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Montag, August 31, 2015

2004-2015, was hat sich verändert?

Heute Morgen fand ich eine Email im Postfach, in der ein Ex-Kommilitone fragte, was sich in Taiwan über die Jahre so verändert hat. Hier die schnelle Antwort, die trotz Pauschalitäten im Wesentlichen korrekt ist aus meiner Sicht.

Edit: Guter Hinweis in den Kommentaren: Ich beziehe mich hier eigentlich nur auf Taipei, wo ich mich eben fast immer aufhalte.


2004: Leute himmeln einen an wie ein Popstar oder starren mit offenem Mund. Kinder rennen kreischend hinter einem her.
2015: weitestgehend normal, moderat unfreundlich (hier fehlt: freundlich oder moderat freundlich gibt es auch ;-)

2004: Stinkende Müllberge in den Straßen. Leute kaufen ihr Essen direkt daneben und verzehren es sogar direkt neben riesigem Gammelhaufen (hier fehlt: nicht immer, aber manchmal). Treppenhäuser voller toter Ratten, Käfer und (Hunde-)Uringestank.
2015: Weitgehend saubere Treppenhäuse, innerstädtischen Müllhaufen größtenteils verschwunden

2004: fast ganz Taipei bis auf wenige Straßenzüge besteht aus grauen Plattenbauten mit rostigen Fenstergittern
2015: Obiges teilrennoviert und auf dem Rückschritt. Nobelviertel oder westlich aussehende Bauten verdrängen Schritt für Schritt den alten Schamott.

2004: Autofahrer fahren angetrunken abends Schlangenlinien (hier hat mich vielleicht auch das zeitweilige Landleben beeinflusst in der Erinnerung)
2015: Sehr viel seltener geworden

2004: penetranter Smoggeruch
2015: deutlich weniger

Fehlt noch:
2004: Nur Busse mit chinesischen Schriftzeichen im Viertel, ich habe keine Ahnung wohin die fahren und komme so gut wie nie raus.
2015: Großzügige Metro (MRT) - Anbindung im Viertel, alles prima erklärt mit lateinischen Buchstaben







 

Freitag, August 28, 2015

Taiwanwahlkampf! Hung, Tsai, Shih oder Soong?

Welchen Präsidentschaftskandidaten würden Sie in der nächsten taiwanischen Präsidentschaftswahl 2016 favorisieren? Frau Hung, Frau Tsai oder Herrn Soong?  Oder den Außenseiter Shih?

Anmerkung: Mühevoll habe ich eine Überschrift wie "Lieber Hung-over, zart be-Tsai-tet oder too-Soon(g) in China?" hier aus dem Titel verbannt.

Wenn im Januar 2016 gewählt wird, haben die Wählerinnen und Wähler des taiwanischen Wahlvolkes (streng genommen müsste man sagen: des Wahlvolkes der Republik China - die wir umgangssprachlich Taiwan nennen) die Wahl zwischen vier Kandidaten, von denen aber nur drei praktische Bedeutung haben. Außenseiter ist Shih Ming-Teh. Herr Shih war einst Mitglied und sogar Vorsitzender der derzeitigen Oppositionspartei DPP, der Democratic Progress Party, die in der Zeit der Diktatur in Taiwan schon für Demokratie und auch den Bruch der verfassungsrechtlichen Bezüge zu China eingetreten ist. Herr Shih hat aber den letzten Präsidenten aus der DPP -Chen- im Jahre 2006 massiv kritisiert und dabei die Rothemden-Bewegung ins Leben gerufen. Kritikpunkt war die recht extreme und offene Korruption der Chen-Regierung, wegen der Chen bis vor kurzem im Gefängnis saß. Herr Shih selbst saß lange vorher unter der Kuamintang(KMT)-Diktatur 25 Jahre im Gefängnis -als Dissident und Kämpfer für die Demokratie - und ist sicher ein ehrenhafter Mann. Chancen bei der Wahl hat er als Parteiloser aber wohl keine laut Wahlprognosen.

Shih, parteilos, Foto von Wikipedia

Seine Expartei, die DPP, tritt nämlich mit Tsai Ingwen an, die jedenfalls nicht unpopulär ist. Die Vorsitzende der DPP wirkt extrem ruhig und ist nicht gerade ein Massenmagnet. Im bisweilen aufgeregten taiwanischen Politklima wirkt sie mit ihrer ruhigen Persönlichkeit und der Erklärung, den Status Quo Taiwans zu China wahren zu wollen allerdings durchaus positiv. Natürlich will sie ihrer Parteilinie gemäß keine "Wiedervereinigung" mit China, aber eben auch keine "formale Unabhängigkeit" Taiwans. Ich merke hier gerne an, dass die Republik China aka Taiwan sowieso schon ein de-facto unabhängiger Staat mit eigener Währung, eigener Staatsbürgerschaft, eigenem Militär und eigener Regierung ist, aber im DPP-Lager würde man gerne die Bezüge zur chinesischen Vergangenheit aus der Verfassung und dem Staatsnamen streichen. Nur dass die VR-China für diesen Fall eben mit einem militärischen Angriff auf Taiwan droht, was diese Idee etwas problematisch macht. Aber Frau Tsai will ja auch dahingehend nichts verändern, sagt sie.
Frau Tsai ist die aussichtsreichste Kandidatin und wird bei 36% in den Umfragen gesehen (es wird eine Direktwahl des Präsidenten/der Präsidentin in einem einzigen Wahlgang geben und die Wahl des Legislativen Yuan aka Parlaments gleich dazu). Gefahrenpunkt hier vielleicht: Was wenn Tsai nach erfolgter Wahl mehr in Richtung formeller taiwanischer Unabhängigkeit geht als sie jetzt sagt?

 Tsai, DPP, Foto von DPP-Webseite

Einen Titelverteidiger gibt es nicht, denn die derzeit wieder regierende Partei KMT/Kuamintang, die höchstselbst die KMT-Diktatur in eine parlamentarische Demokratie überführt hat zwischen 1992 und 1996, muss mit einem neuen Kandidaten respektive einer neuen Kandidatin antreten. Eben weil der amtierende Präsident Ma Ying-Jeou (KMT), der dritte freigewählte Präsident der Republik China/Taiwan überhaupt, schon zwei Wahlperioden amtiert hat und daher nicht wieder antreten darf. Präsident Ma hatte eine i.A. als prochinesisch wahrgenommene Politik gemacht, mit wirtschaftlicher Annäherung an die VR-China, die 2014 nach massiven Studentenprotesten bis hin zur Parlamentsbesetzung zumindest teilweise gestoppt worden ist. Die für 2011 angekündigte "politische Union" zwischen der Republik China/Taiwan und der VR-China fand jedoch nicht statt. Ma gilt heute als unpopulär, doch positiv formuliert hat er eine Taiwan-China - Entspannungspolitik auf die angespannten Jahre der vorhergehenden Chen (DPP)-Präsidentschaft folgen lassen, unter der die VR-China dem kleinen Taiwan oft mit Krieg gedroht hat wegen der angestrebten "Unabhängigkeits"-Schritte.

 Hung, KMT, Foto von KMT-Webseite

Die KMT tritt heute mit Frau Hung Hsiu-Chu an, die als Hardlinerin und Anhängerin einer "nationalen Vereinigung" zwischen der Republik China/Taiwan und der VR-China gilt. Sie redet im Wahlkampf u.a. davon, "den nächsten Schritt in der Beziehung zu China" folgen zu lassen. Was damit gemeint ist, ist Beobachtern nicht völlig klar. Frau Hung redet sowohl davon, die Republik China aka Taiwan von der VR-China offiziell anerkannt bekommen zu wollen (eine solche offizielle Zweistaatlichkeit a la BRD/DDR ist völliger Science Fiction in Taiwan/China) als eben auch von der nationalen Vereinigung. Frau Hung gilt auch nicht gerade als Massenmagnet und ihre Aufstellung als Kandidatin wurde von vielen Beobachtern mit Erstaunen zur Kenntnis genommmen. Denn demographisch bedingt scheint die Popularität einer "Wiedervereinigungspolitik" in Taiwan eher auf dem Rückschritt zu sein (1949 aus China geflohene Wähler sterben weg) und ihre offenbar prochinesische Haltung steht zumindest im Gegensatz zum öffentlich wahrnehmbaren Klima unter jungen Leuten - vergleiche die erwähnten Studenten- und die aktuellen Schülerproteste. Frau Hung liegt nur bei 17% in der oben referenzierten Umfrage. Allerdings muss man beachten, dass Umfragen in Taiwan oft sehr stark das Meinungsbild des Auftraggebers widerspiegeln sollen.
Korruption findet bei der KMT immer sehr verdeckt statt, sagt man im Allgemeinen. Schließlich ist die KMT die alte Staatspartei Taiwans. Beleg dafür ist beispielsweise die derzeitige grenzwertige Kooperation mit dem "Weißen Wolf" aus der Bambusgang-Triade, der zur Zeit der Studentenproteste plötzlich aus dem chinesischen Exil auftauchte und von der Justiz mit Samthandschuhen angefasst wurde.

Soong, PFP, Foto von PFP-Webseite

Anfang August erst hat James Soong seine Kandidatur bekannt gegeben. James Soong ist altes KMT-Urgestein und seine jetzige Partei, die PFP (People First Party) unterstützt normalerweise auch die KMT im sogenannten Pan-Blauen - Lager (Blau ist die Parteifarbe der KMT, der Gegenpol zu Pan-Blau ist Pan-Grün, das sich um die DPP schart). Soong war im Jahre 2000 mit eigener Partei gegen den Präsidentschaftskandidaten Lien Chan (KMT) seiner alten Partei angetreten. Das war eine turbolente Zeit, als der Noch-KMT-Vorsitzende und amtierende Präsident Lee damals nicht mehr als Präsident wg. 2 Legislaturperioden Amtszeit antreten durfte. Lee hatte eine sehr DPP-ähnliche Politik gemacht und damit viele in der KMT von sich entfremdet. Aber eben auch die parlamentarische Demokratie eingeführt. In der 2000er - Wahl verlor Soong nur sehr knapp hinter Chen (DPP), der damals Präsident wurde. Erst 2012 trat Soong wieder zur Präsidentschaftswahl an, gegen den amtierenden Ma von seiner Expartei KMT und gegen Frau Tsai von der DPP. Soong erhielt nur um die 2% bei dieser Wahl.
Soong gilt offenbar als recht charismatisch, ist von der ideologischen Linie her auch eher ein Wiedervereinigungsfreund und trägt sicherlich den Ballast der Dikataturzeit mit sich herum (wie allerdings durchaus auch der amtierende Präsident Ma), gibt sich aber offenbar moderat im Wahlkampf. Vielleicht um Hung (KMT) Stimmen eher chinaneutraler KMT-Wähler abzujagen? Soong wird in der zitierten Umfrage bei hohen 24% noch vor Hung (KMT) gesehen, was mich angesichts seines letzten 2%-Resultats doch sehr verblüfft hat. Kann das stimmen? Was meinen Sie? Und wie würden Sie wählen - vergleiche die (gerade in Arbeit befindliche) Abstimmung hier im Blog.


Nachtrag: Der erwähnte Expräsident Lee, ehemals KMT-Diktator, dann Einführer der parlamentarischen Demokratie, ist heute in der von ihm ins Leben gerufenen Partei TSU (Taiwan Solidarity Union), die allerdings keinen eigenen Präsidentschaftskandidaten aufgestellt hat und stattdessen Frau Tsai von der DPP unterstützt. Die TSU gehört zum Pan-Grünen Lager wie auch andere Kleinparteien.

Bisherige frei gewählte Präsidenten "Taiwans" (der Republik China):

1. Lee Teng Hui, ehemals KMT, heute TSU, 1992-1996 (indirekt gewählt), 1996-2000 (direkt gewählt)
2. Chen Shui-Bian, ehemals DPP, heute parteilos, 2000-2008
3. Ma Ying-jeou, KMT, 2008 bis heute

EDIT: Die Poll/Wahl ist oben rechts im Blog zu sehen. Mobilgeräte zeigen das leider nicht an.Einen Link konnte ich leider nicht finden/produzieren dazu, jedenfalls keinen funktionierenden.
Auf einem PC/Notebook guckt man einfach oben rechts ins Blog, wo das Wahl-Gadget ist.

Donnerstag, August 27, 2015

Kennen Sie Thaiwan?

Taiwan und Thailand werden gerne verwechselt, hier zwei Links aus dem Forum Forumosa.com:

In "Thaiwan" bei McDonalds gibt es eine niedliche Bedienung, der dieser US-Artikel gewidmet ist: http://www.bostonnewstime.com/regional/116089-mcdonald-s-goddess-hsu-wei-han-in-thaiwan-is-their-most-attractive-worker.html

Und die familiäre Herkunft aus "Thaiwan" spielt hier bei einem US-Politiker irgendeine Rolle: http://www.theblaze.com/stories/2013/02/26/progressive-group-mounts-racist-attack-against-mitch-mcconnells-wife/
Habe mir nicht die Mühe gemacht, das alles zu lesen. Die Fotos der Bedienung habe ich natürlich eingehend studiert, um Hinweise auf ihre Herkunft zu bekommen. Gemeint ist offensichtlich immer Taiwan, nicht Thailand.

 Taiwan (bei Yilan), nicht Thailand, kapische?


Selbst bin ich einst vor der Eheschließung mit meiner taiwanischen Frau gewarnt worden, weil die "Thailänderinnen" eben angeblich ihren deutschen Ehegatten immer das Geld abnehmen und es, wie die Erfahrung lehrt, an ihre Familie überweisen. Nun, nachdem ich jahrelang immer allen erklärt habe, dass die Dinge in Taiwan ganz anders als in Thailand sind, ist mein Geld komplett bei der Familie meiner Frau angekommen, allerdings investiert und nicht einfach weg. Lustigerweise in Manila, Philippinen, wovor man auch gern warnt. Ein bisschen komme ich mir vor wie ein Arzt, der jahrelang vor der Krebsgefahr des Rauchens warnt und die Inhalation von frischer Bergluft in Dosen empfiehlt. Und dann Krebs von den Konservierungsstoffen der Bergluftdosen bekommt. Wenn sie den Vergleich verstehen.

Äh.... Viele Grüße aus Thaiwan wünscht...

Ludigel

Mittwoch, August 26, 2015

Dein innerer Buddhist

Wie auch andere Expats wurde Ludigel von der fernöstlichen Weisheit seiner Gastgeber angezogen

Viele Expats werden, wenn sie lange genug in Asien sind zu Buddhisten. So ich natürlich auch, klar. Wer könnte sich der Weisheit des Gastgebervolks entziehen, das seine meditativ ruhige fernöstlich weise Art ja tagtäglich beispielsweise im Straßenverkehr demonstriert. Nun gibt es andere Expats die einwenden, hier in Taiwan gäbe es gar keinen Buddhismus sondern die i.d.R. den chinesischen Götterhimmel Anbetenden seinen in Wirklichkeit.... äh ... irgendwas anderes. Doch ehrlich gesagt, solche Klugscheißerei kann einen richtig überzeugten Buddhisten wie mich natürlich nicht vom täglichen Anbetungsgeschäft abhalten. Schließlich kannte man auch bei der letzten Religion nicht den Unterschied zwischen Arianern und Trinitarianern und hat das mit der Heiligen Dreifaltigkeit eh nie so ganz verstanden. Weil damals die Grundschullehrerin folgendes sagte:

"Also das mit der Heiligen Dreifaltigkeit erkläre ich euch mal. Das ist so....."
[sie legt die Stirn in Falten]
"Ach neh, da seit ihr noch zu klein zu."

 Heilige Dreifaltigkeit (zweite Reihe nicht mitgezählt)

Man wird dann größer im Laufe der Jahrzehnte, aber kriegt es immer noch nicht erklärt. Aber heute ist man ja Buddhist. Mir geht es da so wie einem Deutschen, der vor ein paar Jahren im deutschen Fernsehfunk Berühmtheit erlangte, als er mit seiner Familie nach Kambodscha auswanderte. "Nur durch den Buddhismus kann ich meine wilde innere Natur zügeln" schrieb er sinngemäß. Ich weiß nicht, wie es ihm ging, aber ich sitze natürlich mit meinem muskelbepackten eingeölten Oberkörper andachtsvoll im Tempel, das orange Stirnband um und das Schnellfeuergewehr draußen an den Bambustempel gelehnt. Nur die Ruhe des Buddhismus, wenn er denn gerade einer ist, kann da die innere Bestie zur Ruhe bringen. Und der gratis Ingwertee.

Wie dem auch sei, auch die tieferschürfende Theologie will ich dem geneigten Leser nicht vorenthalten. Bei den vielen Göttern verliert man schon mal den Überblick. Doch ich will es Ihnen schnell erklären: Desto Rauschebart und desto Augenleuchten, desto heiliger. So einfach ist das mit den vielen Göttern. Manche dampfen sogar, die sind dann noch heiliger. Das ist ergo anders als im Christentum, da dampft nur der Leviathan und das ist der Teufel. Kann man sich leicht merken.

Und natürlich gibt es die hiesigen Götter wirklich, hier ist der oberste, Xian Sheng Drachengott himself, von mir im Bilde festgehalten: http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/07/ein-drache-im-foto.html



Typisch Taiwan, oder? (Update)

Taiwan hat es mit einer bizarren Story mal wieder in die deutschen Nachrichten geschafft

Taiwan aka Republik China (mit vollem Staatsnamen) ist bei Spiegel.de präsent derzeit. Nicht etwa, weil Taiwan eine der wenigen parlamentarischen Demokratien in Asien ist und bald 2016 wieder Präsidentschaftswahlen sind - der Wahlkampf läuft - oder weil beide maßgeblichen 'Präsidentschaftskandidaten" eben Frauen sind. Nein, der Anlass ist ein tollpatschiges Kind, das mit einem Getränkebecher in der Hand in einem Museum stolpert, sich mit dem Getränk in der Hand an einem 1.5-Millionen teuren Bild abstützt und es dabei ruiniert. Das Video dazu kann man hier sehen:
http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/museum-in-taiwan-junge-stolpert-und-zerstoert-1-3-millionen-gemaelde-a-1049651.html 

Trotzdem gebe ich zu bei dem Video sofort gedacht zu haben: Typisch Taiwan! Es handelt sich zwar bei dem zuckrigen Bildersturm nur um eine kleine Katastrophe im Vergleich zu anderen. Aber erst kürzlich hat z.B. die britische BBC den Taiwanern "den Kopf gewaschen" in einem harschen Artikel. Nämlich wegen der zahlreichen taiwanischen Katastrophen in der letzten Zeit, die offenbar alle durch sträflich missachtete Sicherheitsvorkehrungen entstanden sind: http://osttellerrand.blogspot.tw/2015/07/bbc-wascht-katastrophen-taiwan-den-kopf.html

Und in diesem Fall muss man schon fragen: Warum darf ein Kind mit einem teilweise offenen Getränk herumlaufen in einem Museum, in dem so kostbare Gemälde gezeigt werden? Wenn ich an meine Museumsbesuche aus der Schulzeit denke, da wurden wir von strengen Museumswächtern schon zur Ordnung gerufen, wenn wir nur in der falschen Tonlage andächtig "uiiii" geraunt hatten. Eine Oktave zu hoch und man wurde fast am Ohr gezogen. Und in Taiwan? Da darf ein Kind mit Getränk in der Hand fröhlich durch die Gegend ziehen. Anders habe ich freilich das Nationale Palastmuseum in Taipei in Erinnerung, wo der alte chinesische Kaiserschatz zu sehen ist. Da stehen auch überall Wächter herum, meine ich mich zu erinnern. Aber da geht es ja auch um die heiligen Grale der chinesischen Kultur, die man in Taipei gern hoch hält. Und nicht nur um "English-Teacher"-Kunst. Denn "Weiße" kennt man in Taiwan eben meist als Englischlehrer und über die rümpft man schon mal die Nase.
Ich gebe zu, ich hätte Hemmungen, große Kostbarkeiten an Taiwan zu verleihen, so lax wie man hier eben Sicherheitsvorkehrungen sieht. Gut, dass die Bilder nicht im Freien gezeigt wurden. So oft wie es hier Dusche-ähnliche Regenfälle gibt ;-)

Update: Hier näheres zum beschädigten Bild, auch Fotos: http://www.theguardian.com/world/2015/aug/25/boy-trips-in-museum-and-punches-hole-through-million-dollar-painting
Und leider kann es für die Familie des Jungen, der den Schaden verursacht hat, ein finanzieller Alptraum werden, auch wenn das Museum keine Ansprüche stellen will (es entscheidet der Versicherer, nicht der Geschädigte darüber): https://taiwanlawblog.wordpress.com/2015/08/25/boy-who-punched-hole-in-painting-may-still-be-liable-for-monetary-damages/
Denn Haftpflichtversicherungen hat man in Taiwan oft nicht.

Dienstag, August 18, 2015

"This is my country!" (Update)

Ludigel will eigentlich nur das Auto umparken

Im März hatte ich geschlagene drei Parkplätze in der Nachbarschaft zur Verfügung, brauchte aber doch oft fünf Minuten um den dicken Volvo in den schmalen Gassen einzuparken. Parkplatz 1 ist der Familienparkplatz, noch von anderen genutzt. Parkplatz Nummer 2 wurde deshalb gemietet, in einer Tiefgarage. Die ist allerdings nur über einen Autolift zu erreichen der so schmal ist, dass es mir einmal die Verkleidung des linken Außenspiegels weggehauen hat in dem Ding. Daher haben wir dann Parkplatz Nummer 3 gemietet (2 ist heute wieder aufgegeben). In einer schmalen Gasse ganz in der Nähe. Nur dass die Leute sich dort angewöhnt haben, immer in zweiter Reihe die geparkten Autos zuzuparken. Ohne Telefonnummer am Auto.

 Die Nachbarn guckten von den Balkonen...


Spät abends zwischen 10 und 11 gehe ich also immer los und parke das Auto vom etwas weiter weg liegenden Parkplatz 3 auf Parkplatz 1 um, weil der dann frei ist und näher an der Wohnung liegt. Damit Frau morgens nicht so weit laufen muss. Oft ist der Wagen dann zugeparkt. Dann rufe ich Frau an, die ruft die Parkplatzvermieterin an und die telefoniert in der Gegend rum, bis nach etwa zwanzig Minuten irgendein Depp aus den Wohnungen rennt, "paisei paisei" ruft, wie immer man das auch schreibt und seine verdammte Karre wegfährt. Oder rummault dabei, wenn es der Kerl mit dem dicken weißen Infiniti-SUV ist, der das Format eines veritablen LKWs hat. Das Auto, nicht der Kerl. Sogar mein Volvo sieht klein aus dagegen.

Nun hatte ich gerade Terminator::Genisys gesehen, den neuen Streifen mit Arnold, der zwischenzeitlich Gouverneur von Californien war und war gerade kurz vor Schluss gewesen, als Frau sagte, ich solle den Müll rausbringen (ohne richtig funktionierende Müllabfuhr in Taiwan ist das auch so ein Abenteuer) und dann natürlich auch den Wagen umtopfen. Nun parkte eine alte rote Mercedes S-Klasse mich und zwei andere Autos zu. Anständige Taiwaner liegen natürlich zu dieser späten Stunde längst in den Betten und träumen von Laotse und Konfuzius, das ist klar. Nur wir merkwürdigen Ausländer sind da nachts noch auf den Beinen unserer finsteren Umparkgeschäfte wegen. Und ich hatte auf die 20 Minuten Ringelpietz mit Anfassen und Telefonieren einfach keine Lust. Und warum eigentlich kaufen Taiwaner immer das maximal größte erreichbare Auto, vergessen aber einen Parkplatz dafür zu mieten? Gut, meine Frau wollte ja auch unbedingt den dicken, teuren Volvo.

 Was ist denn das für ein Radau?


Also drückte ich auf die Hupe. Dauerhaft. Immer wieder. Wirklich lange. Weil irgendwann wird dann ja wohl jemand kommen. Tatsächlich trudelte als bald die gesamte Nachbarschaft im Schlichtwohnviertel ein. Hinter den Gittern (Gardinen haben sie hier nicht, ist Konfuzius dagegen oder dergleichen) oder unten aufgeregt vor meinem Volvo und dem Benz auf der Fahrbahn rumrennend. Ich zeigte mehrfach fragend auf den dicken Mercedes und ging dann weiter meinem Hupgeschäft nach. Es schien so, desto schneller ich die Hupfrequenz wählte, desto schneller liefen auch die Leute herum. Lustig irgendwie. Vielleicht sollte ich mal eine Melodie hupen. Kennt jemand ein chinesisches Volkslied? "Sah Chiang Kai Shek ein Röschen stehen" oder irgendwie sowas. "Muss ih denn, muss ih denn zum Tempele hinaus..:", das kennt man doch, oder?
Und wo hatte ich nur die Hauptdarstellerin in Terminator::Genisys schon gesehen?

So grübelte ich hupend vor mich hin, da sprach mich ein Anwohner auf Englisch an.

"Why so angry?" fragte er. "Warum so ärgerlich".
Seine Frage machte mich jetzt wirklich ärgerlich. Hupt man weil man ärgerlich ist oder weil man einfach mit dem Auto aus der Parklücke fahren will, wenn sie zugeparkt ist?

"I am not angry. I just press the horn so someone is coming", antwortete ich jetzt nicht mehr wahrheitsgemäß. "Ich bin nicht ärgerlich, ich drücke nur die Hupe damit jemand kommt."

Ich unterbrach kurz mein Daherhupen (die Nachbarn standen alle abrupt bewegungslos da, als die Melodie aufhöre) und hörte ihm zu, als er mutmaßte, zu welcher Wohnung der Mercedes gehören würde. Da setze er zu einem Fragenkatalog an.

"Is this your parking lot? Do you live here?" ... "Ist das Ihr Parkplatz. Wohnen Sie hier?"

Klar, dachte ich, ich muss dir um 22.10 meine Credentials/Referenzen geben, wenn ich nur mein Auto aus der Parklücke fahren will. Ich kenne das ja. Gehe ich an meinem Auto vorbei bei Regen und nehme einen Regenschirm raus, stratzt jemand aufgeregt zu meinem Auto und macht ein Foto davon. Langnase brechen Auto auf. Oder parke ich auf meinem Parkplatz, erklärt mir jemand, ich könne da nicht parken. Weil Anwohnerparkplätze. Und so wie ich sehen Anwohner eben nicht aus. Oder wollen mich nicht ins Mietshaus reinlassen, wie der Tattergreis bei uns im Haus. Gut, oder sie sagen "Welcome in Taiwan" (haben sie aber um 2011 damit aufgehört), wenn ich noch mal was aus dem Auto hole. Immer fühlen sie sich mir gegenüber vor meiner eigenen Haustür als territoriale Sachwalter offenbar.

"Yes I live here. Yes this is my parking lot. And this is my country!".

"Ja ich wohne hier. Ja, dies ist mein Parkplatz. Und dies ist mein Land!"

Den letzten Satz sagte ich mit geschauspielter Inbrunst und großer Geste, mit meinen zum Himmel gereckten Armen gewissermaßen das  ganze Land Taiwan aka Republik-China einschließend.

"The last one was a joke", "Das letzte war ein Witz", wollte ich noch hinzufügen. Da fiel mir auf, dass der Nachbar schon wieder schnellen Schrittes auf seine Haustür zurannte. Bei emotionalen Gesten geraten sie immer in Panik, die Taiwaner. Dabei hatte ich noch mehr in Petto, hätte mich als Präsident Ma Ying-Jeou vorgestellt, wenn er weiter gefragt hätte. Aber so war er weg und ich ging wieder zum Dauherhupen über. Die Nachbarn nahmen wieder ihren Squaredance auf.

Irgendwann kam dann eine junge Frau aus dem Hause, sagte "Paisei Paisei" und ich bedankte mich. Als ich den Wagen aus der Parklücke gefahren hatte, musste ich wieder diese Parksperre zuklappen. Die ist aus Metall und macht so einen Wahnsinns Krach jedesmal. KAWUMM ging es. Wieder hielt das ganze Duzent Versammelter an und alle guckten mich an. Bestimmt dachten sie jetzt alle, ich sei unheimlich wütend. Dabei ist es nur die Mechanik. Ich ging aufs Auto zu. Immer noch guckten mich alle an als sei sonstwas passiert.

"Prima", dachte ich. Da will man nur seinen Wagen umparken und stattdessen ist man in einer Situation, sich im soziokulturellen Kontext der gesamten Nachbarschaft einordnen zu müssen. Unglaublich.

Alle starrten mich an. Ich verharrte in der Fahrertür. Die großen Augen der Mercedesfahrerin leuchteten wie Suppenteller aus dem roten Benz. Ich machte den V-Zeichen. Das machen die Taiwaner ja immer auf Fotos. Und außerdem steht es ja auch für "Zwei" und der rote Mercedes hatte mich bereits zum zweiten Mal zugeparkt.

Game of Thrones. Da hatte ich die Hauptdarstellerin schon gesehen. Kaum wiederzuerkennen.

Update: Gestern abend wieder das selbe Theater. Ein alter Toyota mit verfärbtem schwarzen Lack, der sich weißlich abschälte, parkte meine Kiste zu. So doof geparkt, dass ich fast noch hätte raus können. War ja nicht genau so lang wie die S-Klasse am Vorabend. Aber eben nur fast. Auch Dauerhupen weckte um 23 Uhr niemanden mehr. Bis auf die Tochter der Vermieterin, eine nette Lehrerin in den 50ern, die dann mit mir durch die nächtliche Straße schwebte und an mehren Türen klingelte, um den Fahrer des Wracks zu ermitteln. In der Hand hatte sie offensichtlich eine KFZ-Liste! Deswegen parken sich die Schlumpis hier also immer gegenseitig zu, weil sie dann ggf. das Wegfahren koordinieren. In einer 20-minütigen Aktion, die mir bei 12-16 Stunden-Arbeitstagen doch immer auf den Magen schlägt, geht sie doch von der knappen Freizeit ab. Gestern Abend ließ sich aber der Halter nicht ermitteln, er war nicht auf der Liste, sagte mir die Dame mit Händen und Füßen ob meines stadtbekannten Pidgin-Chinesisch.
Doch es gibt offenbar einen Parkservice der Polizei! Meine Frau rief die Polente an, die dann ihrerseits den Fahrer des Autos anrief. Perfekter Valet-Parkservice. Na Kunststück, Parkwächteruniformen haben sie ja schon an die Sheriffs. Wie dem auch sei, keine fünf Minuten später kamen zwei junge Männer buchstäblich angerannt. Beide mit zotteligen Haaren und Totenkopf-T-Shirts. Ich atmete unwillkürlich tief ein - sicher ein evolutionärer Mechanismus um das Muskelgewebe mit Sauerstoff und ATP zu versorgen, doch die beiden an Juniorverbrecher gemahnenden jungen Männer entschuldigten sich bei mir und der permanent schimpfenden Lehrerin viele Male, winkten mir zu und verschwanden dann paisei paisei paisei sagend mit ihrem alten Toyota. Habe da hoffentlich keinen Bruch gestört oder sowas. Ich winkte ihnen auch zu und rief freundlich: "Just don't do it again!". Andererseits war ich ganz froh um die Unterbrechung diesmal, haben wir doch auf meinem zentralen Schreibtisch-Client ein Tool installiert, mit dem wir auch vom Notebook zu Hause mein ganzes Schreibtischnetzwerk aus derzeit 10 realen und 15 virtuellen Rechnern fernsteuern können. Das Schreibtisch-Lab, das ja offenbar als einziges "Laboratorium" VMware - Zertifizierungen in Taiwan durchführt und damit ganze Batterien von weißkitteligen Taiwanern im ein-Ludigel-Modus ersetzt. Und so um 23 Uhr konnte ich eine 20-minütige Pause mal ganz gut vertragen und amüsierte mich, unter der Straßenlaterne von Merkels Griechenland-Pyramidensystem (Spiegel) zu lesen. Nach dem Motto: 100 Milliarden Euro hinterher geworfen sind gut, wenn sie erst bei der nächsten Regierung/Währungsreform in den Büchern aufschlagen und nicht schon in der Herrschaftszeit der Heiligen Merkel. Da schmunzelt man unter der Straßenlaterne am östlichen Tellerrand der Welt über die westlichen Katastrophen von Morgen.


Donnerstag, August 06, 2015

Yehliu Kap, nahe "Queen's Head"



Nur ein schneller Schuss vorab. Küste ganz an der Nordspitze Taiwans, am Yehliu Kap, wo man guter Hoffnung sein kann, gegen Zahlung von 400 NT (etwa 10 Euro) die berühmte Steinformation "Queens Head" im Yehliu Geopark sehen zu können. Überlaufen wie es war haben wir uns nicht in die 30 Reisegruppen  - viele sicher aus der VR China herüber gekarrt - eingereiht, sondern haben lieber die Küste direkt daneben besucht, wo auch dieses Foto entstanden ist. Ich will mal daheim in der Fotokiste suchen, ob ich noch die vom Fotogeschäft um 2003 oder 2004 eingescannten Analogfotos von meinem damaligen Besuch von Queen's Head finde - die Negative lagern jedenfalls im fernen Deutschland.

Oben ein schnelles nächtliches Foto mit der Immer-dabei-Kompaktkamera (Casio Exilim Z1000), die ich statt der Handykamera verwende. Der Vorteil so einer richtigen Kamera ist eben, dass man sie auch einfach mal mit Selbstauslöser auf die Ufermauer stellen kann für eine Aufnahme mit sehr wenig Licht wie hier im Bild. Man sieht deutlich, dass die kleinformatigen Kompaktkameras (wie auch Handykameras) heftiger als DSLRs auf die allgegenwärtigen elektromagnetischen Störungen reagieren, die sich in Form von Bildrauschen niederschlagen.
Entstanden ist das Bild am Parkplatz vom Yeliu Geopark als ich nächstens das Auto umparkte.

Erweiterte!

Der neue Drogerieschlachtruf: Erweiterte!

Deutsches ist als Werbeträger in Taiwan beliebt. Hatten wir im letzten Beitrag die scheußliche Verwendung von Nazisymbolik - so ist es diesmal viel harmloser. Hmmm... hätten Sie als deren Marketingmensch in Taiwan die Box auch so gestaltet?


Manche deutschen Worte sagt man viel zu wenig. "Erweiterte" und das aktuelle Medienthema-Wort "Landesverrat" gehören sicher dazu. Oder wie wäre es mit einer Kombination aus beidem? Noch mit kleinem "r" dazwischen natürlich.

P.S.: Und erweiterte Eitelkeit heute im Blog. Im Blog-Header ist ab sofort der Hinweis auf das Gründungsjahr 2004 dieses Blogs enthalten. Auch wenn das erste Jahr nur aus einem einzigen Posting bestand. Damals wusste ich mit dem "neuen Medium" Blog noch nichts rechtes anzufangen. Und heute haben sich Blogs fast schon wieder erledigt, dank Facebook, Twitter und Instagram. Bislang war 2007 als Gründungsjahr angegeben, weil ab dann die Postings (fast) ausschließlich auf Deutsch sind ;-)

Dienstag, August 04, 2015

Schülerproteste Taipei

Privat und beruflich eingespannt ist es völlig an mir vorbei gegangen.

Taiwans Schüler der Klassen 10 bis 12 führen derzeit massive Proteste bis hin zur Umzingelung des Regierungssitzes in Taipei durch (siehe etwa im Blog von Klaus Bardenhagen: http://www.intaiwan.de/2015/08/03/schueler-proteste-taiwan-geschichtsbuecher/). Anlass für die Proteste ist das Umschreiben der Schulbücher zum Thema Geschichte durch die derzeitige chinafreundliche KMT-Regierung des Präsidenten Ma Ying-Jeou. Ein wegen Eindringens in das Erziehungsministerium verhafteter Schüler hat Selbstmord begangen, offenbar nachdem er von seinen Eltern unter Druck gesetzt wurde.
Konkret sollen die Geschichtsbücher wohl eine eher chinazentrische Sichtweise bekommen. Passend dazu, dass sich die regierende KMT eben als "chinesische" Partei ansieht - freilich nicht im Sinne der VR-China sondern sich aus dem Umstand erklärend, dass die KMT einst über China geherrscht hat, bis ihre Regierung 1949 vor den chin, Kommunisten auf die Insel Taiwan geflohen ist, die damals eine japanische Kolonie war.

Von den Protesten habe ich nichts mitbekommen. Frau (nicht im Bild), Junior und meine Wenigkeit tingeln derzeit viel an Ausflugsorten herum und wollen Taiwan noch mal genießen. Droht doch evtl. bald unser Wegzug aus der Roc-Republik.

Damit schließen sich Schüler-Proteste gegen Taiwans (freilich 2x frei gewählte) KMT-Regierung an die 2014er Studentenproteste an. Damals wurde das Parlament besetzt und gegen eine weitere wirtschaftliche Annäherung Taiwans an China protestiert. http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/03/demo-in-taipei-mit-300000-menschen-oder.html.

Und ob es nun ein oder zwei Chinas gibt verliert doch irgendwie seine Spannung, wenn man die Diskussion 11 Jahre lang gehört hat. Wie wäre es mal mit zwei Taiwans stattdessen. Spalten wir uns doch in Norden und Süden, das verwirrt dann auch die Chinesen. Oder noch besser in Osten und Westen mit Taipei mitten durch geteilt.

Für die 2016er Präsidentschaftswahl schlägt der KMT sicher ein strenger Wind ins Gesicht. Da sich jüngere Taiwaner immer weniger als Chinesen und eher als Taiwaner ansehen, können sie mit der China-Nostalgie der das chinesische Erbe pflegenden KMT wenig anfangen. Demografisch gesehen werden die jüngeren Taiwaner natürlich einen immer größeren Anteil der Wählergemeinde stellen. In der 2016er-Wahl kann Präsident Ma Ying-Jeou (KMT) nicht wieder antreten. In seine Fußstapfen will die KMT-Hardlinerin Hung treten, die einerseits von "nationaler Vereinigung" mit der VR-China redet, andererseits aber auch die existierende Republik China alias Taiwan als eigenen Staat durch Peking anerkannt bekommen will.
Ihr Gegenüber ist die Oppositionskandidatin Tsai (DPP) aus dem die Eigenständigkeit Taiwans betonenden "Taiwan-Independence"-Langer, die sich moderat gibt.

Von einem Wahlsieg der DPP wird ausgegangen. Jedoch denke ich nicht dass es angemessen ist, die KMT schon endgültig als gescheitert oder gar in ihrer Existenz gefährdet anzusehen, wie das viele Kommentatoren der Expatszene tun. Sollte die DPP etwa wieder einen großen Korruptionsskandal haben wie unter der letzten DPP-Präsidentschaft 2000-2008 unter Präsident Chen (DPP), dann kann das politische Klima sicher in künftigen Legislaturperioden wieder in Richtung KMT umschlagen, selbst wenn Studenten und Schüler dann wieder oder immer noch gegen die Regierung auf die Barrikaden gehen. Das Phänomen ist ja auch in westlichen Gesellschaften bestens bekannt und nur für das früher familiär strenge und ehemals autoritär regierte Taiwan ein neues Phänomen.

EDIT: Ein Beispiel für "chinesische Geschichtsauslegung" sei im Folgenden genannt:

Im Zweiten Weltkrieg war die Insel Taiwan japanische Kolonie und Taiwaner kämpften in Uniformen der japanischen Armee gegen die Amerikaner. Trotzdem fand in Taipeis Straßen kürzliche eine Siegesparade zur Zelebrierung des Anteils der Republik China (die wir ja umgangssprachlich Taiwan nennen) am Sieg über Japan statt. Klingt widersinnig, erklärt sich aber aus der Identifikation der regierenden KMT und dem sino-taiwanischen Mainstream in Taipei mit dem alten China, das Gegner Japans war. Hier gibt es freilich auch keine militärischen Erfolge gegen Japan zu verzeichnen sondern nur Niederlagen, Schmerzen und Qualen. Aber Feiern sind ja immer ein Wert an sich.