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Donnerstag, Mai 06, 2010

Arztratgeber Taiwan

Da ich immer noch unter den Folgen einer fehlgeschlagenen Allergiebehandlung durch eine chinesisch-traditionelle Ärztin leide, deren scharfes Gewürzpulver genau das ausgelöst hat, was es bekämpfen sollte (ja, ich war zu gutgläubig, der weiße Kittel verführt mich immer wieder dazu Kompetenz bei den hiesigen Ärzten zu vermuten) und ich mit Hammerpillen versuche, den ausgelösten Ausschlag wegzukriegen, bevor sich Infektionen rein setzen (so habe ich die ersten zwei Jahre in Taiwan verbracht: ein Mikroorganismus jagte den anderen auf der Haut hier im tropisch feuchten Taiwan), hier ein kurzer Ärzteratgeber für Taiwan.

Grundsätzlich sind Ärzte in "chinesisch-traditionelle" und "westliche" zu unterteilen, die die entsprechende Medizin praktizieren. "Westliche" Ärzte, die also mit Pillen etc. kurieren, tendieren in Taiwan dazu ehr mit dem Holzhammer auf die Krankheit los zugehen. Wer also mit einer Erkältung kommt, hat schnell drei verschiedene Pillen und einen starken Hustensaft. Lieber mehr Antibiotika als weniger ist hier die Devise, aber es hilft natürlich schnell. Beipackzettel fehlen, man kriegt die Medikamente meist direkt vom Arzt (Pillen oft einzeln, selbst gefertigte Cremes). Auf Kasse (fast jeder Taiwanese hat eine gesetzl. Krankenversicherung hier bei der National Health Insurance NHI) kriegt man oft sehr wenig, so dass man entweder öfter hin muss oder gegen Zuzahlung zukaufen kann. Sonderwünsche gegen Berechnung kann man äußern (stärkere Medikamente etc.).

Zahnärzte lehnen schon mal die Behandlung ab, wenn es nur um eine Reparatur geht und es wenig dabei zu verdienen gibt (es sei denn sie haben die Vorbehandlung selbst gemacht). Zahnersatz kostet auch hier ordentlich Zuzahlung, wohl etwas billiger als bei uns. Zweimal im Jahr kann man sich auf Kasse die Zähne überprüfen lassen. Manche wenige Zahnärzte haben unsaubere Praxen, bei denen man z.B. im Schweiß des Vorgängers auf dem Stuhl sitzt (sehr unhygienisch in den Subtropen) oder verdreckte Instrumente und Tabletts auf dem Ranklapptischchen liegen (wenn diese auch nicht für den neuen Patienten benutzt werden).


Wenn Ärzte und Krankenschwestern kichern, wird es erfahrungsgemäß gefährlich...

Oft hat mein kein geschlossenes Sprechzimmer, sondern mehrere Patienten werden parallel behandeln, neue Patienten rennen einfach in das Sprechzimmer rein. Wer delikate Stellen vorzeigen muss, kann mit dem Arzt hinter den Vorhang gehen. Ich schließe manchmal auch das Sprechzimmer ab, muss ja nicht halb Taiwan durch latschen wenn ich behandelt werde.

Arztpraxen sind manchmal westlich sauber und manchmal siffig, am ekeligsten war es, als ich einmal in Sandalen in einer fremden Blutlache gestanden habe. Festes Schuhwerk beim Arzt kann nicht schaden um Ansteckungen zu vermeiden!

Mit Röntgengeräten wird ordentlich umgegangen.

Die chinesich-traditionellen Ärzte sind meist an einem goldenen Männchen zu erkennen, das lebensgroß vor der Praxis steht. Chinesisch-trad. Ärzte behandeln mit Pflanzenpulvern, die meist wirksam sind, aber längere Zeit zur Wirkung brauchen. Allergische Reaktionen (Heuschnupfler! Lebensmittelallergiker!) nicht ausgeschlossen.
Manche der pflanzlichen Zutaten kommen aus China, nicht aus Taiwan und können mit Schmermetallen (durch extreme Anwendung von Kunstdünger, Pestiziden) verunreinigt sein, was in seltenen Fällen zu Organversagen (Leber, Nieren) und Tod der Patienten geführt hat.
Chin. traditionelle Ärzte haben außerordentliche Diagnosefähigkeiten (besonders ältere, die tatsächlich vieles durch Berührung diagnostizieren können!), aber die Behandlungsfähigkeiten können da nicht mithalten. Vorsicht vor überzogenen Versprechungen.

Chin. trad. Ärzte behandeln auch mit Akupunktur, wird aber keinesfalls oft angewendet.

Es gibt bei allen Ärzten eine Praxisgebühr von 150 Taiwandollar. Eine Komplettbehandlung mit reichlich Medikamenten (man braucht den Reisepass) kostet ohne Kasse (darf nur bei Ausländern gemacht werden per Gesetz) 1500 oder 4000 Taiwandollar als Richtschnur (durch 40 in Euro).

Man geht hier in kleine Arztpraxen oder auch in Krankenhäuser, sogar bei Lapalien. Daher ist in Krankenhäusern damit zu rechnen, dass die Notaufnahme auch tagsüber Wochentags mit vielen, vielen Leuten verstopft ist, die dramatische Dinge wie Erkältung behandeln lassen wollen. Krankenhäuser haben ellenlange Fragebögen auf Chinesisch, die man ausfüllen muss (grins).

Operationen: Ich hatte schon mehrfach falsche Diagnosen und entsprechend vorgeschlagene sinnlose Operationen, die ich abgelehnt habe. Immer hinterfragen was der Arzt an Symptomen erkannt haben will und durch Internetrecherche oder zweite Meinung überprüfen. Bei einer allergischen Hautrötung wollte mir ein Arzt etwas wegschneiden, was laut Google walnussgroße Geschwüre hätten sein müssen. Da war aber nichts, die Haut war nur gerötet! Ich frage mich bis heute, was der Arzt hätte wegschneiden wollen, wenn ich zugestimmt hätte.

Vorsicht: Nicht alle Ärzte im Krankenhaus sind auch welche, jedenfalls im Süden Taiwans. Die Taipei Times hatte mal ermittelt, dass im Süden bewusst falsche Ärzte eingestellt worden waren, weil sie billiger sind für die Stadtkasse; natürlich war das auch hier ein Skandal.
Außerdem hat man in Taiwan schneller Falschtitel als in Deutschland, allerdings hat es auch in Deutschland schon falsche Ärzte gegeben.

Nur manche Ärzte sprechen Englisch.

Fehldiagnose "Schlechte Nieren": Mehrere westliche Medizin praktizierende Ärzte haben mich mit der Behauptung, ich hätte schlechte Nieren in Angst und Schrecken versetzt. Dies wurde erfreulicherweise jedesmal durch Test widerlegt. Aufpassen: Manche westliche Ärzte hier sind von der traditionellen chin. Medizin beeinflusst und diese erlaubt folgenden kühnen Schluss:
Lange Nase = langes Zeugungsorgan = viel Sex = schlechte Nieren
Die chin. traditionelle Medizin glaubte, dass Sex die Nieren belastet (erklärt sich durch die anatomische Anordnung Niere-Urinleiter-Penis). Diese Faustregel hat sich leider bis heute in Taiwan gehalten.


Faustregel: Man wird fast immer gut und kompetent behandelt. Man sollte jedoch kritisch überprüfen, ob man sich auf die traditionelle chinesische Medizin einlassen will oder lieber die westlichen Ärzte aufsucht. Auch bei diesen sollte man kritischer sein als in Deutschland. Nicht auf den Gott in Weiß verlassen sondern nachfragen und hinterfragen was gemacht werden soll. Taiwanesen mögen es lieber schnell als gründlich!

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Kommentare:

Reiner Wadel hat gesagt…

Respekt! Immer durch persönliche Erfahrungen gesättigte Tipps. So bringt das Lesen Gewinn und macht Spaß obendrein.

Anonym hat gesagt…

Lu Er Fu sagt:
TCM mag ja helfen. Bei mir tat sie es nicht. Auch nicht nach der 2. Chance. Ich war wegen Gelenkbeschwerden dort. Die blieben und mein Blutdruck erhöhte sich dramatisch. Puls fühlen und Zunge zeigen bei einem der Besten seines Fachs haben nicht ausgereicht. Er wird vergöttert, u.a. weil er umsonst (kostenfrei) arbeitet. (Wird natürlich auf das Pulver draufgeschlagen.). Jammern tut er wie seine deutschen Kollegen. Die Zeiten werden härter, die Medikamente teurer, die bösen Chinesen verkaufen teurer. Kann sich kaum den 3. Jaguar halten.
Ich bin von TCM etwas enttäuscht.
Zahnbehandlungen im Schaufenster, Krankenhäuser die wie First-class Hotels sind, 'Metzgereien' auf der anderen Seite, Warteräume die Wettbüros ähneln, frauenspezifische Untersuchungen ohne Trennwand zum Wartezimmer und auf mehreren Liegen gleichzeitig, Krankenewagen ohne Milchglasfenster...uvm.....alles schon erlebt.
Aber auch hier im gelobten Dt ist nicht alles so wie in der Schwarzwaldklinik.
In TW wird man zumindest behandelt. Aber wie auch hier sollte man das Internet hinzuziehen und die Diagnosen, Nebenwirkungen usw. selbst überprüfen die vom Arzt kommen, sofern man die Zeit hat.