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Mittwoch, April 29, 2015

Taipei-NeiHu, Schatten

Ein paar Eindrücke aus der Nachbarschaft. 

In der letzten Zeit hatte das Blog viel negatives. Unfälle aus der Presse und kleiner und mittlerer Alltagsärger geben dem mit Taiwan nicht vertrauten Leser schnell ein negatives Bild vom Land. Positive Beiträge sind auch deswegen unterblieben, weil wieder mal mein Magen grummelte. Letzteres waren allergische Symptome auf irgendetwas reagierend was die Firmenkantine verkocht. Insbesondere Öliges führt bei mir schnell zu Magenbeschwerden und mittlerweile sogar Brechreiz. Ob das daran liegt, dass immer noch das Tierkadaver-Östrogen-Verhütungsmittel-Psychopharmaka - Speiseöl aus dem letzten Kochskandal verwendet wird? Ich weiß es nicht. Brot und Obst trugen zu meiner Genesung bei und daher will ich schnell ein paar nette Bilder posten, bevor das nächste Gift im taiwanischen Essen mich wieder erwischt hat. Und ja, für mich allein wäre die Lebensmittelsituation in Taiwan Grund zum sofortigen Wegzug, aber so einfach ist das halt nicht mit Junior und taiwankoheränter Frau, die alle Lebensmittelskandale trotz eigener Magenbeschwerden für Ausländerenbildung hält.

Sonntägliches Entspannen im Keelung-Riverpark in Taipei-NeiHu. Hier kann man unter dem Baum plastiniertes Essen zu sich nehmen und Eistee aus der Plastikflasche, der taiwantypisch auch Kunststoff (eben DEHP, Flüssigkunststoff) enthält. Halt stopp, es sollte ein positiver Beitrag werden.

Auch das wenig hübsche Taipei-Zhonghe (Jonghe, Jhonghe, Chungho,....) wird zwar nicht hübscher, aber dafür weniger hässlich. Statt dem Parkplatz gab es hier früher eine verfallende rostige Wellblechfabrik, so sieht das viel hübscher aus. Park und Bäume stehen auch auf dem alten Fabrikgelände, sind aber nicht im Bild.

Rechts daneben verschönern "Pierre" und whats-his-name auch nicht gerade die Landschaft finde ich. Na ja, Ansichtssache.

So recht klappt es mit dem positiven Spin des Artikels auch wieder nicht. Wahrscheinlich, weil ich die nächsten Magenprobleme schon wieder antizipiere. Selbst Brote belegen ist in Taiwan in der Tat die Lösung, da weiß man was man hat. Apropo H, hier ist eine andere Methode zur Verschönerung der immer noch dominierenden Schlichtwohnungen in Taipei, einfach ein weißes Auto davor parken.

In wenigen Jahren wird das auch nicht mehr stehen, man sieht überall wie hier ganz in der Nähe, wie große Wohnhäuser (oder auch Bürohäuser) die alte Schlichtarchitektur verdrängen. Dabei hat dies Haus in der Mitte ja sogar ein paar architektonische Akzente. Solche Wohntürme wie die noch blau verpackten hier haben meist eine neoklassizistische Fassade, die immer ein bisschen an Stalins Zuckerbäckerstil erinnert und eine schlossähnliche Empfangshalle. Teurer wird der Wohnraum dann wohl werden. Die Bauprojekte nennen sich teilweise "Frence Hotel", was "French Hotel" werden sollte - auch wenn es gar kein Hotel wird - und wohl vornehm klingen soll. Oder auch Paris Palace oder Glory Garden oder Luxus Villa oder wie auch immer.

Jetzt hat mir der bittere, sämige Brei, den die Taiwaner für frischen Kaffee halten, wieder die Laune und halb den Magen verdorben. Also weg mit dem Zeug und schnell ein Foto von schattigen Bäumen ganz in der Nähe von meiner Wohnung gezeigt. Ohne abschließende sarkastische Bemerkung.

***

Und ein interessanter Link zum Thema Nahrungsmittelsicherheit, der hervorhebt, dass die jüngst gefundenen Verunreinigungen oft schon seit Jahrzehnten im Essen in Taiwan sind. Interessant auch der erwähnte Umstand, dass 2/3 aller Nahrungsmittel-"Provider" in Taiwan (das schließt Garküchen und Speiseölhersteller etc. ein) illegal und nicht überwacht arbeiten.

Freitag, April 24, 2015

Taiwan interessant für ausländische Experten?

Immer wieder wird erwähnt, Taiwan wolle vielleicht in Zukunft ausländische Experten anwerben wie Singapur oder dergleichen und sein Immagrationsrecht ändern. Diese Geisterdiskussionen versickern immer schnell wieder und langjährige Expats äußern sich fast immer kritisch. Was hat es also damit auf sich?

ACHTUNG: Linksammlung zur Arbeitswelt in Taiwan am Ende!

Wenn man ins Ausländerforum guckt wie Forumosa.com, dann werden solche Pläne Taiwans, ggf. in Zukunft gezielt ausländische Experten anwerben zu wollen, meist sehr kritisch kommentiert. Auch bei Facebook in entsprechenden Expatgruppen. Argumente sind meist
(a) Politiker reden immer nur drüber und machen eh nix,
(b) Gehaltsniveau zu niedrig,
(c) toxisches Arbeitsumfeld i.S.v. "unangenehm/mit großem Konfliktpotential für den Ausländer" und
(d) "Karrieregrab"

Das klingt alles nicht sehr ermutigend. Ich möchte das einmal mit meinen persönlichen Erfahrungen in drei taiwanischen Unternehmen vergleichen und dann eine Einschätzung gemäß (b) bis (d) für diese Unternehmen vornehmen. Die Namen der Unternehmen werden nicht genannt und einzelne Geschäftsvorfälle nur unscharf wiedergegeben, wenn sie längst im Nebel der Geschichte versunken sind.

Die Namen der Unternehmen sind geändert.

I. Unternehmen OKAYO. 
Meine Tätigkeit etwa: 2004-2006
Noch heute existent (stark geschrumpft)
Etwa 50 Mitarbeiter. Geführt von Ehepaar, wo sie das "Business" machte und er die Entwicklung.
Produkte: USB-Kabel und dergleichen (auslaufend), USB-Festplattengehäuse, teilweise mit Hardwareverschlüsselung. Produkte heute ähnlich im SATA und RAID-Bereich, also immer noch Festplattensysteme

Im Jahre 2004 musste ein Job schnell her. Meine Frau brach die Zelte in Deutschland ab, als mein "Dot-Com-Bubble" - Arbeitgeber dort, der schöne kryptographische Sofware gemacht hatte, in die Insolvenz ging. Da musste es Taiwan sein und weil mein Arbeitgeber die letzten Monate das Gehalt nicht mehr gezahlt hatte, war mein Konto leer und ich nahm die erste Zusage an, auch wenn ich nur die Hälfte meines letzten Softwareentwickler- plus Produktmanager - Gehalts bekam - als Produktmanager.

Arbeitsstil im Unternehmen: Sehr herrischer Führungsstil durch die Chefin, die viel im Unternehmen herum schrie. Mitarbeiter rannten mit devot gesenkten Köpfen hinter ihr her. Totales Mikromanagement durch eine freilich sehr fähige Chefin, die aber eben jedem Mitarbeiter oft einzelne Arbeitsschritte abnahm. Eigener geistiger Input wurde in der Regel aus Zeitgründen nicht beachtet oder grundsätzlich verworfen. Chefin war immer und überall und behandelte ihre Businesssektor-Mitarbeiter eher wie Drohnen. Dieser Micromanagement genannte Führungsstil soll in kleineren taiwanischen Unternehmen üblich sein, wie man hört.

Business-Model des Unternehmens: Sich knapp hinter einem großen Technologieführer positionieren (i.d.R. US-Unternehmen oder auch japanisches mit Ingenieurbüro anderswo in Taiwan und Produktion in China) und dessen NEUE Produkte nachmachen und eine verbesserte Version dieser Produkte zusätzlich anbieten. Die Grundversion i.d.R. zum günstigeren Preis. Solange von den ANFANGS noch recht hohen Deckungsbeiträgen profitieren, wie das Produkt neu ist. Später kommen tausend Me-Too-Unternehmen dazu und die Preise fallen dramatisch. Dann musste OKAYO schon wieder auf das nächste neue Produkt umgesattelt haben.

Meine Erfahrungen: Schnell zeichneten sich durch generelle Marktflaute finanzielle Probleme des Unternehmens und Personalreduzierung ab. Das letzte Produkt der Chefin, das während meines Daseins entstand, war eine Kopie einer kleinen USB-Festplatte mit 1GB oder 2GB Speicher, damals sehr viel! Der Straßenpreis des japanisches "Orginalprodukts" lag bei 100 Euro (damals okay). Wir hatten ein ähnliches Produkt auch für 100 Euro und die hardwareverschlüsselte Upgradeversion für einen höheren Preis. Das ging so nicht, weil man immer günstiger sein musste als das Vorbild mit großem Markennamen. Ich wies die Chefin darauf hin, die den Einwand wegwischte und auf dem zu hohen Straßenpreis bestand. Alsbald zeichnete sich eine de-facto-Pleite ab. Allerdings gehen taiwanische Unternehmen meist nicht pleite sondern können ohne große Kosten Personal freistellen und dann mit 5 Leuten weiter machen. In der Schrumpfphase wurde ich als Vertriebshoffnung gesehen - das passiert Ausländern fast immer in Taiwanunternehmen - und ich sollte eine deutsche Zweigstelle eröffnen. Freilich war mein Budget dazu etwa 0 Euro. Oder genau 0 Taiwandollar.
Mit Risikofreude und praller privater Kriegskasse hätte ich mich hier als deutsche Zweigstelle aufstellen können. Ob das ein empfehlenswertes Investment war wage ich jedoch zu bezweifeln. Meine eisernen Reserven wollte ich nicht in das Unternehmen investieren.
In dieser Phase waren die montäglichen Businessmeetings längst zu einseitigen Schreiorgien geworden und ich kündigte, in dem ich sehr taiwanuntypisch der Chefin eine ruhig und genüsslich vorgetragene Retourkutsche gab, als sie wieder mal loslegte und ich an der Reihe war. Gleich nach dem Meeting bat sie mich höflich zum Personalgespräch und ich präsentierte ihr das vorbereitete Kündigungsschreiben, das ich schon dabei hatte seit Tagen und sagte ihr taiwantypisch, ich müsse mich "um meine Familie kümmern", was man immer in Taiwan sagt wenn man kündigt. Wir trennten und freundschaftlich.

Unternehmen heute: Vor einem Jahr sollten es noch 2 Frauen und 3 Männer gewesen sein oder dergleichen. Deutsche Zweigstelle wieder verschwunden. Ich wünsche dem Unternehmen alles Gute, denn sie haben sich ein hartes Geschäftsmodell ausgesucht und da ist sicher nicht viel Raum für Freundlichkeit.

 Kriterien:
(b), zu wenig Geld: ja
(c), unangenehmes Arbeitsumfeld: ja: Schreiorgien und lustigerweise einmal sogar war es buchstäblich toxisch, als auf dem Flur mit Außenholzlack im Innenbereich renoviert wurde und die meisten Angestellten ohnmächtig auf den Schreibtischen schliefen. Auch eine Hochschwangere.
(d), Karrieregrab: jein: Kleine Unternehmen haben nun mal wenig Aufstiegschancen. Mit praller privater Kriegskasse und unternehmerischer Vision hätte man es zum "Mr.Germany" des Unternehmens in Deutschland (natürlich Düsseldorf) bringen können.

Anekdote: Steve, der jesusmäßig aussehende coole US-Editor, schreibt meine Texte um, indem er zwei völlig inkompatible Satzhälften locker aneinander klebt.


II. Unternehmen PROTEC
Tochterunternehmen eines anderen asiat. Unternehmens
Meine Tätigkeit etwa: 2006-2007
Heute offenbar nicht mehr existent oder in-name-only unter dem Mutterunternehmen
Etwa 50 Mitarbeiter. Geführt von "President".
Produkte: Früher Notebookgehäuse, zu meiner Zeit Tablett-PCs - wohlgemerkt zu Zeiten VOR dem iPad von Apple.

Ich wechselte von OKAYO nach PROTEC wieder ins PM. Hier war ich Produktmanager für ein tolles Produkt. Einen wasserdichten Tablett-PC fürs Gesundheitswesen, der ein veritables drahtloses Stethoskop eingebaut hatte. Tolles Ding.

Arbeitsstil im Unternehmen: Große Wichtigkeit von Beziehungsnetzen, nicht ganz untypisch für taiwanische Unternehmen. Entscheidungen konnten um so besser durchgesetzt werden, wenn man als Hardwareentwickler einen guten Draht zum Entwicklungschef hatte oder als Businessmensch zum "President". Ansonsten war der Input eigentlich sehr gering, selbst wenn er fachlich korrekt war. Mein direkter Chef, der PM-Leiter, schien abgestumpft und sagte oft "entscheidet der President, kann man nix machen wenn man nicht sein Freund ist", egal worum es auch ging. Ich musste mich an Rülpskonzerte im Großraumbüro gewöhnen (bin nur einmal im Cubical aufgestanden und habe sie dirigiert) und an das Umherfliegen der Fußnägel meines Chefs (auch so ein Taiwanding die im Cubical zu schneiden). Großzügiger Freizeitausgleich für Überstunden, sehr taiwanuntypisch. Der oft dazu führte, dass die Entwickler (die offenbar in Zeitlupe arbeiteten) nicht da waren, wenn Ingenieure des US-Kunden im Büro standen und die Technik besprechen wollten. Qualifizierte Leute, aber Ingenieure nach Gutsherrenart arbeitend und diffuse Entscheidungswege würde ich als Zusammenfassung geben. Sonst ein sehr netter Umgangston.

Business-Model des Unternehmens: Tablett-PCs für Industriekunden (Lager, Gesundheitswesen) und nach meinem Kommen der Versuch, im Rahmen der "Slate-PC"-Initiative von Bill Gates/Microsoft diese auch Privatkunden aufs Auge zu drücken. Der Slate-PC oder unser kleinerer UMPC war damals ein kompakter, dicker Windows-XP Tablettcomputer mit recht kurzer Batterielebensdauer, aber sonst nett gemacht. "Brick" nannten wir ihn auch umgangssprachlich, weil er so dick war. Leider wurde er auch noch etwas heiß, aber das war damals pre-iPad Stand der Technik. Als ich das Gerät auf der Cebit präsentierte merkte ich, wie wenig Traktion so ein Gerät bei Privatkunden fand. Da musste erst das billigere iPad ohne Hitze, mit mehr Batteriepower und besserer Oberfläche her, aber das war nach meiner PROTEC-Zeit.
Bill-Gates ließ selbst ins Unternehmen vorfühlen und seinen Slate-PC / UMPC dort propagandieren, so dass die Firma sehr optimistisch war, den UMPC bald in riesigen Stückzahlen auch in Deutschland absetzen zu können.

Meine Erfahrungen: Ich führte Erfolgreich mein Healthcare-Tablett-Projekt für einen riesigen US-Kunden durch. Danach sollte ich zum DACH-Vertriebler werden, also Vertriebler für D, Austria und CH. Dabei wurde mir kommuniziert, man würde sehr hohe Absatzzahlen von mir erwarten, weil schließlich Bill Gates persönlich den UMPC pushen würde. Allerdings hatte mein Vorgänger, der Busenfreund des President, genau 0 Stück der UMPC in der Startphase abgesetzt. Meine u.a. Gardner-Marktforschung-gestützte Analyse zeigte den UMPC als Early-Adopter oder eher sogar als vorgelagertes Tech-Enthusiastenprodukt und ich wusste, dass nur wenig Stückzahl damit zu machen sei. Der Tablett-PC wird kommen, sagten Gardner und ich. Aber erst wenn Batterielebensdauer rauf und Preis und Hitze runter gehen würden. Trotzdem fand ich mich eines Morgens als DACH-Vertiebler wieder und mein erfolgloser Vorgänger hatte meinen Job bekommen, weil er Freund vom Chef war und mein Produkt so schön auf die Zielgrade zu lief. Nie werde ich meinen letzten Con-Call mit dem konservativen US-Kunden vergessen, den der neue Projektleiter mit einem zotigen Witz einleitete. "Können wir dir was mitbringen aus Taiwan wenn wir euch mal besuchen?", fragte mein Nachfolger. "Frauen vielleicht oder Kekse?". Man konnte das entsetzte Einatmen des Kunden deutlich hören. Es war Zeit zu gehen im Unternehmen, denn ich bin kein Vertriebler und meine eigene Analyse zeigte ja, dass die überzogenen Erwartungen an das neue Nr.1 - Produkt nicht erfüllt werden konnten. Und die Auslegung der Produktion auf das Gerät sogar das Unternehmen gefährdete.

Zusammenfassung: Bill Gates ist Schuld ;-)

Unternehmen heute: Nicht mehr wirklich vorhanden. iPad-ähnlich aussehende Nachfolgemodelle mit WinXP und Win7 waren nicht durchsetzbar am Markt. Bis Android ist das Unternehmen wohl nicht gekommen, wohl auch weil taiwanische Denkweise sehr Windows-lastig ist.

Kriterien:
(b), zu wenig Geld: mehr als bei OKAYO aber für "ausländische Experten" ein bisserl wenig
(c), unangenehmes Arbeitsumfeld: nicht wirklich, aber Frustationspotential durch Entscheidungswege und Arbeitsstil nach Gutsherrenart / Freundschaftszirkeln
(d), Karrieregrab:Aufstiegschancen nur durch Freundschaft mit den richtigen Leuten. Wie fast immer die Gefahr, als Ausländer eher projektbezogen (vgl. Ende meiner PM-Tätigkeit als das Projekt erfolgreich auslief) gesehen zu werden oder als Vertriebler und nicht als normaler Dauermitarbeiter.

Anekdote: Oscar, der langhaarige Firmen-Tausendsassa, der immer den Frauen auf die Damentoilette nachstieg, fragte meine Frau wie der Sex mit einem Ausländer sei.


III. Unternehmen BIGONE*
Einer der größten taiwanischen Computerhardware-Hersteller
Meine Tätigkeit: 2007 bis heute
Um die 2000 Mitarbeiter
Produkte: Server, PCs, Notebooks, Tablett-PCs für Spezialanwendungen, Unterhaltungselektronik, PC-Zubehör wie Grafikkarten

Durch persönlichen Kontakt wechselte ich diesmal mit Frau zu BIGONE, wo wir beide ins Team der Bekannten meiner Frau als "Feuerwehr" geholt worden. Das war das Server-Supportteam. Ein junger Kollege hatte unzählige Supportfälle des großen US-Kunden einfach unterschlagen und hier musste man schnell aufräumen, das undokumentierte Chaos organisieren und dem Kunden zeigen, dass jetzt kompetent und ernsthaft an seinen (industriellen) Supportfällen gearbeitet wurde. Hier ging es nicht um Endkunden- sondern Großkundensupport. Das gelang uns auch.
Später übernahm ich die Linux-Entwicklung im Server-Supportbereich und leite seither ein entsprechendes Team, das Test-Software (auch Hardware-Testsuites) schreibt oder eine Art eigener Distro mache, die z.B. auf embeddes-Linux - Geräten zum Einsatz kommt.

Arbeitsstil im Unternehmen: Supportteam und auch das angeschlossene Testteam hatten sicher Optimierungspotential, das zu schaffen wir ja auch eingestellt worden waren.  Frau und ich reoganisierten das Team und Frau übernahm den Vorsitz. Ich selbst sorgte für eine Verbreitung des Linux-Wissens, das für den Serverbereich unabdingbar war und leider vorher nur rudimentär und fast messiashaft von einigen wenigen Mitarbeitern verwaltet wurde, die nur nach viel Bitten in Zeitlupe ihr Wissen anwandten. Ich entdeckte große Ähnlichkeiten zur Arbeitsweise bei PROTEC. Heute hingegen ist das Team effizient, schnell und leistungsfähig und Wissen ist weit verteilt.
Früher war es üblich, dass einzelne Mitarbeiterleistungen kaum beachtet wurden und nur der Teamleiter gelobt wurde. Das lassen wir in unserem Team nicht zu und honorieren stattdessen (vielleicht taiwanuntypisch) auch Einzelleistungen.
Chefs jedenfalls sind absolute Respektspersonen, den man nie widersprechen darf, auch nicht in technischen Diskussionen in Detailfragen. Mir natürlich schon, aber das traut sich wohl auch keiner. Ist ja auch nie nötig ;-)

Business-Model des Unternehmens (Computerbereich): Intel oder AMD bauen ein made-in-USA - Referenzboard eines Computers (also das Mainboard), das Unternehmen wie BIGONE dann adaptieren und zu unzähligen Produkten abwandeln. Zahl der CPUs, RAM-Banken, Schnittstellen, Hitzefähigkeit und anderes können dramatisch je nach Anwendungsgebiet variieren. In einem konkreten Projekt übernehmen dann Ingenieure des Kunden in Zusammenarbeit mit den hiesigen Ingenieuren die konkrete Ausarbeitung. Das entstehende neue Endprodukt (mal mit, mal ohne Gehäuse drumherum) wird dann in China gefertigt, wie üblich.

Meine Erfahrungen: Eine kreative fruchtbare Arbeit und mein Aufstieg vom Großkunden-Supporter zum Linux-Teamleiter waren sehr positive Erfahrungen. Wichtig ist jedoch, dem chinesischsprachigen Flurfunk nicht zu vernachlässigen, bei dem immer wieder nichtzutreffende Gerüchte verbreitet werden. Offenbar dient die qualitativ hochwertige Arbeit meines Linuxteams anderen Mitarbeitern als Herausforderung und Messlatte und sie weichen dem für sie entstehenden Druck aus, in dem sie behaupten, meine Arbeit erledigt zu haben an meiner statt. Da muss man ebenso auf Chinesisch dagegen halten und ein einzelner Expat ohne perfekte Chinesischkenntnisse (wofür ich meine Frau habe) fände sich sicher bald auf dem Abstellgleis - oder eben im Vertrieb - wieder. Weil Kollegen seine Lorbeeren für sich selbst reklamiert hätten. Mit Ohr auf dem chinesischen Flurfunk geht das allerdings recht gut.

Kriterien:
(b), zu wenig Geld:Ich konnte nie ausländische Entwickler einstellen, weil die 100.000 NT verlangen (2.500 Euro etwa) und das können wir nicht zahlen. Taiwanisches Gehaltsniveau ist niedriger.
(c), unangenehmes Arbeitsumfeld:nur die Gefahr des "Lorbeeren-Stehlens" bei Expats durch Kollegen, die für einzelne Expats ohne perfekte Chinesischkenntnisse wohl "tödlich" wäre.
(d), Karrieregrab: Bei mir nein. Für den einzelnen Expat aber wohl oft doch, siehe (c)

Anekdote:  Der neue Kollege "Elvis" (so sein englischer Kampfname) steht bei mir im Cubical und lacht mich aus, weil ich als Ausländer so komisch aussehe. Kichernde Kolleginnen im Minirock bewirten mich mit Keksen. Heute habe ich einen Management-Cubical und "Elvis und die Miniröcke" sind weg (seufz).

Wenn ich mal gehe, wird mir dieses sehr gute Unternehmen fehlen. Es kommt in der Hitliste meiner Lieblingsarbeitsstellen gleich nach dem deutschen Kryptounternehmen, in dem ich in der auslaufenden Dot-Com-Zeit ein wunderbar kreatives Arbeitsumfeld erleben konnte. Es war einfach Fun, wenn auch nicht ganz marktorientiert; Dot-Com-typisch damals. BIGONE ist oft ähnlich viel Fun und natürlich viel viel marktorientierter. 


Wie lautet also die Bilanz? Können die ausländischen Experten in Scharen kommen?

Nun, ich denke, wenn sie mit unter 100.000 NT (eher 70.000) auskommen und eine einheimische Frau heiraten, dann können sie kommen. Sonst geht das ja Visa-mäßig eher schlecht***. Ernsthaft gesagt eignet sich für den einzelnen Expat Taiwan eher als interessante Auslandserfahrung, nicht auf die Dauer. Wäre meine Schlussfolgerung, wenn ich die obige Liste angucke. Nur für mich läuft es viel besser, seit ich mit Frau im Duo arbeite und daher auch den chinesischen Flurfunk kontrollieren kann. Ein bisschen Chinesisch oder auch mittelgutes Chinesisch würde da nicht reichen beim Einzelkämpfer-Expat.

* leicht editiert
*** Ohne Heirat gibt es ein an den Arbeitsplatz im Sinne von Adresse gebundenes Work-Visa. Kündigung führt daher zu Existenzgefährung, Arbeitgeberwechsel ist schwierig.


Ähnliche Artikel:

Jetzt mit Update April 2015: Arbeitsweltinfo Taiwan:
http://osttellerrand.blogspot.tw/2010/01/arbeitswelt-in-taiwan.html

Noch Stand 2009: Lebenshaltungskosten:
http://osttellerrand.blogspot.tw/2009/04/fragen-zu-kosten-etc-in-taiwan.html

Lebensmittelsicherheit in Taiwan (Stand Ende 2014):
http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/11/info-taiwan-schlechte.html
Siehe insb. Punkt 10 der FAQ für eine Auflistung der Skandale.

Eine der aktuellen Meldungen zu chemischer Belastung von Lebensmitteln in Taiwan:
http://osttellerrand.blogspot.tw/2015/04/lebensmittelskandal-in-taiwan-geht.html

Ach coole Expats werden irgendwann mal alt, auch wenn das noch gaaaanz lange hin ist: Korrigierter Artikel zur Rentenversicherung in Taiwan:
http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/10/links-zur-rentenversicherung-in-taiwan.html 
Und ein komprimierter Rentenüberlick, den man am besten vor dem obigen Link liest (Zusammenfassung, weitere Erklärungen): http://osttellerrand.blogspot.tw/2015/05/ludigels-lustige-lenten-legende.html

Mittwoch, April 22, 2015

Mittelalter Informatiker flippt bei wiederholten Fragen aus

... möchte ich fast schreiben als Verhohnepiepelung des letzten Artikels

Ich hasse diese technischen Diskussionen mit meinem "Mitexperten" hier in der Firma. Sie haben alle so ein Halbwissen wie was funktioniert und dann fragen sie mich wenn sie ein Problem haben. Ihnen gefällt aber die Antwort nicht, wenn sie nicht ihrem Halbwissen entspricht und so ganz genau wissen sie selbst nicht, was sie eigentlich fragen, weil sie das Thema nur zur Hälfte verstehen. Das ist nicht weiter schlimm, wer weiß schon alles von irgendwas. Aber wenn man dann fragt ohne die Antwort hören zu wollen und dann nach - typisch taiwanischer Art - endlos immer weiter fragt, weil man hofft, dass sich die Antwort ändert, dann ist das schon eine nervige Sache. Insbesondere, wenn die Antwort vielleicht nicht ganz verstanden wird, weil das Thema und die ursprüngliche Frage nicht völlig klar sind. Am Ende schreibt man dann einen gefrusteten Blogeintrag, statt "das Thema noch mal zu ergoogeln" wie der Taiwanboss verlangt hat. Denn alles zu dem Thema habe ich schon zehn mal gesagt und alles googeln ändert auch nichts.
Manchmal möchte man einfach nur ein Happy Meal von McDonalds greifen, die Colapappdose dazu und mal so richtig vom Leder ziehen, so wie hier.... ;-)

Montag, April 20, 2015

Älterer Ausländer flippt in U-Bahn aus / Taiwanhass

Wo kommt er her der Taiwanhass? Warum flippt ein westlicher Ausländer so in der MRT Taipeis aus, dass er abgeführt wird?

Taiwan ist ein Land starker Gegensätze. Oder eben auch die Hauptstadt Taipei, die oft gemeint ist, wenn Ausländer "Taiwan" sagen oder schreiben. Auch in der Wahrnehmung durch Deutsche oder Amerikaner oder andere westliche Ausländer kann Taiwan - oder eben meist Taipei oder eine andere Großstadt - sehr unterschiedliche Reaktionen auslösen.

Ein älterer westlicher Ausländer (alt jedenfalls gemessen an der Majorität der 20+ jährigen hier -das genaue Alter kann man schwer ausmachen, irgendwas zwischen Mitte 40 und Mitte 50) rastet in Taipeis U-Bahn MRT aus. Beschimpft Fahrgäste mit zahlreichen Fuck-Yous und Stinkefingern und äfft das asiatische Foto-Victory-Zeichen nach. Er steht offenbar völlig neben sich und hält die ganze Zeit über bizarrerweise eine Fresstüte von McDonalds und einen Getränkebecher. Offenbar ist der Mann bemüht, das taiwanische Klischee vom unbeherrschten und aggressiven Ausländer, der sein Lebtag nur Cola trinkt und Burger isst, perfekt umzusetzen.
https://www.facebook.com/mimic0207/videos/10205358975567007/?pnref=story
Großes Lob an die Fahrgäste, die bleiben ruhig. Nur ein junger Mann lässt sich etwas auf eine Diskussion ein, wird bisweilen geherzt von dem wirren Ausländer und antwortet diesem auf Taiwanisch anstatt auf Mandarin. Womit er praktisch sichergeht dass es nicht verstanden wird. Nicht das verkehrteste denn lt. Ausländerforum soll er Sachen sagen wie "du hast ein Problem im Kopf", was sicherlich unstrittig ist zum gegebenen Zeitpunkt. Niemand lässt sich provozieren, irgendjemand ruft die Security, die auch sehr ruhig bleibt. Es fällt auf, wie ein Securitymitarbeiter den Ausländer beruhigt, ihm auf den Rücken klopft - eher beruhigend als gelte es ein Kind ruhig zu stellen. Es funktioniert, der ruhiger gewordene wirre Mann wird am Schluss friedlich abgeführt und die Fahrgäste bleiben grinsend zurück.

 Taipei-Jonghe: Das hübschere Haus vorne links ist erst in letzter Zeit gebaut. Auch ohne bläuliche Fensterscheibe, durch die ich fotografiert habe, sehe das Bild nicht wesentlich anders aus sondern bliebe eine grau-okerfarbende Wüste mit viel Beton und wenig Architektur


Ausflipper sind im überfüllten und hektischen Taipei kein Ausländerding allein. Auch wenn die Taiwaner meist sehr ruhig und kontrolliert sind habe ich auch schon Taiwaner beim Ausrasten erlebt (verschmitzt hinzugefügt: auch außerhalb meiner Taiwanfamilie). Sie klappen, wenn sie sich aufregen, von extrem ruhig schlagartig zu extrem durchgedreht, was wohl mit der - dann versagenden - konfuzianischen Gefühlkontrolle zu tun hat. Ob der nicht mehr ganz junge Ausländer schon länger hier ist? Ich vermutete einen langjährigen und vielleicht jobmäßig glücklos gewordenen Englischlehrer, wer weiß. Gerade in der MRT durchzudrehen ist natürlich ein dramatischer Ort dafür und garantiert mediale Aufmerksamkeit, wie auch geschehen. Ich konnte nicht umhin zu denken, was wenn es ein Afroamerikaner in den USA gewesen wäre? Dann hätte die US-Polizei ihn sicher erschossen, immerhin war er mit Burger und Getränk bewaffnet.
Persönlich habe ich einmal einen westlichen Ausländer in Taipei erlebt, der in einen irren Mandarin-Schreianfall mit rudernden Armen verfiel. Das war 2004, als ich ihn gerade angekommen in unserem Viertel mit einem "Hello" bedacht hatte. Seither ignoriere ich alle Johnny Weißbrots hier, die ich nicht persönlich kenne.
Taiwaner habe ich schon öfter beim Ausflippen erlebt, etwa vor 2 Jahren einen um 5.30 Uhr im Viertel herum schreienden Mann, der auch völlig außer sich war uns ständig "gan", also "fuck" schrie. Oder eben die Ausflipper und grenzwertigen Angriffe durch andere Verkehrsteilnehmer. Aber da gibt es wenigstens einen Anlass.

Was kann westliche Ausländer dazu bringen, in Taipei oder ähnlichen Großstädten so völlig abzudrehen? Es gibt ja regelrechte Hassseiten im Internet, mit denen meist wegziehende Ausländer ihrem Gastland einen wütenden Stinkefinger zeigen. Der Klassiker hier ist das 2006er "I hate Taiwan" - Miniblog:
http://ihatetaiwan.blogspot.tw/

Nun, das I-hate-Taiwan-"Blog" versucht die Frage zu beanworten und nennt viele negative Dinge taiwanischer Großstädte wie Smog und viele Mopeds und hässliche Architektur. Dinge, die 2006 abgesehen von der konstanten Mopedflut noch schlimmer waren als heute. Konkret kann sich ein westlicher Ausländer, der vielleicht eine ruhige Straße mit viel Platz und klarer Luft in seiner Heimat gewohnt war, in Taipei und ähnlichen Orten in solchen Umständen wiederfinden:

- billige Schlichtwohnung mit Riesenkäfern im Sommer, undichten Schiebefenstern, ohne Heizung im Winter und Rotz- und (wohl Hunde-)Urin-verkrustetem Treppenhaus mit toter Ratte. Die Treppenhäuser scheinen etwa seit 2010 wesentlich sauberer zu werden, von daher sind solche Extremfälle selten geworden

- immer noch viel graue Plattenbauweise mit - auch hier Tendenz stark fallend - Müllhaufen zwischen den Häuserreihen (2004-2008 etwa noch Standard, heute selten)

- kaum oder keine Bürgersteige im Viertel, aggressive Mopedfahrer und Autofahrer die Fußgänger anstoßen während der Fahrt oder weghupen wollen.

- Smogverpesstete Straßenschluchten (Tendenz fallend dank MRT-Ausbau)

- chemisch stark belastetes Essen, das auf den Magen schlagen und allergische Symptome auslösen kann (Tendenz zunehmend meinem Magen nach zu urteilen)

- gerade in billigen Wohnhäusern lärmende Nachbarn, die ab 5.30 Uhr morgens hämmern. Frühstücksbuden, die ab 5.00 Uhr für lautes Gekeife und Geschirrklimpern sorgen, das durch die einfachverglasten Schiebefenster dringt.

- ewig lärmende Mopeds mit frisierten Schalldämpfern

Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Gerade 2006 (vgl. das Hassblog) bestand auch das Stadtzentrum von Taipei viel aus grauen Schlichtbauten, da wo heute entspannende moderne Einkaufsstraßen sind, die teils erst vor kurzem fertig gestellt worden sind.

Für alt werdende Englischlehrer in Taiwan kommt noch dazu, dass sie grauhaarig sehr schlecht Stellen finden, weil sie nicht mehr dem Klischee des jungen Entertainers aus USA entsprechen, dass die Englischschulenszene kolportiert. Vergleiche hier auch das dramatische Ende eines US-Marineoffiziers auf Taiwan, dessen philippinische Freundin eine Taiwanerin ermordet hat durch Geldnot getrieben: http://osttellerrand.blogspot.tw/2007/09/murder-in-foreigner-scene-in-taiwan.html

Neulinge in Taiwan preisen die hübschen Frauen, das leckere Essen, die freundlichen Menschen und die schicken Tempel während Langzeiter oft genervt sind. Wie auch ich die Tage, etwa durch allergische Erscheinungen durch wohl wieder mal chemisch belastetes Essen zum x.ten Male. Oder den Verkehr. Oder die grauen bürgersteiglosen Gassen.

Taipei und Konsorten sind keine Kurorte. Oft hängt man hier fest. Entweder weil die einheimische Angebetete hier nicht weg will oder weil die Insel im Falle von geringqualifizierten englischen Muttersprachlern zur einzigen Einkommensquelle durch Englischunterricht geworden ist*. Es gibt wohl nur wenige Langzeiter die die quirlige Insel hier wirklich lieben. Im Sinne von "lieben hier zu leben". Und die sind vielleicht schon längst im geistigen Nirwana angekommen. "Merken nichts mehr", um es uncharmant zu sagen. Dann braucht der Herr aus der U-Bahn vielleicht einfach noch ein bisschen mehr Zeit.

* Das beantwortet auch die Neulingsfrage: "Warum gehst du nicht weg, wenn es dir nicht gefällt."

Edit: Taiwan hat meinen Artikel mit einem sofortigen heftigen Erdbeben beantwortet.

Donnerstag, April 16, 2015

STORNAWAY - Teekette hat gefälschten "deutschen Tee" mit DDT

STORNAWAY ist eine dieser "Teeketten", die in Taiwan an offenen budenartigen Cafes in Plastik eingeschweißte Getränke verkaufen. Darunter auch ein "German" Rosentee, der tatsächlich aus dem Iran stammt und bei Einnahme zu sofortiger Gliedertaubheit führen kann. Guten Durst!

Immer wieder hat man in Taiwan angeblich deutsche Produkte, denen man sofort ansieht, dass sie nichts mit Deutschland zu tun haben. "Deutschland" steht hier für Gesundheit und gute Kontrollen, daher wollen pfiffige Taiwaner ihre Produkte gerne als deutsch verkaufen.

STORNAWAY-Rosentee hat viele Pestizide enthalten, kommt nicht aus "Germany" wie angegeben sondern der verwendete Blütenaufguss kommt aus dem Iran (na ja, fast das selbe, von wegen indogermanisch-indoiranische Völkerfamilie) und hat bei einer Konsumentin Gliedertaubheit und Benommenheit ausgelöst nach einmaliger (!) Einnahme. Daraufhin ist Taiwans Lebensmittelprüfbehörde FDA aktiv geworden.

http://www.taipeitimes.com/News/taiwan/archives/2015/04/16/2003616059

Also kein D im deutschen Rosentee bei STORNAWAY, sondern noch ein ...DT hinten dran ;-)

P.S.: Der Rest der importierten DDT-Blüten ist in "Chinese Medicine" gelandet wie es scheint. Mir ist unklar, ob in der VR-China oder in Taiwan, so freimütig wie man in Taiwan die Vokabel "Chinese" mal für sich selbst und mal für die VR verwendet.

2.PS: Waren da lange selbst Stammkunde. Hatte mich immer gefragt, ob die geschnittenen Früchte im Fruchttee gespritzt waren. Eigentlich in Taiwan eine sehr naive Frage ;-)

DEHP wieder im Essen?

Ich nutze mich selbst mal als chemischer Indikator und gebe eine Prognose ab

Als ich 2004 hierher zog, hatte ich ein recht charakteristisches Bild dreier zusammen auftretender allergischer Symptome. Das Symptombild war recht bezeichnend und anders als bei meiner Sellerieallergie oder Elastan-(Kunststoff-)Textilallergie, die nur jeweils eine Symptomatik hatte. Mir fiel auf, dass die allergischen Probleme am zweiten Tag eines Nicht-Taiwanaufenthalts sehr schnell verschwunden waren, dann aber bei der Rückkehr nach Taiwan am zweiten Tag sehr schnell wieder da waren. Den Flugtag mitgezählt. Meine Theorie war, dass in Taiwan irgendetwas breitbanding im Essen war, worauf ich allergisch reagierte. Denn eine Suchdiät blieb erfolglos. Egal was ich auch aß, ob Seven-Eleven-Sandwich oder das Zeug der lokalen Garküche oder Kantinenessen, immer blieb die Symptomatik gleich. Ich vermutete schon eine allgemeine Gewürzallergie und erzählte den Leuten, ich sei gegen scharfes Essen allergisch. Obwohl ich die Symptome auch mit laschen Sandwiches hatte.

Dann kam der 2011er Lebensmittelskandal in Taiwan, bei dem offenkundig wurde, dass der Flüssigkunststoff DEHP seit 2000 oder schon früher in Taiwan statt Palmöl landesweit als Sämigmacher verwendet wurde. Zwei Ölhersteller lieferten das gefälschte Palmöl an praktisch alle taiwanischen Küchenöl- und sonstige Nahrungsmittelhersteller. Ein taiwanischer Orangensaft hatte also DEHP, damit er schön sämig die Kehle runterlief, das Joghurt genauso wie das Sandwich und der Kuchen. Die Garküche und das Nobelrestaurant kochten mit DEHP-versetztem Öl. Ein Taiwan-Schokoriegel hatte zwar i.d.R. keine Schokolade, aber viel Flüssigkunststoff. Die bekannten Ananaskuchen mit ihrem gelatineartigen Innenleben bestanden fast nur aus DEHP, ebenso die bekannten leichtsüßen Gelantinekugeln im taiwanischen Bubbletea. Taiwan war die Republic of DEHP, da biss die Maus keinen Faden ab. Auch Fertiggetränke hatten natürlich DEHP. Unter anderem ist DEHP leibesfruchtschädigend, stört die Entwicklung von Kindern und fördert Krebs. Nach den Pressemeldungen über den Skandal klangen meine Symptome nach 2 Wochen oder so langsam ab und verschwanden dann völlig, auch wenn sie in den Folgejahren immer mal wieder kurz auftraten. Im Gegensatz zu den meisten Menschen war ich offensichtlich gegen DEHP "allergisch". Oder anders gesagt, mein Körper versuchte das Zeug durch Ausschlag und small-Business-Toilettenbesuche schnell wieder los zu werden, während die meisten Leute das Zeug symptomlos im Körper behielten.

Derzeit ist es wieder so weit, ich habe die Symptome seit Wochen wieder genauso und sehr ausgeprägt, verbunden mit Magenbeschwerden, die ich erst neuerdings als viertes Symptom dazu bekomme. Daher vermute ich, dass wir bald von einem neuen DEHP-Skandal lesen werden. Oder die taiwanischen Nahrungsmitteltester (Behörde FDA nach US-Vorbild) lassen sich mit dem Finden wieder ein paar Jahre Zeit. Auch meine Frau merkt es. Immer wenn bei mir der Höhepunkt der allergischen Symptome stattfindet, hat sie Magenbeschwerden mit Übergeben. Aber wehe, ich erwähne belastete Lebensmittel, dann wird sie natürlich sauer und verteidigt ihr Taiwan. Ohne Singen der Nationalhymne Gott sei Dank. Wie ginge die eigentlich?

"Wir sind vor den Japanern aus China gerannt wie mit DEHP geschmiert und fanden auf der Insel Taiwan Zuflucht und dachten: Toll, was wir hier alles mit der Natur anstellen können. Hihi"

Wäre mein Vorschlag für die erste Strophe.

Zusammenfassung aller taiwanischen Lebensmittelskandale bis 2014: http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/11/info-taiwan-schlechte.html
Aktueller Gewürze/Schwermetall-Skandal (der in Taiwan keine Sau interessiert): http://osttellerrand.blogspot.tw/2015/04/lebensmittelskandal-in-taiwan-geht.html

Magenprobleme gehen mir immer auf die Laune. Newbies und Taiwaner mögen daher die Verunglimpfung der Republik China entschuldigen. Natürlich sind die Tempel lecker, das Essen schön und der Verkehr freundlich. Nur zu hektische Leute. Oder irgendwie so wie die Litanei ging ;-)

Dienstag, April 14, 2015

Warum immer weniger junge Taiwaner die VR-China mögen

Man muss gar nicht viel reden, Peking erklärt es selbst

Es sollte bekannt sein, dass die VR-China die Insel Taiwan und die ihr zugehörigen kleinen Inseln als ihr Territorium beansprucht. Grund dafür ist, dass die letzte nichtkommunistische Regierung Chinas (damals eben noch Republik China genannt) im Jahre 1949 auf die Insel Taiwan geflohen ist, die damals gerade noch eine japanische Kolonie war (in Auflösung nach dem 2. Weltkrieg). Dort führte diese geflohene Regierung die alte Republik China fort und ihre Nachfolger tun es bis heute. Gemorpht ist ein parlamentarische Demokratie mit Mehrparteiensystem seit 1992/1996.

Während mittelalte und alte Taiwaner hier in der ethnisch-chinesisch dominierten Hauptstadt Taipei von Taiwan noch familiäre Verbindungen rüber aufs Festland haben - in dem Sinn, dass Opa erzählt hat, wie er mit dem Tafelsilber und seinem kleinen Bruder auf dem Rücken rüber gemacht ist nach Taiwan als die Kommies kamen - fühlen sich jüngere Taiwaner mehr und mehr als einfach nur Taiwaner und sehen die VR-China einfach nur als bedrohliches Nachbarland.
Die Herzen junger Taiwaner wird die VR-China wohl nicht mehr gewinnen. Denn immer wieder kommen Drohungen und hasserfüllte Kriegsszenarien aus der VR, wie etwa in dieser neuesten Posse eines uniformierten (Ex?-)Generals: http://www.wantchinatimes.com/news-subclass-cnt.aspx?id=20150413000071&cid=1101

Alte Männer, die ihren Hass auf die junge Demokratie Taiwan (streng genommen Republik China heißend) speien, dass ist genau das, was junge Leute zu ihrer Abwehrreaktion bringt. Auslöser der Hasstriaden des Chinagenerals war ein Papier eines Taiwanexpats, der ein Szenario für eine Verteidigung Taiwans entwarf.
 Was kommt zurück? Aussagen wie "Wir sind doch alle Chinesen, wir brauchen doch keinen Krieg, Krieg schadet uns nur allen?" Weit gefehlt. Stattdessen speit ein berufsmäßiger Militarist seinen Hass auf Taiwan. Womit der Grund für die fortschreitende Entzweiung (die mir als Taiwanexpat auch völlig natürlich vorkommt) perfekt beschrieben ist. Danke General Wang. Setzen.

Quelle: http://www.wantchinatimes.com/news-subclass-cnt.aspx?id=20150413000071&cid=1101
Darauf gestoßen auf Facebook beim Taiwan Explorer: https://www.facebook.com/TaiwanExplorerBlog?fref=nf, der immer gute Links zu taiwanbezogenen Artikeln hat.

Mein letzter Artikel zum Thema Politik in Taiwan und der unvermeidlichen Beziehung zu China: http://osttellerrand.blogspot.de/2015/03/dpp-sieg-doch-nicht-sicher-die-grunen.html

Montag, April 13, 2015

Horrorunfall auf Schwebebahn-Baustelle (Update)

Am Wochenende war ganz Taiwan geschockt. Ein riesiger Längsträger der in Taichung neu (aus)gebauten Schwebebahn ist auf einen PKW gestürzt

Öfter schon habe ich im Blog den Ausbau von Taipeis S-Bahn dokumentiert. Sie existiert entweder als U-Bahn oder als Schwebebahn, je nach Linie und heißt hier in Taipei immer MRT. In Taichung gibt es offensichtlich ein Äquivalent. Der Ausbau solcher Linien ist sehr wertvoll für Taipei und sicher auch Taichung, denn große Städte in Taiwan stecken in einem entsetzlichen Verkehrsinfarkt zur Rushhour fest. Und ja, es gibt auch Städte in Taiwan, die nicht mit Tai anfangen.


Hier im Bild ist die im Bau befindliche Schwebebahn in Taipei-Zhonghe (Jonghe) zu sehen. Die Konstruktion in Taichung sieht etwa genauso aus. Vor dem Bau der MRT (in den 90ern) hat die Luft in Taipei noch "in den Augen gebissen", schrieb einmal ein Expatveteran im Ausländerforum. Weil noch mehr Individualverkehr war. Also ich vor 10 Jahren kam, also 2004, war die Luft noch stark versmogt, ist heute aber schon deutlich besser. Wertvoll ist der Schwebebahnausbau also (hier durch eine blau gefärbte Fensterscheibe gesehen).

Diesen Freitag gab es um 17 Uhr im mitteltaiwanischen Taichung (Taizhong) jedoch einen schrecklichen Unfall. Der obere Längsträger, rechts mittig im Bild hier ein Gegenstück, ist während des Einsetzens herunter gekracht. Deutlich sieht man in einem im TV gezeigten (PKW-) Dashcam-Video den befestigten Kran schwanken. Das schreckliche Ding, das wohl über 200 oder gar über 2000 Tonnen schwer ist (widersprüchliche Info) kracht mitten in eine zugestaute Baustelle, denn Verkehr inklusive unzählige PKWs und sogar Omnibusse geht wie übrigens auch hier in Taipei ständig durch die Baustelle. Ein SUV mit einer Fahrerin in den 40ern wird völlig zerstört, die Fahrerin war wohl sofort tot und hinterlässt zwei kleine Kinder.

  Auch hier im Bild ist links die MRT-Konstruktion in Taipei zu sehen. Eigentlich habe ich dies Foto hier in Taipei-Zhonghe gemacht um einmal eine Horrorkreuzung zu zeigen, an der ich schon zwei Unfälle gesehen habe, während sie stattfanden. Sowohl die PKWs der Straße in der Bildmitte hinten (unter dem roten Werbeschild) und PKWs die aus der Straße von links kommen (siehe Fahrbahnpfeil links über Motorroller) haben hier nämlich gleichzeitig Grün! Die gelben Verkehrsinseln zur Warnung sind erst kürzlich angelegt worden, um die Situation etwas zu entschärfen. Eine sehr gefährliche Ecke war das immer.

Im Falle des Unfalls in Taichung sind Regeln nicht eingehalten worden. Arbeiten wie diese hätten nur zwischen 23.30 und 5.00 Uhr stattfinden dürfen. In dem herabstürzenden Träger befanden sich 7 Arbeiter, von denen 4 bereits ihren Verletzungen erlegen sind.


Update: Als ich noch in Taoyuan gewohnt habe, stand ich einmal zu nächtlicher Stunde im Stau und einer nervigen weiträumigen Umleitung, weil da gerade ein Schwebebahnbalken der Taipei-MRT (die bis Taoyuan ausgebaut wird) eingefügt wurde. Eigentlich muss so ein Einbau 3 Tage vorher angemeldet werden und dann sperrt die Polizei weiträumig ab. So war es jedenfalls in Taoyuan. Es war eindrucksvoll damals den Einbau des riesigen Querbalkens zu beobachten. Irgendwie gibt es aber auch den Trend zu größerer Laxheit in Taiwan. Schwerlastfahrzeuge mit Überbreite und Kranausleger hatten noch vor wenigen Jahren Begleitfahrzeuge mit Warnlicht um sich. Heute eiern sie einfach so durch den Verkehr...
 

Mittwoch, April 08, 2015

Leicht vergessen: Der Widerstand gegen die KMT-Diktatur

Heute regiert die Partei namens KMT die Insel Taiwan und die beigeordneten kleinen Inseln. Eigentlich heißt der Staat freilich Republik China laut Verfassung. Die KMT, die heute "Taiwans" Präsidenten Ma Ying-Jeou stellt, der zwischenzeitlich die staatliche Fusion mit der VR-China angestrebt hatte, ist heute demokratisiert und ihr Präsident frei gewählt. Doch unter KMT-Herrschaft kannte Taiwan ganz andere Zustände, seit der alte Diktator Chiang Kai Shek 1949 vor den Kommunisten auf dem chinesischen Festland auf die gerade-noch japanische Kolonie auf der Insel Taiwan geflohen war und hier seine Republik China gestützt auf Bajonette weiter fortführte. 

Leicht vergessen: Immer wieder haben Taiwaner in der Zeit bis zur ersten freien Parlamentswahl 1992 und der ersten freien Präsidentschaftswahl 1996 von einer demokratischen Republik Taiwan geträumt und sich für diesen Traum mit dem Regime angelegt. Die Taipei Times erinnert heute Morgen an Deng Nan-Jung, der in seiner Oppositionszeitung 1988 eine Verfassung für eine "Republik Taiwan" vorgeschlagen hatte und der sich 1989 schlussendlich vor der Polizei in seinem Büro verbarrikadiert hat, die ihn wiegen regimekritischer Äußerungen gesucht hat. Wer öffentlich Taiwanisch sprach statt Mandarin oder gar von Taiwan statt China redete, dem drohte schnell politische Haft und schlimmeres.
Nach 71 Tagen Belagerung hatte sich Deng Nan-Jung selbst verbrannt - am 7. April 1989.

Die KMT zu verteufeln mit ihrem VR-chinafreundlichen gegenwärtigen Präsidenten fällt leicht. Allerdings war es auch Präsident Lee Teng-Hui (ehemals KMT), der Taiwan überhaupt von innen heraus ohne äußeren Druck (obwohl manche die USA dahinter vermuten) demokratisiert hat und dann 1992 und 1996 frei gewählt worden ist (1992 indirekt durch Wahlsieg der KMT). Heute allerdings ist Lee mit seiner alten Partei verfeindet und Gründer der immer noch existenten TSU, die recht kompromisslos für eine Republik Taiwan eintritt. Ob sie sich jemals konstituieren wird, so ganz formal und den territorialen Anspruch der diktatorischen Nachfolger des alten Chiang Kai Shek in Peking zurückweisend?  Wohl erst, wenn wir eines Morgens aufwachen und China aus Versehen  auf die andere Seite der Weltkugel gerutscht ist.

Dienstag, April 07, 2015

Lebensmittelskandal in Taiwan geht weiter....Blei und Arsen im Taiwanpfeffer

Lebensmittel in Taiwan enthalten in einem Dauer-Lebensmittelskandal mit wechselnden, aber oft wiederholenden Akteuren und Zutaten alles mögliche Zeug, was da nicht rein gehört. Dauerklassiker ist der Flüssigkunststoff statt Palmöl, immer wieder sind Milchprodukte verunreinigt und diesmal ist es Pfefferpulver.

Taiwans Pfeffer-, Chili- und Gewürzpulver diverser Hersteller enthalten offenbar industrielles Magnesiumcarbonat, das wohl ein Trockenmittel darstellt. Das Magnesiumcarbonat ist aber für industrielle Zwecke und nicht für Lebensmittel, weswegen es billiger ist und Verunreinigungen enthält. Verunreinigungen sind in diesem Fall Schwermetalle wie Blei oder das leckere Arsen.

Eine Zusammenfassung des bisherigen Dauer-Lebensmittelskandals findet sich hier:
http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/11/info-taiwan-schlechte.html

Skandal aktuell:
http://www.taipeitimes.com/News/taiwan/archives/2015/04/01/2003614902

Dadurch, dass diesmal wieder auch Zutaten betroffen sind, die auch teure Restaurants oder Selbstkocher verwenden (früher schon Tomatensaucen und alles mögliche mit Palmölersatz Flüssigkunststoff als Sämigmacher, diesmal auch Würzpulver der "Gourmetklasse") sieht man, dass man in Taiwan den zahlreichen nicht fürs Essen gedachten Giftstoffen noch viel weniger entkommen kann als etwa in Mitteleuropa. In den Wellblechfabriken wird feixend alles mögliche ins Essen und seine Zutaten gerührt was billiger ist als die richtigen Zutaten, so habe ich es mir früher vorgestellt, als ich 2004 hier her kam. Und die Realität sieht wohl leider ganz genauso aus. Taiwan ist wenig reguliert, die Steuern sind niedrig und die Leute sehr, sehr geschäftstüchtig. "Pfiffig" eben. Und auch beim Anmixen des Pfeffers.

Ganz entspannter Unfall

In Taiwans "Gräberputzfest", das ich immer "taiwanische Ostern" nenne habe ich einen ganz fernöstlich-entspannten Unfall erleben dürfen

Meine Dashcam müsste es sogar aufgezeichnet haben, obwohl ich das Video noch nicht hervorgeholt habe. Auf einer wenig befahrenen Strecke war mein VOLVO die Tage unterwegs, mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit auf einer zweispurigen Schnellstraße (80 oder so) schwebte ich langsam ganz entspannt über die linke Spur, rechts vor mir 50m entfernt etwa und nicht viel langsamer erst eine Familienkutsche (so ein Kompakt-Minivan, wozu eben die Kombis heute mutiert sind) und davor ein großer LKW. Alle nicht viel langsamer als ich. Hätte der "Kombi" links einscheren wollen wäre das ganz einfach gegangen. War reichlich Platz vor mir und er hätte einfach rüber ziehen können. Oder er hätte gar abgewartet bis ich überholt habe. Was aber eher taiwanuntypisch gewesen wäre: Vor einen überholenden oder in diesem Fall langsam vorbei rollenden Wagen zu ziehen ist immer besser als dahinter, so lernt man hier wohl auf der Fahrschule. Hat der Kombi aber auch nicht gemacht sondern blieb einfach, während ich eben die erwähnten 50m oder so hinter ihm war, auf der rechten Spur und schien dann bei dem LKW extrem dicht aufzufahren - wobei er sich diesem mit kaum Differenzgeschwindigkeit von hinten genähert hat. Da wunderte ich mich noch, dass der LKW scheinbar "Ladung verlor", fuhr elegant um diese schwarzen Kunststoffstücke herum und zog langsam meines Weges. Auch weil der LKW und der Kombi einfach weiter gefahren waren, mehrere Sekunden lang. So herrlich entspannt waren wir alle und der Kombi hatte jetzt sogar wieder Abstand gewonnen. Sah mir gar nicht wie ein Unfall aus. LKWs verlieren ja immer Ladung hier in Taiwan, das lernen die Fahrer sicher so während der Ausbildung. Ruff uf de Pritsche un gut is. Und Autos fahren hier auch immer dicht auf. Alles normal so weit.

Bis dann Frau von einem Unfall redete und ich mir die Szene im Rückspiegel noch mal genauer ansah. Die schwarzen Kunststoffteile auf der linken Spur hatten in der Tat etwas Ähnlichkeit mit einer Stoßstange oder Frontschürze und der immer noch weiter fahrende Kombi sah vorne etwas verändert aus. Eingedrückt eben. Aber nicht im Fahrgastzellenbereich, dazu war der Crash auch zu gering gewesen. Beide in den Unfall verwickelte Fahrzeuge hielten jetzt auch an. Ich fuhr jedoch weiter, was politisch korrekte Leser vermutlich scharf einatmen lässt. Aber erstens haben sowohl Frau und ich zusammen als auch ich allein schon mehrere straßenverkehrsbezogene angedeutete  Angriffe durch taiwanische Verkehrsteilnehmer erlebt (Motoraufheulen, auf einen zufahren als Fußfänger* bzw. Attacken mit Herumschreien und rudernden Armen nach Wegabschneiden mittels des PKWs auf der Autobahn**), dass wir uns nicht ohne Not in eine sicher alsbald emotional aufgeladene Situation begeben wollten. Taiwaner benehmen sich im Straßenverkehr nun mal wie tobende Irre und sogar das Verklagen oder falsche Beschuldigen von Unfallhelfern ist in Taiwan Normprogramm. Sah ja auch alles wie ein Blechschaden aus, der verunfallte Kombi wurde langsam und ordentlich zum Stehen gebracht und so sollten sie eben ihre Angelegenheiten selber regeln, ganz wie es der weise Lehrer Konfuzius auch verlangt.

Auf einer taiwanischen Schnellstraße anzuhalten wäre auch eine eher suizidale Tat, so wie hier immer wieder "ohne zu gucken" auch über die Standstreifen gebrettert wird.

Weil auf der Hochstraße, auf der wir uns befanden, gerade ein besonders schönes Panorama von Taipei 101 und dem Stadtrand Taipeis zu sehen war, wird der Fahrer vermutlich aus dem Fenster geguckt haben und ist daher langsam auf den vor ihm fahrenden LKW aufgefahren.

* 2x durch Zuparker des Familienparkplatzes
** weil der andere Verkehrsteilnehmer auch hätte die Spur wechseln wollen als wir gewechselt haben



Mittwoch, April 01, 2015

Erster Laowai als Abgeordneter?

Edit: Wohl KEIN Aprilscherz, weil der referenzierte Artikel vom 31.03.2015 ist!

Robin Winkler, 60, ein seit 1977 in Taiwan lebender ehemaliger US-Amerikaner, der seine Staatsbürgerschaft 2003 zu Gunsten der der Republik China/Taiwan abgegeben hat, kandidiert für den Legislativen Yuan...
...der Republik China, also sozusagen für das Parlament Taiwans, auch wenn das ein sehr unexakter Begriff ist. Naturalisierte Bürger können offenbar nach 10 Jahren für politische Ämter gewählt werden. Winkler ist Unweltaktivist und tritt für die allerdings bedeutungslose "Green Party Taiwan" (GPT) an, die eine echte Ökopartei ist. Sie ist in Taiwan etwa so einflussreich wie die Partei Bibeltreuer Christen in Deutschland oder die ÖDP, um es offen zu sagen.

http://focustaiwan.tw/news/aipl/201503310020.aspx

Die GPT ist nicht zu verwechseln mit der Partei DPP, die die größte taiwanische Oppositionspartei ist und die man gemeinhin wegen ihrer grünen Parteifarbe in Taiwan "Green Party" nennt - auch wenn sie mit Ökologie nichts bis wenig zu tun haben. Die DPP ist im Prinzip der Gegenpol zur "nationalchinesischen" KMT, die derzeit Taiwan regiert und oft eine staatliche Fusion der VR China mit Taiwan anstrebt.