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Mittwoch, Mai 23, 2012

Lorbeeren made in Taiwan

Geschichte von meinen alten Arbeitsplätzen hier in Taiwan. Natürlich nicht vom aktuellen, hier sind wir alle Engel ;-)

Interessant finde ich immer wieder, wie unverfroren man sich hier in Taiwan fremder Lorbeeren bedient in den Unternehmen. Deswegen findet man sich als Langnase hier auch i.d.R. nur für ein Projekt eingestellt. Spricht man nicht richtig Chinesisch, hat am Ende des Projekts das ganze Projektteam und ihre Kumpels und der Chef und dessen Kumpels alle Errungenschaften des Ausländers auf sich verteilt ("ich war's! Ich war's! Ich war's"), dass sich die Geschäftsleitung fragt, wieso sie den teuren Ausländer überhaupt eingestellt hat, wo die eigenen Landsleute doch alle plötzlich so enorme Fähigkeiten entwickelt haben.
Ach Chefs geben Hemmungslos die Arbeit eines Untergebenen als DIREKTE Eigenleistung aus nach oben hin und nicht etwa als von ihnen geleitete Leistung des Untergebenen. Nicht alle, aber für Ausländer in taiwanischen Unternehmen ergibt sich daher die Notwendigkeit, perfekt Chinesisch zu sprechen und über einen Mittelsmann (denn selbst wird man nie als einer von ihnen akzeptiert) das Ohr auf dem Unternehmensfunk zu haben.

Mir fällt es immer wieder auf. Man implementiert ein Verfahren, das die Testabläufe erst im Kundendiensttest und dann in der Produktion revolutioniert, ein Kollege macht eine marginale Verbesserung und schwupps, verkündet er nach oben, das Zeug von der Langnase sei alles Mist gewesen und er höchstselbst hätte das alle von Grund auf neu implementiert, damit es funktioniert.
Guckt man sich dann die Neuimplementierung an, sind nur 2 Zeilen unterschiedlich. Sinnvoll die Änderung, aber wirklich keine Neuentwicklung mit all den unzähligen Zeilen.
Mein Geheimdienst (aka Gattin) hatte sowas natürlich längst alles abgefangen.

Kopieren liegt ihnen im Blut, und jede Kopie ist originaler als das Original, hier am Ende des Tellerrandes der Weltscheibe. Gewieft wie die Ferengis bei Star Trek eben ;-)

Update: Vielleicht muss man dazu etwas mehr analysieren. Laut Geerd Hofstedes wissenschaftlicher Ländereinstufung ist Taiwan eine "weibliche Gruppenkultur", wobei das weibliche bedeuten soll, dass nicht aggressive Verhaltensweisen, sondern fürsorgliche (die damit der Gruppe zu Gute kommen!) als Tugenden gelten. Also ist es irgendwie logisch den Fremden "auszunehmen" zu Gunsten der Gruppe. Ob man als richtig Chinesisch sprechender dazugehören würde weiß ich nicht, ich würde mal vermuten auch dann nicht, nach entsprechenden Berichten von fließend-Mandarin-Ausländern hier.

Vorteile hat das Arbeitsleben aber auch, den kecken aufstrebenden Mitarbeiter, der Bullshitsätze wie "ICH habe das Projekt gemanaged (seite 15 Kollegen vergessend) und ICH habe der Company damit eine bessere Positionieren im e-fuck-Business gebracht. Das ist MEIN Erfolg, ICH bin gut, ICH bin super", den gibt es in Taiwan eigentlich nicht. Und auch den klassischen Bürosoziopathen, der in Deutschland statistisch unter 25 Angestellten immer einmal vorkommt, der sich mit jedem Kollegen bekriegt und das nach oben hin buckelnd als Härte für "die Company" verkauft, den gibt es in Taiwan nicht. Der würde schneller gefeuert, als er seinen ersten Vitriolsatz von sich geben kann. Der würde hier in einer Gruppengesellschaft sowieso als geisteskrank gelten. "Gemütskrank" würde auch den Zustand der meisten dieser Soziopathen beschreiben, die ich im Laufe der Zeit in Deutschland kennengelernt habe. Da war der eine, der hysterisch wurde, wenn man ihm eine Tomate zeigte (grins).

Kommentare:

MKL hat gesagt…

Genau meine Erfahrung. Ich bin auch in IT Business. Das unverschämte Stehlen der Ideen seitens Kollegen oder des Chefs habe ich selbst vielmals erlebt, doch keiner sagt was direkt, es wird nur hintenrum getratscht, offiziell geht man nicht in den direkten Konflikt, man bemüht sich die falsche Harmonie aufrecht zu erhalten.

Ich habe dazu Vieles auf meinem Blog geschrieben (auf Englisch).

"Ludigel" hat gesagt…

Toller Artikel, viele Erfahrungen habe ich so acuch gemacht, alles sehr ähnlich, auch wenn ich keinen Sales gemacht habe. Die mittleren Firmen sind die long hours Ekeldinger. Die großen Firmen hingegen sind die long hours Besseren ;-)