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Mittwoch, März 29, 2017

Kollegin beerdigt: "Renn weg! Renn weg!"

Meine zweite längere Anwesenheit auf einer Taiwanbeerdigung

Für Verwandte und Vertraute ist eine Beerdigung im Taiwan-Stil eine längerfristige Sache. Beim Schwiegervater hatte ich vor 10 Jahren das Ganze komplett mitgemacht, hier eine ausführliche Schilderung der Beerdigung von damals im Taiwan-Stil:





Der Titel "Eine Fledderbeerdigung" des alten Artikels klingt sicher respektlos, drückte aber damals sehr klar meine Gefühle aus. Im westlichen Bestattungsritus haben wir mehr Distanz zum Tod. Hier in Taiwan den mittlerweile in der Leichenstarre befindlichen Schwiegervater selbst in ein Kühlfach im Krematorium zu legen und am Ende mit riesengroßen Stäbchen (wie Essstäbchen, nur viel größer!) in der Asche in den Knochenstücken herum zu wühlen waren ungewohnte Erfahrungen für mich, die dem ganzen Prozedere schnell den Beigeschmack eines der Würde des Toten unangemessenen Zirkuses verliehen in meinen Augen. Aber deswegen ist es ja gerade so faszinierend, wie verschieden Kulturen sind. Für die Taiwaner ist das offenbar alles so in Ordnung. Zwei Höhepunkte sind mir aus der Beerdigung damals im Gedächtnis geblieben:

Erstens die merkwürdigen Wächter der Kühlkammer (mit unzähligen stählernen Leichen-Kühlfächern), die in einem zum Kühlkammer-Gang offenen Zimmer saßen, in dem Ölgemälde von tief dekoltierten Frauen die Wände zierten und überlaut Musik aus den Lautsprechern dröhnte. Zu meiner Verblüffung spielte gerade die Titelmusik vom Film "Der Rosarote Panther", während meine Frau und ich den Leichnam ihres Vaters zu seinem Kühlfach fuhren. Automatisch fängt man an im charakteristischen Paulchen-Panther-Gang zu gehen, zwischen all den Toten. Die Szene ist bizarr-Skurril, mehr wie in einem Mel-Brooks-Film als in der Realität, aber Taiwan kann eben herrlich surreal sein für westliche Augen. Heute denke ich, die sicher wie die meisten Taiwaner abergläubischen Herren werden mit ihrem lebenfrohen Büro wahrscheinlich einen dröhnenden Gegenpol zur "Geisterwelt" der Toten in ihren Kühlfächern gesetzt haben. Irgendwie so.

Und unvergessen die veritable Polonaise, als sich unsere Trauergemeinschaft wirklich in einer sylvesterfeier-haften Polonaise wild durch die Gegend bewegte, einem orangen Priester hinterher, der einen Teekessel trug. Den warf er damals krachend auf die Fliesen so dass er zerbarst. Fast hätte ich den Kerl angeschrien, so überreizt waren damals meine Nerven. Ich wurde jedoch sofort von meiner Frau belehrt, ihr Vater sei nun "geheilt". Weil die Krankheit die er hatte vom Priester in den Teekessel verbannt worden war. Ich blickte auf den im Raum befindlichen grau-blau angelaufenen Leichnam und verkniff mir damals mühevoll ein "er sieht aber noch immer ziemlich tot aus". Stattdessen bemerkte ich "im Wilden Westen wäre der Quaksalber für diese Heilung geteert und gefedert worden", wofür mir meine Frau auf den Fuß trat.

Was für ein Gegensatz eine solche Beerdigung zu der ruhigen Veranstaltung in einem "Ruheforst"  doch ist, die ich kürzlich beim Tode meines eigenen Vaters erlebt habe. Ich bin zu tiefst dankbar, dass deutsche Bestattungsriten nicht von mir verlangen, etwas mit Skelettteilen nach der Einäscherung zu machen. Und das deutsche Krematorium habe ich natürlich nicht mal zu sehen bekommen. Hingegen ist das große Krematorium in Taipei eine Art Todesfabrik mit mysteriösen großen Gasflaschen und einer bahnhofsähnlichen Verbrennungshalle, wo der Priester vorm Bild des Verstorbenen letzte Worte spricht.

Aber zurück an den Anfang der Beerdigung der kürzlich viel zu jung verstorbenen Kollegin P. Ich tauchte also erst nachmittags auf, auch weil ich nicht die komplette Veranstaltung mitmachen wollte. Wieder ging es auf das Gelände der "Todesfabrik". Bilder werden irgendwann nachgereicht. Taiwaner empfinden Fotos von solchen Orten als gefährlich, weil sie angeblich Geister von Toten anziehen; daher will ich mein Blog nicht zeitnah damit ausstatten.

Ein neues großes fabrikhallenartiges Gebäude war das Ziel unserer Trauergemeinschaft. Hier saßen wir veritabel in einem grauen Korridor vor den Toiletten und Aufzügen im Untergeschoß. Schnell stellte der Bestattungsunternehmer Klappstühle zur Verfügung, während in einem kleinen Andachtsraum noch etwas vorbereitet wurde. Der Geruch der sanitären Anlangen zog herüber und ein Mann in Gummistiefeln putzte zwischen uns herum, leerte Mülltonnen und den Kackeimer der Toiletten, den er an uns vorbei zu seinen Mülltüten trug. Taiwanische Toiletten haben ja immer den Kackeimer für das benutzte Toilettenpapier herum stehen. Eine Glocke erklang, eine Priester in Orange ging vorweg, auf einem metallenen Leichen-Schiebewagen lag ein mit beschrifteter Plane bedeckter Toter, die andere Trauergemeinde weinend hinterdrein. Wir alle mussten uns hektisch wegdrehen und die Wand anstarren. Das sieht komisch aus, wenn etwa dreißig Trauernde das gleichzeitig tun. Wieder umdrehen, der Tote ist im Fahrstuhl verschwunden. Wir warteten noch auf die verstorbene Kollegin P., die jetzt auch bald kommen würde. Hektische Arbeiter schleppten Gestelle und Blumen durch die Gegend, der Toilettenmann rasselte mit dem Blumenträger zusammen. In Schwarz gekleidete Leute guckten wichtig in Smartphones. Ein weiterer Leichnam mit Glocke. Wieder herumdrehen zum NO SMOKING-Schild an der Wand. Ich warf einen verbotenen Blick auf den Toten und zwinkerte im zu. Darf man nicht, damit einem der Geist des Toten nicht folgt. Aber wir haben so viele Mücken nachts und ich liege oft wach. Da kann ich Gesellschaft gebrauchen.
Wie nah alles beieinander liegt in Taiwan. Die Trivialität des Fahrstuhls, die Körperfunktionen die man auf der Toilette ausführt bis hin zum Ansehen von braunem Klopapier. Dazwischen die Leichname. Die Tränen der diversen Familien. Die Getränkeflaschen, die der Müll- und Klomann zwischendurch entsorgt und mit seinem Müllwagen stehen bleibt, während der Leichentisch vorbei gefahren wird. Da wird man fast philosophisch. Man lebt, trinkt, disassimiliert die Nährstoffe, säubert sich und stirbt irgendwann. Man ist auch nur noch so ein Ding wie die leere Plastikfalsche mit dem Hu-Fong delicious Ice-Tea, das irgendjemand wegbringen muss. So scheint es Taiwan zu suggerieren mit der für mich eigenartigen Trauerfeier am Fahrstuhl. Für Taiwaner ist das aber alles normal, es sind meine eigenen Empfindungen, die nicht zur Trauerfeier passen. Ich bin hier der Fremdkörper, nicht der Müllmann, nicht das Kackpapier. Leben und Tod gehören zusammen. Es würde vielleicht noch fehlen, dass einer der jungen Bestattungsleute im dunklen Anzug eine Kollegin hätte, die er in der Besenkammer schwängert, während wieder der Müllmann mit seinen Gummistiefeln vorbei geht. Dann hätten wir den ganzen Kreislauf des Lebens versammelt vor den Fahrstühlen.

Das alles hat nichts mit der netten Kollegin zu tun, die wir hier beerdigen. Taiwan ist eben anders. Schließlich werden wir auch hereingerufen, nachdem die Familie schon fertig ist. Im offenen Sarg liegt die Kollegin. So eine zierliche junge Frau. Jung aus meiner Perspektive, eben in den 40ern gerade Mal. Kleine Puppen und "Geistergeld" liegen im Sarg auf ihrem zierlichen Körper. Ich verabschiede mich, mache den Ritus mit. Verbeugen und Abschiedsworte reden. Diesmal aus ehrlichem Herzen. Die Räucherstäbchen musste ich ablehnen, weil meine Frau darin eine zu große Verbindung zur Geisterwelt gewittert hatte - unseres Kindes zu liebe, den ja am Ende zürnende Geister jagen könnten. Ich enthalte mich eines Kommentars.

Auch die Kollegin wird schließlich raus gefahren, wir alle hinterher. Diesmal dürfen wir gucken. Es geht rüber zur Krematoriumshalle in einem anderen Gebäude. Im Unterscheid zu 2007 haben sie jetzt vor dem bahnhofsähnlichen Gebäude rechts und links darüber zwei große Werbeschilder des Kiosk-Marktes "Family Mart" in bunten Farben aufgestellt. Es wirkt so, als sei die große Krematoriumshalle von Family Mart. Bizarr, aber Taiwaner nehmen die für mein Auge vorhandene Pietätlosigkeit nicht wahr. Der Priester sagt letzte Worte, die hübsche Kollegin P. hat kein Bild wie die anderen älteren Toten, die wir rechts und links neben uns auf ihren gerahmten Fotos sehen, dahinter die jeweilige Trauergemeinde. Schließlich ist P. dran. Wir werden nach vorne geführt, ihr Sarg verschwindet in der Brennkammer. Alle schreien jetzt "renn weg!". Das hat den Sinn, dass sich der Geist vom Körper trennt und vermeidet, ebenfalls im Feuer verschlungen zu werden. Ich schreie mit, dann wenden wir uns schnell ab und dürfen nicht zurück blicken, damit uns der Geist von P. nicht folgt. Ich nehme es nicht so genau. Nachts auf der Mückenjagd in der neuen Wohnung habe ich ja immer Langeweile. Da würde ich gerne noch mal mit P. reden. Oder überhaupt mal mit P. reden. Wie viele taiwanische Kollegen hat sie ja nie ein Wort mit mir außer Hallo und Bye Bye gewechselt. Sie haben Angst vor Gesichtsverlust beim falschen (?) Englischreden. Und mein Chinesisch ist schlecht und da lachen sie mich immer aus. Also rede ich Englisch mit ihnen. So als sei ich der Dekan der University of Oxford und würde auf perfektes Oxford-Englisch achten, so scheu sind sie beim Englisch-Sprechen. Auch nach zehn Jahren Zusammenarbeit noch. Nur englische Emails kriegt man. Also könnte P. jetzt ruhig mal auftauchen und wir reden über ihr Leben. Wo sie immer von 9 bis 22 Uhr im Büro saß und mit den Japanern verhandelte. Hatte sie überhaupt ein Leben? Ich hoffe es.

Einer ihrer Kunden ist auch dabei. Ein eleganter Japaner, im Nadelstreifenanzug mit gegeelten Haaren. Er hat sich rührend sowohl in Taiwan wie auch in der japanischen Krebsklinik mit den experimentellen Behandlungen um P. gekümmert. Er ist sehr erschüttert.

Über dem eigentlichen Krematorium und links daneben ist auch wieder Family Mart. Ich esse ein paar Kinderschokolade-Riegel, esse ein in Plastik verschweißtes labbriges Croissant und trinke einen in einer atomkriegfesten Plastikflasche eingeschlossenen kalten süßen Kaffee der Marke Bernachon. Oder so. Der angeblich französisch ist. Wenn Paris in Taiwan liegen würde jedenfalls.

Schließlich kommt der Abschluss. Wir ziehen vorbei an den kleinen älteren fabrikartigen Gebäuden hinter den Trauerpavillions, die ich noch von der Beerdigung von vor 10 Jahren kenne. Alles ist noch so wie damals, nur statt des Neubaus vom Anfang stand damals ein älteres Haus. Die Leichenhalle, aus der gerade kein Paulchen Panther dröhnt, ein Wartesaal für Trauernde neben mysteriösen fest installieren großen Tanks mit Rohren, die im Boden verschwinden in der Todesfabrik.

Rüber in ein privates Bestattungsinstitut, das außen grellbunt bemalt ist. Irgendein Bild von einem See mit knallroter Tempeldeko drum herum. P.s Urne wird in einen kleinen Altar gestellt. Sie hat die Nummer 61, die anderen Toten sind direkt daneben nebst kleinem Opferaltar jeweils. Eine Prozession aus einem Nachbarzimmer kommt in wilder Polonaise heraus gerast, alle die Hände auf den Schultern der Person vor ihnen. Ein Priester mit einem Kessel rennt vorweg. Ich werde von meiner Frau ihm aus dem Weg gezogen. Dann ist es vorbei.

Ruhe in Frieden P. Gönn Dir etwas Ruhe nach all dem Trubel hier.


Edit: Oberster Link korrigiert, er hatte ursprünglich alle Beerdigungs-Artikel angezeigt


Montag, März 27, 2017

Neues Auto(chen) (Update)

Wenn ich eine Email von Victorchen bekomme, dann ist das nach der Namensregel bei der Firmenemail einfach ein Kollege mit Nachnahmen Chen. Doch das neue Ludigelmobil trägt die Verniedlichung leider zu Recht.

Noch vor kurzem war alles klar. Meine Frau hatte Manila auf den Philippinen als neuen Wohnsitz erkoren, sehr zur Freude ihrer dortigen Verwandten. Und ich war zurück nach Deutschland gezogen, weil mein Vater verstorben war und meine auf die 90 zugehende Mutter Hilfe brauchte. Auch automobilistisch war alles klar. Meine Frau wurde samt Junior vom Mann ihrer dort lokal verheirateten Schwester herum gefahren in seinem neuen Ford Ecosport und ich ließ den von meinem Vater hinterlassenen fast neuen Mitsubishi ASX auf meinen Namen zu.

Mann kann sich gewöhnen an den Fischmaul-Look (schwer im Trend seit Audi (?) damit angefangen hat), hier meiner Meinung nach nicht gerade hübsch realisiert


Jetzt treibt der manilesische Schwager den Ford-Sport wieder alleine und Frau, Junior und ich leben wieder in Taipei. Da unser fast neuer Volvo XC60 eben noch verkauft worden war, hatte nun der plötzliche Rücksturz nach Taipei zur Folge, dass wir kein Auto mehr hatten. Also wieder eine große Kiste kaufen? Das schwebte lange bei uns in der Diskussion, allerdings mahnte ich, dass unsere geographisch unstete Lebensweise zu neuerlichen hohen Wiederverkaufswert-Verlusten führen könnte.
Also sollte es doch ein Kleinwagen werden bei uns. Niedrig im Preis und meine Frau kann ja auch große Blechberge nicht so gut durch die engen Gassen Taipeis steuern. Daher gibt es jetzt einen großen Kontrast bei uns. Statt dem vormaligen dicken schwarzen Volvo SUV mit 245 PS jetzt ein kleiner Nissan "March" mit 99 PS in Xiaojie-Rot. Niedlich anzusehen das kleine Auto mit niedlichem Haifischmaul, das mich irgendwie an das verzweifelte Japsen einer Forelle auf trockenem Land erinnert. Mit etwas über einer halben Million NT Grundpreis deutlich billiger als der parallel angesehene Mazda 2 - der freilich gefühlt zehnmal so attraktiv gestylt ist. Allerdings mindestens 0.7 Millionen NT kostet. Und meine Frau fand den niedlich gestylten Nissan eben unwiderstehlich. Er hat ein Design von dem man oft liest, dass es ein "Frauendesign" ist. Nissan hat den March-Kleinwagen im Katalog neben hochhackigen Schuhen und einer Katze abgebildet. Deutlicher geht es nicht. Hello-Kitty-Auto eben.

Altes Modell (-2013 in Europa) mit 0 km zum Neuwagenpreis. Typisch Nissan, die Taiwan als Zweitverwertungsplatz angesehen

In Deutschland gab es dieses Auto auch, es nannte sich dort "Micra" und wurde nur bis 2013 so verkauft, wie es in Taiwan auch 2017 in den Showrooms steht. Nissan verkauft in Taiwan meist ältere Modelle, so dass sie 2013 sogar noch einen Uralt-Micra in Taiwan anboten (wieder als "March") und das zwischenzeitliche Modell glatt weggelassen hatten. Die beim aktuellen Modell 2013 vorgenommene Modellpflege hin zu einem weniger niedlichen Look hat Nissan in Taiwan auch weggelassen und auch das jetzt im März 2017 in Deutschland vorgestellte völlig neue Modell wird es in Taiwan zumindest jetzt nicht geben. Wegen niedlichem "Fisch schnappt nach Luft"-Aussehens des Autos (das mich im Showroom dazu verführte vor dem Kühler zu grimassieren) und der fragwürdigen Modellpolitik von Nissan Taiwan, hier immer Altmodelle anzubieten, war ich dem Ding nicht gerade zugetan. Auch innen ging es wenig erquicklich zu. Ödes hartes graues Plastik wohin man auch sieht und dann eine silberne Scheibe (billiges silberfarbenes Plastik) auf die Mittelkonsole geknallt, die so wirkt, als hätte man dort einen asiatischen tragbaren CD-Spieler von 1985 mit Pattex dran gekleistert. Immerhin waren die Sitze taiwantypisch mit (schwarzem) Leder bezogen, das sogar hübsch mit roter Naht abgesetzt war und zu meiner Verblüffung hatte ich hinter dem Lenkrad mehr Platz als im vorher getesteten deutlich größeren VW Golf, Audi A3, 1er BMW und Toyota Yaris. Nur links kam mein Knie irgendwie gegen die Tür, die wegen eines breiten Bedienpults mit elektrischen Fensterhebern sehr breit ausgefallen war. Die Türverkleidung samt Bedienpult bog sich flexibel weg, wenn das Knie den Druck dort erhöhte. Alles ergab ein billiges irgendwie "igitt"-Gefühl.

Die Probefahrt war dann allerdings ungleich besser. Vergessen war die schwammige Türverkleidung. Der mit 99 PS ausgestattete Kleinwagen reagierte sehr munter aufs Gas und vermittelte richtig gehend ein sportliches Fahrgefühl. Es gab offenbar nur den 99 PS-Motor (offenbar mit 1.5-Litern Hubraum). Die Taiwaner mögen es halt immer ein bisschen sportlich bei Autos. Dagegen konnte der neue viel erwachsener wirkende Golf-Konkurrent Nissan Tiida mit 115 PS nicht punkten, den ich allerdings wegen Aussehen und Größe selbst bevorzugt hatte. Die Tiida war bei meiner Frau aber von Anfang an auf verlorenem Posten. Schließlich hatte ein Freund eines Freundes von meiner Frau angegeben, der Wagen würde beim Fahren zu sehr schaukeln. Auf meiner Probefahrt gelangen mir trotz rasanten Kurven keine Schaukelbewegungen, aber ich bin natürlich auch kein taiwanischer Spezialfahrer, der mit 80 um enge bürgersteiglose Gassen vor der Grundschule bügelt uns sich dann wundert wenn beim Schulkinder-Ausweich-Slalom die Frisur durcheinander gerät.

Unser niedlicher Micra aka March wendet sich aber eher an die weiblichen Fahrer Taiwans, die als "Psycho-Xiaojie" dann im roten Minirock mit rotem Nackellack und den roten hochhackigen Schuhen vom Prospekt-Cover den Schulkindern mit 99 PS und kaum nennenswerten Leergewicht mal so richtig das Fürchten beibringen können beim morgendlichen Wettrennen durch klitzekleine Gassen zum Arbeitsplatz.

Wir können es kaum erwarten, bald steht unsere rote Knutschkugel - mit Rückfahrbildschirm statt dem hässlichen Sony-Discman im Innenraum - bei uns in der Tiefgarage. Frau ist schon Feuer und Flamme und sagt, sie hätte das Rasen durch quietschenge Taipei-Gassen sehr vermisst in unseren "Volvo-Jahren". Der hat ja nie so richtig durchgepasst durch die bürgersteiglosen Straßen in den Schlichtvierteln. Jedenfalls nicht mit taiwantypischen Geschwindigkeiten.


UPDATE: Ich habe noch keinen einzigen anderen Nissan March/Micra dieser Baureihe auf Taiwans Straßen gesehen die Tage. Nur ein paar ältere der 2. Generation (K11 genannt bei Nissan) sind noch zu sehen. Die Erklärung liegt vermutlich im merkwürdigen Marketing von Nissan Taiwan (identisch mit der Firma Yulon, die hauptsächlich die eigene Automarke LUXGEN betreibt), dass den K11 solange gebaut hat (1993-2007), bis er völlig veraltet war und das nichtsdestotrotz sehr beliebte Auto dann nicht mit einem Nachfolger versehen hat. Den neuen K12 gab es nämlich in Taiwan nicht. Erst 2011 führten sie "unseren" K13 oben im Bild ein und verkaufen ihn seither wohl kaum. Die Kunden sind offenbar fast geschlossen zu Toyota und dem beliebten Kleinwagen (neuste Generation ein eher ein Kompaktwagen) Yaris abgewandert.
Nissan tut das immer wieder - für erfolgreiche Modelle zeitweise keinen Nachfolger anbieten. Beispiele sind hier der X-Trail und die kompakte Limusine Sentra. Fast so, als ob es ihnen unheimlich wird, wenn sie zu viel in Taiwan verkaufen.

Diskussion mit Junior (5):
Ludigel: "Sollen wir dem niedlichen Auto einen Namen geben? Otto oder Elise oder so?"
Junior:   "Hat doch schon einen Namen.... Nissan."
Ludigel: [schluck] "oookay"

Junior ist immer so entsetzlich vernünftig.

UPDATE 2: Sage ich doch, Frauenauto:  http://www.nissan.com.tw/Upload/861B57C9-3BD5-4860-B2F9-4666AF0F784F/TC/圖三.jpg
und http://www.nissan.com.tw/Upload/B9CD4807-9FF6-4015-9275-771F4C211C28/TC/2011122316133158411463.jpg

Freitag, März 24, 2017

Mach's gut P.

Abschied von einer Kollegin

In diesem Blog habe ich es nach im Jahre 2013 als eine Art Wunderheilung beschrieben. Ob nun mit Chemotherapie oder ohne - so ganz klar ist das bei mir nie angekommen - die Kollegin P. hatte damals eine fast schon wundersame Heilung vom Krebs hingelegt. Bei mir hatte das einen tiefen Eindruck hinterlassen, war ich doch bei einer Fahrt der Chauffeur, auf der sie einen besonderen Tempel im Süden Taiwans besucht hat und dort offenbar psychisch so viel Kraft gesammelt hatte, dass es ihr gleichsam schlagartig besser ging. Dachte man damals vielleicht auch nur an einen kurzen Plazebo-artigen Effekt, so war das Ganze jedoch der Anfang einer schnellen Erholung. Lag die Kollegin anfangs scheinbar im Sterben, so erholte sie sich in der Folge so weit, dass wir uns noch bis Anfang 2017 mit ihr in Taipei zum Essen getroffen haben. Allerdings hatten wir bei unserem letzten Restauranttreffen von ihr schon gehört, dass eine Metastase in einem anderen Organ nun leider große Probleme machte. Die Kollegin war zeitweise in einer Klinik in Japan untergebracht und erhielt experimentelle Behandlung. Besonders meine Frau war dabei involviert, hier für den japanischen Arzt eine Bestellquelle von noch nicht zugelassenen Medikamenten aufzutun. Leider ließ sich der Befall des zweiten Organs nicht stoppen und die Kollegin ist vor ein paar Tagen leider sehr genau innerhalb der Prognose des Arztes verstorben. In der Vergangenheit war sie eine geschätzte Mitstreiterin auf Seiten des Vertriebs und eine große Hilfe bei allen Projekten. Sie war der Typ von engagierter Taiwanerin, die immer mit einem Lächeln auf den Lippen von morgens um Neun bis nicht selten nachts um 23 Uhr im Büro saß. Ein Leben fast nur aus Arbeit bestehend, dass leider Mitte 40 viel zu früh geendet hat. Bei den Behandlungen - was eben auch eine Kostenfrage ist - war ihr unter anderem auch der japanische Kunde - ein Großkonzern - sehr behilflich. Auch taiwanische Unternehmen können in solchen Krisensituationen sehr loyal zu ihren Angestellten sein, womit fast schon zu viel gesagt ist.

Mach's gut P., mit Deinem fließenden Japanisch kannst Du notfalls auch in den japanischen Teil des Jenseits wechseln, wenn es Dir mit dem Papierschiffchen-über-Flüsse-nehmen und anderen Prozeduren zu viel wird, die man hier in Taiwan nach chinesischer Art durchführt.
Gute Reise.


Dienstag, März 21, 2017

Gebrauchtwagen Teil 3: Autos von der Bank klauen

Endlich mal der Hausbank was heimzahlen? Gemeint ist hier aber nicht, dem Filialleiter seinen schwarzen Toyota Camry zu klauen, sondern die Taiwaner haben etwas viel trickreicheres im Sinn

In Deutschland habe ich mal ähnliches gehört. Wenn Herr Thorsten van Anderen sich einen neuen BMW 750i gekauft hat und nicht abbezahlen kann, wird er per Repro-Mann wieder beschlagnahmt und geht zurück an die Bank. Manche besonders pfiffige Schuldner verkaufen den teuren neuen Wagen aber schnell an eine Hinterhofwerkstatt und melden ihn als gestohlen oder dergleichen. Und die verkauft ihn dann in Teilen. Pfiffige Detektive werden dann ggf. beauftragt den Wagen vorher wiederzufinden.

Manch einer wäre hier froh, wenn er die Kiste loswürde irgendwie...
Um solche Autos geht es hier natürlich nicht, sondern nur um dicke meist deutsche Importautos

In Taiwan geht es aber noch trickreicher. Es gibt nämlich Pfandhausseiten, die Autos anbieten, die zwischen 3 und 6 Jahren alt sind. Neuere fehlen, vielleicht weil sich da das Anheuern von Detektiven lohnen würde, die den Autos auf der Spur sind. Diese Pfandhausseiten erwähnen, dass die Autos unter Eigentumsvorbehalt (einer Bank) stehen und daher nicht einfach auf den eigenen Namen zugelassen werden können. Man erhält die Fahrzeugpapiere, aber diese lauten weiterhin auf den Namen des ursprünglichen Käufers/Schuldners. Und man kriegt die Autos also nur permanent überlassen, wofür man die Hälfte oder ein Drittel des Zeitwerts des Auto an das Pfandhaus bezahlt. Damit die Bank das Auto nicht findet und beschlagnahmt bieten die Pfandhäuser einen besonderen Verschleierungsservice an, der u.a. andere Kennzeichen beinhaltet.

Meine Meinung nach längst auf der falschen Seite der Grauzone zwischen legal und illegal und Links will ich auf solche Seiten doch nicht setzen. Aber wie geht das Ganze nun im Detail vor sich? Im Beispiel wie unten:

Herr Li kauft sich seinen dicken Mercedes E300 und kann ihn am Ende nicht mehr abzahlen. Jetzt geht er schnell zum Pfandhaus und bekommt dafür Geld in die Hand gedrückt. Kann er den Wagen nach einiger Zeit nicht mehr auslösen, verbleibt er beim Pfandhaus. Das Pfandhaus bietet ihn nun schnell auf einschlägigen Webseiten an, mit dem Hinweis man können ihn nicht einfach auf den eigenen Namen zulassen. Denn sonst würde die entsprechende taiwanische Zulassungsbehörde ihn wohl für die Bank beschlagnahmen lassen. Wenn man den Wagen jedoch haben will, kriegt man Fahrzeugbrief und -Schein, die es auch in Taiwan gibt. Dort steht auch noch der ursprüngliche Halter Herr Li drin und weder Herr Li noch der neue Käufer zahlen die Steuer oder gar Versicherung. Aber der "Käufer" könnte jetzt natürlich fröhlich mit dem E300 herum fahren. Solange, bis er beschlagnahmt wird. Um das zu verhindern kauft das Pfandhaus eine Doublette auf. Das ist ein gleichfarbiger Wagen der selben Baureihe (die Farbe steht in Taiwan in den Wagenpapieren!), der kaum noch etwas Wert ist. Vielleicht ist er schon ein paar Jahre älter, hat vielleicht einen Flutschaden bekommen (kommt in Taiwan öfter mal vor) oder hat gar einen Unfallschaden. Vielleicht ist es sogar nur ein E260 oder was auch immer. Dieses Wrack kann der "Käufer" nun legal auf sich zulassen und dafür auch die KFZ-Steuer bezahlen. Allerdings wird das Wrack nie gefahren, sondern bleibt an einem geheimen Ort beim Pfandleiher stehen. Irgendwo in einer Wellblechhalle. Trickreich werden nun die neuen legalen Kennzeichen des kaputten E260 mit denen des schicken E300 getauscht. Idealerweise macht man vielleicht die E300/E260-Markierungen ab. Nun fährt der "Käufer" also mit Herrn Lis illegalem E300 herum, aber laut Kennzeichen ist es ein ganz anderer E260, der völlig legal ist.

Ohne Bezug zum Artikel. Die Jungs hier in der Nachbarschaft putzen alles was teuer ist.

Sinn der Übung ist, dass ein Repro-Mann der Versicherung den Wagen weder bei Herrn Li noch beim Abklappern von Pfandhäusern findet. Selbst wenn er die Wellblechhalle mit den Pfandleiherautos findet, wird er am Ende nur vor einem Schrottfahrzeug stehen, das in Baureihe, Farbe und Kennzeichen mit Hernn Lis Auto übereinstimmt. Nur dass es in Wirklichkeit eben der schrottige E260 ist und nicht Herrn Lis E300. Entnervt soll der Repro-Mann nun wieder nach Hause fahren und die Sache auf sich beruhen lassen. Weil es sich nicht lohnt, das Wrack - von dem der Repromensch denkt es sei Herrn Lis E300 - mitzunehmen.

Was wenn der illegale E300 mit der Vita des E260 nun in eine Polizeikontrolle gerät? Kein Problem, heißt es in einschlägigen Foren. Strafmandate etc. orientieren sich am Kennzeichen und die Polizei macht eigentlich nie die Motorhaube auf, um die Fahrgestellnummer zu kontrollieren. Auch die automatischen Mautstationen auf Taiwans Autobahnen orientieren sich natürlich nur am Kennzeichen und das gehört ja einem legalen Fahrzeug und ist auf den neuen Halter zugelassen.

Alles paletti also? Ich denke unangenehm würde es, wenn das Fahrzeug etwa einen schweren Unfall hätte und irgendjemand doch die Fahrgestellnummern ermittelt. Dann müsste man der Polizei erklären, wieso man ein gesuchtes Fahrzeug fährt. Und wehe, wenn das Auto dann noch wegen Fahrerflucht und einem schweren Vorunfall vor Jahren gesucht wird.
Oder was, wenn der Wagen wirklich gestohlen wird? Man meldet dann der Polizei einen gestohlenen legalen E260, der in Wirklichkeit in einer Wellblechbutze steht. Alles sehr sehr unorthodox und vermutlich kriminell. Und falsche Kennzeichen am Auto zu befestigen ist sowieso ein Vergehen. Aber alles spannend und taiwanisch-pfiffig.

Ein Zufallsfund beim Durchstöbern von Gebrauchtwagenforen und nicht zur Nachahmung empfohlen.

Freitag, März 17, 2017

Automobilistisches

Wieder Auto kaufen. Ludigel ist genervt.

Immer wenn ich über mich selbst in der dritten Person spreche, erinnere ich mich an diesen Artikel eines Psychologen, der die Angewohnheit sich selbst so zu referenzieren als Hinweis auf eine Geisteskrankheit sah. Aber dass man bei meiner Lebensführung irrsinnig würde, wäre so verwunderlich nun auch wieder nicht. Oder "er" irrsinnig würde, der Ludigel in Taiwan.

Wie dem auch sei, nachdem ich kürzlich ob des Hinzugs meiner Frau samt Sohn nach Manila auf den Philippinen und dem Tode meines Vaters bei Hannover, Deutschland meinen Wohnsitz wieder nach Deutschland verlegt hatte, kommt mir mein plötzliches Wiederauftauchen in Taiwan und der alten Firma noch recht merkwürdig vor. Frau will Auto kaufen und hat bereits Wohnung für uns gemietet und wir sammeln demnächst in Manila ein, was von unserem Hausrat dort überlebt hat. Dort ist ein Reihenhaus samt Flatscreen-TV für uns gemietet, in dem ich nie gewesen bin. Eben weil mein Vater verstorben war und ich mich einige Zeit um meine Mutter im Eigenheim bei Hannover gekümmert habe und das eigentlich immer noch tun müsste. Aber ultimative Aussagen der Gattin und ihr plötzlicher Rückzug ins heimische Taiwan schienen meine Anwesenheit erforderlich zu machen und führten - was ich gerne annahm - zu meiner Wiedervereinigung mit Junior (5). Die unstete Lebensweise führt zur Minimierung des Hausrats und zur Verteilung des Rests über drei Länder und zwei Kontinente. Und zum automobilen Chaos.

Bereits 2004 ließ ich meinen alten Mitsubishi Space Wagon in Deutschland zurück, der eigentlich sowieso meinem Vater gehörte und von ihm dann im Wechsel mit seinem neueren Space Wagon gefahren wurde, bis er mit 225 000 km und 10 Jahren oder so für einen Euro an den Mitsubishihändler ging.

Im selben Jahr verloren Frau und ich dann den nicht schönen aber praktischen Kia Carens, weil wir ja für geschlagene drei Monate vorher nach Darmstadt in Deutschland gezogen waren. Bis ich auf Anraten meiner ukrainischen Hausärztin wegen des Augenrollens meiner Frau (der Deutschland nicht recht bekam) eben nach Taiwan zurück zog. Nur jetzt war der Kia schon verkauft und ich weigerte mich bis 2006, einen neuen Wagen im versmogten und zugestauten Taipei zu kaufen. Lange begleitete uns dann ein Nissan X-Trail, doch Dez. 2013 wurde er im Rahmen eines automobilen Wettlaufs im Mittelmanagement meiner Firma gegen einen dicken schwarzen Volvo XC60 T5 mit viel zu viel PS und fast nie von meinem Gasfuß herausgefordertem Turbolader ersetzt. Nur um ihm bei Umzug nach Manila/Deutschland 2016 mit großen Verlust (eine Million Taiwandollar Wertverlust) an das Schwesterherz (Nr. 4) meiner Frau zu verkaufen. Da soll einer nicht irrsinnig werden!

Kurzzeitig in Hannover in Deutschland übernahm ich den vom Vater vererbten Mitsubishi ASX, einen kleinen SUV in roter Knallfarbe, der jetzt unbenutzt in der Garage steht und fast neu ist. Jetzt sind wir wieder in Taipei und haben kein Auto mehr. Frau will immer riesige teure Schlitten kaufen und ich nur einen kleinen gebrauchten, um das Risiko in Garagen dahin vegetierender oder mit Verlust verkaufter Autos zu minimieren.

So sahen wir uns die Tage einen (neuen) Mazda 2 beim Händler an. Eine Million Taiwandollar (viel zu) teuer, schick mit Leder mit roter Naht im Innenraum, verblüffend viel Platz vorne und einem 109 PS-Motor, das Frau aber doch zu klein ist. Die nette Verkäuferin bot uns sogar Sitzplätze, Prospekt und Kaffee an. Vorher hatten wir noch einen VW Golf angesehen, den meine Frau aber wegen des DSG-Getriebeproblems in Taiwan/China nicht wollte. Offenbar vertragen die VW-Gruppe-Autos nicht die Luftfeuchte in hiesigen Breiten. Die nette Verkäuferin bot uns keinen Platz und nicht Kaffee und Kekse an, aber Frau war wohl zu sehr gegen den Golf von Rolf.

Ein Audi A3 Sportback hatte es ihr kurzzeitig angetan. Trotz meiner Mahnung, dass sei auch nur ein Golf. Auch gruselig teuer war der A3 wegen des erhöhten Premiumanspruchs von Audi in Taiwan. "Sieh Dir vorne den Innenraum an", verlangte meine Frau und ich vermied den Blick auf die Oberschenkel  der Minirock tragenden Verkäuferin und starrte stattdessen auf ihre dicke Panerai mit rotem Kroko-Lederarmband, die bestimmt so viel gekostet hat wie der Toyota Yaris, den wir uns vorher angesehen hatten. Ohne die schicke Panerai auf dem Beifahrersitz war der A3 für mich nicht so interessant, dank Premiumklasse-Inflation und wenig Platz für meinen SUV-verwöhnten Körper. Kekse und Kaffee gab es aber bei Audi und den Hinweis, der Audi habe Motoren und Technik wie ein Lamborghini. Hört hört.

Bei BMW hatte der Verkäufer nur einen Autochrono eines nicht so prominenten Herstellers am Arm und es gab auch Prospekt und Kekse und wir saßen im engen 1er und im dickeren X1 Probe. So recht wollte es nicht zünden bei uns, auch wenn die Autos schick waren. Mir war der X1 zu teuer (will nicht schon wieder so viel Geld ausgeben) und der 1er zu winzig-eng.

Bei Mercedes (auf taiwanisch "Benze") empfing uns der schick gekleidete Verkäufer mit grauen Schläfen und dicker grüner Rolex Submariner am Arm kühl distanziert. Sitzplatz oder Kaffee gab es nicht, immerhin einen Prospekt für die A-Klasse auf Nachfrage (auch eng die A-Klasse) und der Verkäufer suchte daimlertypisch arrogant während des Probesitzens das Weite. "Verkauf Dir deinen Benzele doch selber", denke ich. Die Extraliste war sowieso viel zu lang und das Lenkrad gibt es nur gegen Aufpreis oder etwas in der Art.

Der Toyota war auch eng, der Verkäufer hatte eine schwarze Casio-Digitaluhr und war superfreundlich. Aber so recht gefallen wollte mir das Ding auch nicht. Das Auto meine ich. Die Uhr hat ja immerhin netten Retrocharm.

Einen zu großen Wagen wollen wir nicht nehmen. Ich zögere meiner Frau mehrere Jahre meiner Anwesenheit in Taiwan zu versprechen, wartet doch eine ziemlich hilflose Mutter nebst Reihenhaus, DAK- und ADAC-Mitgliedschaft passend zum roten Mitsubishi auf mich. Und meine Frau kann breite große Autos schlecht fahren.

Gleich gucken wir uns einen gebrauchten Audi A6 mit 2,8-Liter und einen Mercedes C250 an. Beide eigentlich zu groß für Frau, aber ohne großen Verlust wieder abstoßbar, sollte ich in meine norddeutsche Heimat verschwinden. Der Dauerkumpel "Will" (Name von der Red. geändert) meiner Frau hat schon zig Warnungen vor den Tricks der taiwanischen Gebrauchtwagenhändler bereit und alle zählen auf meinen Sachverstand. Schließlich muss ich mich als Deutscher sowieso mit Autos auskennen und als Ex-Teilzeit-Gebrauchtwagenhänder (Umsatz 2 Wracks, u.a. mit eingebautem Bettlaken gegen Klappern und mit Pattex angeklebtem Lackflatschen) geht man davon aus, dass ich alle Tricks kenne. Also schnell einen Magneten von der Cubicalwand genommen um evtl. Spachtelmasse zu erkennen. Ich weiß ich weiß, der A6 hat wohl Alu-Türen und Haube.

Manchmal klauen die Gebrauchtwagenhändler den Wagen mit Zweitschlüssel gleich wieder zurück, sagt Will. Na dann gucken wir mal. Große Gefahr beim Gebrauchtwagenkauf in Taiwan sind Hochwasserschäden. Aber die soll man durch Dreck unter Armaturenbrett und Ersatzrad etc. erkennen. Ach, wie gerne würde ich jetzt meinen Mitsubishi ASX aus der Garage holen...

P.S.: Wissen Sie, wie man in Taiwan halbseiden ganz dicke Autos fahren kann, die eigentlich der Bank gehören? Darf ich aber nicht schreiben, sagt meine Frau. Machen wir aber auch nicht ;-)
 

Dienstag, März 07, 2017

Durch-den-Ausländer-starren

Taiwaner sind superfreundlich. Weiß jeder Newbie. Und haben den Röntgenblick. Jedenfalls in der angeheirateten Familie.

Zurück in Taiwan. Die "erste Schwester" der Familie praktiziert schon seit 2004 mit mir das "Hindurchstarren". Sie schafft es also so zu tun, als ob ich nicht da wäre und kann tatsächlich mit den Pupillen auf die Wand hinter mir fokussieren. Könnte sie fast im Fernsehen mit auftreten. Dass es andere Menschen - den man nichts getan hat und mit denen man aus einem nicht erwiderten Gruß nie geredet hat - fertigbringen, exakt so zu tun, als sei man ein Geist, ist so eine taiwanische Familienspezialität. Jedenfalls in unserer netten Familie, die dem Exdiktator Chian Kai Shek nachtrauert und der alten Rasseideologie nachhängt, dass Chinesen (und besonders die Taipei-Chinesen Taiwans!) etwas besonderes wären. "Hellenmenschen" eben.
Seit Schwiegermutter samt Herrenmenschen-Dreirad ihren Autounfall hatte, steht sie zusehends unter dem Einfluss der Ersten Röntgentochter und praktiziert bei mir auch wieder den Röntgenblick.

Dabei habe ich nie der ersten Tochter in den Schritt gegriffen und der Alten auch nie ein Bein gestellt. Nun sitze ich hier wieder und schreibe meine Frust über die götterverdammte (in Taiwan Plural!) Familienbande meiner Frau heraus und bald folgt wieder das Gemeckere über Gift im Essen (ach so, hatten wir schon), Verkehr und graue Umgebung. Dabei dachte ich es hinter mir zu haben, wo meine Frau ihren Wohnsitz (kurzzeitig) nach Manila/Philippinen verlegt hatte und ich für drei Monate nach Deutschland.

Doch jetzt geht es weiter im Progrom, mit Taiwanfamilie und all ihren behandlungsrelevanten Problemen im grauen Schlichtviertel. Aber ich spiele vergnügt mit meinem fünfjährigen Sohn und versuche die Umgebung und insbesondere die Familie zu ignorieren. Heute Abend mache ich das auch mal. Wenn die Alte vor dem Lichtschalter steht, fixiere ich den Lichtschalter. Geht bestimmt!

Wie alt ich hier werde ist mir noch immer nicht klar. Dreizehn Jahre vom Inselparadies sind eigentlich genug....