgarage. Die ist allerdings nur über einen Autolift zu erreichen der so schmal ist, dass es mir einmal die Verkleidung des linken Außenspiegels weggehauen hat in dem Ding. Daher haben wir dann Parkplatz Nummer 3 gemietet (2 ist heute wieder aufgegeben). In einer schmalen Gasse ganz in der Nähe. Nur dass die Leute sich dort angewöhnt haben, immer in zweiter Reihe die geparkten Autos zuzuparken. Ohne Telefonnummer am Auto.

 Die Nachbarn guckten von den Balkonen...


Spät abends zwischen 10 und 11 gehe ich also immer los und parke das Auto vom etwas weiter weg liegenden Parkplatz 3 auf Parkplatz 1 um, weil der dann frei ist und näher an der Wohnung liegt. Damit Frau morgens nicht so weit laufen muss. Oft ist der Wagen dann zugeparkt. Dann rufe ich Frau an, die ruft die Parkplatzvermieterin an und die telefoniert in der Gegend rum, bis nach etwa zwanzig Minuten irgendein Depp aus den Wohnungen rennt, "paisei paisei" ruft, wie immer man das auch schreibt und seine verdammte Karre wegfährt. Oder rummault dabei, wenn es der Kerl mit dem dicken weißen Infiniti-SUV ist, der das Format eines veritablen LKWs hat. Das Auto, nicht der Kerl. Sogar mein Volvo sieht klein aus dagegen.

Nun hatte ich gerade Terminator::Genisys gesehen, den neuen Streifen mit Arnold, der zwischenzeitlich Gouverneur von Californien war und war gerade kurz vor Schluss gewesen, als Frau sagte, ich solle den Müll rausbringen (ohne richtig funktionierende Müllabfuhr in Taiwan ist das auch so ein Abenteuer) und dann natürlich auch den Wagen umtopfen. Nun parkte eine alte rote Mercedes S-Klasse mich und zwei andere Autos zu. Anständige Taiwaner liegen natürlich zu dieser späten Stunde längst in den Betten und träumen von Laotse und Konfuzius, das ist klar. Nur wir merkwürdigen Ausländer sind da nachts noch auf den Beinen unserer finsteren Umparkgeschäfte wegen. Und ich hatte auf die 20 Minuten Ringelpietz mit Anfassen und Telefonieren einfach keine Lust. Und warum eigentlich kaufen Taiwaner immer das maximal größte erreichbare Auto, vergessen aber einen Parkplatz dafür zu mieten? Gut, meine Frau wollte ja auch unbedingt den dicken, teuren Volvo.

 Was ist denn das für ein Radau?


Also drückte ich auf die Hupe. Dauerhaft. Immer wieder. Wirklich lange. Weil irgendwann wird dann ja wohl jemand kommen. Tatsächlich trudelte als bald die gesamte Nachbarschaft im Schlichtwohnviertel ein. Hinter den Gittern (Gardinen haben sie hier nicht, ist Konfuzius dagegen oder dergleichen) oder unten aufgeregt vor meinem Volvo und dem Benz auf der Fahrbahn rumrennend. Ich zeigte mehrfach fragend auf den dicken Mercedes und ging dann weiter meinem Hupgeschäft nach. Es schien so, desto schneller ich die Hupfrequenz wählte, desto schneller liefen auch die Leute herum. Lustig irgendwie. Vielleicht sollte ich mal eine Melodie hupen. Kennt jemand ein chinesisches Volkslied? "Sah Chiang Kai Shek ein Röschen stehen" oder irgendwie sowas. "Muss ih denn, muss ih denn zum Tempele hinaus..:", das kennt man doch, oder?
Und wo hatte ich nur die Hauptdarstellerin in Terminator::Genisys schon gesehen?

So grübelte ich hupend vor mich hin, da sprach mich ein Anwohner auf Englisch an.

"Why so angry?" fragte er. "Warum so ärgerlich".
Seine Frage machte mich jetzt wirklich ärgerlich. Hupt man weil man ärgerlich ist oder weil man einfach mit dem Auto aus der Parklücke fahren will, wenn sie zugeparkt ist?

"I am not angry. I just press the horn so someone is coming", antwortete ich jetzt nicht mehr wahrheitsgemäß. "Ich bin nicht ärgerlich, ich drücke nur die Hupe damit jemand kommt."

Ich unterbrach kurz mein Daherhupen (die Nachbarn standen alle abrupt bewegungslos da, als die Melodie aufhöre) und hörte ihm zu, als er mutmaßte, zu welcher Wohnung der Mercedes gehören würde. Da setze er zu einem Fragenkatalog an.

"Is this your parking lot? Do you live here?" ... "Ist das Ihr Parkplatz. Wohnen Sie hier?"

Klar, dachte ich, ich muss dir um 22.10 meine Credentials/Referenzen geben, wenn ich nur mein Auto aus der Parklücke fahren will. Ich kenne das ja. Gehe ich an meinem Auto vorbei bei Regen und nehme einen Regenschirm raus, stratzt jemand aufgeregt zu meinem Auto und macht ein Foto davon. Langnase brechen Auto auf. Oder parke ich auf meinem Parkplatz, erklärt mir jemand, ich könne da nicht parken. Weil Anwohnerparkplätze. Und so wie ich sehen Anwohner eben nicht aus. Oder wollen mich nicht ins Mietshaus reinlassen, wie der Tattergreis bei uns im Haus. Gut, oder sie sagen "Welcome in Taiwan" (haben sie aber um 2011 damit aufgehört), wenn ich noch mal was aus dem Auto hole. Immer fühlen sie sich mir gegenüber vor meiner eigenen Haustür als territoriale Sachwalter offenbar.

"Yes I live here. Yes this is my parking lot. And this is my country!".

"Ja ich wohne hier. Ja, dies ist mein Parkplatz. Und dies ist mein Land!"

Den letzten Satz sagte ich mit geschauspielter Inbrunst und großer Geste, mit meinen zum Himmel gereckten Armen gewissermaßen das  ganze Land Taiwan aka Republik-China einschließend.

"The last one was a joke", "Das letzte war ein Witz", wollte ich noch hinzufügen. Da fiel mir auf, dass der Nachbar schon wieder schnellen Schrittes auf seine Haustür zurannte. Bei emotionalen Gesten geraten sie immer in Panik, die Taiwaner. Dabei hatte ich noch mehr in Petto, hätte mich als Präsident Ma Ying-Jeou vorgestellt, wenn er weiter gefragt hätte. Aber so war er weg und ich ging wieder zum Dauherhupen über. Die Nachbarn nahmen wieder ihren Squaredance auf.

Irgendwann kam dann eine junge Frau aus dem Hause, sagte "Paisei Paisei" und ich bedankte mich. Als ich den Wagen aus der Parklücke gefahren hatte, musste ich wieder diese Parksperre zuklappen. Die ist aus Metall und macht so einen Wahnsinns Krach jedesmal. KAWUMM ging es. Wieder hielt das ganze Duzent Versammelter an und alle guckten mich an. Bestimmt dachten sie jetzt alle, ich sei unheimlich wütend. Dabei ist es nur die Mechanik. Ich ging aufs Auto zu. Immer noch guckten mich alle an als sei sonstwas passiert.

"Prima", dachte ich. Da will man nur seinen Wagen umparken und stattdessen ist man in einer Situation, sich im soziokulturellen Kontext der gesamten Nachbarschaft einordnen zu müssen. Unglaublich.

Alle starrten mich an. Ich verharrte in der Fahrertür. Die großen Augen der Mercedesfahrerin leuchteten wie Suppenteller aus dem roten Benz. Ich machte den V-Zeichen. Das machen die Taiwaner ja immer auf Fotos. Und außerdem steht es ja auch für "Zwei" und der rote Mercedes hatte mich bereits zum zweiten Mal zugeparkt.

Game of Thrones. Da hatte ich die Hauptdarstellerin schon gesehen. Kaum wiederzuerkennen.

Update: Gestern abend wieder das selbe Theater. Ein alter Toyota mit verfärbtem schwarzen Lack, der sich weißlich abschälte, parkte meine Kiste zu. So doof geparkt, dass ich fast noch hätte raus können. War ja nicht genau so lang wie die S-Klasse am Vorabend. Aber eben nur fast. Auch Dauerhupen weckte um 23 Uhr niemanden mehr. Bis auf die Tochter der Vermieterin, eine nette Lehrerin in den 50ern, die dann mit mir durch die nächtliche Straße schwebte und an mehren Türen klingelte, um den Fahrer des Wracks zu ermitteln. In der Hand hatte sie offensichtlich eine KFZ-Liste! Deswegen parken sich die Schlumpis hier also immer gegenseitig zu, weil sie dann ggf. das Wegfahren koordinieren. In einer 20-minütigen Aktion, die mir bei 12-16 Stunden-Arbeitstagen doch immer auf den Magen schlägt, geht sie doch von der knappen Freizeit ab. Gestern Abend ließ sich aber der Halter nicht ermitteln, er war nicht auf der Liste, sagte mir die Dame mit Händen und Füßen ob meines stadtbekannten Pidgin-Chinesisch.
Doch es gibt offenbar einen Parkservice der Polizei! Meine Frau rief die Polente an, die dann ihrerseits den Fahrer des Autos anrief. Perfekter Valet-Parkservice. Na Kunststück, Parkwächteruniformen haben sie ja schon an die Sheriffs. Wie dem auch sei, keine fünf Minuten später kamen zwei junge Männer buchstäblich angerannt. Beide mit zotteligen Haaren und Totenkopf-T-Shirts. Ich atmete unwillkürlich tief ein - sicher ein evolutionärer Mechanismus um das Muskelgewebe mit Sauerstoff und ATP zu versorgen, doch die beiden an Juniorverbrecher gemahnenden jungen Männer entschuldigten sich bei mir und der permanent schimpfenden Lehrerin viele Male, winkten mir zu und verschwanden dann paisei paisei paisei sagend mit ihrem alten Toyota. Habe da hoffentlich keinen Bruch gestört oder sowas. Ich winkte ihnen auch zu und rief freundlich: "Just don't do it again!". Andererseits war ich ganz froh um die Unterbrechung diesmal, haben wir doch auf meinem zentralen Schreibtisch-Client ein Tool installiert, mit dem wir auch vom Notebook zu Hause mein ganzes Schreibtischnetzwerk aus derzeit 10 realen und 15 virtuellen Rechnern fernsteuern können. Das Schreibtisch-Lab, das ja offenbar als einziges "Laboratorium" VMware - Zertifizierungen in Taiwan durchführt und damit ganze Batterien von weißkitteligen Taiwanern im ein-Ludigel-Modus ersetzt. Und so um 23 Uhr konnte ich eine 20-minütige Pause mal ganz gut vertragen und amüsierte mich, unter der Straßenlaterne von Merkels Griechenland-Pyramidensystem (Spiegel) zu lesen. Nach dem Motto: 100 Milliarden Euro hinterher geworfen sind gut, wenn sie erst bei der nächsten Regierung/Währungsreform in den Büchern aufschlagen und nicht schon in der Herrschaftszeit der Heiligen Merkel. Da schmunzelt man unter der Straßenlaterne am östlichen Tellerrand der Welt über die westlichen Katastrophen von Morgen.


Donnerstag, August 06, 2015

Yehliu Kap, nahe "Queen's Head"



Nur ein schneller Schuss vorab. Küste ganz an der Nordspitze Taiwans, am Yehliu Kap, wo man guter Hoffnung sein kann, gegen Zahlung von 400 NT (etwa 10 Euro) die berühmte Steinformation "Queens Head" im Yehliu Geopark sehen zu können. Überlaufen wie es war haben wir uns nicht in die 30 Reisegruppen  - viele sicher aus der VR China herüber gekarrt - eingereiht, sondern haben lieber die Küste direkt daneben besucht, wo auch dieses Foto entstanden ist. Ich will mal daheim in der Fotokiste suchen, ob ich noch die vom Fotogeschäft um 2003 oder 2004 eingescannten Analogfotos von meinem damaligen Besuch von Queen's Head finde - die Negative lagern jedenfalls im fernen Deutschland.

Oben ein schnelles nächtliches Foto mit der Immer-dabei-Kompaktkamera (Casio Exilim Z1000), die ich statt der Handykamera verwende. Der Vorteil so einer richtigen Kamera ist eben, dass man sie auch einfach mal mit Selbstauslöser auf die Ufermauer stellen kann für eine Aufnahme mit sehr wenig Licht wie hier im Bild. Man sieht deutlich, dass die kleinformatigen Kompaktkameras (wie auch Handykameras) heftiger als DSLRs auf die allgegenwärtigen elektromagnetischen Störungen reagieren, die sich in Form von Bildrauschen niederschlagen.
Entstanden ist das Bild am Parkplatz vom Yeliu Geopark als ich nächstens das Auto umparkte.

Erweiterte!

Der neue Drogerieschlachtruf: Erweiterte!

Deutsches ist als Werbeträger in Taiwan beliebt. Hatten wir im letzten Beitrag die scheußliche Verwendung von Nazisymbolik - so ist es diesmal viel harmloser. Hmmm... hätten Sie als deren Marketingmensch in Taiwan die Box auch so gestaltet?


Manche deutschen Worte sagt man viel zu wenig. "Erweiterte" und das aktuelle Medienthema-Wort "Landesverrat" gehören sicher dazu. Oder wie wäre es mit einer Kombination aus beidem? Noch mit kleinem "r" dazwischen natürlich.

P.S.: Und erweiterte Eitelkeit heute im Blog. Im Blog-Header ist ab sofort der Hinweis auf das Gründungsjahr 2004 dieses Blogs enthalten. Auch wenn das erste Jahr nur aus einem einzigen Posting bestand. Damals wusste ich mit dem "neuen Medium" Blog noch nichts rechtes anzufangen. Und heute haben sich Blogs fast schon wieder erledigt, dank Facebook, Twitter und Instagram. Bislang war 2007 als Gründungsjahr angegeben, weil ab dann die Postings (fast) ausschließlich auf Deutsch sind ;-)

Mittwoch, August 05, 2015

What the f*ck?

Es gibt sie, diese "What the fuck"-Momente im Leben...

 Werde jetzt nicht anfangen, das Hakenkreuz hier zu entfremden, wie es deutsche Blogger oft machen. Es ist schließlich eine Dokumentation, keine Propaganda. Relativ sauer bin ich auf die Digitalkamera, die das Bild auch noch als DSC00018 abgespeichert hat, weil sie kürzlich einmal rum ist mit dem Zähler.

Taiwaner verwenden das Hakenkreuz ja in spiegelverkehrter Version selbst als positives Symbol an Tempeln. Das Ding gibt es in vielen Kulturen und auch in Deutschland hatte es einst eine normale Bedeutung. Es steht offenbar für ein Sonnenkreuz, das sich ergibt, wenn man astronomisch die Bewegungen der Sonne übers Jahr nachzeichnet. Daher gibt es das in vielen Kulturen. Leider sehen die Taiwaner mangels Wissen über europ. Geschichte die Nazizeit oft eher positiv, u.a. weil Hitlerdeutschland und Nationalchina aka Republik-China unter Diktator Chiang Kai-Shek einst eine Allianz hatten (bis Hitler dann auf Japan umgeschwenkt ist). Und leider verwenden sie das NSDAP-Symbol auch oft als Deutschlandsymbol.

Kann man sich schon erschrecken. Bislang habe ich es an und um Autos schon oft gesehen. Einmal hatte ein Gebrauchtwagenhändler einen alten eckigen Mercedes aus den 70ern da stehen und an einem Fahnenmast die NSDAP-Flagge. Hatte keine Kamera parat, um den grausamen Anblick festzuhalten. Und einmal standen vor mir an der Ampel zwei schwarze VW-Busse (T4-Modell), beide mit einem identischen NSDAP-Aufkleber am Heck. Grauslich. Wie es dazu gekommen ist frage ich mich bis heute.

Dass die beiden Flaggen sich "beißen", wird dem Besitzer des Autos nicht bewusst sein.

Dienstag, August 04, 2015

Schülerproteste Taipei

Privat und beruflich eingespannt ist es völlig an mir vorbei gegangen.

Taiwans Schüler der Klassen 10 bis 12 führen derzeit massive Proteste bis hin zur Umzingelung des Regierungssitzes in Taipei durch (siehe etwa im Blog von Klaus Bardenhagen: http://www.intaiwan.de/2015/08/03/schueler-proteste-taiwan-geschichtsbuecher/). Anlass für die Proteste ist das Umschreiben der Schulbücher zum Thema Geschichte durch die derzeitige chinafreundliche KMT-Regierung des Präsidenten Ma Ying-Jeou. Ein wegen Eindringens in das Erziehungsministerium verhafteter Schüler hat Selbstmord begangen, offenbar nachdem er von seinen Eltern unter Druck gesetzt wurde.
Konkret sollen die Geschichtsbücher wohl eine eher chinazentrische Sichtweise bekommen. Passend dazu, dass sich die regierende KMT eben als "chinesische" Partei ansieht - freilich nicht im Sinne der VR-China sondern sich aus dem Umstand erklärend, dass die KMT einst über China geherrscht hat, bis ihre Regierung 1949 vor den chin, Kommunisten auf die Insel Taiwan geflohen ist, die damals eine japanische Kolonie war.

Von den Protesten habe ich nichts mitbekommen. Frau (nicht im Bild), Junior und meine Wenigkeit tingeln derzeit viel an Ausflugsorten herum und wollen Taiwan noch mal genießen. Droht doch evtl. bald unser Wegzug aus der Roc-Republik.

Damit schließen sich Schüler-Proteste gegen Taiwans (freilich 2x frei gewählte) KMT-Regierung an die 2014er Studentenproteste an. Damals wurde das Parlament besetzt und gegen eine weitere wirtschaftliche Annäherung Taiwans an China protestiert. http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/03/demo-in-taipei-mit-300000-menschen-oder.html.

Und ob es nun ein oder zwei Chinas gibt verliert doch irgendwie seine Spannung, wenn man die Diskussion 11 Jahre lang gehört hat. Wie wäre es mal mit zwei Taiwans stattdessen. Spalten wir uns doch in Norden und Süden, das verwirrt dann auch die Chinesen. Oder noch besser in Osten und Westen mit Taipei mitten durch geteilt.

Für die 2016er Präsidentschaftswahl schlägt der KMT sicher ein strenger Wind ins Gesicht. Da sich jüngere Taiwaner immer weniger als Chinesen und eher als Taiwaner ansehen, können sie mit der China-Nostalgie der das chinesische Erbe pflegenden KMT wenig anfangen. Demografisch gesehen werden die jüngeren Taiwaner natürlich einen immer größeren Anteil der Wählergemeinde stellen. In der 2016er-Wahl kann Präsident Ma Ying-Jeou (KMT) nicht wieder antreten. In seine Fußstapfen will die KMT-Hardlinerin Hung treten, die einerseits von "nationaler Vereinigung" mit der VR-China redet, andererseits aber auch die existierende Republik China alias Taiwan als eigenen Staat durch Peking anerkannt bekommen will.
Ihr Gegenüber ist die Oppositionskandidatin Tsai (DPP) aus dem die Eigenständigkeit Taiwans betonenden "Taiwan-Independence"-Langer, die sich moderat gibt.

Von einem Wahlsieg der DPP wird ausgegangen. Jedoch denke ich nicht dass es angemessen ist, die KMT schon endgültig als gescheitert oder gar in ihrer Existenz gefährdet anzusehen, wie das viele Kommentatoren der Expatszene tun. Sollte die DPP etwa wieder einen großen Korruptionsskandal haben wie unter der letzten DPP-Präsidentschaft 2000-2008 unter Präsident Chen (DPP), dann kann das politische Klima sicher in künftigen Legislaturperioden wieder in Richtung KMT umschlagen, selbst wenn Studenten und Schüler dann wieder oder immer noch gegen die Regierung auf die Barrikaden gehen. Das Phänomen ist ja auch in westlichen Gesellschaften bestens bekannt und nur für das früher familiär strenge und ehemals autoritär regierte Taiwan ein neues Phänomen.

EDIT: Ein Beispiel für "chinesische Geschichtsauslegung" sei im Folgenden genannt:

Im Zweiten Weltkrieg war die Insel Taiwan japanische Kolonie und Taiwaner kämpften in Uniformen der japanischen Armee gegen die Amerikaner. Trotzdem fand in Taipeis Straßen kürzliche eine Siegesparade zur Zelebrierung des Anteils der Republik China (die wir ja umgangssprachlich Taiwan nennen) am Sieg über Japan statt. Klingt widersinnig, erklärt sich aber aus der Identifikation der regierenden KMT und dem sino-taiwanischen Mainstream in Taipei mit dem alten China, das Gegner Japans war. Hier gibt es freilich auch keine militärischen Erfolge gegen Japan zu verzeichnen sondern nur Niederlagen, Schmerzen und Qualen. Aber Feiern sind ja immer ein Wert an sich.