Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label China-Taiwan werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label China-Taiwan werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, Oktober 06, 2017

Kurzinfo: Invasion Taiwans 2020?

Zur Diskussion gestellt

http://www.dailymail.co.uk/news/article-4944902/China-drawn-secret-plans-invade-Taiwan-2020.html

Ein Blogkommentator hat es einmal treffend beschrieben. Meist sind es die Englisch"lehrer" in Taiwan mit ihrer Oft-Nichtausbildung aus dem angelsächsischen Sprachraum, die solche Gedanken hegen. Wenn die Haare grau werden, die Gehälter runter und man nicht mehr dem jugendlichen Image der English Teacher für die Kleinen in Happy-Peppy-Spaßsprachschulen in Taiwan entspricht, dann wird die persönliche Sorge vielleicht auf die nationale Lage projiziert und man sieht die chinesischen Truppen schon fast in Taiwan. Hat eh alles keinen Zweck, also noch ein Taiwan Beer.

Oder ist doch was dran an dem Artikel? Tatsächlich verlieren die Chinesen mehr und mehr die Herzen der Taiwaner. Denn die jungen Taiwaner haben meiner Ansicht nach weit weniger mit China am Hut als die Älteren, die mit den Erzählungen von der tollen Heimat der Eltern oder Großeltern groß geworden sind. Also schnell noch eine Invasion, bevor die Taiwaner endgültig zum Ausland werden?


Montag, Januar 18, 2016

Tsai Ingwen neue Präsidentin der R.O.C./Taiwan

Die Kandidatin Tsai Ingwen von der bisherigen Oppositionspartei DPP wurde am Samstag bei der Präsidentschaftswahl der Republik China, die wir umgangssprachlich "Taiwan" nennen, zur ersten Frau auf dem Präsidentenstuhl in Taipei gewählt.

Frau Tsai hat 56% bekommen, der KMT-Kandidat Chu 31% und das ehemalige KMT-Urgestein James Soong mit eigener Partei PFP kandidierend 13% (korrigiert*). Die bislang regierende KMT hatte sich im Vorfeld der Wahl selbst zerlegt, indem sie erst mit der extrem pro-VR-China - Kandidatin Hung angetreten ist, die jedoch kurz vor der Wahl gegen den moderateren Chu ausgetauscht wurde.
Das Wahlvolk in Taiwan hatte die Wahl zwischen einer durch Tsai vertretenen moderaten "Unabhängigkeitslinie", die natürlich die faktisch schon längst existierende staatliche Eigenständigkeit "Taiwans" (eigentlich: Republik China) beibehalten will und ein bisschen mit der Umbenennung in "Republik Taiwan" und dem Schlussstrichsetzen unter die alte staatliche Verknüpfung zum chinesischen Festland flirtet. Ohne dies wirklich in die Tat umsetzen zu wollen, weil die VR-China dem friedlichen Taiwan für diesen Fall mit Krieg und Invasion droht.

Mit Chu von der KMT stand als Alternative jemand zur Wahl, der Taiwan auch politisch eher eng an China halten wollte, aber offenbar Extrema wie eine Fusion der VR-China mit Taiwan vermeiden wollte. Soong als Ex-KMTler war eine andere Variante dieser Politik, bei dem man auch viel prochinesisches in der Vergangenheit finden konnte.

Demographisch hatte die KMT das Problem, dass sich ein Pro-VR-China Kurs immer weniger bei jungen Leuten in Taiwan durchsetzen kann, weil diese eben im freien Taiwan groß geworden sind und an freie Meinungsäußerung, Facebook und Google denken, statt sich irgendwie einem alten chinesischen Vaterland hinterher zu sehnen, aus dem vielleicht einst ihr Großvater vor den Kommunisten geflohen ist.

Der letzte Präsident, Ma von der KMT, hatte Taiwan eng wirtschaftlich an die VR-China gebunden und dafür Massenwohlstand versprochen, der freilich nur bei den Eliten spürbar war und für die Bevölkerung ausblieb. Seine ursprünglich geplante "politische Union" mit der VR hat er nicht durchgeführt, auch wegen massiven antichinesischen Protesten der Jugend.

Edit: Bisherige Präsidenten der "Republik China auf Taiwan":

2008-2016: Ma Ying-Jeou, KMT. Wirtschaftliche Annäherung an die VR-China, Massenproteste von Jugendlichen dagegen

2000-2008: Chen Shui-Bian, DPP. Volksabstimmung zur vollen Souveränität einer "Republik Taiwan" auf dem Programm gehabt, aber nicht durchgeführt.  Verurteilung und jahrelange Inhaftierung nach Amtszeit wegen massiver Korruption. Mittlerweile aus gesundheitlichen Gründen auf freiem Fuß.

1988-2000: Lee Teng-Hui, KMT. Frei gewählt erst ab 1992 (Parlamentswahl) bzw. 1996 (Direktwahl des Präsidenten). Einführung freier Wahlen, Hui wird oft als "Vater der Demokratie Taiwans" bezeichnet.

1978-1988: Chiang Ching-Kuo, KMT. Sohn von Chiang Kai-Shek. Hat den harten diktatorischen Griff der KMT auf Taiwan etwas gelockert.

1975-1978: Yen Chia-Kan, KMT. Übergangsfigur nach Chiang Kai-Shek.

Mit Diktator Chiang Kai-Sheks Flucht vor den Kommunisten vom chinesischen Festland 1949 auf Taiwan (seit 1895 von Japan beherrscht) begann dann die auf Taiwan existierende Republik China, die 1911 auf dem chin. Festland ausgerufen worden war. Chiang Kai-Shek selbst hatte den Präsidententitel formell nur von 1948-1949 inne, gab aber auch nachher den Ton an.

* Ursprünglich hatte ich hier Werte einer Hochrechnung wiedergegeben. 

Montag, November 09, 2015

Taiwan-Schnellüberblick

Gerade zurück aus den Philippinen habe ich nur Muße für einen Schnellüberblick über die Dinge, die in Taiwan geschehen sind

Ein 44jähriger Schweizer sollte am Freitag um 23 Uhr einen Flug vom Internationalen Flughafen Toayuan nach Paris nehmen, ging jedoch nach dem Checkin verloren. Erst am Samstag wurde er gegen Mittag gefunden. Und zwar in der Nähe des Ganges, der zu den VIP-Lounges führt. Dort lag er eigenartigerweise in einem Bereich, den Reisende normalerweise nicht betreten sollen. Neben sich eine leere Flasche Wein* und leider verstorben aus noch unbekannter Ursache. Er soll auch eine Flasche Whisky im Duty-Free-Bereich erstanden haben, die offenbar nicht gefunden wurde. Am selben Tag verstarb auch ein 68jähriger US-Amerikaner, aber schon beim Touchdown seiner Maschine in Taipei.
http://focustaiwan.tw/news/afav/201511070026.aspx


Taiwans noch bis Januar amtierender Präsident Ma traf sich mit dem chinesischen Präsidenten Xi und in diesem Satz liegt schon ein Fehler. Formell ist ja Ma der Präsident der Republik China, die wir umgangssprachlich als Taiwan bezeichnen, während Xi natürlich Präsident der VR-China ist. Ich habe mir keine Details angesehen, liegt mein Blick aus privaten Gründen derzeit doch eher entweder auf Manila in den Philippinen oder auf Deutschland. Schließlich wird langsam klar, dass Frau, Junior und ich in der ersten Jahreshälfte 2016 Taiwan verlassen werden. Bestimmt hatten Ma und Xi ihren Spaß zusammen. Es gibt ja viel, was die zwei Buben zusammen anstellen können. Etwa ihre Namen hintereinander schreiben, die Köpfe zusammenkleben mit Uhu und sich dann Herr Xima nennen. Möglicherweise sind die beiden in der SM-Szene tätig, jedenfalls hat Herr Xi dem Herrn Ma wieder den Titel "Herr Präsident" verweigert und ihn wieder Hello oder wohl eher "Ni hao" genannt. Was man eben so macht bei den Humilation-Games. Mich interessiert das alles nicht mehr wirklich; der geneigte Leser mag es anderswo im Detail nachlesen.
http://www.taipeitimes.com/News/front/archives/2015/11/09/2003632021

Nach einer Halloween-Party in einem Spukhaus in Tainan klagten mehrere der Naturwissenschaftsstudenten darüber, von bösen Geistern besessen zu sein, so dass die ganze Truppe per Notfallverfahren in einen nahegelegenen Tempel zwecks Massenexorzismus gebracht wurde. Einige wenige der Studenten klagten über Fieber und dergleichen, sodass sie medizinische Behandlung in Anspruch genommen haben. Diese Meldung ist hinreichend blöd, dass es mit ihr Taiwan glatt mal wieder in die Spiegel.de-Nachrichten schaffen könnte: http://www.taipeitimes.com/News/front/archives/2015/11/02/2003631488

* Edit: Sprecher des Mandarinchinesischen auf Taiwan nennen jedweden Alkohol meist "Wein", deswegen kann es sich bei der leeren "Weinflasche" neben dem Toten durchaus um die Whiskyflasche handeln. "Schottischer Landwein" gewissermaßen.

Freitag, September 04, 2015

Blogpartei hat gewählt: DPP gewinnt (und gibt Hung/KMT auf?) (Update)

Die kleine Wahl oben rechts in der Ecke im Blog ist zu Ende gegangen. "Amtliches" Endergebnis:

Wahlbeteidigung: 16 Stimmen
(durch Tricks ist Mehrfachabstimmung natürlich möglich gewesen)

Gewinnerin: Tsai, DPP mit 56% bzw. 9 Stimmen

Dahinter Frau Hung, KMT mit 18% bzw, 3 Stimmen gleichauf mit Herrn Shih (parteilos).
Herr Soong, PFP, mit 1 Stimme immer noch für 6% gut.

Gemessen am Klima in der realen Republik China alias Taiwan ist sicher Frau Hung von der KMT etwas unterrepräsentiert*** und der parteilose Herr Shih wohl stark überrepräsentiert. Grund für die Überrepresentation des eigentlich chancenlosen Shih ist sicher meine Beschreibung im letzten Artikel zur "Blogwahl", in der sich Shih sehr positiv geschildert habe. In meiner Kandidatenvorstellung wirkt er ein bisschen zu edel und schwebt elegant über den Niederungen des Politikbetriebes mit seinen erwähnten 25 Jahren Dissidentenhaft. Was in meiner Schilderung freilich fehlt ist, dass er auch gut austeilen kann und dadurch mehrere Male für Irritationen beim Wahlvolk gesorgt hat. Eben als er den Expräsidenten Chen (von Shihs Expartei DPP) als ehemaligen Regierungsspitzel (angeblich tätig als solcher zu Diktaturzeiten) bezeichnet hat. Auch den Kandidaten Frank Hsieh (DPP) der vorletzten Wahl hat er beschuldigt, ein Spitzel gewesen zu sein. Beweise ist er freilich schuldig geblieben. Und als er von der aktuellen DPP-Präsidentschaftskandidatin Tsai verlangt hat, sie möge vor der Wahl ihre sexuelle Orientierung offenlegen, da ist das beim Wahlvolk auch nicht immer gut angekommen. Man redet ja, Frau Tsai sei lesbisch, aber das interessiert im aufgeschlossenen Taiwan eigentlich niemanden.
In der Realität ist zwar Tsai Ingwen von der DPP auch klare Favoritin, aber nicht so deutlich wie hier im Blog. Sicher weil Leser hier i.A. wenig emotionale Bindungen zum chinesischen Festland haben und daher im Schnitt mit der "prochinesischen" KMT weniger anfangen können . Was bei Taiwanern öfter mal anders ist.

Halb sensationell ist, dass die KMT-Kandidatin möglicherweise mit dem Gedanken spielt aufzugeben. In einem Facebookposting hat sie angekündigt, die nächsten Tage eine Wahlkampfpause einzulegen und über alles zu reflektieren. Hat sie ob ihrer schlechten Umfrageergebnisse die Sinnkrise bekommen? Oder hängt es damit zusammen, dass der frühere Präsidentschaftskandidat Lien Chan (KMT) derzeit gerade die VR-China besucht und an Militärparaden teilnimmt? Dieser Akt, der eher im Taiwan-Independence-Lage beheimateten Taiwanern Magenschmerzen machen wird, lässt die "Wiederverinigung-mit-China"-Aussagen von Frau Hung noch radikaler erscheinen als sie so schon sind. Und macht sie daher noch unpassender für den taiwanischen Zeitgeist, der eher in Richtung taiwanische Identität geht als in Richtung China-Nostalgie. "Weißt du noch Frau Fong, als wir alle vor den Kommunisten davon gelaufen sind? Mei, war das eine schöne Zeit..." ist eine Art von Nostalgie, mit der jüngere Taiwaner immer weniger anfangen können.

Aber lassen wir doch einfach die Taiwaner im Januar selbst entscheiden. Mit welcher KMT-Kandidatin oder welchem KMT-Kandidaten auch immer.

Quelle über die Gerüchte zur Aufgabe von Hung (KMT): http://www.taipeitimes.com/News/front/archives/2015/09/04/2003626892 

EDIT: Vermutlich ist das die erste Phase der medialen Vorbereitung einer Ersetzung von Frau Hung. Kommt jetzt ein hellblauer Kandidat statt der bisherigen Hardlinerin, die sogar noch die Chinafreundlichkeit des amtierenden Präsidenten Ma (KMT) zu übertreffen drohte?


*** Nachtrag: Sie liegt zwar in den tatsächlichen Umfragen ähnlich wie hier, allerdings gehe ich von einem Stimmengewinn zu Lasten von Soong aus, der meiner Ansicht nach zu hoch bewertet ist in der letzten Umfrage. Die sind nicht so zuverlässig wie "daheim".

UPDATE: Hung hat nur einen Publicity-Stunt geliefert und macht weiter wie bisher: http://www.taipeitimes.com/News/front/archives/2015/09/07/2003627120
Sie posiert mit Ananas auf dem Kopf und hofft, die (selbst ausgelösten) Gerüchte mögen ein Ende nehmen.

Freitag, August 28, 2015

Taiwanwahlkampf! Hung, Tsai, Shih oder Soong?

Welchen Präsidentschaftskandidaten würden Sie in der nächsten taiwanischen Präsidentschaftswahl 2016 favorisieren? Frau Hung, Frau Tsai oder Herrn Soong?  Oder den Außenseiter Shih?

Anmerkung: Mühevoll habe ich eine Überschrift wie "Lieber Hung-over, zart be-Tsai-tet oder too-Soon(g) in China?" hier aus dem Titel verbannt.

Wenn im Januar 2016 gewählt wird, haben die Wählerinnen und Wähler des taiwanischen Wahlvolkes (streng genommen müsste man sagen: des Wahlvolkes der Republik China - die wir umgangssprachlich Taiwan nennen) die Wahl zwischen vier Kandidaten, von denen aber nur drei praktische Bedeutung haben. Außenseiter ist Shih Ming-Teh. Herr Shih war einst Mitglied und sogar Vorsitzender der derzeitigen Oppositionspartei DPP, der Democratic Progress Party, die in der Zeit der Diktatur in Taiwan schon für Demokratie und auch den Bruch der verfassungsrechtlichen Bezüge zu China eingetreten ist. Herr Shih hat aber den letzten Präsidenten aus der DPP -Chen- im Jahre 2006 massiv kritisiert und dabei die Rothemden-Bewegung ins Leben gerufen. Kritikpunkt war die recht extreme und offene Korruption der Chen-Regierung, wegen der Chen bis vor kurzem im Gefängnis saß. Herr Shih selbst saß lange vorher unter der Kuamintang(KMT)-Diktatur 25 Jahre im Gefängnis -als Dissident und Kämpfer für die Demokratie - und ist sicher ein ehrenhafter Mann. Chancen bei der Wahl hat er als Parteiloser aber wohl keine laut Wahlprognosen.

Shih, parteilos, Foto von Wikipedia

Seine Expartei, die DPP, tritt nämlich mit Tsai Ingwen an, die jedenfalls nicht unpopulär ist. Die Vorsitzende der DPP wirkt extrem ruhig und ist nicht gerade ein Massenmagnet. Im bisweilen aufgeregten taiwanischen Politklima wirkt sie mit ihrer ruhigen Persönlichkeit und der Erklärung, den Status Quo Taiwans zu China wahren zu wollen allerdings durchaus positiv. Natürlich will sie ihrer Parteilinie gemäß keine "Wiedervereinigung" mit China, aber eben auch keine "formale Unabhängigkeit" Taiwans. Ich merke hier gerne an, dass die Republik China aka Taiwan sowieso schon ein de-facto unabhängiger Staat mit eigener Währung, eigener Staatsbürgerschaft, eigenem Militär und eigener Regierung ist, aber im DPP-Lager würde man gerne die Bezüge zur chinesischen Vergangenheit aus der Verfassung und dem Staatsnamen streichen. Nur dass die VR-China für diesen Fall eben mit einem militärischen Angriff auf Taiwan droht, was diese Idee etwas problematisch macht. Aber Frau Tsai will ja auch dahingehend nichts verändern, sagt sie.
Frau Tsai ist die aussichtsreichste Kandidatin und wird bei 36% in den Umfragen gesehen (es wird eine Direktwahl des Präsidenten/der Präsidentin in einem einzigen Wahlgang geben und die Wahl des Legislativen Yuan aka Parlaments gleich dazu). Gefahrenpunkt hier vielleicht: Was wenn Tsai nach erfolgter Wahl mehr in Richtung formeller taiwanischer Unabhängigkeit geht als sie jetzt sagt?

 Tsai, DPP, Foto von DPP-Webseite

Einen Titelverteidiger gibt es nicht, denn die derzeit wieder regierende Partei KMT/Kuamintang, die höchstselbst die KMT-Diktatur in eine parlamentarische Demokratie überführt hat zwischen 1992 und 1996, muss mit einem neuen Kandidaten respektive einer neuen Kandidatin antreten. Eben weil der amtierende Präsident Ma Ying-Jeou (KMT), der dritte freigewählte Präsident der Republik China/Taiwan überhaupt, schon zwei Wahlperioden amtiert hat und daher nicht wieder antreten darf. Präsident Ma hatte eine i.A. als prochinesisch wahrgenommene Politik gemacht, mit wirtschaftlicher Annäherung an die VR-China, die 2014 nach massiven Studentenprotesten bis hin zur Parlamentsbesetzung zumindest teilweise gestoppt worden ist. Die für 2011 angekündigte "politische Union" zwischen der Republik China/Taiwan und der VR-China fand jedoch nicht statt. Ma gilt heute als unpopulär, doch positiv formuliert hat er eine Taiwan-China - Entspannungspolitik auf die angespannten Jahre der vorhergehenden Chen (DPP)-Präsidentschaft folgen lassen, unter der die VR-China dem kleinen Taiwan oft mit Krieg gedroht hat wegen der angestrebten "Unabhängigkeits"-Schritte.

 Hung, KMT, Foto von KMT-Webseite

Die KMT tritt heute mit Frau Hung Hsiu-Chu an, die als Hardlinerin und Anhängerin einer "nationalen Vereinigung" zwischen der Republik China/Taiwan und der VR-China gilt. Sie redet im Wahlkampf u.a. davon, "den nächsten Schritt in der Beziehung zu China" folgen zu lassen. Was damit gemeint ist, ist Beobachtern nicht völlig klar. Frau Hung redet sowohl davon, die Republik China aka Taiwan von der VR-China offiziell anerkannt bekommen zu wollen (eine solche offizielle Zweistaatlichkeit a la BRD/DDR ist völliger Science Fiction in Taiwan/China) als eben auch von der nationalen Vereinigung. Frau Hung gilt auch nicht gerade als Massenmagnet und ihre Aufstellung als Kandidatin wurde von vielen Beobachtern mit Erstaunen zur Kenntnis genommmen. Denn demographisch bedingt scheint die Popularität einer "Wiedervereinigungspolitik" in Taiwan eher auf dem Rückschritt zu sein (1949 aus China geflohene Wähler sterben weg) und ihre offenbar prochinesische Haltung steht zumindest im Gegensatz zum öffentlich wahrnehmbaren Klima unter jungen Leuten - vergleiche die erwähnten Studenten- und die aktuellen Schülerproteste. Frau Hung liegt nur bei 17% in der oben referenzierten Umfrage. Allerdings muss man beachten, dass Umfragen in Taiwan oft sehr stark das Meinungsbild des Auftraggebers widerspiegeln sollen.
Korruption findet bei der KMT immer sehr verdeckt statt, sagt man im Allgemeinen. Schließlich ist die KMT die alte Staatspartei Taiwans. Beleg dafür ist beispielsweise die derzeitige grenzwertige Kooperation mit dem "Weißen Wolf" aus der Bambusgang-Triade, der zur Zeit der Studentenproteste plötzlich aus dem chinesischen Exil auftauchte und von der Justiz mit Samthandschuhen angefasst wurde.

Soong, PFP, Foto von PFP-Webseite

Anfang August erst hat James Soong seine Kandidatur bekannt gegeben. James Soong ist altes KMT-Urgestein und seine jetzige Partei, die PFP (People First Party) unterstützt normalerweise auch die KMT im sogenannten Pan-Blauen - Lager (Blau ist die Parteifarbe der KMT, der Gegenpol zu Pan-Blau ist Pan-Grün, das sich um die DPP schart). Soong war im Jahre 2000 mit eigener Partei gegen den Präsidentschaftskandidaten Lien Chan (KMT) seiner alten Partei angetreten. Das war eine turbolente Zeit, als der Noch-KMT-Vorsitzende und amtierende Präsident Lee damals nicht mehr als Präsident wg. 2 Legislaturperioden Amtszeit antreten durfte. Lee hatte eine sehr DPP-ähnliche Politik gemacht und damit viele in der KMT von sich entfremdet. Aber eben auch die parlamentarische Demokratie eingeführt. In der 2000er - Wahl verlor Soong nur sehr knapp hinter Chen (DPP), der damals Präsident wurde. Erst 2012 trat Soong wieder zur Präsidentschaftswahl an, gegen den amtierenden Ma von seiner Expartei KMT und gegen Frau Tsai von der DPP. Soong erhielt nur um die 2% bei dieser Wahl.
Soong gilt offenbar als recht charismatisch, ist von der ideologischen Linie her auch eher ein Wiedervereinigungsfreund und trägt sicherlich den Ballast der Dikataturzeit mit sich herum (wie allerdings durchaus auch der amtierende Präsident Ma), gibt sich aber offenbar moderat im Wahlkampf. Vielleicht um Hung (KMT) Stimmen eher chinaneutraler KMT-Wähler abzujagen? Soong wird in der zitierten Umfrage bei hohen 24% noch vor Hung (KMT) gesehen, was mich angesichts seines letzten 2%-Resultats doch sehr verblüfft hat. Kann das stimmen? Was meinen Sie? Und wie würden Sie wählen - vergleiche die (gerade in Arbeit befindliche) Abstimmung hier im Blog.


Nachtrag: Der erwähnte Expräsident Lee, ehemals KMT-Diktator, dann Einführer der parlamentarischen Demokratie, ist heute in der von ihm ins Leben gerufenen Partei TSU (Taiwan Solidarity Union), die allerdings keinen eigenen Präsidentschaftskandidaten aufgestellt hat und stattdessen Frau Tsai von der DPP unterstützt. Die TSU gehört zum Pan-Grünen Lager wie auch andere Kleinparteien.

Bisherige frei gewählte Präsidenten "Taiwans" (der Republik China):

1. Lee Teng Hui, ehemals KMT, heute TSU, 1992-1996 (indirekt gewählt), 1996-2000 (direkt gewählt)
2. Chen Shui-Bian, ehemals DPP, heute parteilos, 2000-2008
3. Ma Ying-jeou, KMT, 2008 bis heute

EDIT: Die Poll/Wahl ist oben rechts im Blog zu sehen. Mobilgeräte zeigen das leider nicht an.Einen Link konnte ich leider nicht finden/produzieren dazu, jedenfalls keinen funktionierenden.
Auf einem PC/Notebook guckt man einfach oben rechts ins Blog, wo das Wahl-Gadget ist.

Dienstag, August 04, 2015

Schülerproteste Taipei

Privat und beruflich eingespannt ist es völlig an mir vorbei gegangen.

Taiwans Schüler der Klassen 10 bis 12 führen derzeit massive Proteste bis hin zur Umzingelung des Regierungssitzes in Taipei durch (siehe etwa im Blog von Klaus Bardenhagen: http://www.intaiwan.de/2015/08/03/schueler-proteste-taiwan-geschichtsbuecher/). Anlass für die Proteste ist das Umschreiben der Schulbücher zum Thema Geschichte durch die derzeitige chinafreundliche KMT-Regierung des Präsidenten Ma Ying-Jeou. Ein wegen Eindringens in das Erziehungsministerium verhafteter Schüler hat Selbstmord begangen, offenbar nachdem er von seinen Eltern unter Druck gesetzt wurde.
Konkret sollen die Geschichtsbücher wohl eine eher chinazentrische Sichtweise bekommen. Passend dazu, dass sich die regierende KMT eben als "chinesische" Partei ansieht - freilich nicht im Sinne der VR-China sondern sich aus dem Umstand erklärend, dass die KMT einst über China geherrscht hat, bis ihre Regierung 1949 vor den chin, Kommunisten auf die Insel Taiwan geflohen ist, die damals eine japanische Kolonie war.

Von den Protesten habe ich nichts mitbekommen. Frau (nicht im Bild), Junior und meine Wenigkeit tingeln derzeit viel an Ausflugsorten herum und wollen Taiwan noch mal genießen. Droht doch evtl. bald unser Wegzug aus der Roc-Republik.

Damit schließen sich Schüler-Proteste gegen Taiwans (freilich 2x frei gewählte) KMT-Regierung an die 2014er Studentenproteste an. Damals wurde das Parlament besetzt und gegen eine weitere wirtschaftliche Annäherung Taiwans an China protestiert. http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/03/demo-in-taipei-mit-300000-menschen-oder.html.

Und ob es nun ein oder zwei Chinas gibt verliert doch irgendwie seine Spannung, wenn man die Diskussion 11 Jahre lang gehört hat. Wie wäre es mal mit zwei Taiwans stattdessen. Spalten wir uns doch in Norden und Süden, das verwirrt dann auch die Chinesen. Oder noch besser in Osten und Westen mit Taipei mitten durch geteilt.

Für die 2016er Präsidentschaftswahl schlägt der KMT sicher ein strenger Wind ins Gesicht. Da sich jüngere Taiwaner immer weniger als Chinesen und eher als Taiwaner ansehen, können sie mit der China-Nostalgie der das chinesische Erbe pflegenden KMT wenig anfangen. Demografisch gesehen werden die jüngeren Taiwaner natürlich einen immer größeren Anteil der Wählergemeinde stellen. In der 2016er-Wahl kann Präsident Ma Ying-Jeou (KMT) nicht wieder antreten. In seine Fußstapfen will die KMT-Hardlinerin Hung treten, die einerseits von "nationaler Vereinigung" mit der VR-China redet, andererseits aber auch die existierende Republik China alias Taiwan als eigenen Staat durch Peking anerkannt bekommen will.
Ihr Gegenüber ist die Oppositionskandidatin Tsai (DPP) aus dem die Eigenständigkeit Taiwans betonenden "Taiwan-Independence"-Langer, die sich moderat gibt.

Von einem Wahlsieg der DPP wird ausgegangen. Jedoch denke ich nicht dass es angemessen ist, die KMT schon endgültig als gescheitert oder gar in ihrer Existenz gefährdet anzusehen, wie das viele Kommentatoren der Expatszene tun. Sollte die DPP etwa wieder einen großen Korruptionsskandal haben wie unter der letzten DPP-Präsidentschaft 2000-2008 unter Präsident Chen (DPP), dann kann das politische Klima sicher in künftigen Legislaturperioden wieder in Richtung KMT umschlagen, selbst wenn Studenten und Schüler dann wieder oder immer noch gegen die Regierung auf die Barrikaden gehen. Das Phänomen ist ja auch in westlichen Gesellschaften bestens bekannt und nur für das früher familiär strenge und ehemals autoritär regierte Taiwan ein neues Phänomen.

EDIT: Ein Beispiel für "chinesische Geschichtsauslegung" sei im Folgenden genannt:

Im Zweiten Weltkrieg war die Insel Taiwan japanische Kolonie und Taiwaner kämpften in Uniformen der japanischen Armee gegen die Amerikaner. Trotzdem fand in Taipeis Straßen kürzliche eine Siegesparade zur Zelebrierung des Anteils der Republik China (die wir ja umgangssprachlich Taiwan nennen) am Sieg über Japan statt. Klingt widersinnig, erklärt sich aber aus der Identifikation der regierenden KMT und dem sino-taiwanischen Mainstream in Taipei mit dem alten China, das Gegner Japans war. Hier gibt es freilich auch keine militärischen Erfolge gegen Japan zu verzeichnen sondern nur Niederlagen, Schmerzen und Qualen. Aber Feiern sind ja immer ein Wert an sich.

Dienstag, Juli 14, 2015

Präsidentschaftskandidatin Hung will möglicherweise Hochzeitskleid zur Amtseinführung anziehen

Wenn die KMT-Kandidatin für das Präsidentenamt gewählt wird, will sie möglicherweise ein Hochzeitskleid tragen bei ihrer Amtseinführung, heißt es.

Offenbar hat ein KMT-Parlamentarier vorgeschlagen, die Präsidentschaftskandidatin Hung seiner Partei solle bei ihrer eventuellen Amtseinführung ein Hochzeitskleid tragen, um sich mit der Republik China (im Sprachgebrauch einfach Taiwan genannt) zu verheiraten. Sie hat wohl darauf geantwortet, sie wolle es in Erwägung ziehen.

Ich bin ja kein Feminist offensichtlich. Aber wenn wir dieser Tage Frauen in höchsten Regierungsämtern oder als Anwärterinnen auf diese sehen, dann ist das für mich ein Ausdruck von Normalität, schließlich stellen Frauen etwas über 50% der Menschheit. Aber die Amtsausübung einer Frau nicht als Normalität zu verstehen sondern mit eheähnlichen Ritualen zu versehen wäre natürlich ein unsinniger Rückschritt. Wenn ein Mann einfach Präsident ist, warum soll eine Frau dann symbolisch "Ehefrau des Landes" werden? Sicherlich einfach dummes Gerede das hier von der KMT-nahen Chinatimes in dem chin. Artikel aufgebauscht wird: http://www.chinatimes.com/realtimenews/20150712002885-260407

Auf mich wirkt die Kampagne der aktuellen Kandidatin Hung freilich so, als würde die KMT die Kandidatur selbst nicht ernst nehmen. Gerede über eine "Nationale Vereinigung" mit der VR-China reiht sich jetzt an solchen Schwachsinn. Und das ist einer Zeit, an der junge Taiwaner sich vom Lebensgefühl her mehr und mehr als Taiwaner und nicht als Chinesen empfinden.

Frau Hung ist eine Hardlinerin der KMT, deren Progamm manchmal wie reine (China/Taiwan)-Vereinigungsrethorik klingt, das man aber andererseits auch in Richtung Koexistenz zweier chinesischer Staaten verstehen kann. Jedenfalls kritisiert Frau Hung immer mal wieder das Bestreben zu "taiwanischer Unabhängigkeit", obwohl "Taiwan" ja eben die Republik China ist und längst ein souveräner Staat mit eigener Währung, Staatsbürgerschaft, Pässen, Regierung, Militär etc. ist. Sie müsste es ja eigentlich wissen, will sie doch Präsidentin der Republik China aka Taiwan werden. Oder vielleicht auch nur Ehefrau. Nur bitte, bitte kein Hochzeitskleid anziehen, wenn im Falle eines Wahlerfolges der Gesandte der VR-China zu Verhandlungen kommt.

Allerdings liegt die DPP-Präsidentschaftskandidatin Tsai in den Umfragen vorn....

Donnerstag, Juni 18, 2015

Schnell doch noch vereinigen....?

Taiwans KMT hat ihre Präsidentschaftskandidatin so gut wie nominiert

Taiwans politische Szene definiert sich praktisch ausschließlich um die Stellung zur VR-China. Was sicher daran liegt, dass das japanische Kaiserreich 1895 dem chinesischen Kaiserreich die Insel Taiwan abgejagt hat und eine Art Kolonie davon gemacht hat. Bis dann Japan nach verlorenem zweiten Weltkriege das Territorium übergangsweise offenbar unter Oberregie der USA stellen musste (die in dieser Zeit den Pazifikraum neu geordnet haben) und die USA eben der vor den Kommunisten fliehenden chinesischen KMT-Regierung die Insel Taiwan quasi übergaben. So setzte sich die eigentlich untergehende Republik China auf der Inselprovinz Taiwan mit ein paar zur chin. Provinz Fujinan (oder wie immer man das genau schreibt) gehörenden Inseln fort. Und die KP Chinas wirft seither begehrliche Blicke auf die Insel Taiwan, die sie nie beherrscht hat und sagt, sie hätte Anspruch dort auch zu herrschen.

 Pierre, reg' dich ab, hier geht es nur um Politik. Und der Typ links könnte auch mal wo anders hinglotzen - Werbung in Jonghe, Taipei. Die beiden sind die "Expats", die mir am meisten auf die Nerven gehen so unvollkommen angezogen neben dem Firmendach und der Kantine)

Obige Zustände subsummiert die deutsche Presse üblicherweise damit, dass Taiwan eine (von China) "abtrünnige Provinz" sei, die sich 1949 abgetrennt habe. So als sei hier auf Taiwan 1949 der Rinderwahnsinn ausgebrochen und die Taiwaner hätten hier die Republik Wendtland oder irgendetwas in der Art ausgerufen. Tatsächlich ist der Staatsname hier "Republik China" aber die Taiwaner driften nun langsam aber stetig zu einer eher taiwanischen Identität. Denn 65% der Leute hier sehen sich als Taiwaner, nicht als Chinesen, liest man immer wieder in Umfragen.

Gegenwärtig ist Präsident Ma Ying-Jeou von der KMT im Präsidentenpalast, 2x demokratisch gewählt. Er hat einen stark auf Annäherung oder manchmal sogar Vereinigung mit der VR-China ausgerichteten Kurs gefahren, der im März 2014 zu Massenprotesten in Taipei und sogar zur Besetzung des Parlaments geführt hatte (http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/03/demo-in-taipei-mit-300000-menschen-oder.html).

Die nächste Präsidentschaftswahl ist 2016. Die große Oppositionspartei DPP, die eher für eine "Republik Taiwan" eintritt, die vielleicht irgendwann mal alle Chinabezüge aus der Verfassung streicht damit Taiwan eine ganz normale parlamentarisch-demokratische Republik in Asien sein kann, wird die Politikerin Tsai Ingwen ins Rennen schicken. Eine emotional distanziert wirkende Frau, der die einmal kurz aufgeflammte Debatte um ihre angebliche Homosexualität im aufgeklärten Taiwan nicht geschadet hat. Frau Tsai gibt sich moderat, will also China nicht mit irgendwelchen dramatischen Aktionen (wie Unabhängigkeitsvolksabstimmungen oder dergleichen wie unter dem letzten DPP-Präsidenten Chen) provozieren, sieht aber ihrer Parteilinie gemäß die VR-China eher als Nachbarland an. Und nicht als altes Mutterland.

Die KMT, die man im demografischen Niedergang sieht, weil die noch aus China eingewanderten oder dort psychologisch verankerten Leute langsam älter werden und wegsterben, wird nun wohl auch eine Frau als Präsidentschaftskandidatin aufstellen. Es ist die 67jährige Hung Hsiu-chu, die wohl eher eine Hardlinerin darstellt. Frau Hung hat sich jedenfalls ausdrücklich gegen eine "Unabhängigkeit Taiwans" ausgesprochen und erklärt, diese sei nicht mit der Verfassung vereinbar. Und sie redet vom "nächsten Schritt", den man in der Beziehung zur VR-China tun müsse. Auch wenn das nach Konföderation (?), Hongkong-Status oder ähnlichem klingt, spricht sie andererseits auch davon, dass die Taiwaner eher die Vereinigung mit China in Demokratie und nach Recht und Gesetz wollen würden, während die VR-China da ihre eigenen Vorstellungen habe.

Demographisch gesehen denke ich, wollen die meisten Taiwaner aber keine Vereinigung mit der VR-China, die Frau Hung im übrigen als "nationale Vereinigung" bezeichnet. Und die Republik China, die wir umgangssprachlich als "Taiwan" bezeichnen, ist natürlich längst ein unabhängiger Staat mit eigener Regierung, Währung, eigenem Militär und Visarecht etc. pp. Eigentlich geht es also gar nicht darum, "Taiwan" von der "Republik China" oder von irgendeinem "China" abzuspalten. Der souveräne Staat namens Republik China müsste sich ja nur in Republik Taiwan umbenennen, dann wäre das ja schon geschehen, was Frau Hung für verfassungsmäßig unmöglich hält.

Empfehlenswert wäre die von vielen in der DPP favorisierte Umbenennung aber nicht, weil die VR-China für diesen Fall mit Krieg und Invasion drohnt.

Das Wahlvolk der "Republik China" hat das Wort. Ganz anders als in der VR-China. Und offenbar haben die Leute die Wahl zwischen einer eher der Vereinigung zuneigenden Frau und einer vermutlich den Status-Quo halten wollenden Frau. Die meisten Beobachter gehen von einem DPP-Sieg aus. So wird es wohl kommen, wenn nichts unvorhergesehenes passiert.

Dienstag, April 14, 2015

Warum immer weniger junge Taiwaner die VR-China mögen

Man muss gar nicht viel reden, Peking erklärt es selbst

Es sollte bekannt sein, dass die VR-China die Insel Taiwan und die ihr zugehörigen kleinen Inseln als ihr Territorium beansprucht. Grund dafür ist, dass die letzte nichtkommunistische Regierung Chinas (damals eben noch Republik China genannt) im Jahre 1949 auf die Insel Taiwan geflohen ist, die damals gerade noch eine japanische Kolonie war (in Auflösung nach dem 2. Weltkrieg). Dort führte diese geflohene Regierung die alte Republik China fort und ihre Nachfolger tun es bis heute. Gemorpht ist ein parlamentarische Demokratie mit Mehrparteiensystem seit 1992/1996.

Während mittelalte und alte Taiwaner hier in der ethnisch-chinesisch dominierten Hauptstadt Taipei von Taiwan noch familiäre Verbindungen rüber aufs Festland haben - in dem Sinn, dass Opa erzählt hat, wie er mit dem Tafelsilber und seinem kleinen Bruder auf dem Rücken rüber gemacht ist nach Taiwan als die Kommies kamen - fühlen sich jüngere Taiwaner mehr und mehr als einfach nur Taiwaner und sehen die VR-China einfach nur als bedrohliches Nachbarland.
Die Herzen junger Taiwaner wird die VR-China wohl nicht mehr gewinnen. Denn immer wieder kommen Drohungen und hasserfüllte Kriegsszenarien aus der VR, wie etwa in dieser neuesten Posse eines uniformierten (Ex?-)Generals: http://www.wantchinatimes.com/news-subclass-cnt.aspx?id=20150413000071&cid=1101

Alte Männer, die ihren Hass auf die junge Demokratie Taiwan (streng genommen Republik China heißend) speien, dass ist genau das, was junge Leute zu ihrer Abwehrreaktion bringt. Auslöser der Hasstriaden des Chinagenerals war ein Papier eines Taiwanexpats, der ein Szenario für eine Verteidigung Taiwans entwarf.
 Was kommt zurück? Aussagen wie "Wir sind doch alle Chinesen, wir brauchen doch keinen Krieg, Krieg schadet uns nur allen?" Weit gefehlt. Stattdessen speit ein berufsmäßiger Militarist seinen Hass auf Taiwan. Womit der Grund für die fortschreitende Entzweiung (die mir als Taiwanexpat auch völlig natürlich vorkommt) perfekt beschrieben ist. Danke General Wang. Setzen.

Quelle: http://www.wantchinatimes.com/news-subclass-cnt.aspx?id=20150413000071&cid=1101
Darauf gestoßen auf Facebook beim Taiwan Explorer: https://www.facebook.com/TaiwanExplorerBlog?fref=nf, der immer gute Links zu taiwanbezogenen Artikeln hat.

Mein letzter Artikel zum Thema Politik in Taiwan und der unvermeidlichen Beziehung zu China: http://osttellerrand.blogspot.de/2015/03/dpp-sieg-doch-nicht-sicher-die-grunen.html

Mittwoch, April 08, 2015

Leicht vergessen: Der Widerstand gegen die KMT-Diktatur

Heute regiert die Partei namens KMT die Insel Taiwan und die beigeordneten kleinen Inseln. Eigentlich heißt der Staat freilich Republik China laut Verfassung. Die KMT, die heute "Taiwans" Präsidenten Ma Ying-Jeou stellt, der zwischenzeitlich die staatliche Fusion mit der VR-China angestrebt hatte, ist heute demokratisiert und ihr Präsident frei gewählt. Doch unter KMT-Herrschaft kannte Taiwan ganz andere Zustände, seit der alte Diktator Chiang Kai Shek 1949 vor den Kommunisten auf dem chinesischen Festland auf die gerade-noch japanische Kolonie auf der Insel Taiwan geflohen war und hier seine Republik China gestützt auf Bajonette weiter fortführte. 

Leicht vergessen: Immer wieder haben Taiwaner in der Zeit bis zur ersten freien Parlamentswahl 1992 und der ersten freien Präsidentschaftswahl 1996 von einer demokratischen Republik Taiwan geträumt und sich für diesen Traum mit dem Regime angelegt. Die Taipei Times erinnert heute Morgen an Deng Nan-Jung, der in seiner Oppositionszeitung 1988 eine Verfassung für eine "Republik Taiwan" vorgeschlagen hatte und der sich 1989 schlussendlich vor der Polizei in seinem Büro verbarrikadiert hat, die ihn wiegen regimekritischer Äußerungen gesucht hat. Wer öffentlich Taiwanisch sprach statt Mandarin oder gar von Taiwan statt China redete, dem drohte schnell politische Haft und schlimmeres.
Nach 71 Tagen Belagerung hatte sich Deng Nan-Jung selbst verbrannt - am 7. April 1989.

Die KMT zu verteufeln mit ihrem VR-chinafreundlichen gegenwärtigen Präsidenten fällt leicht. Allerdings war es auch Präsident Lee Teng-Hui (ehemals KMT), der Taiwan überhaupt von innen heraus ohne äußeren Druck (obwohl manche die USA dahinter vermuten) demokratisiert hat und dann 1992 und 1996 frei gewählt worden ist (1992 indirekt durch Wahlsieg der KMT). Heute allerdings ist Lee mit seiner alten Partei verfeindet und Gründer der immer noch existenten TSU, die recht kompromisslos für eine Republik Taiwan eintritt. Ob sie sich jemals konstituieren wird, so ganz formal und den territorialen Anspruch der diktatorischen Nachfolger des alten Chiang Kai Shek in Peking zurückweisend?  Wohl erst, wenn wir eines Morgens aufwachen und China aus Versehen  auf die andere Seite der Weltkugel gerutscht ist.

Mittwoch, März 11, 2015

DPP-Sieg doch nicht sicher: Die "Grünen" und die Korruption

Taiwans Expräsident Chen von der pro-Unabhängigkeitspartei DPP (Parteifarbe Grün) ist aus medizinischen Gründen aus der Haft auf Bewährung (oder mit einem ähnlichen Konstrukt) entlassen. Sofort zerfleischen sich die DPP-ler "in Sachen Korruption...

Im Allgemeinen geht man  davon aus, dass sich die Regierungszeit der prochinesischen KMT dem Ende zuneigt. Wobei die KMT "prochinesisch" ist, weil sie bisweilen handfeste Schritte zum "Anschluss" des als eigener Staat existierenden Taiwans (formell eigentlich "Republik China" heißend) an die VR-China macht. Was sich wiederum aus ihrer Geschichte erklärt, schließlich hat sie einst in Chinas alter Hauptstadt Nanjing sitzend das große chinesische Reich regiert (etwa 1911-1949). Mit Frau Tsai Ingwen steht eine gemäßigt auftretende DPP-Kandidatin in-spe für die nächste Präsidentschaftswahl zur Verfügung und die jungen Taiwaner scheinen mehrheitlich nicht mehr prochinesisch zu empfinden. Sie haben sogar gegen die Annäherungspolitik des gegenwärtigen Präsidenten Ma (KMT) mit bis zu 300.000 Leuten demonstriert und sogar das Parlament besetzt (mein "Live-Bericht" damals). Auch hat bei der letzten Bürgermeisterwahl in der Hauptstadt Taipei der stoffelige KMT-Kandidat Sean Lien (Sohn des Parteigranden Lien Senior) eine harte Abfuhr vom Wähler erhalten. Und das, obwohl ihn sein Papa schon in Peking als neuen Kronprinz und wohl auch künftigen Präsidenten von "Taiwan" vorgestellt hatte. Man geht davon aus, dass der KMT die Wähler wegsterben - einfach weil die Leute, die noch selbst mit dem Familiensilber in der Hosentasche vor den Kommunisten aus China nach Taiwan geflohen sind, langsam in das Alter am Ende ihres Lebenszyklus gelangen. Gerade diese Leute haben die KMT gewählt, die irgendwie noch eine emotionale Brücke rüber nach China bot, beispielsweise mit dem Kredo, das KMT-"Taiwan" sei das wahre China und irgendwann würde man sich "wiedervereinigen" - oder gar das "Festland zurückholen".



Ist ein DPP-Sieg 2016 also schon eine ausgemachte Sache? Viele Kommentatoren im Internet erwecken den Eindruck, gerade eben weil Präsident Ma teilweise nur 9% Zustimmungsrate hatte (siehe Bild).

Ich musste damals einfach dabei sein bei der Demo, denn hier wurde Geschichte geschrieben, so schien es mir. Daheim warf meine Frau mit dem Stuhle, weil sie nicht wollte, dass ich wohl verbotenerweise als Ausländer an einer politischen Veranstaltung teilnehme, doch ich fing die heran fliegende Kameratasche aus der Luft und ging hin. Neue Möbel braucht man immer mal.


Mit den Demonstranten mit ihrem Sonnenblumenlogo war man damals schnell solidarisch als Ausländer

Aber als ich in diesen Wochen so viele Abgesänge auf die KMT-Ära lass bis hin zum Reden über eine hypothetische Auflösung der KMT, da kamen mir doch Zweifel. Weil die Kommentatoren vergessen haben, wie sehr sich die DPP mit Korruptionsaffairen beschmutzen kann und daher den Wähler vergraulen kann. Schließlich wurde der gegenwärtige Präsident Ma (KMT) auch von vielen nur gewählt, weil die alte DPP-Regierung unter Chen (von dem oben die Rede war) so korrupt war. Chen war so unglaublich korrupt, dass er aus dem Präsidentenpalast heraus den größten Kaufhauskonzern Taiwans (Sogo) erpresst hatte und zum Schluss hatten sich 50 Millionen US-Dollar auf schweizer Konten angesammelt. Wer im Industriegebiet in Hshinzu bauen wollte, der musste erst mal Geld auf das präsidiale Privatkonto überweisen.



Droht nun im Vorlauf zur Wahl oder danach eine neue endlose DPP-Korruptionsstory? Wer das verneint, der irrt wohl. Kaum ist der alte Präsident Chen einstweilen wegen Krankheit draußen, da zerfleischt sich die DPP schon wieder selbst. Die DPP-Parteisprecherin hat sofort eine neue Korruptionsstory parat gehabt und den Medien erzählt: Wie Chen einst viele Baulöwen in einem Raum versammelt hatte und von allen Bestechungsgelder verlangt hat. Und prompt greift die (wohl) künftige Präsidentschaftkandidatin Tsai (DPP) die Parteisprecherin an, die zurücktreten muss. Und Expräsident Chen droht wieder mal mit Selbstmord und auch damit, Frau Tsai und damit die Regierungschancen seiner alten Partei DPP zu demontieren: http://www.chinapost.com.tw/taiwan/national/national-news/2015/03/10/430712/DPPs-Hsu.htm

Der Expräsident Chen wird vielleicht der beste Wahlkämpfer der KMT werden, mit seiner Korruptionsaufwärmerei und Solidaritätsreflexen, die er in der damals sehr mit ihm verfilzten DPP auslöst. Und wer weiß, was eine neue DPP-Regierung alles so "anstellen" würde. Dann würde ihre "Ära" ja vielleicht gar nicht so lang währen.

Und wieder der obligatorische Hinweis: Auch die KMT ist korrupt, sie gilt als traditionell mit der nordtaiwanischen Triade Bambusgang verbandelt, vergleiche auch die Zusammenarbeit der KMT mit dem Ex-Obergangster "Weißer Wolf" bei den Demos damals. Nur diese Art von Korruption sieht man nicht so leicht.

Ist die Zeit der KMT wirklich schon abgelaufen?

Fotos Ludigel, mit Sony DSLR A850 und Tamron 3,8-5,6/28-200mm

Dienstag, Dezember 02, 2014

China, sei vorsichtig, was du schlucken willst....

Taiwans Kommunalwahl, die der regierenden recht prochinesischen Partei KMT eine herbe Niederlage und den Verlust ihrer Hochburg Taipei beschert hat, schickt auch eine deutliche Botschaft nach Peking. Wie wird sie aufgenommen werden?


Es war erst dieses Jahr, da haben die Studenten Taiwans, die bislang als unpolitische erst den MP3-Player und dann das Smartphone glorifizierende Wattebausch-Generationen-Vertreter galten, plötzlich das politische Heft in die Hand genommen und dem Präsidenten Ma Ying-Jeou, KMT (der freilich 2x frei gewählt worden war) einen herben Dämpfer verpasst. Sie besetzten kurzerhand das Parlament "Taiwans" (Taiwan heißt mit offiziellem Staatsnamen allerdings "Republik China) und lösten damit eine schwere, wenn auch wohl kurze Staatskrise aus. Erst nach Eingreifen des Parlamentspräsidenten Wang (KMT) gaben die Studenten ihre Besetzung des Plenarsaals auf und Wang sicherte zu, die prochinesischen neuen Wirtschaftsgesetze aus der Feder des pekingverliebten Präsidenten des eigentlich eigenständigen Staates Taiwan/Republik-China nicht zu verabschieden, wobei es offenbar auch geblieben ist. Smartphoneverliebt-my-ass, um es amerikanisiert zu formulieren. Damals las man viele Analysen, die jungen Taiwaner würden die weitere Annäherung ihres freiheitlichen und demokratischen Staatswesens "Taiwan" an die autoritär regierte Volksrepublik China fürchten. Sie schienen die Fragen zu bewegen, ob nicht der wirtschaftliche Fortschritt, den der chinaliebende Präsident Ma versprach, in Wirklichkeit nur ein Fortschritt für Großunternehmer war. Ob sie nicht, wenn sie einst aus dem College oder von der Uni kämen, von ihren taiwanischen Unternehmen wie so viele Altersgenossen in eine Fabrik aufs chinesische Festland geschickt würden, um dort als leitende Angestellte oder Produktionsaufseher für das taiwanische Mutterunternehmen zu arbeiten. Aber eben mit fortschreitender Tendenz wohl am chinesischen Gehaltsspiegel orientiert und nicht am höheren taiwanischen.

Auch die Immobilienblase, die längst Taiwan erfasst hat, bereitet den jungen Leuten offenbar Sorgen, wird doch der Traum vom Eigenheim, den die Taiwaner genau wie Europäer haben, immer unrealistischer. Der Autor dieses Blogs hat selbst Häuser den Sprung von 7 Millionen Taiwandollar (durch 40 etwa in Euro umrechenbar) auf 32 Millionen machen sehen. Peking gab den Takt vor, die Preise, vielleicht bald die Gehälter und der in China und nicht in Taiwan geborene Präsident strahlte dazu und versprach gemeinsamen panchinesischen Wohlstand, garniert mit Worten, "wir sind doch alle Chinesen" und dererlei Aussagen. Fühlt man sich noch als Chinesin* oder Chinese*, wenn man um 1990 herum im freien und schon wohlhabenden Taiwan aufgewachsen ist? Wenn man mit den Eltern unzer anderem Urlaub auf Hawaii und vielleicht in Heidelberg gemacht hat? Wenn man Tokio und Seoul bereist hat, japanische Mangas liest und US-Filme im Kino guckt? Wenn man frei bloggen kann und auf Facebook sagen kann was man will? Wie wichtig ist dann noch, wenn der Großvater einst aus China vor den Kommunisten geflohen ist? Und wenn er einen Grund hatte, von dort zu fliehen, wieso soll denn die ganze Insel dahin zurück wollen, wo er hergekommen ist?


Nachdem der "Pro-Unabhängigkeitspräsident" Chen von der DPP 2000-2008 immer wieder dem Taiwan mit Krieg drohenden China oft genug "die Zunge heraus gestreckt" hatte, eben wegen der mit Gewalt unterstrichenen Forderung Pekings, die Inselrepublik "Taiwan" möge sich Pekings VR-China unterordnen, schienen oft kriegerische Handlungen bevor zu stehen. Im taiwanischen Fernsehen sah man mit Marschmusik untermalt Kriegsschiffe u.a. französischer Bauart ihre Raketen abfeuern und der nicht eben diplomatische Präsident Chen (DPP) krakelte "China No, Taiwan Yes". Die autoritären Herrscher im smogumwölkten Peking knurrten vor Wut und schickten eine Drohgebärde nach der anderen nach Taipei und stockten ihre Lenkwaffen auf, die auf Taiwan bis heute gerichtet sind.

Doch dann kam die Präsidentschaft der KMT, des prochinesischen Ma und sein wiederholter Kotau vor Pekings Macht, seine Gesetze zur wirtschaftlichen Annäherung Taiwans und Chinas und sein Versprechen auf "Wiedervereinigung" von etwas, das nie vereint war - eben der Republik China/Taiwan und der VR-China.

Wie wird Peking jetzt reagieren, wenn Taiwans Jugend, die man vorrangig hinter dem aktuellen Wahlergebnis vermutet, dieser pro-Peking-Politik und der KMT insgesamt eine Abfuhr erteilt? Wird Peking seine Pläne das Inselreich Taiwan mit Gewalt "heim ins Reich" zu holen neu auflegen oder wird es sich überlegen, dass ihm der Brocken namens Taiwan schwer im Magen liegen könnte? So wie eben derzeit Hongkong mit seinen mutigen jungen Leuten, die nicht mehr das Haupt vor der korrupten selbsternannten Machtclique in Peking beugen wollen. Die Herzen der jungen Taiwaner hat Peking durch seine Drohpolitik nicht gewonnen. Einen plausiblen Grund außer historischen Anekdoten hat es für seinen Herrschaftsanspruch auch nicht. Wird sich Peking noch einen Brocken an die Freiheit gewöhnter junger Menschen in den schon mit Hongkong gärenden Magen legen wollen? Ich bin gespannt.


* Edit: Das ist eigentlich ein sehr verwirrender Term im Umgang mit Taiwanern. Meint er kulturell-chinesisch oder meint er wirklich "Chinesin/Chinese" wie im Deutschen? Da gibt es also viele Grauzonen. Die jungen Wähler scheinen deutlich machen zu wollen, dass sie sich jedenfalls nicht als dem Festland zugehörig ansehen, denke ich.

Montag, April 28, 2014

Anti-AKW - Proteste und Tumulte in Taipei

Die Sonnenblumenbewegung Taiwans kämpft wieder auf Taipeis Straßen

Während Ludigels Hauptsorge dieses Wochenende dem Ergattern von Teigware auf einer Familienveranstaltung war,  geht auf Taipeis Straßen wieder viel wichtigeres vor. Taiwans studentische Protestbewegung, die kürzlich die Sonnenblume als ihr Symbol erkoren hatte und den prochinesischen Kurs der gegenwärtigen KMT-Regierung teils mit Erfolg angegriffen hat (letzter Bericht dazu hier: http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/04/kmt-parlamentarier-zweifeln-nutzen-des.html), ist jetzt zu ihrem Urthema zurück und organisiert Straßenproteste gegen den gegenwärtigen Bau des vierten AKWs in Taiwan, das sogar im Landkreis Taipei (neuerdings New Taipei City genannt) gebaut wird:
http://www.taipeitimes.com/News/front/archives/2014/04/28/2003589062
Wie man auf Fotos in TV und Taiwanpresse sieht, sind die Stacheldrahtbarrieren vor dem Präsidentenpalast jetzt mit den gelben Protestbändern der Bewegung vollgehängt. Das TV zeigt Bilder von Wasserwerfer- und Gummiknüppeleinsatz gegen die Protestierenden. Dabei laut TV auch wieder der charismatische Studentenführer, ein junger Mann namens Chen, wenn ich das richtig mitbekommen habe.

Wir brauchen mehr "Tree-Hugger", Baumumarmer in Taiwan. So nennt man Ökos manchmal im Englischen. Der Baum in der Mitte im Park in NeiHu lädt ja zum Umrarmen geradezu ein...

Persönlich hoffe ich, dass hier endlich eine richtige Grüne Partei entsteht, denn als ich direkt nach dem Besuch des "Bird Wo Wo"-Restaurants mit Junior an der Hand über die Straße wollte, bei Grün an der Fußgängerampel, erkämpfte sich ein fetter Infinity-SUV mit heulendem Motor Vorfahrt und raste uns als Rechtsabbieger direkt vor den Füßen lang. Wir brauchen hier endlich Petra Kelly!


Mittwoch, April 23, 2014

KMT-Parlamentarier zweifeln Nutzen des Handelspaktes mit China an

Prochinesischer Kurs der Adminstration von Präsident Ma (KMT) nicht unumstritten in eigener Partei

Nach den studentischen Protesten gegen den jüngsten Handelspakt zwischen Taiwan und der VR-China scheint es eine innerparteiliche Debatte um den Kurs der KMT zu geben, oder jedenfalls hört man immer mal wieder von Abweichlern in der regierenden KMT vom prochineisischen Kurs des Präsidenten.

Berichte zu den studentischen Prostesten und Gegenreaktionen hier:

http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/04/triaden-pate-gibt-politische-statements.html
http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/04/studenten-ziehen-ab-demo-storer-gewurgt.html
http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/04/der-geheimpalast-studenten-auf-dem.html
http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/04/barrikaden-in-taipei.html
http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/04/uberblick-uber-die-artikel-zu-den.html
http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/04/pro-china-demo-der-bushaltestelle.html
http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/03/demo-in-taipei-mit-300000-menschen-oder.html


In diesem Artikel in der TAIPEI TIMES (http://www.taipeitimes.com/News/taiwan/archives/2014/04/23/2003588692) wird berichtet, dass KMT-Parlamentarier öffentlich den Nutzen des Handelspaktes in Frage stellen und darauf hinweisen, junge Taiwaner hätten mit stagnierenden Gehältern zu kämpfen und könnten sich eben keine Immobilien mehr leisten, trotz der Annäherung an die VR-China, die ja laut Regierungslinie mehr Wohlstand für die Taiwaner bringen soll.

 Ratespiel im Taiwanblog: Was ist das für ein gelbes Ding, hier in Taipei-Jonghe (Zhonghe): Abstrakte Kunst? Teilchenbeschleuniger? Seifenblasenmaschine (für eckige Seifenblasen, ein Forschungsprojekt der National University of Taiwan) oder die erfolgreiche Quadratur des Kreises, die Demokratie in Taiwan mit der Annäherung an China unter einen Hut zu bringen?


In der Tat ist wohl ein Nebeneffekt der China-Annäherung, dass die Immobilienpreise in Taiwan extrem steigen. Über das Steigen gibt es keinen Zweifel, nur über die Ursache kann man diskutieren. Mein letzter Blick auf den Immobilienmarkt hier. http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/04/immobile-teils-doch-mobil.html

Montag, April 14, 2014

Triaden-Pate gibt politische Statements im TV

Wenn Triaden-Paten in Taiwan Politik machen, was kann oder soll man dann noch dazu sagen?

Gestern im TV, ein älterer Herr in seriöser Kleidung steht auf einem weißen Podest mit der Flagge der Republik China aka Taiwan und spricht zu Journalisten, die anders als gewöhnlich sehr devot und folgsam nicken und zuhören. Wenn ich auch weder akustisch noch von meinen Chinesischkenntnissen folgen konnte, was er gesagt hat, sprach das Bild doch für sich. Der Mann ist Chang An-lo, auch genannt "der Weiße Wolf", ein (ehemaliger) Pate der "Bambusgang", sprich der Triade (will sagen Mafia-Organisation), die Taipei beherrscht und der man nachsagt, bestens mit der regierenden KMT-Regierung verzahnt zu sein. Herr Chang hatte sich bis vor kurzem in China verborgen, wurde bisweilen als Taiwans meistgesuchtester Verbrecher bezeichnet und wird auch mit der Ermordung eines KMT-regimekritischen Journalisten in der USA in Zusammenhang gebracht, der in den 80ern über eine außereheliche Affaire des damaligen KMT-Diktators Chiang Chin-Kuo (der Sohnemann von Generalissimo Chiang Kai-Check) berichtet hatte und dafür von der Bambusgang ermordet wurde. Chang ist also die personifizierte schmutzige Wäsche der KMT, die heute demokratisch gewählt seit 2008 wieder über die Inselrepublik regiert.

 In Zukunft lieber ein fröhliches Gesicht machen...

Doch was geschah, als der "meistgesuchteste Verbrecher" aus seinem Asyl in der VR-China (wo er beste Kontakte zur KP Chinas hatte und für die "Wiedervereinigung" von Taiwan mit China eintrat) wieder nach Taipei einreiste? Er wurde zunächst verhaftet (http://www.news.com.au/world/taiwan-gang-leader-white-wolf-arrested-after-china-exile/story-fndir2ev-1226671996791) und kam dann sofort auf vergleichsweise Mini-Kaution von 33.000 US-Dollar frei (http://www.taipeitimes.com/News/front/archives/2013/06/30/2003565973). Und heute hat er eine eigene kleine politische Partei in Taiwan, die für die "Wiedervereinigung" mit China eintritt und darf im KMT-freundlichen TV seine Meinung kund tun. Und organisierte pro-Regierungs-Demonstranten kürzlich als Gegenmacht zu den Anti-China und Pro-Demokratie - Studentenprotesten.

Ich frage mich nun, ob nicht ein demokratisches und pluralistisches System wie das von Taiwan an seine Grenzen stößt mit einem Triaden-Paten als Politiker. Sicher ist wohl niemand in Zukunft gezwungen seine Partei zu wählen, aber Wahlergebnisse hängen ja auch von Medienpräsenz ab. Und was, wenn ein solcher Politikpate mehr TV-Zeit will. Können die gefragten TV-Journalisten wirklich noch nein sagen? Wenn man darüber zu entscheiden hätte als TV-Mensch und ein Abgesandter dieser "Partei" sitzt einem gegenüber, besieht klischeehaft die Fotos von Frau und Kind auf dem Schreibtisch und äußert sich darüber, würde man dann nicht doch lieber das Interview machen? Und die Journalisten, trauen die sich wirklich noch, kritische Fragen zu stellen. Etwa Fragen wie: "Wieso bezeichnen Sie Politiker von Taiwans Opposition als Kriminelle, wenn Sie selbst....?"

 ... und über Fressbuden berichten, statt sich mit taiwanischer Politik die Laue zu verderben.

Persönlich war ich in der letzten Zeit neutral bei den Studentenprotesten, die gegen den prochinesischen Kurs der gegenwärtigen KMT-Regierung angingen. Mein Gefühl konnte sich leicht mit den sympathischen Leuten identifizieren, die gegen eine Vereinnahmung durch einen autoritären Staat wie die VR-China protestierten. Doch mein Hirn (das manchmal doch noch etwas zu sagen hat) beschwerte sich, diese Proteste könnten im Extremfall (hätten sie etwa die KMT-Regierung zum Rücktritt gezwungen oder ähnliches) sehr wohl eine Invasion seitens der VR-China nach sich ziehen. Droht doch die VR-China mit militärischer Annexion von Taiwan für den Fall eines weiteren Abdriftens der Inselrepublik Richtung de-jure Unabhängigkeit von China (auch wenn die Republik China aka Taiwan in der Praxis längst ein eigenständiger Staat ist). Auch mahnte mein Verstand, einem politischen System, das (obwohl parlamentarische Demokratie) Ausländern die politische Betätigung und oft sogar Präsenz auf legalen Demonstrationen verbietet, sei nicht das richtige, um sich da mit einer politischen Strömung zu solidarisieren. Und offen gestanden, ich empfinde es durchaus als angenehm, neutral in einem politischen System zu sein, in dem die Mafia Politik macht. Und das Weißgold unter all dem Katzengold war die Taiwan-Unabhängigkeitsbewegung in der Vergangenheit ja auch nicht, man denke an den Marathon Mega-Korruptionsskandal der DPP und ihres Präsidenten Chen (der Taiwan 2000-2008 regierte), der u.a. aus dem Präsidentenpalast heraus einen Kaufhauskonzern erpresst hatte. Das muss man erst mal hinkriegen!

Für mich persönlich habe ich beschlossen einen Schritt zurück von der Politik zu machen und das Ganze eher von der Außenlinie neutral zu beobachten, ohne den Pro-Protest-Vibe, den ich in der letzten Zeit hatte. So ganz den richtigen Vibe hat das taiwanische politische System eben doch nicht für mich. [editiert]

LINK: Ausländischer Journalist und Blogger besucht das Büro der Partei von Herrn Chang: http://fareasternpotato.blogspot.tw/2013/07/a-visit-to-white-wolfs-unionist-party.html 

LINK: Interessanter Artikel: "Die Rückkehr der Gangsterpolitik in Taiwan": http://thediplomat.com/2014/02/the-return-of-gangster-politics-in-taiwan/

Freitag, April 11, 2014

Studenten ziehen ab / Demo-Unruhen?

Fernsehbilder zum Abschluss der studentischen Besetzung des taiwanischen Parlaments
Während die Besetzung des taiwanischen Parlaments zum Ende kommt, suggerieren manche Fernsehbilder Straßentumulte

Taipei.Taiwan. Kurz für die Pedanten, das "taiwanische Parlament" heißt eigentlich "Legislativer Yuan der Republik China" und letztere wird gemeinhin Taiwan genannt. Hier gab es eine lang anhaltende Besetzung des Plenarsaals,  letzter (Foto-)Bericht dazu hier im Blog: http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/04/der-geheimpalast-studenten-auf-dem.html

 Schwarze Kleidung und Sonnenblumenlogo mit den Umrissen der Insel Taiwan: Outfit vieler der friedlichen Demonstranten

Nachdem sich nun durch Zusicherungen des Parlamentspräsidenten (Speaker of the Legislative Yuan) namens Wang (Kuomintang-Partei) ein offenbarer Verzicht auf die Verabschiedung des umstrittenden Gesetzentwurfs zu einem (weiteren) Handelspakt mit der VR-China ergeben hat (Wang sicherte zu erst ein Gesetz zur Überwachung von Verträgen mit der VR-China ins Palament einzubringen) haben sich die Studenten zurückgezogen, den vielleicht etwas lädierten Plenarsaal geräumt bzw. sind derzeit im Begriff dies zu tun und auch schon das Hämmerchen des Sprechers wieder auf seinen Pult gelegt. Unversehrt schaut auch Dr. Sun Yat Sen (Sun ist hier der Nachname) vom Ölbild auf die aufräumende und sich verabschiedende Studentenschaft. Herr Sun ist Gründer der Kuomintangpartei, damals noch als "nationalchinesische" Bewegung auf dem chinesischen Festland gegründet, um das China des späten 19. Jahrhunderts vor dem Untergang durch japanische Invasion, chinesischen Kinderkaiser und chinesische Warlords zu retten. Suns Kuomintang (auch KMT genannt) herrschte dann bis 1949 über China, als sich der damalige Generalissimus Chiang Kai Check (Chiang ist der Nachname) auf die Insel Formosa alias Taiwan absetzte, die damals seit 1895 (bis 1945) eine japanische Kolonie war (und im Begriff war, von den Japanern in ihr Kernland integriert zu werden). Chiang führte als Diktatur die alte Republik China vom Festland einfach weiter auf der Insel Taiwan und einigen vorgelagerten Inselchen, während das Festland zu seinem Verdruss von der KP Chinas unter Mao regiert wurde. Bis heute existiert Chiangs Inselreich, auch wenn der alte Diktator und Quasi-Staatsgründer schon seit Ende der 70er nicht mehr lebt. Aber seit 2008 regiert wieder die KMT in Taipei und "Taiwan", das immer noch Republik China heißt und defacto ein souveräner Staat ist. Präsident Ma (KMT) betreibt einen Annäherungskurs an die VR-China, sieht die "Region Taiwan" und die "Region (chinesisches) Festland" als Teile eines einzigen Landes, nämlich "Chinas" an, um hier in die Diktion des unbeliebten Präsidenten (Zustimmungsrate mal mit 9% mal mit noch über 10% benannt) abzugleiten.



Wird sich nun wirklich etwas ändern? Wird das jedenfalls mir oft unausweichlich erscheinende Schicksal Taiwans, zum Status einer Hongkong-Autonomie herüber zu driften, nun nur verzögert oder entsteht eine neue oder frisch belebte "Taiwan Independence"-Bewegung, die das gar verhindern kann? Es bleibt spannend.

Einstweilen in TV-Bildern die weitere Entwicklung:

Ein charismatischer junger Mann, offenbar einer der "Anführer" der neuen "Sonnenblumenbewegung", hält eine offenbar teilweise humoristische Rede auf einem gerammelt vollen Platz. Das Publikum lacht, alle sind guter Dinge.
Im Parlament stimmen die Studenten für den Abzug, sitzen jetzt oft ordentlich an den Abgeordnetenplätzen und diskutieren zwischen den Sitzreihen. Ein bisschen sieht es so aus, als habe eine neue Generation die taiwanische Demokratie übernommen und wolle aufräumen mit den alten Zöpfen, die darin bestanden, dass die vormals hier sitzenden "richtigen Abgeordneten" unter anderem schon mal Wasserflaschen im Plenarsaal warfen, Abgeordnete dort demonstrativ Fahrrad fuhren vor dem Rednerpult und sich würgten und schlugen, wenn es mal hoch her ging. Wohlgemerkt waren die studentischen Besetzer da viel zivilisierter. Aber schon bald kommen die alten Abgeordneten ja wieder, die von der KMT, die mit der "Bambusgang"-Triade verwachsen ist und die von der DPP, die für den Megakorruptionsskandal der Jahre der Präsidentschaft von Chen (DPP) 2000-2008 steht. Und die der diesen beiden großen Parteien zuarbeitenden Kleinparteien.

Man sieht Demonstranten (oder Gegendemonstranten), die von der Polizei weggetragen oder weggezerrt werden. Hardcore-Leute, die nicht abziehen wollen? Oder Krawallmacher? Man sieht einen merkwürdig starr stehenden mittelalten untersetzten Mann, der in einer nach Studentenprotestlern aussehenden Menschenmenge in der Mitte von Getränkemüll steht, es nähern sich einige junge Männer in Schwarz (schwarz mit Sonnenblumenlogo war die Farbe der Demobewegung) und nehmen den Mann in den "Schwitzkasten", zerren ihn also zu Boden und drücken ihn mit der Armbeuge offenbar  die Luft ab. Der Mann erschlafft und wird weggetragen, von Journalisten verfolgt, die im Gedränge den Anschluss verlieren. Was war da los? Genau wird man es wohl nie wissen.

Letzter Bericht: http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/04/der-geheimpalast-studenten-auf-dem.html

EDIT: Titel geändert, der alte Titel "....Demo-Störer gewürgt?" überbewertet am Ende einen Nebenvorfall der Demo, der ja so nicht geklärt ist.

Dienstag, April 08, 2014

Der Geheimpalast / Studenten auf dem Rückzug

Kommt jetzt das Ende der Studentenrevolte? Zieht sich die "Sonnenblumenbewegung" in die Unis und Jugendzimmer zurück?

Letzten Freitag war frei in Taiwan, da bin ich mit der Kamera in Zentrum von Taipei. Es war etwas gespenstisch, Stacheldraht und Polizisten mitten in der Stadt zu sehen. Noch immer, auch während ich diese Zeilen schreibe, halten ja Studenten in Taipei das Parlament (genauer: den Plenarsaal) besetzt.

anonymisiert ;-)
[TZ]
Zunächst war ich noch im Zentrum, grob mit Kurs auf das Hochhaus "101", das 101 Stockwerke hoch ist. Da merkte man noch nichts von Aufständen. Kurz wunderte ich mich über eine Gruppe konservativ, aber wenig elegant gekleideter Leute, die irgendwie landlebig aussahen, aber ziemlich fremd klingend kommunizierten. Und der Herr im weißen Hemd starrte mich an, an sei ich ein Marsmensch. Das man mitten in Taipei angestarrt wird als "Westler" ist doch eher selten. Aha, dachte ich. Das muss eine Reisegruppe aus China sein. In der Tat folgte die Gruppe einem Herrn mit Stab und kleinem Fähnchen (nein, keine rote), wie sie Gruppenreiseleiter eben haben. Auch Gattin und ich waren ja kürzlich in Japan einem solchen Fähnchen hinterher gerannt. Sicher hatten die Kurs auf das Hochhaus "Taipei 101". Die Leute wirkten so, wie man sich Leute vom Lande aus der tiefsten Provinz vorstellt, die sich "stadtfein" machen. Ob die wohl auch zu den Studentenprotesten gefahren wurden, fragte ich mich. Wohl nicht. Wie würden sie reagieren wenn sie hören, dass Taiwan sie vielleicht als Touristen, nicht aber als Oberherren will?


[F] Ich folgte der Gruppe grob ins Hochhaus 101, auch wenn kurz ein Audi-Rennwagen meine Aufmerksamkeit auf sich zog...


[R] Äh.... wo waren wir? Ach ja, 101. Diese Hostessengeschichte ist auch so typisch Taiwan. Never mind.

[R] Nicht zu verfehlen, das Ding, ist ja eher hoch als breit. Jedenfalls meistens.

[F] Im angeschlossenen Kaufhaus (rechts) fand ich dann auch die chinesische Reisegruppe wieder.

[F] Ein schöner Konsumtempel, dessen Publikum sich wohl eher für die teuersten Handtaschen und Armbanduhren interessiert (oder die günstige Fressmeile im Tiefgeschoss)...

[F] ... hier nicht im Bild, als für die Politik und die Studentendemo.

[R] Der erfolgreiche Kapitalismus mit sozialstaatlichen Elementen der Taiwanprägung hat seine eigenen, systemimmanenten Konflikte. "Wissen Sie, was die aufdringliche Dame da will?", scheint der Filmstaar rechts auf der übergroßen Werbewand neben dem 101 zu fragen. Wir wissen es auch nicht.

[TZ] Vom Hauptbahnhof Taipei suchte ich wieder die Studenten, hier ist das Viertel weniger überkanditelt. Obwohl ein Modellbahner, der das Haus im Bild als Bausatz hätte, wohl mehrere Nervenzsammenbrüche erleiden würde, irgendwo zwischen dem 50. und 51,. Werbeschild und 18. und 19. Balkon.

[TZ] Ich ermahnte mich wieder, dass es mir um die Sache der Studenten ging und nicht um die duftenden Leckereien an den Ständen. Die Studenten wollten klarmachen, dass hier nicht Rotchina ist, so viel ist klar.

[SW] Ein kurzer Abstecher über den "228"-Park, der sich auf den 28. Februar 1947 respektive das an diesem Tag stattgefundene Massaker bezog, an dem die Taiwaner gegen die chinesischen Besatzer vom Festland aufgestanden waren und das Kuomintang (KMT) - Militärregime entsprechend brutal zurück geschlagen hatte (http://de.wikipedia.org/wiki/Zwischenfall_vom_28._Februar_1947). Die Insel Taiwan war bis 1945 eine japanische Kolonie gewesen (seit 1895) und war nach der Jalta-Konferenz an die chinesische KMT-Regierung übgeben worden, die den aufgeflammten Freiheitswillen der Taiwaner brutal unterdrückt hatte und sich weiter in Taiwan eingenistet hatte. Das hatte offenbar bestand, denn noch immer sitzt die KMT im Gouverneurs- respektive Präsidentenpalast in Taipei, der laut meinem Smartphone-Navidings ganz in der Nähe lag. Allerdings sitzt der Präsident (Herr Ma von der KMT) da mittlerweile frei gewählt (2008 gewählt, 2012 wiedergewählt) und fährt seither einen starken Kurs Richtung chinesisches Festland, das die KMT 1949 an die Kommunisten verloren hatte. Inklusive politischer und wirtschaftlicher Annäherung. Wogegen die Studenten demonstrieren (streng genommen nur gegen den letzten Teil der Annäherung, einen Handelspakt, siehe meinen großen Demobericht HIER im Blog).

[TZ] Alsbald führte mich mein Navidings zu diesem merkwürdigen Kinderspielplatz, der mit Stacheldraht abgeschirmt war und dem sich diverse erschöpft wirkende Polizisten in ihren dunkelblauen Uniformen erholten. Was war da los?

[TZ] Die Frage ließ sich schnell beantworten, während ich mit meiner Kamera auf die angeschlossene Allee trat, von müden aber misstrauischen Polizistenaugen verfolgt. Der Spielplatz war als Barriere gegen eventuell aufkeimende Demos oder Besetzungsversuche angelegt, sozusagen als Wellenbrecher.

[TZ] Denn links ging es zu weiteren Regierungsgebäuden und auch zum Parlament laut meinem Navi, wobei der Zugang mit Stacheldrahtzäunen abgesperrt war. Man erkennt sie im Hintergrund. Näher wollte ich nicht heran, denn die zahlreichen Polizisten, die neben einigen auffällig unauffällig herumstehenden Passanten die einzige Bevölkerung dieses sonst so stark frequentierten Teils von Taipei ausmachten, gaben mir das Gefühl hier nicht wirklich erwünscht zu sein. Irgendwo hinter den Barrieren mussten sich also Studenten im Parlament und beim Soli-Sitin befinden. Aber meine Lust, hier nach einem Weg da durch zu suchen, hielt sich in Grenzen. Mit auf meiner Navi-Route befindlichem Stacheldraht (nicht das erste Mal) und wenig Zeit neben Beruf und Familie ist es mit dem Barrierebrechen so eine Sache.

[TZ] Hier ein Barriere-Closeup von der großen Demo neulich, viel anders sieht es diesmal auch nicht aus.

 ...Barriere diesmal...

[TZ] Rechter Hand jedenfalls lag der Präsidentenpalast in Taipei...

Dies Gebäude war einst für die japanischen Gouverneure erbaut worden ist und heute der Dienstsitz des Präsidenten. Der Verkehr war auffallend ruhig am heutigen Tage, sicher weil viele Seitenstraßen hier abgesperrt waren. Hier sitzt also Präsident Ma, KMT und guckt misstrauisch auf die Studenten, die seinen Pro-China-Kurs nicht mitmachen wollen. Dabei sind "wir doch alle Chinesen", sowas sagt er öfter mal. Und mir ist er ja auch lieber als sein Vorgänger Chen von der DPP, der unbedingt in der Verfassung alle Bezüge zu China per Referendum streichen wollte und die KP in China mit seiner "Taiwan Yes, China No" - Kampagne zur Weißglut (und fast zum militärischen Angriff) gebracht hatte. Im Gefängnis sitzt Chen heute, wegen seiner Dauer-Korruptionsaffaire bis hin zur Erpressung eines Kaufhauses aus dem Präsidentenpalast heraus. Aber besser ist die KMT mit ihrer Verstrickung mit der Bambusgangtriade auch nicht, aber das soll hier nicht das Thema sein.

[TZ] Als ich dieses Foto vom Präsidentensitz machte und wegen des diffusen Lichtes ein bisschen an meiner Kamera herumstellte, näherte sich mir ein in Zivil gekleideter Herr vom Palast kommend und machte eine Handbewegung, ich solle aufhören und schrie "guo lai", jedenfalls verstand ich das. Das würde zu Deutsch "komm her!" heißen, aber ich hatte wenig Lust, dieser Aufforderung nachzukommen. Wenn einen Hunde anbellen oder sich Regierungsagenten nähern, bleibt man immer ruhig und souverän, macht das Foto zu Ende, noch eines dazu und entfernt sich dann ruhigen Schrittes ;-)

Wenn sie den Palast geheim halten wollen, müssen sie sich natürlich was einfallen lassen, schließlich ist er im Normalbetrieb ein Ziel für Reisebusse, sicher auch für chinesische Reisegruppen. Ist ja auch schon ein bisschen groß, um ihn zu verstecken. Vielleicht ein verwirrendes Schild anbringen? "Lustifus Edelpils-Brauerei" vielleicht. Kommt kein Mensch drauf, dass das der Präsidentenpalast ist.

[TZ] Mein zielstrebiges Verlassen der gastlichen Stätte führe mich zunächst zu einigen Polizisten und massenhaft Barrieren, die Herren in Blau habe ich hier lieber nicht abgelichtet.Eigentlich eine ruhige Geschäfts- und Wohnstraße.

[TZ] .... und die Bürgerkriegsbarrieren nahmen sich direkt neben den typischen Garküchen (vor denen die Polizisten saßen und aßen) etwas merkwürdig aus.

[TZ] Direkt um die Kurve dann wieder taipeitypische teure europäische Autos...

[R] .... und weitere Barrikaden, hier vor einem Rolexgeschäft...

[R]... und bewachende Polizisten. Haben die zur Tarnung teils Bauhelme auf? Na ja, so richtig unauffällig ist das freilich nicht.

Und wie ist der aktuelle Stand? Jetzt ist die Luft raus aus den Protesten. Die ganze Zeit schon hatte ja der Parlamentspräsident namens Wang (KMT) eine Räumung des besetzten Parlaments unterlassen, wohl weil er auch den Handelsverträgen mit China kritisch gegenübersteht. So liest man. Oder jedenfalls weil er in der Vergangenheit zusammen mit der oppositionellen DPP den Verabschiedungsprozess der Verträge bis zu 6 Monate verzögert hatte. Das hatte ihm den Groll des Präsidenten Ma (KMT) eingebracht, der ihn deswegen der Parteimitgliedschaft und seiner Funktion entheben lassen wollte***, was aber nicht geklappt hat. Herr Wang ist sowieso ein alter innerparteilicher Konkurrent von Herrn Ma und man kann sich die Frage stellen, ob die Zusammenarbeit mit der DPP und die Duldung der Besetzung des Parlaments seitens Wang nicht nur dazu diente, Präsident Ma eins auszuwischen. Wie dem auch sei, jetzt nach längerer Besetzung tauchte Wang in staatsmännischer Manier auf, streichelte vor Fernsehkameras ein paar Studentinnenköpfe und sicherte zu, dass der Handelspakt mit China einstweilen nicht durchs Parlament käme. Weil er wolle erstmal ein Gesetz einbringen, welches Verträge mit China einem gesonderten Kontrollmechanismus unterwirft. Und nun hat die Mehrheit der Studenten zur Stunde offenbar beschlossen, die Besetzung abzubrechen. Wang soll seine Aktion nicht mit Ma oder der KMT angesprochen haben, aber hat jetzt sicherlich seine Lorbeeren (chinesisch/taiwanisch: sein Gesicht) auf Kosten des Präsidenten im Wert gesteigert. Wang jedenfalls hat auf den studentischen Elan wie eine Nadel an einem Ballon gewirkt offenbar.

Geht jetzt alles wieder seinen gewohnten Gang? Kommt der Vertrag oder nicht? Und entsteht aus der Studentenbewegung eine neue "Taiwan Independence"-Bewegung abseits der alten Tante DPP (die viele immer noch mit Korruption assoziieren)? Man darf gespannt sein.



*** Präsident Ma ließ sogar deswegen eine Zeit lang den gesamten Telefonverkehr des Parlaments abhören, weswegen der Justizminister zurücktreten musste

Fototechnisch: Sony Alpha 850, mit [F]: Sigma EX DG 2.8/15mm, [SW]: Soligor 3.5-4.5/19-35mm, [TZ]: Tokina AF 2.8-4.5/28-70mm, [R]: Tamron Aspherical 3.8-5.6/28-200mm