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Mittwoch, Oktober 17, 2007

Tod in Taiwan (eine Fledderbeerdigung)


ENGLISH: this is a re-post of a description of a Taiwan funeral. No photos, because it was my father-in-law. It's long and in German. But worth reading it if you are into a real colourful messy funeral... Other articles are in English as well!

GERMAN, DEUTSCH:

Der gefledderte Schwiegervater 

Mein bizarrstes Erlebnis in Taiwan. Eine Fledderbeerdigung.

Leider diesmal völlig ohne auf die Beerdigung bezogene Fotos (die gezeigten Fotos sind ohne direkten Bezug), weil ich schlecht knipsen konnte, während sich die vier Töchter darin überbieten, wer am lautesten Heulen konnte. Entschuldigung, wenn das pietätlos klingt, aber die ganze Veranstaltung war .... nicht wie eine Beerdigung bei uns. Da wurde gezerrt, gezogen und getragen, geheult (soweit normal), geflucht und gebacken, gesprungen und geschmettert; eine herrlich irrsinnige Veranstaltung in einer bizarren Fabrikumgebung.


all photos: Ludigel (temple close Taoyuan)
no direct connection to article

Das Rollkommando
Der Vater meiner Frau war mit etwas über 60 zu Tode gestürzt. Auf ebener Fläche. Taiwanesen fliesen sehr gern und tragen sehr gerne Badelatschen, zu allen Tageszeiten und auch bei Kälte. Bürgersteige werden hier oft mit Mamor getäfelt und verwandeln sich bei Regen in spiegelglatte Todesfallen. Um auch den letzten Fussgänger zu kriegen, stellt man noch ein paar metallene Fussangeln auf, schwarz auf schwarz.
Schwiegervater jedenfalls war mitsamt seiner Badelatschen auf den Fliesen ausgerutscht und hatte eine schwere Kopfverletzung davongetragen. Mitten im Eingangsbereich des Seniorenheims, wo er ehrenamtlich als Helfer tätig war. Frei nach Konfuzius ("kümmere dich ausschließlich um Familie und Freunde) haben ihn alle Leute den gesamten langen Tag lang ignoriert und sind über den Schwerverletzten hinweggestiegen.
Schließlich begann ein langsamer Todekampf, sieben Jahre lang lag er zuhause im Bett in siechte vor sich in, bis hin zum "Gemüse", wie meine Frau sagte.
Einmal verstorben lag er also im Krankenhausbett und auch ich, der Waiguoren kam dazu. Jetzt erwartet man, diskret herausgeführt zu werden, damit das Personal seine Arbeit verrichten kann und glaubt, den Toten alsbald nur noch mal im Sarge zu sehen.
Doch weit gefehlt, plötzlich sind zwei schwarzgekleidete Herren da, alle fassen mit an und man bettet orangefarbene Laken mit Hakenkreuzen und altertümlichen Schriftzeichen (nicht die neuen) auf ihn. Noch ist er warm und transportabel, also geht es alsbald im Krankenwagen zum benachbarten Bestattungsunternehmen.

Schachern ums Jenseits
Man trägt ihn wieder raus aus dem Wagen, die ganze Familie fässt wieder mit an, und er liegt in einer Art Aufbahrungsgarage mit schauerlicher buddhistischer Trauermusik aus einem kleinen schwarzen Transistorgerät. Alle Heulen und Zähneklappern und er liegt da, tot aber irgendwie sah er jetzt besser aus als vorher im Leben. Seine Gesichtszüge entspannten sich langsam - oder lächelte der Mann, sich freuend endlich wieder Teil des Familientrubels zu sein?
Preis zu teuer, ich den Bestattungsunternehmer abgelenkt, während andere den Leichnam unter den Arm klemmen und ihn wieder in einen herbeigerufenen Krankenwagen legen. Fahrer wirft eine Kassette in die Bordstereoanlage und es geht auf den dunklen Highway. Alle sind versammelt, Schwiegerpapa in der Mitte, aber statt Highway Sixty-Six dringt wieder Trauermusik aus dem Radio.

Die Todesfabrik
Die Fahrt endet auf einem Fabrikhof, überall Silotürme, Fabrikhallen. Merkwürdig. Alle fassen wieder mit an und man verfrachtet den toten Familienvater auf ein fahrbares Stahlbett. In einem Wartesaal sitzen unter sakralen Gemälden mit Mutter Maria und himmlichen Heerscharen unlaublich ungeflegte Gestalten. Betelnusskauende Männer mit viel zu knappen Oberteilen, damit man ihre tätowierten Muskeln besser sieht. Sie kauen Reisgebackenes und sprechen mit vollem Mund, während die Familie zähneklappert. Aus dem Lautsprecher dringt in Überlautstärke .... nein, diesmal der Rosarote Panther. Das schöne swinginge Saxophonstück, so völlig unpassend, dass die Szene wie ein modernes Theaterstück wirkt, wo Wagner in roten Unterhosen und mit Plastikpalmen aufgeführt wird.
Wir schieben Väterchen schließlich einen gruselig langen Gang an den kleinen metallenen Leichenschubladen vorbei, wie man sie aus dem Krimi kennt. Ich fasse den armen Mann an, lege ihn in die Schublade und decke ihn zusammen mit meiner Frau mit seinem Hakenkreuztuchlein zu. Nein, er war kein Obersturmführer, sondern Zementvertreter, und das Kreuz ist halt überall ein Sonnensymbol.
Wir schieben die Schublade zu, kalt klingt Metall auf Metall und machen uns auf den langen Weg zurück zum Musiksaal, noch immer dröhnt der Rosarote Panther durch den Bau. Ta ta, ta ta, tatatata... ta ta ta taaaaaaaaa aaaaaa aaaa... Wir zwei staksen unnatürlichen Schrittes, ich unwillkürlich im Rythmus der Mancini-Weise und meine Frau sagt: NICHT UMSEHEN! Unter keinen Umständen umsehen. Warum? Nun sonst folgt uns sein Geist zurück, das ist doch klar, erklärt sie mir. Papa muss jetzt tapfer sein und lernen allein zu bleiben, sagt sie mir. Da gruselt es mir, als ich mir vorstelle, so allein in einer Metallschublade verstaut zu werden. Und so gehen wir durch den dunklen Gang, begleitet vom Saxophon und der Jazzkombo und trauen uns nicht zurückzublicken.
Ta ta, ta ta, tatatata... ta ta ta taaaaaaaaa aaaaaa aaaa...

Das war's? Weit gefehlt. Lesen Sie in der nächsten Folge von "Die Todesfabrik": Der Wunderheiler, Beten bis die Knie wund sind, Riesenstäbchen und Blechtabletts.

 Wie immer in diesem Theater.
2. Teil HIER

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