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Dienstag, Oktober 15, 2019

Der Ratter-Säufer

Erfahrungen mit einem 2017er Nissan March in Taiwan

Einfach mal wieder wie früher bloggen...

Unser Taiwan-Wagen ist seit Februar 2017 ein Nissan March. In Deutschland nennt man dieses Modell Micra und hat ihn, so wie wir ihn 2017 gekauft haben, nur bis 2013 angeboten. Das Modell K13 von Nissan ist es und es gab ihn in D in einer modellgepflegten Version später noch bis 2017. Seither ist er in Europa/Japan/anderswo durch den K14 ersetzt. In Taiwan jedoch gibt es immer noch den K13 wie hier abgebildet, in der alten -2013er-Version. Sogar jetzt noch im Jahre 2019.
In Taiwan wird also bis heute ein altes Modell als "New March" verkauft - das neue Modell wird einstweilen ignoriert. Der unten im Showroom stehende March wäre so in Deutschland allenfalls als Gebrauchtwagen zu erweben, aber in Taiwan kann man da halt eine kleine Zeitreise machen.


Unser neuer Nissan March noch im Verkaufsraum



Vorher hatten wir ja einen dicken Volvo XC60 mit sage und schreibe 245 PS. In ökobewegten Zeiten traut man sich das kaum noch zu schreiben. Sicher war unser Wechsel auf einen Kleinwagen in erster Linie durch unsere Unsicherheit, wo wir in Zukunft leben wollen motiviert. So waren meine Frau und Junior ja eine Weile nach Manila auf den Philippinen zur dortigen Verwandtschaft gezogen, während ich mich maulend wieder nach Deutschland verzogen hatte. Aber dieses Thema möchte ich nicht wieder aufwärmen. Das Leben geht eben manchmal unstete Wege.
Auch ökologisch motiviert war unser Wechsel auf was kleines, jedenfalls von meiner Seite. Obwohl das Benzin mit 28 NT (oder wieviel zahle ich pro Liter?) immer noch billig ist in Taiwan.

Der Nissan Micra hat jedenfalls keinen sparsamen 0.8-Liter Dreizylinder, wie ihn damals das deutsche Gegenstück hatte, sondern hat einen 1.5-Liter Vierzylinder mit 99 PS. Das ist sicherlich auch den taiwanischen Verkehrsvorschriften geschuldet, nachdem zur Benutzung der Autobahn hier mindestens 1.2-Liter Hubraum erforderlich sind. Ein blanker Irrsinn. Wie machen die das eigentlich beim TESLA. Muss man da eine Colaflasche in den Motorraum kleben? Sollte die Regelung mittlerweile verschwunden sein, will ich nichts gesagt haben.

 Unser Taiwanauto Nissan (New) March

Sparsam schien er zu sein. Die Verbrauchsanzeige fing jedenfalls mit 5.8 Liter auf 100 km an oder dergleichen, schraubte sich über die Monate dann aber immer höher. Mittlerweile steht sie auf 9.7 Liter. Selbst dieser Wert ist wohl unrealistisch, denn meiner Verbrauchsmessung nach hat der Wagen zwischen 9.7 und 15.3 Liter auf 100 km verbraucht, allerdings fast alles Stadtverkehr mit gelegentlich zähfließendem Verkehr, selten mal Stop and Go und an der Verbrauchsspitze viel Ultra-Kurzstrecke mit Motor-laufen-lassen während ich auf die Gattin warte. In Taiwan steht man nicht mit abgeschaltetem Motor irgendwo herum, jedenfalls nicht in Taipei. Es gibt halt keine Parkplätze, man ist immer bereit vor der Verkehrspolizei davon zu brausen und Smog oder Hitze machen sowieso wenig Lust, mit der Außenluft etwas zu tun zu haben.
Eine Glatte Lügengeschichte also, die Verbrauchsanzeige, denn anfangs war die Reichweite genauso wie heute. Egal, ob der Bordcomputer 5.8 oder 9.7 Liter Verbrauch angezeigt hat.

Der Verbrauch ist sicher außerordentlich für so ein kleines Auto. Zum Vergleich: Der Nissan X-Trail (kompakter SUV mit 2 Liter/150 PS), den wir 2006-2014 hatten, hat je nachVerkehrslage 10-12.5 Liter genommen. Und der dicke Volvo (2-Liter Turbo, 245 PS) 12.5-15 Liter.

Unser durstiger Nissan scheint einen Defekt zu haben, auf den unsere Nissan-Werkstattleute aber nur mit Achselzucken, Kichern oder sinnlosen Maßnahmen wie Ausbauen des Entertainment-Systems reagieren. Der Motor wirkt im Leerlauf schwergängig und brummt auf und abfallend vor sich hin mit recht tieffrequenten Virbrationen. Meiner Meinung nach ist es die Kopplung zur Klimaanlage, die da zu schwergängig ist. Aber "Hi hi hi" ist alles, was ich da den fähigen Nissanleuten entlocken konnte. Selbst meine Frau im hiesigen Kicher-Chinesisch dringt da nicht durch. Der Defekt trat schon bei etwa 10.000 km oder früher auf und hat sich bis heute (Km-Stand 21.000) gehalten.


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Manchmal hat der Nissan richtig laute Rattergeräusche, die von überall und nirgendwo kommen, aber nur höchst sporadisch auftreten.  Man kann diesen Artikel ruhig als Warnung vor dem Ding verstehen. Nissan soll seit der Übernahme durch Renault nichts mehr Gutes bieten und alle Modelle, die ab 2000 gefertigt sind, sollen eher französisch in der Qualität sein. Liest man manchmal. Ich kann die gesamte Produktion von Nissan nicht beurteilen, nur unseren kleinen Rattersäufer. Und gut, der kommt mir eher wie Louis Defunes mit dem Schlagzeug und der Weinflasche auf dem Tisch vor als ein japanischer Facharbeiter.

Nach wie vor gut und zuverlässig hingegen mein deutscher Mitsubishi ASX mit bescheidenem 1.6-Liter Motor und 117 PS (EZ 09/2016). Als Crossover ist er vielleicht ein bisschen SUV-mäßig, allerdings brennt er sicher kein so dickes Loch in die Ozonschicht wie jemand mit einer 200 PS-Limunsine. Und er verbraucht 8.3-10 Liter, allerdings im gemütlichen Niedersachsen. Der vom Vater übernommene Wagen wartet immer brav auf mich in der deutschen Garage - bis zu 6 Monate lang. Auf Schlüsseldrehung springt er dann sofort an.


Unser "Deutschlandauto" Mitsubishi ASX

Für mich ist der kompakte Crossover ein richtiger Kumpel gworden, auch wegen der Zuverlässigkeit trotz langem Stehen. Meine Frau hingegen hasst ihn abgrundtief. Grund ist, dass er bei höheren Geschwindigkeiten (mit Winterreifen ab 140 km/h, mit Sommerreifen ab 150 bis 160 km/h) eher das Fahrverhalten einer Windjammer hat. Manchmal merkt man richtig, wie die Luft sich unter dem Ding sammelt, dann hinten wegschwappt und dann die nächste Luftwelle kommt. Das bootähnliche Fahrverhalten bei Autobahngeschwindigkeiten macht Kilometerfressen auf deutschen Autobahnen etwas nervig. Ist jedoch die Autobahn eben und gerade und bläst kein Wind, kann auch meine japanische Gorch Fock zuverlässig und lange Strecken mit 160 km/h Dauergeschwindigkeit düsen. So neulich geschehen auf der Fahrt Richtung Niederlande auf leerer, ebener Autobahn.

Weil der Mitsubishi eben nicht besonders teuer ist (ab 15.000 Euro Basispreis im Angebot) ist er trotz mangelnder Raserei-Fähigkeit immer noch ein vernünftiges Angebot, denke ich. Gerade wegen umfangreicher Ausstattung. Trotzdem würde ich in Deutschland lieber etwas flacheres fahren, das nicht ganz so im Wind herumschwappt wie der Mitsubishi.

Automobilistisch gibt es bei uns sicher Verbesserungsbedarf. Aber Neuinvestitionen könnten erst stattfinden, wenn wir annähernd wissen, wo wir demnächst leben. Und bis dahin darf man in Deutschland vielleicht nur noch Holzfahrräder fahren, wenn bald Schwarz-Grün (aka Dunkelgrün-Grün) in Berlin am Drücker ist.


Der Mitsubishi kürzlich in England, wo man deutlich mehr von dem Auto oder Mitsubishi überhaupt sieht als in Deutschland

EDIT:
Ein paar Notizen:
Der Nissan March/Micra hat ein Automatikgetriebe der alten Art, wo man die Abstufungen deutlich merkt. Es ist be geringster Berührung vom Gas am Runterschalten, so dass der Wagen sportlich wirkt und in der Stadt und der langsamen Taiwanautobahn gut Kraft hat. Leider ist der March sehr windempfindlich, selbst im Stadtverkehr.
Der Mitsubishi ASX hat ein altmodisches 5-Gang-Getriebe, das sich im Gegensatz zu bisherigen Mitsubishi-Schaltungen gut schalten lässt. Da kenne ich von früherer hakeligeres aus den alten Space Wagon-Modellen. Der Motor muss bei Drehzahl gehalten werden, wenn man flott vorankommen will, denn 117 PS haben bei dem dicken Kompaktauto viel zu arbeiten.
Mit einem Ausstattungspaket für 5.000 Euro oder so kam der Mitsubishi auf 19.999 Euro und hat dafür Rückfahrtkamera, Bluetooth, eine ordentlich klingende Stereoanlage, die theoretisch aber nicht praktisch auch USB-Sticks nimmt und sogar 2 Sitzheizungen neben dem anderen Kram, der ja heute selbstverständlich ist.
Der Nissan hat etwa 580.000 NT gekostet und hat auf Nachfrage ein Entertainment-System eingebaut, das von Micro-SD-Karten Musik spielen kann und eine Rückfahrtkamera, die sich aber erst nach 5 Sekunden einschaltet und daher immer zu spät kommt.


Verarbeitung:
Der Mitsubishi wirkt solide wie man es früher von Benz gesagt hat.
Der Nissan fiel schon nach ein paar Wochen durch undichte Türgummis hinten auf (macht Krach) und wirkt billig durch hartes Plastik am Armaturenbrett. Sein Gerattere und die tiefen Vibrationen im Leerlauf lassen ihn älter wirken, als er ist nach 2 1/2 Jahren und 20.000km.

Der Mitsubishi hatte (ebenfalls 20.000 km) noch keine ungeplanten Werkstattaufenthalte.
Der Nissan hatte bereits 3 ungeplante Werkstattbesuche. 2x haben wir erfolglos versucht, das Rattern auf Garantie abzustellen, was aber nur selten auftritt und natürlich nie, wenn der Wagen in der Werkstatt ist. 1x fiel vor kurzem ein Blinker hinten sporadisch aus: Wackelkontakt. Der Unfähigkeit unserer Nissanwerkstatt halber haben wir der kleinen Werkstatt im Wohnblock unten lieber 200 NT bezahlt dafür, als Nissan zu behelligen.


Und der Score:


Nissan March: (Wertung bezogen auf Taiwan)


Verarbeitung (3/6):
===

Sprit-Ökonomie/Umwelt (1/6):  
=

Fahrleistungen (4/6):
====

Straßenlage (3/6):
===


Mistubishi ASX: (Wertung bezogen auf Deutschland):

Verarbeitung (5/6):
=====

Sprit-Ökonomie/Umwelt (4/6):
====

Fahrleistungen (3/6):
===

Straßenlage (2/6):
==

In tempolimitierten Ländern hätte der ASX eine wesentlich bessere Wertung bei der Straßenlage. In England mit 70 Milen/112 km/h oder dergleichen habe ich vom Schwammigen jenseits der 150 natürlich nichts gemerkt...





Donnerstag, Oktober 26, 2017

Automobilistisches

Vom braunen Kasten über den schwarzen Riesen zur roten Knutschkugel

Als ich 2004 nach Taiwan zog, ließ ich den vom Vater zur Verfügung gestellten alten Mitsubishi Spacewagon (Hochdachkombi mit 133 PS) daheim zurück und ging in Taipei zunächst zu Fuß. Meine Frau hatte zwar noch kurz vorher einen Kia Karens (ein Äquivalent zum Spacewagon) gefahren, diesen aber verkauft, als sie kurz nach Deutschland gezogen war. Dann hatte es ihr in Deutschland nicht gefallen (um es milde auszudrücken) und wir zwei sind eben nach Taiwan gezogen. Das hatte uns also bereits zwei Autos gekostet in diesem Sinne.

Zu Fuß trabte ich genervt durch bürgersteiglose Gasse und stand mit den Autos in versmogten Straßen im Stau, wollte aber trotzdem kein eigenes Auto haben. Auch weil ich geistig immer Taipei wieder verlassen wollte. Damals war es halt noch ein ganz anderes Land - all die schicken Straßen von heute gab es kaum bis nicht. Das Hochhaus 101 stand mit ein paar Vorzeigestraßen einsam zwischen grauen Plattenbauten. Man kann sich das heute kaum noch vorstellen.

Erst 2006 schafften wir ein Auto an, es wurde ein Nissan X-Trail, der mit seinem 2-Liter-Benziner und 150 PS so zögerlich auf das Gas reagierte, als wenn drinnen nur 110 Pferde oder so ihre Arbeit verrichteten. Ein Modell, das es schon seit 2001 in Deutschland, aber erst seit 2005 in Taiwan gab und das hier auch hergestellt war. Innen freilich mit Leder und Kunstholz ganz anders aussehend als der robuste Innenraum der deutschen Version.


Bürgerlicher Wohlstand kehrte ein, der Nissan stand vorm Reihenhaus geparkt zusammen mit einem fast 10 Jahre alten Opel Corsa, den wir angeschafft hatten, als Frau und ich in zwei Firmen gearbeitet haben. Selten habe ich ein Auto so gehasst wie den Corsa, der immer kaputt war. Kochender Motor und Anlassprobleme. Genau gesagt "schrie" das Auto wie am Spieß wenn man den Anlasser betätigte. Fußgänger machten bei dem tier- oder eher dämonenhaften Laut einen solchen Satz, dass man befürchten musste, sie würden einen Herzinfarkt kriegen. Ein Corsa 1.2 Swing. Als auch noch die Bremsen nachließen und man pumpen musste, gab sogar der lokale "TÜV" (zu dem man ältere Autos in Taiwan bringen muss) sein OK dazu. Sie rieten zum langsam fahren.
Der Nissan blieb uns ein treuer Begleiter bis 2014, als auch wegen Befestigung für Kindersitze (den in Taiwan jap./kor. Autos nicht haben) ein Volvo angeschafft wurde. Mit 8 Jahren und 185.000 km hatte der Nissan nie Probleme gemacht. Nur einmal waren wir liegen geblieben als ich die rote Batteriewarnung zwei Wochen lang ignoriert hatte. Daraufhin gab die Lichtmaschine bei erst 85.000 km ihren Geist auf. Noch kurz vorm Verkauf mit neuen Stoßdämpfern ausgestattet fuhr sich der Nissan wieder wie ein Neuwagen. In der Rückschau das beste Auto, dass ich je hatte. Der X-Trail nahm 10-12 Liter in Taiwan, der Corsa um die 9.

Angeschafft wurde der Volvo XC 60 T5 mit einem 2-Liter Turbomotor, den Volvo als Sparmotor bezeichnete. Wohl weil er seine geschlagenen 245 PS nur aus 2 Litern Hubraum zog.  Freilich war der Wagen für die oft schmalen Gassen Taipeis viel zu breit und steckte manchmal fast fest. Geschlagene 1.90 Meter breit war er. Und das obwohl er im Innenraum viel enger wirkte als der Nissan X-Trail.

Die Inspektionen waren teuer, mal eben 20.000 NT statt wie vorher 2.000 bis 4.000 NT beim Nissan waren für uns eine ungewohnte Dimension, wenn auch erträglich. Der Verbrauch war horrend. Der "Sparmotor" gurgelte sich zwischen 11.8 und 15 Liter in den Rachen, mit Tendenz zur Steigerung. Unvergessen ist mir das wütende Pipen und die roten Warnungen auf einem großen "taktischen Display" auf dem Armaturenbrett, mit dem der Wagen -ständig- auf das -ständige- Annähern von Mopeds reagierte, deren ungefähre Position auf dem Bildschirm unter wütendem Pfeifen angezeigt wurde. So als gälte es die Phaser auf die Position eines die Tarnung fallen lassenden Klingonenkreuzers bei Star Trek auszurichten.
Die Sicht nach hinten links und hinten rechts beim Spurwechsel war wegen der ansteigenden Seitenlinie schlecht, dafür hatte er jedoch elektronische Helferlein die wiederum Feinde im toten Winkel blinkend anzeigten.
Meine Frau gab mit dem von ihr gewünschten Volvo das Autofahren schlichtweg auf. Sie kam einfach mit der Breite nicht zurecht. Trotzdem wirkte sie immer glücklich in dem dicken Fahrzeug. "Etwas her machen" tat der Volvo auch in Bezug auf die anderen Verkehrsteilnehmer. Während diese mir in der Nissanzeit ständig vor den Kühler kreuzten oder oft in Millimeterabstand auf der Stoßstange hingen, hielten die Taiwaner zu dem Volvo fast immer respektvollen Abstand und stellten manchmal sogar irgendwelche Rennen, in die sie gerade verstrickt waren ein, um manierlich und mit gesetztem Blinker an mir vorbei zu ziehen - erst wenn ich gewillt war ihnen Platz zu machen. Ich gebe zu, ich konnte mit dem dicken Ding gemütlich und entspannt durch Taiwan fahren. So gesehen fiel mir die Trennung am Schluss etwas schwer.
Der Wagen fiel der chaotischen Zeit zum Opfer, in der meine Frau mit dem manilesischen Familienzweig - ihrer Schwester nebst lokalem Manne - fusionierte und mit Junior dort hin zog, während ich nach Deutschland zog. Eine chaotische Zeit, der also auch der dicke Volvo zum Opfer fiele. Das praktisch neue Auto nach 2 Jahren zu verkaufen machte hohen Verlust und heute fährt ihn immerhin teilbezahlterweise die Schwester Nr. 4 meiner Gattin. La Sagrada Familia ist hier sowieso die Hauptsache.

Kaum wieder zurückgekehrt nach Taiwan schmiedete meine Frau Pläne irgendwas dickes mit Stern anzuschaffen. Nun habe ich nichts gegen LKWs, aber wenn diese sich heute auch SUV nennen plädierte ich energisch erst mal für einen Kleinwagen. Wer weiß denn, ob sich unsere Hin- und Herziehphase nicht noch fortsetzt.

So fahren wir derzeit mit der nagelneuen Knutschkugel oben im Bild herum. Ein Nissan Micra, der sich hier March nennt und hier seit recht kurzer Zeit erst so verkauft wird, wie es ihn in Deutschland von 2009 bis 2013 gab (Micra K12). So klein ist ein Kleinwagen heute auch nicht mehr, er hat immerhin ziemlich genau die Ausmaße eines Golf A und man sitzt erstaunlich bequem in dem Ding. Wohl wegen des hohen Daches. Ich will nicht behaupten dass der Vierzylinder mit 1.5-Litern und 99 PS das beste Auto aller Zeiten ist (Motorosierung abweichend von Deutschland), aber er ist trotz Automatik agil im Stadtverkehr und der Verbauch ist auch um Klassen besser als beim Volvo. Fährt meine Frau ihn allein oder mit Junior kommt sie auf 6-7 Liter Verbauch, bei mir hingegen nimmt das Ding 8-9 Liter, obwohl ich viel vorsichtiger mit dem Gas umgehe. Meine Frau wirft das Ding wie einen roten Flummi durch die Gegend und hat mit dem kleinen Auto das Autofahren und die Freude daran wiederentdeckt. Ich hingegen fahre ihn häufig recht missmutig im Vergleich zum Volvo. Fangen doch die Taiwaner wieder damit an, mich ständig mit ihren dicken Limusinen und SUVs zu bedrängen, als gäbe es irgendeinen Preis zu gewinnen.

Egal wie oft ich in die dunkle Tiefgarage komme, so sieht es nie aus (fehlt das Licht denke ich), Bildklau von Nissan Taiwan

Innen hat der Nissan schickes Hartplastik am Armaturenbrett, trotzdem (für seine 570.000 NT) Ledersitze und damit es nicht langweilig wird klappert hinten immer irgendwas. Aber dafür werden sich wohl keine taiwanischen Verwandten darum reißen mit dem Ding einst durch die Gegend zu fahren, wenn wir mal wieder wegziehen. Wir planen ihn für den Fall als Taiwanauto meiner Frau zu behalten und bei einem Freund der Familie unterzustellen.

Da ich nun zwischen Deutschland und Taiwan pendele habe ich auch noch den nagelneuen Mitsubishi von meinem Vater übernommen, der ja leider verstorben ist. Jetzt ist der rote Mitsubishi  ASX schon wieder über ein Jahr alt geworden aber fast immer nur in der Garage stehend meiner Abwesenheit halber und gerade mal 5700km gelaufen.

Weit und breit keine Forstmitarbeiterinnen, um mal am Auto zu posieren.


Frau ist der 117-PS-starke kompakte SUV, der im ruhigen Niedersachsen auch nur zwischen 8 und 9 Litern nimmt ein kleiner Dorn im Auge. Sie mag es eher mit Stern in der letzten Zeit und kauft mir nicht ab, dass der Mitsubishi "Drei Diamanten"-Stern doch fast genau so ist. In die Diskussion fiel Junior mit einer "Volvo Volvo Volvo"-Kaskade ein. Er ist immer noch ein Fan von unserem schwarzen Ungetüm oben im Bild.

Am meisten Spaß gemacht hat mir jedenfalls ein anderer Mitsubishi, Anno 1985 oder 86 frisch führerscheinbesitzend und auf Spritztour in Ostberlin.


Heute finde ich er sieht gar nicht so viel anders aus als das realsozialistische Blech in der Straße. Damals allerdings hatte der "Space Wagon 1800 GLX" in der DDR richtig für Aufsehen gesorgt. Nach Feten (in Der Brrrrrd) konnte man hinten den Siebensitzer in eine Liegefläche verwandeln und drin nächtigen. Übrigens hat er fast identische Breite und Höhe wie der Nissan March oben im Bild. Dabei ist der heute ein Kleinwagen und der Space Wagon war eine ausgewachsene Familienkutsche.

Mehr Bilder von dem Ostberlin-Trip hier: http://osttellerrand.blogspot.tw/2012/07/wie-ich-die-ddr-ruiniert-habe.html
U.a. sieht man dort den Wagen einmal vor westberliner Reichstag und einmal vorm ostberliner Palast der Republik geparkt. Den Fun von damals kann auch ein 400 PS-Mercedes nicht ersetzen (den Gattin im Visier hat).



Freitag, März 31, 2017

Opel brennt

Noch nie habe ich so viel von brennenden Autos gehört wie in den 13 Jahren in Taiwan. Wieso brennen die Dinger hier laufend?

Gestern Abend im Fernsehen. Ein aktueller Opel Astra steht in einer Tiefgarage in Taipei-NeiHu und raucht vor sich hin. Schwelbrand offenbar. Seit ich in Taiwan lebe, habe ich schon mindestens dreimal - eher viermal - Autos brennen sehen. Mit eigenen Augen. Die unzähligen Reporte im TV und Magazinen sind damit nicht gemeint. Brennen Autos in Taiwan mehr als in Deutschland? Denn in Deutschland habe ich noch nie ein Auto brennen sehen.

2 oder 3 mal erinnere ich mich an kleine blaue Lieferwagen, die auf Schnellstraßen am Rande stehen und qualmen/brennen. Das sind die billigen Schlichtlieferwagen ohne Firmenschilder, die meist auch schlecht oder gar nicht gewartet werden.

1 mal habe ich selbst einen Wagen gesehen, der so sehr gebrannt hat, dass mir um den Stau dahinter Angst und Bange wurde. Es war auf einer schmalen alten Schnellstraßen-Hochbrücke und ich selbst konnte dankenswerterweise auf der Gegenfahrbahn vorbei fahren. Es war ein Toyota-Taxi, aktuelles Modell, aus dem die Flammen in Mitten der Fahrerkabine 1 Meter heraus schlugen.

1 mal habe ich selbst gesehen, wie ein Brand anfing. Ich ging mit Frau und Junior durch die Nachbarschaftsgassen und ein kleiner (auf Mazda-basierender) alter Ford-Kleinwagen hatte die Haube offen und ein Mann hantierte am Fahrzeug herum. Mir fiel sofort auf, dass im Motorraum unter der geöffneten Haube eine Kerze stand! "Das spart Batterie", zog mir durch den Kopf und ein zynisches "wie pfiffig doch die Einheimischen sind" kam gedanklich gleich hinterher. Im selben Augenblick brach ein loderndes Feuer im Motorraum aus! Offenbar hatte sich Kraftstoff (Öl?) auf dem Motorblock entzündet. Ich buchsierte Frau und Junior in eine Seitenstraße. Allerdings kam sofort der am Fahrzeug hinten herum fummelnde Herr angerannt und hatte zu meiner Erleichterung sofort einen Feuerlöscher bei der Hand und im Nu war der Brand gelöscht. Den Mann kümmerte das nicht allzu sehr und er ging sofort wieder dazu über hinten am Fahrzeug herum zu fummeln, als sei nichts gewesen. Toll! Gibt es hier eine Regel von Konfuzius die lautet: "Wenn du Feuer löschen kannst, kannst du ruhig mit Kerze im Kornspeicher schlafen"? Sicher hätte der weise alte Oberchinese eine solche Regel aufstellen können.

Meine eigenen bislang 3 Autos in Taiwan haben nie gebrannt. Allerdings hatten wir einmal schleifende Bremsen durch einen chaotischen Kfz-Werkstattbesitzer, dessen Werkstatt wie eine Müllhalde wirkte, das schmutzige Werkzeug zwischen Unrat und Altteilen nebst alten Getränkeflaschen verteilt. Ursache war damals eine vom Kfz-Messie selbst gebastelte funktionsuntüchtige Rückstellfeder gewesen. Er hatte halt aus dem Müllhaufen schnell ein Ersatzteil "hergestellt", wie er uns selbst gesagt hatte. Auch die Leute, die uns die "Dashcams", also Straßenverkehrs-Überwachungskameras in die Autos eingebaut haben, hatten einen sehr laienhaften Nimbus und haben bestimmt nie Kfz-Elektrik richtig gelernt.

Gut, auch der BMW-Vertragshändler im heimischen Hannover hatte mir einst einen rechten elektrischen Außenspiegel (damals noch gegen Aufpreis!) so angebaut, dass der Wagen danach mit leerer Batterie stehen blieb. Ein Lehrling soll's gewesen sein.

Was, wenn unser Messie von vorhin an der Kraftstoffleitung eines PKW herum bastelt und sich selbst eine Manschette bastelt?

Oder die taiwanischen Verbraucherforen von denen meine Frau mal erzählte haben Recht und Schuld ist immer die ausländische Automarke. Wenn es ein europäisches Auto ist jedenfalls.

P.S.: Ich weiß, Mercedes hat gerade einen Rückruf wegen Feuergefahr durch defekten Starter im Motorraum. Aber haben die Leute hier auch das Sicherheitsdenken wirklich die Reparatur durchführen zu lassen? Es sind immerhin etwa die gleichen Leute, die mit Karacho zwischen zwei geparkten Autos in den Verkehr einfädeln ohne auf den selbigen zu achten.




Montag, März 27, 2017

Neues Auto(chen) (Update)

Wenn ich eine Email von Victorchen bekomme, dann ist das nach der Namensregel bei der Firmenemail einfach ein Kollege mit Nachnahmen Chen. Doch das neue Ludigelmobil trägt die Verniedlichung leider zu Recht.

Noch vor kurzem war alles klar. Meine Frau hatte Manila auf den Philippinen als neuen Wohnsitz erkoren, sehr zur Freude ihrer dortigen Verwandten. Und ich war zurück nach Deutschland gezogen, weil mein Vater verstorben war und meine auf die 90 zugehende Mutter Hilfe brauchte. Auch automobilistisch war alles klar. Meine Frau wurde samt Junior vom Mann ihrer dort lokal verheirateten Schwester herum gefahren in seinem neuen Ford Ecosport und ich ließ den von meinem Vater hinterlassenen fast neuen Mitsubishi ASX auf meinen Namen zu.

Mann kann sich gewöhnen an den Fischmaul-Look (schwer im Trend seit Audi (?) damit angefangen hat), hier meiner Meinung nach nicht gerade hübsch realisiert


Jetzt treibt der manilesische Schwager den Ford-Sport wieder alleine und Frau, Junior und ich leben wieder in Taipei. Da unser fast neuer Volvo XC60 eben noch verkauft worden war, hatte nun der plötzliche Rücksturz nach Taipei zur Folge, dass wir kein Auto mehr hatten. Also wieder eine große Kiste kaufen? Das schwebte lange bei uns in der Diskussion, allerdings mahnte ich, dass unsere geographisch unstete Lebensweise zu neuerlichen hohen Wiederverkaufswert-Verlusten führen könnte.
Also sollte es doch ein Kleinwagen werden bei uns. Niedrig im Preis und meine Frau kann ja auch große Blechberge nicht so gut durch die engen Gassen Taipeis steuern. Daher gibt es jetzt einen großen Kontrast bei uns. Statt dem vormaligen dicken schwarzen Volvo SUV mit 245 PS jetzt ein kleiner Nissan "March" mit 99 PS in Xiaojie-Rot. Niedlich anzusehen das kleine Auto mit niedlichem Haifischmaul, das mich irgendwie an das verzweifelte Japsen einer Forelle auf trockenem Land erinnert. Mit etwas über einer halben Million NT Grundpreis deutlich billiger als der parallel angesehene Mazda 2 - der freilich gefühlt zehnmal so attraktiv gestylt ist. Allerdings mindestens 0.7 Millionen NT kostet. Und meine Frau fand den niedlich gestylten Nissan eben unwiderstehlich. Er hat ein Design von dem man oft liest, dass es ein "Frauendesign" ist. Nissan hat den March-Kleinwagen im Katalog neben hochhackigen Schuhen und einer Katze abgebildet. Deutlicher geht es nicht. Hello-Kitty-Auto eben.

Altes Modell (-2013 in Europa) mit 0 km zum Neuwagenpreis. Typisch Nissan, die Taiwan als Zweitverwertungsplatz angesehen

In Deutschland gab es dieses Auto auch, es nannte sich dort "Micra" und wurde nur bis 2013 so verkauft, wie es in Taiwan auch 2017 in den Showrooms steht. Nissan verkauft in Taiwan meist ältere Modelle, so dass sie 2013 sogar noch einen Uralt-Micra in Taiwan anboten (wieder als "March") und das zwischenzeitliche Modell glatt weggelassen hatten. Die beim aktuellen Modell 2013 vorgenommene Modellpflege hin zu einem weniger niedlichen Look hat Nissan in Taiwan auch weggelassen und auch das jetzt im März 2017 in Deutschland vorgestellte völlig neue Modell wird es in Taiwan zumindest jetzt nicht geben. Wegen niedlichem "Fisch schnappt nach Luft"-Aussehens des Autos (das mich im Showroom dazu verführte vor dem Kühler zu grimassieren) und der fragwürdigen Modellpolitik von Nissan Taiwan, hier immer Altmodelle anzubieten, war ich dem Ding nicht gerade zugetan. Auch innen ging es wenig erquicklich zu. Ödes hartes graues Plastik wohin man auch sieht und dann eine silberne Scheibe (billiges silberfarbenes Plastik) auf die Mittelkonsole geknallt, die so wirkt, als hätte man dort einen asiatischen tragbaren CD-Spieler von 1985 mit Pattex dran gekleistert. Immerhin waren die Sitze taiwantypisch mit (schwarzem) Leder bezogen, das sogar hübsch mit roter Naht abgesetzt war und zu meiner Verblüffung hatte ich hinter dem Lenkrad mehr Platz als im vorher getesteten deutlich größeren VW Golf, Audi A3, 1er BMW und Toyota Yaris. Nur links kam mein Knie irgendwie gegen die Tür, die wegen eines breiten Bedienpults mit elektrischen Fensterhebern sehr breit ausgefallen war. Die Türverkleidung samt Bedienpult bog sich flexibel weg, wenn das Knie den Druck dort erhöhte. Alles ergab ein billiges irgendwie "igitt"-Gefühl.

Die Probefahrt war dann allerdings ungleich besser. Vergessen war die schwammige Türverkleidung. Der mit 99 PS ausgestattete Kleinwagen reagierte sehr munter aufs Gas und vermittelte richtig gehend ein sportliches Fahrgefühl. Es gab offenbar nur den 99 PS-Motor (offenbar mit 1.5-Litern Hubraum). Die Taiwaner mögen es halt immer ein bisschen sportlich bei Autos. Dagegen konnte der neue viel erwachsener wirkende Golf-Konkurrent Nissan Tiida mit 115 PS nicht punkten, den ich allerdings wegen Aussehen und Größe selbst bevorzugt hatte. Die Tiida war bei meiner Frau aber von Anfang an auf verlorenem Posten. Schließlich hatte ein Freund eines Freundes von meiner Frau angegeben, der Wagen würde beim Fahren zu sehr schaukeln. Auf meiner Probefahrt gelangen mir trotz rasanten Kurven keine Schaukelbewegungen, aber ich bin natürlich auch kein taiwanischer Spezialfahrer, der mit 80 um enge bürgersteiglose Gassen vor der Grundschule bügelt uns sich dann wundert wenn beim Schulkinder-Ausweich-Slalom die Frisur durcheinander gerät.

Unser niedlicher Micra aka March wendet sich aber eher an die weiblichen Fahrer Taiwans, die als "Psycho-Xiaojie" dann im roten Minirock mit rotem Nackellack und den roten hochhackigen Schuhen vom Prospekt-Cover den Schulkindern mit 99 PS und kaum nennenswerten Leergewicht mal so richtig das Fürchten beibringen können beim morgendlichen Wettrennen durch klitzekleine Gassen zum Arbeitsplatz.

Wir können es kaum erwarten, bald steht unsere rote Knutschkugel - mit Rückfahrbildschirm statt dem hässlichen Sony-Discman im Innenraum - bei uns in der Tiefgarage. Frau ist schon Feuer und Flamme und sagt, sie hätte das Rasen durch quietschenge Taipei-Gassen sehr vermisst in unseren "Volvo-Jahren". Der hat ja nie so richtig durchgepasst durch die bürgersteiglosen Straßen in den Schlichtvierteln. Jedenfalls nicht mit taiwantypischen Geschwindigkeiten.


UPDATE: Ich habe noch keinen einzigen anderen Nissan March/Micra dieser Baureihe auf Taiwans Straßen gesehen die Tage. Nur ein paar ältere der 2. Generation (K11 genannt bei Nissan) sind noch zu sehen. Die Erklärung liegt vermutlich im merkwürdigen Marketing von Nissan Taiwan (identisch mit der Firma Yulon, die hauptsächlich die eigene Automarke LUXGEN betreibt), dass den K11 solange gebaut hat (1993-2007), bis er völlig veraltet war und das nichtsdestotrotz sehr beliebte Auto dann nicht mit einem Nachfolger versehen hat. Den neuen K12 gab es nämlich in Taiwan nicht. Erst 2011 führten sie "unseren" K13 oben im Bild ein und verkaufen ihn seither wohl kaum. Die Kunden sind offenbar fast geschlossen zu Toyota und dem beliebten Kleinwagen (neuste Generation ein eher ein Kompaktwagen) Yaris abgewandert.
Nissan tut das immer wieder - für erfolgreiche Modelle zeitweise keinen Nachfolger anbieten. Beispiele sind hier der X-Trail und die kompakte Limusine Sentra. Fast so, als ob es ihnen unheimlich wird, wenn sie zu viel in Taiwan verkaufen.

Diskussion mit Junior (5):
Ludigel: "Sollen wir dem niedlichen Auto einen Namen geben? Otto oder Elise oder so?"
Junior:   "Hat doch schon einen Namen.... Nissan."
Ludigel: [schluck] "oookay"

Junior ist immer so entsetzlich vernünftig.

UPDATE 2: Sage ich doch, Frauenauto:  http://www.nissan.com.tw/Upload/861B57C9-3BD5-4860-B2F9-4666AF0F784F/TC/圖三.jpg
und http://www.nissan.com.tw/Upload/B9CD4807-9FF6-4015-9275-771F4C211C28/TC/2011122316133158411463.jpg

Dienstag, März 21, 2017

Gebrauchtwagen Teil 3: Autos von der Bank klauen

Endlich mal der Hausbank was heimzahlen? Gemeint ist hier aber nicht, dem Filialleiter seinen schwarzen Toyota Camry zu klauen, sondern die Taiwaner haben etwas viel trickreicheres im Sinn

In Deutschland habe ich mal ähnliches gehört. Wenn Herr Thorsten van Anderen sich einen neuen BMW 750i gekauft hat und nicht abbezahlen kann, wird er per Repro-Mann wieder beschlagnahmt und geht zurück an die Bank. Manche besonders pfiffige Schuldner verkaufen den teuren neuen Wagen aber schnell an eine Hinterhofwerkstatt und melden ihn als gestohlen oder dergleichen. Und die verkauft ihn dann in Teilen. Pfiffige Detektive werden dann ggf. beauftragt den Wagen vorher wiederzufinden.

Manch einer wäre hier froh, wenn er die Kiste loswürde irgendwie...
Um solche Autos geht es hier natürlich nicht, sondern nur um dicke meist deutsche Importautos

In Taiwan geht es aber noch trickreicher. Es gibt nämlich Pfandhausseiten, die Autos anbieten, die zwischen 3 und 6 Jahren alt sind. Neuere fehlen, vielleicht weil sich da das Anheuern von Detektiven lohnen würde, die den Autos auf der Spur sind. Diese Pfandhausseiten erwähnen, dass die Autos unter Eigentumsvorbehalt (einer Bank) stehen und daher nicht einfach auf den eigenen Namen zugelassen werden können. Man erhält die Fahrzeugpapiere, aber diese lauten weiterhin auf den Namen des ursprünglichen Käufers/Schuldners. Und man kriegt die Autos also nur permanent überlassen, wofür man die Hälfte oder ein Drittel des Zeitwerts des Auto an das Pfandhaus bezahlt. Damit die Bank das Auto nicht findet und beschlagnahmt bieten die Pfandhäuser einen besonderen Verschleierungsservice an, der u.a. andere Kennzeichen beinhaltet.

Meine Meinung nach längst auf der falschen Seite der Grauzone zwischen legal und illegal und Links will ich auf solche Seiten doch nicht setzen. Aber wie geht das Ganze nun im Detail vor sich? Im Beispiel wie unten:

Herr Li kauft sich seinen dicken Mercedes E300 und kann ihn am Ende nicht mehr abzahlen. Jetzt geht er schnell zum Pfandhaus und bekommt dafür Geld in die Hand gedrückt. Kann er den Wagen nach einiger Zeit nicht mehr auslösen, verbleibt er beim Pfandhaus. Das Pfandhaus bietet ihn nun schnell auf einschlägigen Webseiten an, mit dem Hinweis man können ihn nicht einfach auf den eigenen Namen zulassen. Denn sonst würde die entsprechende taiwanische Zulassungsbehörde ihn wohl für die Bank beschlagnahmen lassen. Wenn man den Wagen jedoch haben will, kriegt man Fahrzeugbrief und -Schein, die es auch in Taiwan gibt. Dort steht auch noch der ursprüngliche Halter Herr Li drin und weder Herr Li noch der neue Käufer zahlen die Steuer oder gar Versicherung. Aber der "Käufer" könnte jetzt natürlich fröhlich mit dem E300 herum fahren. Solange, bis er beschlagnahmt wird. Um das zu verhindern kauft das Pfandhaus eine Doublette auf. Das ist ein gleichfarbiger Wagen der selben Baureihe (die Farbe steht in Taiwan in den Wagenpapieren!), der kaum noch etwas Wert ist. Vielleicht ist er schon ein paar Jahre älter, hat vielleicht einen Flutschaden bekommen (kommt in Taiwan öfter mal vor) oder hat gar einen Unfallschaden. Vielleicht ist es sogar nur ein E260 oder was auch immer. Dieses Wrack kann der "Käufer" nun legal auf sich zulassen und dafür auch die KFZ-Steuer bezahlen. Allerdings wird das Wrack nie gefahren, sondern bleibt an einem geheimen Ort beim Pfandleiher stehen. Irgendwo in einer Wellblechhalle. Trickreich werden nun die neuen legalen Kennzeichen des kaputten E260 mit denen des schicken E300 getauscht. Idealerweise macht man vielleicht die E300/E260-Markierungen ab. Nun fährt der "Käufer" also mit Herrn Lis illegalem E300 herum, aber laut Kennzeichen ist es ein ganz anderer E260, der völlig legal ist.

Ohne Bezug zum Artikel. Die Jungs hier in der Nachbarschaft putzen alles was teuer ist.

Sinn der Übung ist, dass ein Repro-Mann der Versicherung den Wagen weder bei Herrn Li noch beim Abklappern von Pfandhäusern findet. Selbst wenn er die Wellblechhalle mit den Pfandleiherautos findet, wird er am Ende nur vor einem Schrottfahrzeug stehen, das in Baureihe, Farbe und Kennzeichen mit Hernn Lis Auto übereinstimmt. Nur dass es in Wirklichkeit eben der schrottige E260 ist und nicht Herrn Lis E300. Entnervt soll der Repro-Mann nun wieder nach Hause fahren und die Sache auf sich beruhen lassen. Weil es sich nicht lohnt, das Wrack - von dem der Repromensch denkt es sei Herrn Lis E300 - mitzunehmen.

Was wenn der illegale E300 mit der Vita des E260 nun in eine Polizeikontrolle gerät? Kein Problem, heißt es in einschlägigen Foren. Strafmandate etc. orientieren sich am Kennzeichen und die Polizei macht eigentlich nie die Motorhaube auf, um die Fahrgestellnummer zu kontrollieren. Auch die automatischen Mautstationen auf Taiwans Autobahnen orientieren sich natürlich nur am Kennzeichen und das gehört ja einem legalen Fahrzeug und ist auf den neuen Halter zugelassen.

Alles paletti also? Ich denke unangenehm würde es, wenn das Fahrzeug etwa einen schweren Unfall hätte und irgendjemand doch die Fahrgestellnummern ermittelt. Dann müsste man der Polizei erklären, wieso man ein gesuchtes Fahrzeug fährt. Und wehe, wenn das Auto dann noch wegen Fahrerflucht und einem schweren Vorunfall vor Jahren gesucht wird.
Oder was, wenn der Wagen wirklich gestohlen wird? Man meldet dann der Polizei einen gestohlenen legalen E260, der in Wirklichkeit in einer Wellblechbutze steht. Alles sehr sehr unorthodox und vermutlich kriminell. Und falsche Kennzeichen am Auto zu befestigen ist sowieso ein Vergehen. Aber alles spannend und taiwanisch-pfiffig.

Ein Zufallsfund beim Durchstöbern von Gebrauchtwagenforen und nicht zur Nachahmung empfohlen.

Dienstag, August 18, 2015

"This is my country!" (Update)

Ludigel will eigentlich nur das Auto umparken

Im März hatte ich geschlagene drei Parkplätze in der Nachbarschaft zur Verfügung, brauchte aber doch oft fünf Minuten um den dicken Volvo in den schmalen Gassen einzuparken. Parkplatz 1 ist der Familienparkplatz, noch von anderen genutzt. Parkplatz Nummer 2 wurde deshalb gemietet, in einer Tiefgarage. Die ist allerdings nur über einen Autolift zu erreichen der so schmal ist, dass es mir einmal die Verkleidung des linken Außenspiegels weggehauen hat in dem Ding. Daher haben wir dann Parkplatz Nummer 3 gemietet (2 ist heute wieder aufgegeben). In einer schmalen Gasse ganz in der Nähe. Nur dass die Leute sich dort angewöhnt haben, immer in zweiter Reihe die geparkten Autos zuzuparken. Ohne Telefonnummer am Auto.

 Die Nachbarn guckten von den Balkonen...


Spät abends zwischen 10 und 11 gehe ich also immer los und parke das Auto vom etwas weiter weg liegenden Parkplatz 3 auf Parkplatz 1 um, weil der dann frei ist und näher an der Wohnung liegt. Damit Frau morgens nicht so weit laufen muss. Oft ist der Wagen dann zugeparkt. Dann rufe ich Frau an, die ruft die Parkplatzvermieterin an und die telefoniert in der Gegend rum, bis nach etwa zwanzig Minuten irgendein Depp aus den Wohnungen rennt, "paisei paisei" ruft, wie immer man das auch schreibt und seine verdammte Karre wegfährt. Oder rummault dabei, wenn es der Kerl mit dem dicken weißen Infiniti-SUV ist, der das Format eines veritablen LKWs hat. Das Auto, nicht der Kerl. Sogar mein Volvo sieht klein aus dagegen.

Nun hatte ich gerade Terminator::Genisys gesehen, den neuen Streifen mit Arnold, der zwischenzeitlich Gouverneur von Californien war und war gerade kurz vor Schluss gewesen, als Frau sagte, ich solle den Müll rausbringen (ohne richtig funktionierende Müllabfuhr in Taiwan ist das auch so ein Abenteuer) und dann natürlich auch den Wagen umtopfen. Nun parkte eine alte rote Mercedes S-Klasse mich und zwei andere Autos zu. Anständige Taiwaner liegen natürlich zu dieser späten Stunde längst in den Betten und träumen von Laotse und Konfuzius, das ist klar. Nur wir merkwürdigen Ausländer sind da nachts noch auf den Beinen unserer finsteren Umparkgeschäfte wegen. Und ich hatte auf die 20 Minuten Ringelpietz mit Anfassen und Telefonieren einfach keine Lust. Und warum eigentlich kaufen Taiwaner immer das maximal größte erreichbare Auto, vergessen aber einen Parkplatz dafür zu mieten? Gut, meine Frau wollte ja auch unbedingt den dicken, teuren Volvo.

 Was ist denn das für ein Radau?


Also drückte ich auf die Hupe. Dauerhaft. Immer wieder. Wirklich lange. Weil irgendwann wird dann ja wohl jemand kommen. Tatsächlich trudelte als bald die gesamte Nachbarschaft im Schlichtwohnviertel ein. Hinter den Gittern (Gardinen haben sie hier nicht, ist Konfuzius dagegen oder dergleichen) oder unten aufgeregt vor meinem Volvo und dem Benz auf der Fahrbahn rumrennend. Ich zeigte mehrfach fragend auf den dicken Mercedes und ging dann weiter meinem Hupgeschäft nach. Es schien so, desto schneller ich die Hupfrequenz wählte, desto schneller liefen auch die Leute herum. Lustig irgendwie. Vielleicht sollte ich mal eine Melodie hupen. Kennt jemand ein chinesisches Volkslied? "Sah Chiang Kai Shek ein Röschen stehen" oder irgendwie sowas. "Muss ih denn, muss ih denn zum Tempele hinaus..:", das kennt man doch, oder?
Und wo hatte ich nur die Hauptdarstellerin in Terminator::Genisys schon gesehen?

So grübelte ich hupend vor mich hin, da sprach mich ein Anwohner auf Englisch an.

"Why so angry?" fragte er. "Warum so ärgerlich".
Seine Frage machte mich jetzt wirklich ärgerlich. Hupt man weil man ärgerlich ist oder weil man einfach mit dem Auto aus der Parklücke fahren will, wenn sie zugeparkt ist?

"I am not angry. I just press the horn so someone is coming", antwortete ich jetzt nicht mehr wahrheitsgemäß. "Ich bin nicht ärgerlich, ich drücke nur die Hupe damit jemand kommt."

Ich unterbrach kurz mein Daherhupen (die Nachbarn standen alle abrupt bewegungslos da, als die Melodie aufhöre) und hörte ihm zu, als er mutmaßte, zu welcher Wohnung der Mercedes gehören würde. Da setze er zu einem Fragenkatalog an.

"Is this your parking lot? Do you live here?" ... "Ist das Ihr Parkplatz. Wohnen Sie hier?"

Klar, dachte ich, ich muss dir um 22.10 meine Credentials/Referenzen geben, wenn ich nur mein Auto aus der Parklücke fahren will. Ich kenne das ja. Gehe ich an meinem Auto vorbei bei Regen und nehme einen Regenschirm raus, stratzt jemand aufgeregt zu meinem Auto und macht ein Foto davon. Langnase brechen Auto auf. Oder parke ich auf meinem Parkplatz, erklärt mir jemand, ich könne da nicht parken. Weil Anwohnerparkplätze. Und so wie ich sehen Anwohner eben nicht aus. Oder wollen mich nicht ins Mietshaus reinlassen, wie der Tattergreis bei uns im Haus. Gut, oder sie sagen "Welcome in Taiwan" (haben sie aber um 2011 damit aufgehört), wenn ich noch mal was aus dem Auto hole. Immer fühlen sie sich mir gegenüber vor meiner eigenen Haustür als territoriale Sachwalter offenbar.

"Yes I live here. Yes this is my parking lot. And this is my country!".

"Ja ich wohne hier. Ja, dies ist mein Parkplatz. Und dies ist mein Land!"

Den letzten Satz sagte ich mit geschauspielter Inbrunst und großer Geste, mit meinen zum Himmel gereckten Armen gewissermaßen das  ganze Land Taiwan aka Republik-China einschließend.

"The last one was a joke", "Das letzte war ein Witz", wollte ich noch hinzufügen. Da fiel mir auf, dass der Nachbar schon wieder schnellen Schrittes auf seine Haustür zurannte. Bei emotionalen Gesten geraten sie immer in Panik, die Taiwaner. Dabei hatte ich noch mehr in Petto, hätte mich als Präsident Ma Ying-Jeou vorgestellt, wenn er weiter gefragt hätte. Aber so war er weg und ich ging wieder zum Dauherhupen über. Die Nachbarn nahmen wieder ihren Squaredance auf.

Irgendwann kam dann eine junge Frau aus dem Hause, sagte "Paisei Paisei" und ich bedankte mich. Als ich den Wagen aus der Parklücke gefahren hatte, musste ich wieder diese Parksperre zuklappen. Die ist aus Metall und macht so einen Wahnsinns Krach jedesmal. KAWUMM ging es. Wieder hielt das ganze Duzent Versammelter an und alle guckten mich an. Bestimmt dachten sie jetzt alle, ich sei unheimlich wütend. Dabei ist es nur die Mechanik. Ich ging aufs Auto zu. Immer noch guckten mich alle an als sei sonstwas passiert.

"Prima", dachte ich. Da will man nur seinen Wagen umparken und stattdessen ist man in einer Situation, sich im soziokulturellen Kontext der gesamten Nachbarschaft einordnen zu müssen. Unglaublich.

Alle starrten mich an. Ich verharrte in der Fahrertür. Die großen Augen der Mercedesfahrerin leuchteten wie Suppenteller aus dem roten Benz. Ich machte den V-Zeichen. Das machen die Taiwaner ja immer auf Fotos. Und außerdem steht es ja auch für "Zwei" und der rote Mercedes hatte mich bereits zum zweiten Mal zugeparkt.

Game of Thrones. Da hatte ich die Hauptdarstellerin schon gesehen. Kaum wiederzuerkennen.

Update: Gestern abend wieder das selbe Theater. Ein alter Toyota mit verfärbtem schwarzen Lack, der sich weißlich abschälte, parkte meine Kiste zu. So doof geparkt, dass ich fast noch hätte raus können. War ja nicht genau so lang wie die S-Klasse am Vorabend. Aber eben nur fast. Auch Dauerhupen weckte um 23 Uhr niemanden mehr. Bis auf die Tochter der Vermieterin, eine nette Lehrerin in den 50ern, die dann mit mir durch die nächtliche Straße schwebte und an mehren Türen klingelte, um den Fahrer des Wracks zu ermitteln. In der Hand hatte sie offensichtlich eine KFZ-Liste! Deswegen parken sich die Schlumpis hier also immer gegenseitig zu, weil sie dann ggf. das Wegfahren koordinieren. In einer 20-minütigen Aktion, die mir bei 12-16 Stunden-Arbeitstagen doch immer auf den Magen schlägt, geht sie doch von der knappen Freizeit ab. Gestern Abend ließ sich aber der Halter nicht ermitteln, er war nicht auf der Liste, sagte mir die Dame mit Händen und Füßen ob meines stadtbekannten Pidgin-Chinesisch.
Doch es gibt offenbar einen Parkservice der Polizei! Meine Frau rief die Polente an, die dann ihrerseits den Fahrer des Autos anrief. Perfekter Valet-Parkservice. Na Kunststück, Parkwächteruniformen haben sie ja schon an die Sheriffs. Wie dem auch sei, keine fünf Minuten später kamen zwei junge Männer buchstäblich angerannt. Beide mit zotteligen Haaren und Totenkopf-T-Shirts. Ich atmete unwillkürlich tief ein - sicher ein evolutionärer Mechanismus um das Muskelgewebe mit Sauerstoff und ATP zu versorgen, doch die beiden an Juniorverbrecher gemahnenden jungen Männer entschuldigten sich bei mir und der permanent schimpfenden Lehrerin viele Male, winkten mir zu und verschwanden dann paisei paisei paisei sagend mit ihrem alten Toyota. Habe da hoffentlich keinen Bruch gestört oder sowas. Ich winkte ihnen auch zu und rief freundlich: "Just don't do it again!". Andererseits war ich ganz froh um die Unterbrechung diesmal, haben wir doch auf meinem zentralen Schreibtisch-Client ein Tool installiert, mit dem wir auch vom Notebook zu Hause mein ganzes Schreibtischnetzwerk aus derzeit 10 realen und 15 virtuellen Rechnern fernsteuern können. Das Schreibtisch-Lab, das ja offenbar als einziges "Laboratorium" VMware - Zertifizierungen in Taiwan durchführt und damit ganze Batterien von weißkitteligen Taiwanern im ein-Ludigel-Modus ersetzt. Und so um 23 Uhr konnte ich eine 20-minütige Pause mal ganz gut vertragen und amüsierte mich, unter der Straßenlaterne von Merkels Griechenland-Pyramidensystem (Spiegel) zu lesen. Nach dem Motto: 100 Milliarden Euro hinterher geworfen sind gut, wenn sie erst bei der nächsten Regierung/Währungsreform in den Büchern aufschlagen und nicht schon in der Herrschaftszeit der Heiligen Merkel. Da schmunzelt man unter der Straßenlaterne am östlichen Tellerrand der Welt über die westlichen Katastrophen von Morgen.


Mittwoch, Mai 21, 2014

Im 6. Gang nach Lukang

Trip mit dem Auto und wegen dem Auto nach Lukang, einer schönen alten Stadt in der Nähe von Taichung

Ziel von Frau und mir im Jahre 2014 ist das verstärkte Bereisen von Taiwan, das wir in den vergangenen Jahren fast völlig aufgegeben hatten. Sicher auch wegen langer Arbeitstage, resultierender Müdigkeit am Wochenende und der Tradition in meiner Taiwanfamilie, die eigenen vier Wände nur zum Broterwerb und Essenkaufen zu verlassen - eine Tradition, die sich wohl aus vergangenen schwierigen Zeiten erklärt. Einer unseren ersten Trips unserer neuen Reisephase jedenfalls führt uns nach Lukang in Mitteltaiwan an der Westküste gelegen (http://rtaiwanr.com/2/Taiwan/lukang). Grund für die Reise war freilich, dass unser neuer Volvo, der im Dezember 2013 das altgediente Nissan - Ludigelmobil ersetzt hatte, ein Kamerasystem bekommen sollte, das nach dem Blackbox-Prinzip Verkehrsgeschehen und Stimmen im Innenraum aufzeichnet. Man darf also nicht mehr "Warte, ich erwisch Dich doch noch, du Lexus-Sau" brüllen, bevor man einen anderen Verkehrsteilnehmer rammt. Oder wenn, dann nur auf Deutsch. Aber natürlich könnte man die Flashcard entnehmen, sollte man das wollen.

Bei diesen Blackboxen hat man einen dicken Innenspiegel (der sich praktischerweise gleich automatisch abblendet) und mehrere angeschlossene Kameras, die vorne und ggf. an den Seiten und nach Hinten alles aufzeichnen in einem Kombibild, das man hier auf dem oberen Spiegel im Bild erkennen kann. Im wilden Verkehrgeschehen in Taiwan ist soetwas beliebt und praktisch.

Nun hatte auch schon unser Altwagen so ein System der Marke WITNESS, aber weil eine Kamera ausgefallen war und sich der Installateur in Taipei weigerte, es zu reparieren und nur einen Komplettneueinbau machen wollte, sind wir einfach zur Hauptvertretung der Marke Witness nach Lukang gepilgert und haben so dem pfiffigen Herrn in Taipei das Geschäft missgönnt und einen schönen Ausflug gemacht - und haben gleich eine neue Version des Kamerasystems mit einer Kamera mehr einbauen lassen. Ach ja, man muss das Ding schon im Auto befestigen und nicht am Computermonitor im Büro, wie hier im Bild ;-)

Dynamische Techniker machten sich sogleich in Windeseile an mein noch nicht ganz zielsicher geparktes neues Auto und bauten vorne, hinten und an den Seiten Kameras an. Etwas unschön nur diesmal die Stromversorgung, die über den Zigarettenanzünder läuft. Das hatte der geschäftstüchtige Lizensnehmer in Taipei geschickter gemacht. Aber wenn ich mich recht erinnere, hätten sie das auch besser anschließen können, hätte nur länger gedauert oder dergleichen. Aber wir wollten ja noch die Altstadt angucken.

Toll der Warteraum mit Gratistheke. Hier gab es eine riesige Auswahl an Keksen und obendrein Fertignudeln und Tee. Meine Frau ermahnte Junior und mich mehrfach, uns nicht mit endlos vielen Keksen vollzustopfen. Na ja, wann kann man schon mal so ein Sortiment durchprobieren. Aber gut, die Käsecracker hatten dies orange Pulver außen dran, das so gruselige Flecken gibt.

Doch dann fuhr mir der Schreck in die Glieder, als in den nationalen Fernsehnachrichten plötzlich MEIN WOHNBLOCK aus dem fernen Taipei zu sehen war...

Det is doch da der Stinky-Tofu-Laden unten bei uns im Haus. Was hat der in den Fersehnachrichten zu suchen?

Der Bericht hatte mit der alten Dame zu tun, die immer in der Kreuzung neben unserem Mietshaus eine wilde Müllverwertung betrieben hat und offenbar nächtens auf der Kreuzung angefahren worden war und seither im Koma lag. Sie verstarb wohl einige Zeit später (http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/12/tod-vor-der-hausture.html). Kurz nur die Bemerkung dazu hier, dass man Taiwanern natürlich in ihrem angestammten Viertel keine "preußische" Verkehrsdisziplin beibringen kann - damals hatte mir der Bericht Vorwürfe eingetragen, mich nicht um die ältere Dame und ihre Sicherheit gekümmert zu haben. Die Einheimischen machen eben doch was sie wollen in ihrer eigenen Heimat und auch wenn man da öfter mal verkehrstechnische Bedenken hat, man sieht nur schweigend zu - als Außenseiter könnte man auch nicht wirklich etwas machen.


Alsbald widmeten wir uns wieder dem Studium der Beschreibung des Kamerasystems, hier an einem taiwanischen "Luxgen" vorgeführt. Dieser SUV ist in Zusammenarbeit mit Nissan und Renault entstanden und war für 850.000 NT damals zu haben, also unter 18.000 Euro oder so mit 2.2-Liter 170-PS-Turbo und Allrad. Aber mir war die Kiste mit dem Lexus-artig geschwungenen L-Logo immer zu schwülstig im Aussehen.



Hier noch der Hinweis, man dürfe mit dem neuen Kamerasystem nicht am berühmten "Taipei-101"-Hochhaus mit seinen 101 Stockwerken vorbeifahren (rechts im Bild).

Kleinstadtromantik in Lukang, hier mit "Hyundai Zombie-Killingmaschine" in Silber im Vordergrund.

In den engen Gassen...


... gab es dann prompt einen Zwischenfall. Meine Gattin rief mich plötzlich zu Hilfe über das Handy, während ich mit dem Kinderwagen nachgekommen bin (sie war schon voraus)...

... und sicher wieder zu viel Zeit mit Fotografieren zugebracht hatte.

Meine Frau fühlte sich von zwei Herren bedroht, zu denen im eigentlich friedlichen Taiwan noch ein dritter dazugerufen wurde per Handy und die sich dann schnellen Schrittes näherten von hinten und auch ihren Schritt beschleunigten, als sie schneller wurde. Nun hatte sie Junior auf dem Arm, der von Taiwanern immer als "kleiner Ausländer / xiao waiguoren" bezeichnet wird (wohl wegen des braunen Haares, obwohl er ja ebenso Taiwaner wie Deutscher ist). Da sind die Taiwaner oft neugierig, machen öfter mal Fotos und bewundern Junior als "hao ke ai"/ach wie niedlich. Nur die Herren seien sehr unfreundlich gewesen, sagte meine Frau. Hatte meine Frau auch eine Dosis des Anti-Johnny-Weißbrot-Klimas auf Taiwans Straßen mitbekommen, das ich damals im Fahrwasser des "britischen Todesfahrer"-Skandals zu spüren glaubte? Taiwan ist eigentlich gastfreundlich gerade "weißen" Ausländern gegenüber. Nur im Fahrwasser großer Presseberichte gegen einzelne (echte oder aufgebauschte) Skandalnudeln eben mal kurzzeitig nicht.

Vielleicht war aber auch alles nur ein Missverständnis in schmalen Gassen. Ich jedenfalls kam zu spät, meine Frau hatte schon Zuflucht in einem Privathaus gefunden. So blieb es mir erspart, einen der drei Herren am Fußgelenk in der Luft kreisen lassen zu müssen, um die anderen beiden im Schach zu halten. Oder irgendwie so.

Nett jedenfalls die Altstadt von Lukang. Meine Frau sprach das so völlig anders aus, dass ich mir mit dem Ortsnamen nicht sicher bin, aber "Lukang" war jedenfalls in lateinischen Lettern auf einem Touristenhinweisschild zu lesen.

...

...
...

Man denkt, vor ein paar Jahrhunderten hätte so ein Hauseingang ganz genauso ausgesehen. Sans die Mopeds.

Tomaten und Erdbeeren in Zuckerguss.

...
Laut einschlägiger Literatur soll ja eine Methode zur Zeitreise sein, eine Stelle, die sich über die Jahrhunderte kaum verändert, längere Zeit zu fixieren und sich in die Vergangenheit hinein zu denken. Also schnell wieder weg-geguckt bei so unheimlich alten Hauseingängen.

 Welcher rotäugige Gott wird hier in diesem Tempel verehrt?

...

Die leckeren Essensauslagen versetzten jedenfalls meine Frau in Entzücken an den zahlreichen Ständen.

Das ... äh.... Gemüsestrangzeug links im Bild war jedenfalls "famous", die Familie hatte es schon in einer Fernsehshow in Taiwan vorgestellt, wie das Foto verdeutlicht. Links in Blau das ist nicht etwa ein TV-Star sondern die Tochter des Hauses. Das mit dem Showstarjob könnte sie aber sicher auch noch gleich mit erledigen, so fotogen wie sie auf dem Bild wirkt. Wer solche grauen Gemüsestränge verknödeln kann, der kann alles.

Buntes Gebäck, in Taiwan ja manchmal mit Fleisch oder ungewürztem Eigelb gefüllt, ganz nach Schiwegermutters Geschmack und für sie gleich mitgenommen.

Bilder aus dem Tempel im Hintergrund demnächst, da hat meine Frau schnell die lokalen Gottheiten um ihren Beistand gebeten. Und Sie können Lukang ruhig besuchen, Taiwan ist wie gesagt friedlich und gastfreundlich, sicher war auch alles nur ein Missverständnis in dunklen Gassen unter den Augen des rotäugigen Gotttes ;-)

Fototechnisch: Sony Alpha 850 und Tokina AF 2.8-4.5/28-70mm, letzteres ein kleines und leichtes Kompromissobjektiv, das gut ist, wenn man sich mit einer Hand um Junior kümmern muss.

 ***

Edit: Hier noch ein paar nachgereichte Bilder:


 ... und iranische Trank-Spezialitäten, wenn auch leider gerade nicht lieferbar, als wir danach fragten.

Freitag, Mai 09, 2014

Wie schaffen sie das nur...

In Ludigels Wohngegend ist der Verkehrsraum knapp. Doch wie schaffen die es hier überhaupt, ihre Autos reinzukriegen?

In meinem Viertel ist der Verkehrsraum knapp und die schmalen Gassen sind mit oft beidseitig geparkten Autos noch weiter verschmältert. Auf den bürgersteiglosen Gassen muss man sich vor oft unverhältnismäßig schnell fahrenden PKWs, LKWs und auch Motorrollern hüten, wie das eben so ist. Kinder lässt man als verantwortungsbewusste Eltern deswegen nicht allein herum laufen. Manche Eltern machen das trotzdem und ich kriege beim Zusehen immer wieder Zustände, wenn Kinder mit ihrem Dreirad aus Einfahrten oder Fußwegen zwischen geparkten Autos auf die Fahrbahn rollen und mit 50 - 60 Sachen dann Autos anrollen.

Doch in dieser Gasse hier herrscht kaum Verkehr, schließlich ist sie so schmal, dass man mit Autos kaum durchfahren kann. Ich frage mich immer wieder, wie kriegen die Anwohner da ihre Autos bloß rein?

Mit meinem Volvo hätte ich jedenfalls Angst, da stecken zu bleiben, vor allen wegen den Mopeds. Oder einen aus einem Hauseingang kommenden Fußgänger zu überfahren. Auch eine Seitengasse rechts hinter dem silbernen Toyota ist sogar noch schmaler, so dass man da wirklich kein Auto rein kriegt. Linker Hand von mir, nicht im Bild, hat jemand sogar einen dicken BMW X5, einen SUV also, den er wohl immer in Millimeterarbeit in seinen allerdings ausnahmsweise mal zwei PKW-Breiten weiten Hof hinein steuert und auch irgendwie wieder raus kriegt. Aber die Liebe zum Auto und wenig Parkraum lassen die Leute ware Kunststücke vollbringen. Oben sieht man eine alte schwarze S-Klasse, die unserem Apotheker gehört, der da seinen Parkplatz hat am Kopf der Straße, in den er bequem von der lokalen Hauptstraße einfahren kann. Nur wenn er da gerade nicht parkt und auch der kleine blaue Lieferwagen der Garküche oben an der Ecke da nicht parkt, kann man da wohl bequem ein- und ausfahren. Vielleicht sprechen sich die Leute auch ab, etwa damit der Taxifahrer da seinen Toyota Wish raus kriegt (orangegelb).

Biegt man oben links in die Hauptstraße ein, ist man übrigens sofort an der Ecke, wo neulich ein früher immer mal durch unser Viertel rasender Skoda Yeti eine ältere Dame überfahren hatte, Unfallbild siehe hier: http://osttellerrand.blogspot.de/2014/04/no-country-for-pedestrians.html.

Ginge ich vom Foto aus gesehen etwas rückwärts, stünde ich da, wo ich nach links und rechts gewendet diese beiden Aufnahmen gemacht habe: http://osttellerrand.blogspot.de/2014/05/my-little-peace-of-heaven.html und http://osttellerrand.blogspot.de/2014/05/wendepunkt.html.
Auch auf den Fotos fällt ins Auge, welch außerordentlichen Verkehrsraum die Autos der Leute in Anpruch nehmen parkenderweise (das Fisheye hat bei den Nachtaufnahmen unter den Links die schmale Gasse deutlich verbreitert in den Bildern).Auch ich bin natürlich nicht viel anders, denn auch mein Volvo quält sich da durch die engen Gassen, allerdings in vergleichsweise langsamer Fahrt und er parkt auf einem ordentlichen Mietparkplatz. Bei irgendwie vernünftiger Stadtplanung müsste da eigentlich ein Bürgersteig sein statt eines Parkstreifens für die Autos der Nachbarschaft. Aber hier muss ich wirklichs sagen, dass ich für die Stadtplanung - oder was die Taiwaner dafür halten, nicht zuständig bin.



 Von Kindesbeinen an faszinieren Autos. Gruseligerweise kommt gleich nach  der Serie mit dem Rummelauto auf meiner Speicherkarte das Unfallfoto mit der alten Dame und dem Skoda. Als solle die Abfolge vor den Verlockungen der Automobile warnen

Ein Auto stellt, wenn man wie ich vor dem Stau in die Firma und nach dem Stau aus der Firma rollt, doch ein Stück Bequemlichkeit da, da nehme ich mich nicht aus - die Stadtbahn zur Firma ist ja erst in Bau, was noch Jahre dauern wird. Aber sich für sein Auto zu rechtfertigen, wie ich es gerade tue, ist auch wieder typisch deutsch, einem Taiwaner käme das nie in den Sinn.