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Freitag, März 16, 2012

China Life

Geschäftsreise nach Shenzen, China. Dort steht die Fabrik des taiwanischen Unternehmens, bei dem ich arbeite. Designed in Taipei, Taiwan, made in China, wie das heute aus Kostengründen (und damit die Kunden in Deutschland und anderswo die Geräte möglichst günstig erwerben können) gemacht wird.

Der Deutsche stellt sich wohl chinesische Fabrikarbeiter als eine Art hohlwanginge Bande vor, die kurz vorm Hungertod stehend, einen 18-Stunden-Arbeitstag bestreiten, nur um dann und wann (vielleicht am Sonntagabend um 22 Uhr?) bewusstlos an der Werkbank zusammen zu sacken. Dazu präsentierte auch der SPIEGEL in der Onlineausgabe neulich Bilder von Chinesen mit dem Kopf auf der Werkbank. Wer allerdings in Taiwan oder China die Verdunklung-zum-Mittagsschlaf-Politik hier kennt, der lacht sich dabei kaputt. Aber immerhin hungernd, viel arbeitend und von maschinengewehrtragenden Wachposten bedrängt müssen sie doch sein, die Chinesen, oder?

Eigentlich ist das Plakat kräftig grün und rot, aber der ständig vorhandene Nebel, der auch bisweilen kräftig nach den Dieselabgasen der zahllosen LKWs roch, täuschte oft den Fotosensor der Digitalkamera. Und diffuses (will sagen nebliges) Licht ist sowieso zum Fotografieren nicht ideal.


Shenzen in der Provinz Guandong ist eine der am schnellsten wachsenden Städte der Erde, verrät Google, 1979 war es noch ein Dorf mit drei Hütten und sechs Leuten nebst drei Ziegen, heute ist es eine Millionenstadt. Ich war allerdings nur in der Fabrikvorstadt irgendwo, war ja auch zum Arbeiten da. Positiv zu Taiwan fällt auf: Mehr Platz und die Garküchen lassen keinen Wassersud über den Bürgersteig in die Kanalisation laufen, was für die Abwesenheit von Fäulnisgestank sorgt. In Taiwan hingegen stinkt es oft faul daher, wenn leckere Garküchen da sind. Dafür kann man in Taiwan auch als Weißer in ihnen essen, in China kann man das nicht, jedenfalls nicht ohne das Essen Marke "Rache Mao Tsetungs" wieder los zu werden.

Viele Toyotas fahren auf den Straßen, da war ich verblüfft. Und viele für unsereinen unbekannte einheimische Automarken wie hier im Bild. Und es gibt eine kleine Limusine, die sieht genau wie ein Toyota aus, ist aber keiner. Aber die sind seltener als die echten. Oder  jedenfalls seltener als mit Toyota-Badge versehen Autos.

Fast schön. Aber Schönheit ist relativ. Hässlicher als der Japan- und Koreamist derzeit ist die Kiste auch nicht.

Wer es geschafft hat, fährt einen BMW oder einen Porsche Cayenne. Vor dem BMW steht entweder ein echter oder gefälschter Toyota, so ein Unterschied wird es eh nicht sein.
Wir wurden in einem Wagen chauffiert, der bei uns ein Mitsubishi Space Gear gewesen wäre, hier allerdings ein anderes Markensymbol hatte (Lizenzproduktion?), auch Buicks erfreuen sich großer Beliebtheit und natürlich VWs, sowohl Santanas wie auch andere, Audis und Skodas sieht man auch.

Die Fabriken haben immer diese Wohnblöcke auf dem Gelände, die manchmal auch wie hier bis an die Straße reichen. Mir ist unklar ob das schon richtige Wohnungen sind oder nur aus kleinen Zimmern bestehen wie "bei uns" auf dem Fabrikgelände für die unverheirateten (oder fern der Familie arbeitenden) Arbeiterinnen und Arbeiter (die Damen übrigens bei weitem in der Überzahl bei uns).
"Unsere Fabrik": Viel Grün, Sportplätze (gleich rechts, als Mr. "No Sports" habe ich sie nicht fotografiert), Billardsäle, Geschäfte und Restaurants. Ab 17.30 Uhr füllten sich schlagartig die Alleen, denn die Arbeitszeit ist von 8.30 bis 17.30 pünktlich. Mein Unternehmen hat auch in China das Wohl der Angestellten im Sinn. Da bin ich ganz neidisch geworden bei den Arbeitszeiten ;-) Am Wochenende ist arbeitsfrei.
Dies hier ist der Wohnbereich, so ein Zimmer mit Bad und Balkon ist von 4 Leuten bewohnt. Verheiratete mit Kind können zwei der wesentlich größeren Zimmer im Gästehaus mieten (wo Frau und ich untergebracht war), jedes mit Bad und Balkon. Überall im Erdgeschoss standen "Kindertrecker", Go-Karts und dergleichen um. Sehr gut!

 
Abends flanieren hier viele Paare Hand in Hand. Meist junge Leute in der Fabrik und die meisten Frauen. Wer keine Partnerin hat, spielt am Smartphone rum oder verabredet sich mit Kumpels draußen in den Cafes. Was man eben so macht.

Die große Firmenkantine. Schmackhaftes bekömmliches Essen. Alle Angestellten haben so viel elektronische Kredits auf ihrer Karte, dass sie drei reichliche Mahlzeiten plus Pepsi oder was auch immer zum Lunch kostenlos bekommen.

Frau und ich haben in einem kleinen privaten Restaurant auf dem Gelände gegessen, meine Frau ist immer noch magenkrank und auch ich war drei bis vier Tage lahmgelegt. Na sagen wir, wir sind die Zentrale, da wird sich was ändern ;-)

Übrigens ware die Produktionshallen voller schicker Maschinen von SIEMENS, die wie Plotter die Komponenten auf die Mainboards stecken. Da steckte einiges an Geld drin.

Und sonst sei die Moral von der Geschicht, die Chinesen sind vielleicht gar nicht so anders wie wir auch. Haben blitzende modische Uhren am Handgelenk, klobige Smartphones am Ohr und träumen von schöner Wohnung und Auto...

Komisch nur, dass den Menschen in dieser entwickelten Umgebung alle demokratischen Grundrechte verwehrt werden. Aber noch freuen sie sich über den Konsum, nach der Maslov-Bedürfnispyramide kommt das Interesse an Politik und sozialem Gestalten erst danach...

Kommentare:

Patrick_Secret hat gesagt…

aha fotografieren ohne Genehmigung der Partei...das kann Ärger geben ;-)

Tamasü hat gesagt…

Wirklich ohne Genehmigung?
Die Bilder erschüttern mein Weltbild!
Die Wohnblöcke in dem Lager, wo arme Chinesen bis zum Um- oder vom Dach fallen schuften müssen, sehen sauberer und (relativ) schöner aus als 98% der Wohnblöcke für freie Taiwanesen.
Gib sofort zu, daß das die Bilder nur gephotoshopte Propaganda sind!

"Ludigel" hat gesagt…

Mir kam es auch sauberer vor. In der ganzen Stadt ist aber fast alles neu gebaut, das darf man nicht vergessen.

Alles echt aus dem Arbeiter und Bauern-Paradies Rotchina!

Surrealistisch fand ich es ja, als ein Trupp neuer Arbeiter an mir vorbei geführt wurde. Fast alles nur junge Frauen.

"Man könnte meinen ich sei hier Personalchef", entfuhr es mir. War der erste Mal das Kollege B. einen meiner Witze verstanden hatte und losprustete.

Tamasü hat gesagt…

Wieviel Geld mußt Du jeden Monat mitbringen, um den Job machen zu dürfen?
Ich habe ein paar Ersparnisse. Braucht Deine Firma zufällig Geld?

"Ludigel" hat gesagt…

Gezz bin ich ja wieder im Taiwahn...