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Mittwoch, November 06, 2013

Das Alpha-Tier der Uhrenwelt

Ludigel kriegt ein tickendes Paket aus HongKong

Im Wolfsrudel ist das Alphatier der Boss und das Omegatier der "Underdog", der dem Rudel ausgegrenzt hinterher trottet. Um es für Taiwanexpats verständlicher zu machen: Das Alphatier ist die Ehefrau, das Omegatier der Ausländergatte (hust). In der Uhrenwelt ist es aber genau anders herum, die Marke Omega gehört zwar nicht zu den allerersten teuersten, aber sicher unter die Alphatiere der Uhrenwelt. Uhren, die im Stil längst Vorbild für eine ganze Industrie geworden sind, zusammen mit Rolex, Breitling, IWC Schaffhausen und anderen. Auf den Uhren von Omega, etwa einer oft 4.500 Euro teuren "Planet Ocean", die man oft mit orangefarbener Lünette hat, prangt natürlich ein stolzes Omega-Zeichen auf dem Zifferblatt.

Und eine Marke namens Alpha gibt es auch, die sitzen in HongKong, haben einen ganz guten Ruf unter Uhrenfreunden von der Technik her, machen aber sogenannte Hommagen von meist Rolex und Omega-Uhren. Hommagen in dem Sinne, dass man bis auf das Markensymbol und der Beschriftung keinen Unterschied findet. Ein Photovergleich einer echten Omega Planet Ocean und einer Alpha "Planet Ocean" etwa findet sich hier: http://forums.watchuseek.com/f71/omega-planet-ocean-look-like-202407.html. Zu beachten ist, dass die Alpha am Metallband liegt, während die im Foto (ein Foto im Foto streng genommen) gezeigte Omega das optionale orangene Lederband hat. Aber ein solches kann man an die Alpha Ocean natürlich auch dran machen. Wer also wissen will, wie die Omega aussieht, kann sich auch unten meine Fotos der Alpha ansehen.

Warum bestellt man nun so eine "Hommage**", bei der sicher auch weniger freundliche Begriffe angemessen wären (?) - schließlich ist die Vorlage noch auf dem Markt und nicht etwa ein historisches Uhrenmodell. Gründe gibt es viele, ein Uhrenforensmitglied etwa hat sie sich bestellt, um die Omega erst mal kostengünstig zum Anzug "probezufahren". Die Probefahrt kostet nämlich nur 70 Euro. Für den Preis liefert sie ein Brite mit wohl chinesischem Hintergrund aus England nach Deutschland auf Ebay oder versendet sie Alpha Hong Kong auch zu mir nach Taiwan, im obigen hübschen Paket.

Manch einer will sicher auch nur so ein schick gestyltes Ding haben und nicht viel Geld ausgeben. Alpha scheint das Ganze halb peinlich zu sein, denn gleich oben liegt eine Art Entschuldigungskarte vom "Unidesign Workshop" im Paket, bei der sie angeben, die Uhren seien vom europäischen Erbe inspiriert. Der Unidesign Workshop ist die Firma hinter der Marke Alpha. Es soll sich nur um eine Art Warenkontor handeln, der also seine Uhren bei wechselnden Zulieferern bauen lässt in China oder HongKong, so dass man nie so genau weiß was drin ist. Wenn man Glück hat ein Seagull-Uhrwerk, denn Seagull ist ein renommierter chinesischer Hersteller, der nicht ganz billige Uhren baut unter eigenem Markennamen und etwa auch für den einstigen renommierten japanischen Kamerahersteller Minolta produziert hat. Seagull macht auch Replikate alter Rollei Mittelformatkameras. Ich habe eine in Deutschland, einst für 90 DM gekauft, ein grundsolides verblüffend authentisch wirkendes Ding, das allerdings keine besonders gute Optik und ein ausgesamtes Samenkorn im Objektiv hat - stört bei dem großen Format aber nicht wirklich. 

Meine eigene Alpha habe ich bestellt, tja, aus Neugierde, weil sie billig ist, meistens gut sein soll (Qualitätsschwankungen sollen fast nicht mehr vorkommen seit 2010 sagt man) und weil ... meine Gattin halt neulich im Ärger sinnfrei auf dem Aktienportal ihrer (unserer) Hausbank herumgeklickt hat und dabei einen so hohen Betrag verloren hat, bei dem ich mir zweieinhalb Originale hätte kaufen können. Die Alpha ist daher eine Art Scherz mit mir selbst und für mich halt sogar "teuerer" gewesen als das Original. Sie soll mich an den Vorfall erinnern. Aus Trotz oder als Mahnung, meinen Finanzhaushalt nicht mehr ganz so taiwanisch dominieren zu lassen. Also nicht nur ein Fake für mich, sondern etwas Persönliches.
Einen Schreck habe ich freilich beim Anblick der Vesitenkarte aus Pappe bekommen, die gleich nach dem Entschuldigungsschreiben kam. Der Materialfehler in der Karte ließ nichts gutes für den Zustand der Uhr vermuten!


Zunächst kam ein Etui aus Kundstwildleder zum Vorschein, statt der üblichen Uhrenbox, das aber haptisch einen ordentlichen Eindruck machte und sogar ein kleines User Manual im perfekten Englisch drin hatte. Englisch ist ja in HongKong kein Problem.


Sogar eine ausgefüllte Garantiekarte gab es! Das habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Deutsche Verkäufer lehnen ja das Ausfüllen grundsätzlich immer aus religiösen Gründen ab.

Da ist sie nun also, die 70 Euro teure Alpha. Das Armband chinatypisch in dickem Kuststoff eingeschweisst, den man kaum jemals abbekommt (es geht mit Werkzeug, habe ihn aber noch dran) und die Uhr durch Cellophan geschützt. Das Armband passt übrigens für meinen 18cm-Umfang-Arm durch Herausnahme eines einzigen Gliedes. Besitzer ganz stämmiger Arme müssen also aufpassen, aber mit einem schwarzen Kautschukband mit orangener Naht sieht die Planet Ocean im Zweifelsfall auch noch besser aus.

 Das Alphazeichen auf der Uhr, das ja fast ein gedrehtes Omega ist, macht natürlich sofort deutlich, dass hier Lächrlichkeitsgefahr mit der Uhr gesteht. Das gequälte ein-Original-sein-wollen wird dadurch sehr deutlich, auch weil sonst alle Details, wie die typischen orangenen arabischen Ziffern auf 12, 9 und 6 Uhr genau mit dem Original überein stimmen. Wer eine Uhr in dem Stil will und keine Hommage will, kann etwa eine italienische Politi kaufen, die hat ein eigenes Design, ist ähnlich, qualitativ nach Aussage von Uhrenkennern sehr gut und in Deutschland für etwa 170 Euro zu haben. Und auch wasserdichter als die Alpha. Die ist mit 5 ATM / 50 Meter Wasserdichte nämlich im Gegensatz zum Original kein echter "Diver", auch wenn sie tatsächlich eine verschraubte Krone hat, wie sich das für eine Taucheruhr gehören würde.

Ehrlich ist Alpha ja. Während manche pseudo-Uhrenmarke von weiterverkaufenden Deutschen, die Uhrentradition vortäuschen und auf die umgelabelten Chinauhren labbrigster Qualitätsstandards etwa "Calvados 1566" schreiben (Name und Jahreszahl abgeändert), ist Alpha mit der Gründungsepoche da ehrlicher - 1993.

Auch die Beschriftung der Armbandschließe ist wohl eng am Original gehalten, bis hin zum hier nicht lesbaren Schriftzug "professional Instrument". Na ja, es ist ja auch der Job der Uhr, die Zeit anzuzeigen, in so fern sicher richtig. Auch das Armband wirkt wertig, leicht und stabil, nicht so billig wirkend wie das anderer Chinauhren. Aber ich muss es sicher erstmal auspacken, um es ganz bewerten zu können. Wertige Schließe jedenfalls.

Haptisch und optisch war die Alpha sofort eine Freude, das will ich ganz klar sagen. Die wirkt nicht zu leicht, nicht zu schwer und das Mineralglas (zu Saphirglas reicht es bei dem Preis nicht) ist kratzerfrei. Das Gehäuse ist Edelstahl und völlig wertig gearbeitet. Die Uhr wirkt sehr sehr viel teurer als sie ist, von der Verarbeitung her und auch von der schönen orangenen Lünette hier, die sicher und mechanisch sauber ohne Spiel in Linksrichtung drehbar ist. Das macht sie viel besser als viele teurere Uhren. Das Glas spiegelt etwas, was beim Original nicht der Fall ist, habe ich gelesen. Lässt sich aber gut ablesen die Uhr.

Hirn und Gefühl waren bei mir mal wieder im Widerspruch. Mein Hirn meldete "billiger Chinaklunker, schäm dich", während mein Gefühl von der bildschönen und richtig solide feinmechanisch gearbeiteten Uhr ganz angetan war. Sie ist einem teuren Original nachempfunden und bemüht sich, dem nach nahe zu kommen. Nahe lag der Vergleich zu meiner "J.Springs", die ich gerade am Arm hatte, siehe rechts. Die "J.Springs" ist aus dem Hause Seiko (das Label steht für "Japanische Frühlinge" und soll Designfrische suggerieren) und sicher ähnlich in der Farbgebung. In Deutschland wird sie üblicherweise für 120 Euro verkauft, ich habe sie für 78 Euro von einem polnischen Versender*** nach Deutschland geliefert bekommen (versicherter Versand mit Tracking betrug allerdings 14 Euro zusätzlich). Die J.Springs ist schwerer und klobiger, auch keine richtige Taucheruhr, auch wenn sie das Taucheruhrendesign der 70er nachmacht (100 Meter wasserdicht, keine verschraubte Krone). Sofort zeigt sich die Alpha überlegen: Die Lünette der günstigen J.Springs etwa hat Spiel und rastet leicht versetzt zu den Minutenpositionen ein, der Sekundenzeiger der Japanerin hält beim Verstellen nicht an (Sekundenstopp ist in der Preisklasse auch nicht üblich) und läuft sogar beim Verstellen der Uhr etwas rückwärts. Auch schließt die Krone nicht ganz mit dem Gehäuse ab, was mich an den "100 Metern" Zweifeln lässt.

Ganz anders die vornehm wirkende Alpha. Sie hat einen Sekundenstopp und im Gegensatz zur J.Springs kann man ihr Uhrwerk sogar aufziehen! Das ist in der Preisklasse bei (sich selbst aufziehenden) Automatikuhren wirklich nicht üblich. Großes Lob hier an die Alpha. Etwas labbrig fühlt sich die Krone an, wenn man sie heraus geschraubt hat (Taucheruhren verlangen ein "Aufschrauben" der Krone vor Benutzung). Man kann dann die Krone an ihrer Stange ein bisschen wie einen Schaltknüppel "rühren", was nicht sehr solide wirkt, aber über die Langlebigkeit kann eben nur die Zeit entscheiden. Da hat die J.Springs eine klarer definierte Kronenführung und auch meine Orient-Diver (etwa 100 Euro in Deutschland, auch aus dem Hause Seiko, eine ist hier zu sehen: http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/10/uhrenfotografie.html) hat da eine bessere Führung.

Als Uhrenfreund hat man sicher immer zu wenig Arme für die vielen Uhren. Mein obiges Trageverhalten dient freilich nur dem Vergleich, man sieht insbesondere das recht stark spiegelnde Uhrglas der Alpha. Aber trotzdem wirkt die Uhr wertig und teuer und eine ganze Ecke solider als die J.Springs. Auch wenn dei Kronenführung mir Sorgen macht. Hat der Uhrwerkshersteller hier eine variable Kronenstangen-"Aufhängung" (die Fachbegriffe kenne ich hier nicht) eingebaut, um die mechanische Belastung der Kronenstange wegen der Schraubkrone abzufedern? Oder ist es nur ein bisschen labbrig?

Das Alpha findet sich sogar auf der Krone, wie beim Original wohl das Omega. 


Bei meiner original-Alpha jedenfalls war auch der Uhrenboden hübsch graviert, während viele Hommagen da einen blanken Deckel haben. Auch hier will die Alpha wertig wirken mit verschraubtem Uhrboden und Gravur. Das Rote ist von einer Schutzfolie.

Ich bin gespannt, wie es mit dem Alphatier und mir weitergeht. Die Genauigkeit und Gangreserve habe ich noch nicht wirklich geprüft, von Nachtmittags bis zum Morgen des darauffolgenden Tages jedenfalls lief die Alpha minutengenau (Sekundenabweichung nicht geprüft) und trotz wenigen Tragens hat sie auch die Nacht brav weiter getickt bis zum Morgen. Das ist ein gutes Omen.



Ähnliche Artikel aus Ludigels Uhrenwahnsinn:

http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/10/zuckerloser-tiger.html (Onitsuka Tiger)

http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/10/uhrenfotografie.html (Orient Deep Blue)

http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/10/heiter-bis-uhrig.html (div. Uhren)

http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/04/chinauhr-315-euro.html (Rosra)

http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/07/die-menschen-mussen-gewarnt-werden.html (Tissot Seastar 1000)

** Juristische Bewertung von mir als Laien: Der deutsche Zoll lässt Alphas anstandslos durch (verzollt wird in Deutschland freilich u.U.), weil sie eben keinen gefälschten Markennamen haben. In diesem Sinne sind sie zollarisch Originale und keine Fälschungen. Einen Alphahändler oder eine Vertretung abgesehen von Ebayleuten gibt es in Deutschland im Gegensatz zu etwa den USA nicht, was vielleicht auch juristische Gründe hat. Auch ein zollarisch nicht beanstandeter Artikel könnte wegen Produktähnlichkeit durchaus vor Gericht Ärger geben, wenn etwa ein "Mitbewerber" Klage einreichen würde gegen einen Händler. Rechtliche Schritte gegen Alpha sind mir aber nicht bekannt. Der deutsche Zoll soll selbst Träger von Fälschungen mit falschem Markennamen unbehelligt lassen, solange ein Fake (die Alpha ist keins in diesem Sinne!) am Körper getragen wird. Andere EU-Länder sollen aber auch getragene Fakes durchaus mit empfindlichen Geldbussen und Beschlagnahme ahnden.

*** Bei der J.Springs will ich an ein "östliches" Fake aus Polen nicht glauben: Dazu ist eigentlich das Label zu billig und sie wirkt abgesehen von den kleinen Unschönheiten durchaus solide, hat viel Gangreserve und geht fast sekundengenau über längere Zeit. Wäre bei einem Billigstfake sicher nicht der Fall.

UPDATE: Das Armband ist zwar solide, offensichtlich hat es aber Fertigungstoleranzen bzgl. der Armbandstege. Obwohl ich schon so manches Band gekürzt habe, habe ich in diesem meinen Meister gefunden. Ein Steg ließ sich problemlos entnehmen, alle anderen sitzen fest wie festgeschweißt. Heute Abend darf sich der Uhrmacher beim Meißeln versuchen.

Montag, November 04, 2013

Wer einen Sinn erkennt...

... in meinem Foto, der schreibt ihn bitte in den Kommentaren, ich weiß nämlich selbst keinen.

Rundgang im Viertel

Ohne viele Worte.

Heutzutage piccobello sauber, der Zwischenraum zwischen den Schlichthäusern in Ludigels Wohnviertel. Bei dem Anblick möchte ich freilich trotzdem immer eine Packung Antidepressiva schlucken.


Doch dreht man hier in NeiHu, Taipei den Kopf etwas nach Rechts sieht man die neue Architektur, die schon große Teile des Viertels gefressen hat.

Etwas teurer und viel sauberer, aber ordentlich gestapelt. Früher standen hier noch mehr von den Schlichthäusern.

1970er- und 2000er-Architektur treffen hier noch aufeinander.

Kleinere Häuser in Ludigels Schlichtwohnviertel, das zumindest zu großen Teilen eine Wohnanlage für Militärveteranen ist. Ohne Bürgersteige meistens, obwohl sie jetzt an der lokalen Hauptstraße auf einer Seite einen breiten Bürgersteig einziehen.

Kurze Pause auf der Parkbank, Blick ins heimatliche Schlichtwohnviertel. Einer der seltenen breiten Bürgersteige ist hier zu finden.

Keine grün schimmernde Seenoberfläche im Vordergrund, sondern ein Elektrokasten am Park. Aber auch hübsch. Man sieht, wie die Gassen durch Autos verstopft sind und wo Freiraum für Fußgänger und Kinder fehlt. Aber OK, sie ändern es laaaaangsam.

Und gleich angrenzend ans verlängerte Viertel moderne Businessarchitektur, die so auch irgendwo im Großraum Frankfurt stehen könnte, von den Schriftzeichen abgesehen.

Update zu den deutschen Gefangenen in Taiwan

Nicht von mir, sondern von einem Kommentator. Siehe also die Kommentarspalte in dem verlinkten Blogleintrag vom mir im Mai:

http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/05/deutsche-im-gefangnis-in-taiwan-2013.html

Mittwoch, Oktober 30, 2013

China-Deutschland-Taiwan: Die Spielzeugconnection

Was Leute wie ich immer wieder tun, ist "deutsches Spielzeug" von Deutschland nach Taiwan zu reimportieren (im Sinne von zwei drei Spielzeuge für Kollegen und Bekannte mitbringen). "Reimportieren" könnte man fast sagen, schließlich ist Taiwan nicht die...


... wie dieses Straßenschild im Landkreis Taoyuan suggerieren will, das wohl auf ein Schokoladenmuseum verweist, sondern vom formalen Staatsnamen her die "Republic of China", was suggeriert, dass die Inhaber des Museums einen hier seltenen Sinn für Ironie haben.

Immer wieder geben Kollegen hier Bestellungen für aus Deutschland bestelltes Spielzeug auf, weil sie das als gesünder ansehen, bezüglich der Schadstoffausdünstungen, als Spielzeug aus Taiwan oder China. Sogar eine hier in Taipei arbeitende Kollegin aus China hat bei mir solches "deutsche" Kunststoffspielzeug (Holzspielzeug ist auch beliebt) bestellt und bekommen.

Doch bei JEDER dieser Spielwaren zeigt einem ein Blick auf die Box Verblüffendes. Hier etwa ein hübscher "deutscher" Holzzug...


Und drehen wir die Packung dieses Produktes etwas....


Natürlich "Made in China". Ist also dieser Reimport sinnfrei? Man könnte es meinen, allerdings könnte man auch mutmaßen, dass die deutschen Unternehmen eine strengere Qualitäts- und damit auch Giftkontrolle ausüben als chinesische Unternehmen, die auf sich allein gestellt sind. So haben etwa in Deutschland georderte USB-Festplatten eine viel längere Lebendauer als die in Taiwan bestellten, auch wenn beides "made in China" sind. Meine Taiwanchina-Festplatten in USB-Gehäusen sterben fast schneller als man den darauf abgespeicherten Spielfilm gucken kann, die deutschen halten ewiglich. Auch der Beluga-Zug oben wirkt geschmacks und geruchsneutral. Somit ist es vielleicht doch nicht so widersinning, wie es erst scheint.

Ach so, soll ich jetzt den taiwanischen Zoll fürchten, wenn ich sage, dass ich ein Spielzeug für 20 Euro aus Deutschland nach Taiwan für einen Bekannten mitbringe? Ich hoffe der hat Wichtigeres zu tun ;-)

Dienstag, Oktober 29, 2013

Zuckerloser Tiger

Mit Schwiegermutter, diversen Neffen und Quasineffen und derelei mag man sich hier in Taiwan öfter mal wie ein unterzuckerter Tiger vorkommen, dem man die Krallen gestutzt hat. Hier ist jedoch davon unbeschadet die Rede von einer Uhr, einer "Onitsuka Tiger" von einem japanischen Modelabel, in der Rubrik "Ludigels Uhrenwahnsinn". Letzter Teil dazu hier: http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/10/uhrenfotografie.html

Die Uhr hat nichts das geringste mit Italien zu tun, sondern ist Made in China, wie das heute oft so ist und herausgegeben von einem japanischen Modelabel names Onitsuka Tiger. Die Uhren sind zwar modern-groß mit um die 44mm Durchmesser ohne Krone, haben aber ansonsten ein an die 70er angelehntes Retrodesign, was bei diesem Modell allerdings nur in der nackter-Edelstahl-Variante deutlich wird, denn dann sieht man die etwas altmodische Form des Uhrengehäuses. Hier erinnert mich jedoch die schwarze Lederunterlage der Uhr an die 70er. An meiner kooperativen Gesamtschule, an der ich mich in den 70ern eine Weile herum trieb, hatten die linksökologischen Lehrer oft solche Uhren um, das war irgendwie sportlich-rebellisch mit dem dicken Lederflatschen drunter. Sonst ist die Uhr einfach eine Quarz mit Stoppuhr und wirkt aber ganz wertig mit Seiko-Uhrwerk, das sie haben soll. An Ganggenauigkeit gibt es quarzüblich nichts auszusetzen. 


Einen Seiko-Chrono made in Japan kriegt man schon für 200 Euro oder weniger, daher erstaunte mich zunächst der Preis des zuckerlosen Tigers. Um die 250 Euro will man oft in Deutschland für so einen Chinawecker haben, das erscheint mir überzogen - etwa bei Amazon.de. Und bei Amazon.com, also dem US-Original, kosten die Uhren (jedenfalls damals als ich nachgesehen habe) nur um die 100 US-Dollar. Das ist sicherlich ein viel vernünftigerer Preis.

Verzichtet man auf den Retroflatschen unter der Uhr, liegt sie angenehm und schlank-unaufällig am Arm, lässt sich trotz des schwarzen Zifferblattes wegen geschickt gefärbter Zeiger recht gut ablesen und leuchtet sogar ein bisschen im Dunkeln. Alles in Ordnung für um die 100 USD würde ich sagen. Mit Lederflatschen türmt sie sich auffällig am Arm auf und wirkt viel massiver, man stößt allerdings auch schon mal gerne irgendwo gegen, etwa wenn man seinen Junior an der Hand hat - nämlich an seinen Kopf.

Zu überbunter Kleidung trage ich das Ding gerne. Ich habe sie bei Ebay neu für nur etwas über 50 Euro abgegriffen, das scheint mir ein sehr netter Preis für den schwarzen Tiger zu sein. Sehr nett übrigens wie die Rückstelltaste der Stoppuhr funktioniert. Die lässt den Zeiger offenbar mechanisch zurückpoppen, das fühlt sich richtig schön mechanisch an und nicht so elektromotorisch sanft wie bei meinem alten 90er-Jahres Seiko-Chrono. Gefühlt ist da die Stoppuhrverstellung eher wie mein mechanischer Tissot-Chronograph (aus "Re-Sche" und nicht Zhongguo).

Hübsch geschliffenes Glas hat sie auch, für etwas über 50 Euronen also fast gestohlen, nett auch 24h-Anzeige (geht die als zweite Zeitzone?), die ich erst für was anderes gehalten habe.

Als Antidepressivum, als das ich dieser Tage günstige Uhren verwende, wo sich doch mein Aufenthalt hier im grauen Taipei-NeiHu bald auf die vollen 10 Jahre jährt, ist die Uhr so ganz in schwarz aber nicht wirklich zu gebrauchen.

UPDATE: Derzeit für 278 Euro mit Metallband bei Ebay.de: http://www.ebay.de/itm/Onitsuka-Tiger-Uhr-Chrono-Steel-OTTC0104-/350906795928?pt=DE_Kleidung_Schmuck_Accessoires_Uhren_Armbanduhren&hash=item51b3acc798
Mein lieber Herr Gesangverein. Wenn ich öfter in D-Land wäre, hätte ich sie glatt wieder eingestellt zum Verkauf. Teures Ding, kriege jetzt richtig Respekt davor. 

Montag, Oktober 28, 2013

Exbetrieb macht doch weiter

Der Ex-"Familienbetrieb" macht doch noch weiter, letzter Bericht siehe hier: http://osttellerrand.blogspot.de/2013/10/ex-familienbetrieb-vor-der-schlieung.html
Die Gerüchte über den Tod des von mit mit aufgestellten und dann wieder etwas unfreiwillig veräußerten Betriebes waren also übertrieben, er atmet noch. Grund für den Sinneswandel weg von der Geschäftsaufgabe hin zur Weiterführung ist eine Schätzung der Anlagen im Unternehmen, für die die neue Betreiberin gerade mal 15000 NT, also weniger als 400 Euro hätte erhalten können. Der Gedanke, ihre ursprüngliche Einlage von umgerechnet etwa 6000 Euro durch den Anlagenverkauf wieder herein zu holen ist damit als gescheitert anzusehen. So gezwungen weiter zu machen, hat die Geschäftsführerin beschlossen, zukünftig die Öffnungszeiten zu reduzieren. Künftig hat das Geschäft, das früher am Wochenende mit Abstand den meisten Umsatz gemacht hat, nur noch Montag bis Freitags auf und das auch nur des Abends. Womit auch die letzten Stammkunden sicher vergrault werden, weil sie nicht mehr wissen, wann die Butze nun geöffnet hat und wann nicht. Geht einem ja schnell so bei ständig wechselnden Öffnungszeiten. Wie die Personalkosten überhaupt wieder rein kommen sollen ohne den Samstag (Sonntags war ja schon seit einiger Zeit zu) weiß ich auch nicht, freue mich aber auf neue Berichte aus dem Exbetrieb. Noch zuckt er!

United Airlines zum Erstatten "gezwungen" (Update)

Halbwegs befriedigender Abschluss der Internet-Abzocke der US-Airline "United Airlines" (UA). Ein schaler Nachgeschmack bleibt.

Wenn man bei einer bekannten Fluglinie oder dergleichen irgend etwas online kauft, erwartet man natürlich, eine faire, gutartige (maximal wegen Bug oder Browserproblem disfunktionale) Webseite zu haben, die also versuchen wird, eine Transaktion zur Zufriedenheit des Kunden wie auch des Anbieters zu ermöglichen. Nepper-Schlepper-Alarm hat man dabei nicht im Kopf, man vertraut dem großen Unternehmen. So würde man es auch bei United Airlines, einer großen US-Fluglinie machen, denke ich mir. Hält man ja für ein seriöses Unternehmen.

Groß daher die Verblüffung, als die UA-Webseite parallel zu Taiwandollar auch mit US-Dollar kam, alles auf Chinesisch (in der trad. Variante) und beides durchgemixt. So waren dann (Summen ungefähr) 16.000 "Dollar" plus 1000 "Dollar" am Ende nicht 17.000 "Dollar", sondern etwa 46.000 Taiwandollar, weil die 1000er-Summe US-Dollar war. Unsere Beschwerden beim Support von UA liefen ins Leere, grenzwertig freundlich und zum Schluss ganz und gar ohne Antwort handelte der Support den Fall ab. Kein Zweifel, die wollten die 1000 US-Dollar behalten, die ihre Webseite "abgeledert" hatte.

Letzer Bericht: http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/09/united-airlines-internetabzocke.html

Die Lösung brachte nun die Beschwerde auf einer Konsumenten-Beschwerdeseite des US-Verkehrsministeriums. Ich schilderte den Fall dort, erhielt umgehend eine reale Email (keine automatisch generierte) von einem Sachbearbeiter, der Fall klinge wie ein Rechtsbruch und man sei an der Sache dran und werde eine Stellungnahme von UA dazu als ersten Schritt verlangen. Solche Vorfälle könnten durchaus Sanktionen gegen eine Airline bedeuten, hieß es in einem allerdings standardmäßige wirkenden Satz der Email, der Rechtsfolgen etc. erläuterte.

Etwa eine Woche später reagierte UA und stellte Rückzahlung der 1000 USD in Aussicht, was sie jetzt auch getan haben. Wir haben jedoch durch Kreditkartengebühren einen Verlust von unter 50 USD erlitten und haben ein paar Stunden Arbeit und etwas Nerven investieren müssen.

UA hat sicher höhere Kosten durch den Ablederversuch an unsere Adresse - bei einer großen Zahl von Taiwanern, so liest man immer wieder in taiwanischen Foren, hatten sie allerdings damit Erfolg.

UPDATE: UA fährt mit der Praxis des Währungsmixes auf seiner Webseite fort. Bucht man von Taiwan aus ein Ticket, hat man schnell die trad. chin. Schriftzeichen, Preise in NT (TWD genannt) und am Schluss poppen Zubuchungsvorschläge in "$" hoch. Da $ in Taiwan auch für NT steht, ist das sehr verwirrend und auch Zukünftig werden Taiwaner in die Währungsfalle bei UA tappen.

Freitag, Oktober 25, 2013

Kommt "Ludigels Wohnblock" weg?

Die Schlichtwohnblöcke in NeiHu sind die Heimat meiner Taiwanfamilie, hier sind sie in den 70ern her gezogen und hier ist Heimat, Geborgenheit und Wohlbefinden. Auch schon 2004, als ich hier her gezogen bin und alles noch wesentlich schmuddeliger war als heute. Die SARS-Epidemie, die damals zu Zombiefilm-ähnlichen Szenen geführt hatte (etwa: Krankenschwester, die sich aus dem Fenster aus unter Quarantäne stehendem Krankenhaus abseilt - es hätten nur noch die ins Leere greifenden blutigen Hände im Fenster gefehlt) hat seither Taipei wesentlich sauberer gemacht. Und manche Schmuddelbalkons in der Gegend, die rostige Gitter hatten, hinter denen Unrat übelriechend verrottete, sind mittlerweile in adrette weißliche Holzfensterfronten mit großen Glasscheiben umgewandelt oder haben wenigstens neue saubere Gitter.
Denn die Stadtverwaltung sanktioniert wohl seither Unrat zwischen den Wohnblöcken, in Garageneinfahrten oder auch auf Balkonen.


Ach die Treppenhäuser haben gewonnen, werden gelegentlich nach der Wasserfallmethode mit dem Wasserschlauch gereinigt, anstatt voller toter Käfer zu sein und nach (wohl Hunde-)urin zu stinken wie es noch 2004 der Fall war. Nicht nur ist das Viertel adretter geworden, auch mit zunehmender Nobelkarossendichte, es ist auch kleiner geworden. An der angrenzenden Hauptstraße sind besonders schmuddelige Wohnäuser durch moderne Bürohäuser ersetzt. Gar nicht so billiger*** Wohnraum wird vernichtet, aber ich gebe zu, breite Bürgersteige, Glas und Stahl und die Porsche- und Bentley-Vertretung dort sehen hübscher aus als die slumartigen Bauten, die dort vorher standen, so weit das Auge reichte.

individuell aufgehübschte Fenster gibt es neuerdings

Doch seit einiger Zeit werde ich stutzig. Das erste Foto oben und das unten zeigt die Fassade vom Wohnblock, wo mein Parkplatz ist. Man sieht, dass die Fassade mit ihren taiwantypischen kleinen Fliesen immer wieder geflickt worden ist über die Jahre. Aber mittlerweile scheinen sich die Fliesen überall abzulösen.

Beim vorletzten Taifun sind sogar Steine großflächig herausgefallen - auf mein darunter stehendes Auto und haben das mit (weiteren) Schrammen und weißlichen Lackeinlagerungen noch etwas taiwantypisch verschönert. Das ist schon Monate her, doch am Haus wird nichts repariert! Obwohl sich die Steine wohl bald ganz großflächig abwölben werden, so wie es aussieht. Gut, über den Schaden am Auto will ich mich nicht beschweren, schließlich weht der Taifun in ärmeren Ländern manchen Leuten die ganze Existenz fort oder gar sie selbst. Aber warum repariert diesmal keiner die Fassade? Wenn ich mir nun angucke, wie sehr das Viertel, das damals für Militärveteranen gebaut wurde, bereits zusammengeschrumpft ist und wenn ich mir die Nachbarschaft aus Büros und TV-Sendern angucke, dann denke ich.... ob unser Viertel auch bald dran ist mit Abriss? Für meine Schwiegermutter und ihre mit mir verheiratete Tochter wäre der Verlust von Wohnung und Viertel sicherlich ein Schock. Zumindest die Mutter meines Sohnes fühlt sich nur wohl, wenn sie von heimatlichem Beton umgeben ist. Bei unserem letzten "Deutschlandurlaub" haben wir ja veritabel das grüne Stadtrandviertel meines niedersächischen Elternhauses verlassen, um im betonierten Zentrum meiner Heimatstadt mit Junior spazieren zu gehen. Das nebenbei bemerkt unserem Taiwanwohnviertel recht ähnlich sieht.
Hier in NeiHu sind manche Neubauten riesige Wohnscheiden, zwar auf schick getrimmt mit Vorhof , güldenem Tore und Torwächter - aber eben auch viel Beton. Da ist dem Wohlfühlen in kommenden Jahrzehnten wohl kein Hindernis erwachsen, sollte meine Taiwanfamilie umgesiedelt werden irgendwann. Es sei denn sie bauen ein paar neue TV-Sender statt Wohnraum, eine Maserativertretung oder einen Drive-in Rolls-wieder-Royce - Laden. Ein Nachbar parkt in seiner Einfahrt auch schon mal Mercedes, Ferrari und Maserati und hat sich die Erdgeschosswohnung mit eigenem Parkplatz und Vorhöfchen fast nobelvillenmäßig  aufgezogen inklusive japanischer Zierbüsche - wo vor Jahren noch Unrat war.



In diesem Schlichtwohnviertel sind die Erdgeschosswohnungen manchmal luxuriös zurecht gemacht..

... und ein Nachbar parkt öfter mal Maserati (links), Benz und Ferrari im Wechseltakt in seiner Einfahrt.


*** Quadratmeterpreis soll mittlerweile bei 0.7 bis 1 Million Taiwandollar liegen bei Kauf. Auch für eine kleine Schlichtwohnung ohne Heizung und mit undichten Fenstern und einem Badezimmer a la 1950 werden schnell mal 6 Millionen NT fällig, also umgerechnet etwa 150.000 Euro [korrigiert nach Hinweis in den Kommentaren, hier stand das Doppelte ;-]

Donnerstag, Oktober 24, 2013

Aktuell: Bizarrer Pedophiler sucht Englischlehrerjob in Taiwan

"http://en.wikipedia.org/wiki/Alexis_Reich" in Taiwan auf Jobsuche. 

Wie im Ausländerforum zu lesen ist, ist einem Englischlehrer ein Bewerber um eine Lehrerstelle aufgefallen dessen Identität mit der oben verlinkten identisch zu sein scheint. Mister Reich wird zwar von Wikipedia als Frau dargestellt, weil er zwischenzeitlich als Transsexueller lebte, das Taiwanblog verzichtet hier aber auf solche politisch korrekten Behandlungen, insbesondere da der US-Amerikaner Reich mittlerweile offenbar wieder als Mann und nicht als Frau auftritt. Bereits 2006 hat Mr. Reich in Taiwan einen Job gesucht. Reich hatte vor ein paar Jahren internationale Schlagzeilen gemacht, als er in Thailand (nicht in Taiwan!) wegen entsprechender Straftaten verhaftet worden ist und dann den Mord an einem amerikanischen Kindermodell gestanden hatte - wohl fälschlicherweise, damit er in die USA ausgeliefert wird.
Er, sie, es ist also offenbar gerade in Taiwan und sucht nach einem Job an den zahlreichen "Buxiban" genannten privaten Englischschulen hier, die meist Kinder unterrichten. Aus diesem Grunde bricht das Taiwanblog dies eine Mal mit seiner "keine Namen"-Politik. Auch wenn die Person offenbar einen falschen Namen verwendet gegenwärtig.

Ex-Familienbetrieb vor der Schließung

Es zeichnet sich schon seit geraumer Zeit ab, das Unternehmen, das unter meiner Beteiligung hier von insgesamt vier Parteien gegründet worden war, nahm einen ungünstigen Verlauf. Einen günstigen, solange das alte Management und die vier Parteien involviert waren, einen sehr ungünstigen, seit die Geschäftsführerin des kleinen Betriebes diesen in einer Art hysterischen Daueranfalls (gespielt?) führte und daher die anderen Parteien (und auch meine) aus dem Betrieb ausgeschieden sind. Durchaus mit einem Plus für die drei ausscheidenden Parteien, man kann sich nicht beschweren. Letzte Meldung dazu hier: http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/09/exbetrieb-in-der-verlustzone.html 

Auch diese ganze Geschichte, die hier im Blog einen kleinen Microkosmos einer Betriebsgründung nun bis fast zum Ende darstellt, fällt sicher irgendwo unter die Kategorie "Taiwahnsinn in Theorie und Praxis". Ich meine, daheim kann ich mir kaum vorstellen, dass mir ein Geschäftsführer damit droht, als Geist entstofflicht unter meiner Schlafzimmerdecke zu schweben und mir die Nachtruhe zu rauben. Wo man in Deutschland den sozialpsychatrischen Dienst ruft, muss man hier gewichtig mit dem Kopfe nicken und das Lokalkolorit genießen. Was ja auch in Ordnung ist, Taipei ist nicht Toffelstadt in Teutschland. Oder was auch immer. Und psychisch interessante Fälle scheint es hier im dicht besiedelten grauen Barackenumfeld mit seinen Sechs- und Sieben-Tagewochen und 10 bis 14 - Stundenarbeitstagen hinreichend zu geben, wer hätte das gedacht.

Hier spukt der Geschäftsführer nicht selbst, das Bild ist nämlich ein vom Betreiber des Roadiescafes  angefertigtes Modell
EDIT: Danke für den Hinweis, das Roadies ist natürlich NICHT identisch mit dem Familienbetrieb. Sam, der Gastwirt und Besitzer, hat nur diesen hübschen Friedhof gemacht. Das Roadies ist mein Lieblingslokal und hat sonst nix mit mir zu tun


Zum Schluss unter alter Führung hatte der kleine Betrieb monatlich eine Investorenausschüttung von umger. 475 Euro abgeworfen (nicht viel für 4 Parteien, war aber auch ein entsprechend kleiner Laden), das Gehalt der Geschäftsführerin von 500 Euro abgeworfen und zweieinhalb Angestellten das Gehalt bezahlt. Einer davon mit Teillehre bekam mehr als die Geschäftsführerin. Nach den Motto, wer weiß worum es hier geht, kriegt das Meiste ;-)

Vor einiger Zeit nach dem Ausscheiden der anderen drei Parteien hatte die Geschäftsführerin dann noch ihr eigenes Gehalt in Höhe von nur noch 425 Euro erwirtschaftet und das Gehalt der Angestellten - 550 Euro Reingewinn waren also verschwunden unter ihrer Alleinregie. Mittlerweile hat das Unternehmen nur noch 75 Euro umgerechnet an GF-Gehalt eingespielt (die anderen Kosten und Gehälter sind nach wie vor gedeckt) und die Geschäftsführerin verhandelt mittlerweile über die Kündigungsmodalitäten mit den Angestellten zwecks Betriebssschließung. Gründe sind sicherlich unregelmäßige Öffnungszeiten, Schließung an einem Hauptumsatztag (Sonntag!) und allerlei mehr. Wäre alles einfach zu korrigieren, aber das ist nun nicht mehr meine Sache. Over and out, Lokalkolorit habe ich ja auch schon daheim, da brauche ich es nicht auch noch im Berufsleben in dieser Form.

Unterhaltsam war der kleine Ausflug in das Geschäftsleben aber allemal.

Mittwoch, Oktober 23, 2013

Uhrenfotografie

Seit meiner Mitgliedschaft in einem Uhrenforum überlege ich immer, wie ich in dem dortigen Thread "Welche Uhr tragt ihr heute" meine jeweilige etwas mit Lokalkolorit ablichten kann. So hätte ich denn eben augenzwinkernd dieses Bild dort gezeigt...


Die Uhr ist eine recht günstige ORIENT Deep Blue, die es für oft unter 100 Euro in Deutschland zu kaufen gibt. In Taiwan oder gar in Japan (woran dieses Bild irgendwie erinnert) gibt es dieses Modell aber gar nicht zu kaufen, denn für Asien hat ORIENT meist teurere und filigranere Modelle als solche dicken Diver.

Bei dem streng guckenden Herrn, der an einen Samurai erinnert, handelt es sich um einen Schraubenzieherhalter, den ein Kollege nach dem Weggang aus der Firma hier im Büro hinterlassen hat, offenbar ist es ein chinesischer Krieger. Man kann ihm zwei Schraubenzieher in die Hand geben - nett. Der Hintergrund ist eine Straße ganz in der Nähe meiner Behausung, die ich hier etwas hübsch fotografiert habe. Nachts sehen die Schlichthäuser mit Käfigfenstern sowieso netter aus und der blühende Baum dazu, dann noch den Himmel stärker gerötet (in Wirklichkeit war er schwarz, zeigte aber bei der Belichtung eine Tendenz zum Dunkelrot) - fertig ist der schicke Hinergrund. Das Ergebnis erinnert vielleicht an ein Uhrenwerbefoto, wenn der Fotograf unter Drogen steht.

Nun kann ich nach all der mittagspäuslichen Mühe das Bild im Uhrenforum aber nicht veröffentlichen. Die haben nämlich ein technisches Problem, dass man keinen einzigen Thread aufmachen kann. Es gibt allerdings über dieses technische Problem einen eigenen Thread. Nur den kann man eben auch nicht aufmachen ;-) Etwa so, als ob im Safe ein Zettel mit der Kombination liegt.

Sonst kriege ich im Uhrenforum dieser Tage immer den Rappel, wenn ich die Rolexi, Omegani und Breitlinge dort sehe (oder wie immer der Plural dort lautet), weil in meiner Barschaft eine Summe fehlt, die zur Anschaffung von zwei Omegas UND einer Tudor oder so gereicht hätte. Dazu nur die Stichworte: Gattin - sauer - sie auf der Bankwebseite unter dem Börsenreiter etwas sinnfrei herumgeklickt - und schwupps ist der Vermögensschaden da. Habe 100-Euro Uhren am Handgelenk und den Gegenwert für zwei bis drei Nobelklunker der Bank geschenkt. Auch nett. Taiwahnsinn eben. Daher gucke ich die Tage oft wie der Kerl auf dem Foto aus der Wäsche.

Letzter uhrologischer Beitrag: http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/10/heiter-bis-uhrig.html

Montag, Oktober 21, 2013

Wunderlich...

Ich gebe zu, dass sich meine Lust zum Bloggen in Grenzen hält. Vielerlei Gründe gibt es bei mir, den bisherigen Lebensweg zu überdenken, der nun, wenn ich nicht gegensteure, auf ein Ausklingen des Lebens in einem Taiwanschlichtwohnviertel hinaus zu laufen scheint. Dieser Tage suchte meine Gattin dann Rat bei einem Wahrsager. Der teure Herr gab zum Besten, unser Junior würde drei Söhne und eine Tochter haben, eine ausländische Architektin, Anwältin oder Krankenschwester heiraten und noch allerlei Zeugs mehr. "Geht auch eine Architektin, die manchmal ein Krankenschwesternkostüm anzieht?", wäre da meine spontane Frage, aber ich war nicht mit bei diesem gewichtigen Termin. Ach so ja, Gattin wird nur 64 oder dergleichen, hat er gesagt. Und auch noch was zu Ehe und zu einer etwaigen Neugründung des "Familienbetriebes", von dessen erster Instanz (mittlerweile wieder verkauft) hier ja öfter mal die Rede war. Das mit der Lebenserwartung machen sie mit Handlesen, die durchgezogenen Halbringe unter dem Handgelenk zählen je nach Handleseschule für etwa 20 oder 30 Jahre***. Kommt nicht so genau drauf an.
"Mit Wasser" müsse der Familienbetrieb zu tun haben, um Erfolg zu haben, sagte der mit übersinnlichen Kräften versehene Herr. Also müsse der Ort, in dem der Betrieb liegen würde, entweder an einem Gewässer liegen (ist nicht immer irgendwo eins?) oder man könne etwa einen Saftladen aufmachen. Na ja gut, denke ich mir da, ein Saftladen war unser erster Geschäftsversuch ja möglicherweise, auch wenn wir ihn mit Profit wieder losgeworden sind. Vielleicht reicht aber auch eine Klospülung mit Wasser, ich bin mir da nicht sicher. Todernst nimmt meine Taiwanfamilie hier solche Prognosen und richtet ihre Zukunfsplanung daran aus, was dann zu dem kuriosen Phänomen führt, dass fremde Leute mit tunichtguten Berufen sehr viel mehr Einfluss auf wichtigste Entscheidungen haben als ich selbst beispielsweise.

Kurios auch der Blick zur Uhr auf der Restauranttoilette (hier noch einmal nachgestellt), es fährt einem der Schreck in die Glieder. Nicht weil die Uhr hässlich ist mit ihrer bunten Lünette (das soll der Taiwandepression entgegenwirken, ich bin da besser als andere Expats die Prozac oder Alk nehmen dafür), sondern wegen dem Salamanderdings an der Fensterscheibe.

Noch eigenartiger der Blick nach Vorn beim samstäglichen Holen vom zuckrigen Toast auf indonesische Art zum Frühstsück. Okay, da ist jetzt ein neues Parkverbotsschild. Aber warum empfinde ich dieses jetzt als ungewöhnlich?


Moped, Parktverbotsschild, die Schriftzeichen irgendeiner Firma gleich neben dem BENQ-Hauptsitz hier in Taipei-NeiHu in Taiwan. Nichts besonderes, oder? Mir fiel es nicht sofort auf.

Aha! Schließlich fiel der Groschen. Ein "deutsches" Verkehrsschild mitten in Taipei (oder geographisch gesehen am Rande)! Bin ich also meinem Tagtraum näher gekommen, deutsche Polizei würde hier mal den ganzen Falschparkern (in der Kurve, auf dem Zebrastreifen etc.) zu Leibe rücken? Immerhin fangen die Taiwaner plötzlich an, bei uns im Viertel neue breite Bürgersteige einzuziehen...

... da wo vorher nur ein 50cm-breiter war ist plötzlich ein richtig schöner Bürgersteig. Hier schon fertig gestellt am Park, aber auch der Rest der Straße, wo man sonst wie rechts im Bild zu erahnen ist, oft wegen Mopeds, Laternenpfählen und geschäftlicher Nutzung des schmalen Streifens auf die Fahrbahn ausweichen musste, wird einen solchen erhalten. Und sogar mit Parkverbot, jedenfalls hier. Verbeiterung des Fußweges auf Kosten von Parkraum - und das in Taipei! Also werden die Taiwaner deutschmenschig?

Weit gefehlt, das kuriose Verkehrsschild diente Filmaufnahmen, die gerade wieder mal an der recht repräsentativen Ecke nahe des TV-Studios in NeiHu stattfanden. Ob die deswegen auch den Bürgersteig verbreitern, keine 50m von den Filmstudios entfernt? Dann können die jungen Frauen im weißen Brautkleid,  die in den Soaps immer vor ihren Gatten davonlaufen viel besser heulend durch die Gegend schweben - und kostengünstiger wäre es wegen des nahen Drehorts.

*** FUCK. Habe es gerade mal bei mir selbst an der linken Hand überprüft (die soll man nehmen). Ich habe nur zwei "Jahresringe". Bin also evtl. schon längst verstorben. Auf Magie ist also Verlass, keine Frage.



Edit: Die Bürgersteiganlage ist sicher im Rahmen der allgemeinen Reonnovierung von Taipei zu sehen, die mir schon seit geraumer Zeit auffällt. Großes halbes Lob hier an der Stelle. Alternative Erklärungen für den Bürgersteig bitte in die Kommentare. Mir fiele noch ein:

1. Der deutsche Gastronom Michael Wendel, der seine NeiHu-Zweigstelle in der Nähe hat, hat seinen Einfluss über Gebühr ausgedehnt.

2. Die Benq-Leute hatten deutschen Geschäftsbesuch und haben es mit der Gastfrendlichkeit übertrieben.

3. Merkel und Ma ("Taiwans" Präsident) haben bei diesem Fast-Gespräch (http://www.scmp.com/news/china/article/1196646/ma-ying-jeous-vatican-trip-which-beijing-barely-protested-success, Ma ist der Herr mit Sonnenbrille) etwas ausbaldowert.

4. Wo kriege ich weiße und grüne (OK, mittlerweile blaue und silberne) Farbe zum Umlackieren meines Nissans und eine deutsche Polizeiuniform zum abkassieren her? Und ne Wumme brauche ich dann auch.

Donnerstag, Oktober 17, 2013

Steinmeier ein Plagiator?

Spiegel-Online stellt Frank-Walter Steinmeier praktisch als Plagiator hin (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/doktortitel-plagiatsjaeger-von-vroniplag-erhoehen-druck-auf-steinmeier-a-928287.html). Ich habe mir mal die Arbeit gemacht, dem Vorwurf exemplarisch nachzugehen.

Der SPIEGEL-ONLINE - Artikel listet die S.185 als schlimmes Beispiel für das angebliche Plagiat Steinmeiers auf, bei dem er nur als "Bauernopfer" den Originaltext zitiert habe, sonst aber wörtlich übernommen habe. Doch was steht wirklich auf S.185 seiner Arbeit?

Sehen Sie selbst nach: http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Fws/185

Auf den ersten Blick scheint alles fast komplett übernommen zu sein, wörtlich! Also eine superdreise Kopie eines Originaltexts? Ich sage nein! Denn gucken wir mal genau hin. Was macht Herr Dr. Steinmeier denn da auf der Seite? Lesen Sie bitte mal genau. Er zitiert die ganze Zeit aus einem Werk, wörtlich, und gibt die Quelle auch immer wieder (als Fußnote, die unten aufgeschlüsselt wird) an. Als Leser habe ich auf der gesamten Seiten also richtig den Eindruck, hier immer wieder fremdes geistiges Eigentum der genannten Quelle serviert zu bekommen, das Frank-Walter Steinmeier offenkundig später als Grundlage für eigene Gedanken verwenden will. Er macht immer wieder klar, dass er sich hier auf den "Preuß" bezieht. Allerdings zitiert Steinmeier nicht ganz akademisch sauber. Es gibt nämlich keine Anführungszeichen, die bei wörtlichen Zitaten da sein müssten. Entweder man erzählt in eigenen Worten nach unter Quellenangabe oder man bringt ein in Anführungszeichen mit Quellenangabe versehenes Zitat bei solcher Übernahme fremder Gedanken.

Steinmeier macht nun eine ungeschickte Sache, er zitiert fast immer wörtlich, weist auch korrekt immer wieder nach jedem Absatz auf den Urheber hin, hat aber nicht die Anführungszeichen. Als Leser wäre ich als dahingehend getäuscht, dass ich denke, hier öfter mal die Umschreibung Steinmeiers von Preuß zu lesen. Stattdessen bekomme ich Preuß im O-Ton. Aber immer wieder ausgewiesen.

Meiner Ansicht nach ist diese angeblich so schlimme Seite einfach ein unsauberer Zitierstil, möglicherweise durch das Diktat entstanden, durch das die Arbeit (von einer Schreibkraft?) getippt worden ist. Als Leser wird man nicht betrogen, man wird fast mit der Nase drauf gestoßen, dass hier wohl Anführungszeichen fehlen vom ganzen Stil her.

Hätte er so getan als habe er sich das alles selbst "ausgedacht", dann wäre es Betrug. Tut er aber nicht. Daher ist diese angeblich so schlimme Seite nur ein unsauberer Zitierstil. Mehr nicht.

Aber die muntere Hexenjagd wird sicher weitergehen. Anmerkung: Ich habe mir nur S.185 angesehen, den Rest nicht. Aber wenn das schon die schlimmste Seite sein soll.... Alles eine Kampagne von Leuten, bei denen das Jagdfieber ausgebrochen ist. Und Hexenjagden verkaufen sich immer gut.


AKADEMISCH GESEHEN: Man nennt unsauberen Zitierstil durchaus "Plagiat", aber es gibt es solche und solche. Akademischer Betrug ist es nicht. Weil der Urheber ja immer wieder kenntlich ist. Meist wird sowas im Vorfeld vom Betreuer der Arbeit beanstanden oder fällt heute bei der elektronischen Kontrolle auf vergessene Quellen auf, schon vor der finalen Abgabe. Wird es hinterher festgestellt, kann es zu Notenabzug oder wenn en masse, so gar zum Durchfallen führen. Ob Steinmeier en masse unsauber zitiert hat, will es nicht prüfen aus Zeitgründen, es scheint aber nicht so. Es ist aber kein akademischer Betrug, wie der eines gewissen Adeligen, den wir kürzlich in der Diskussion hatten mit seiner Doktorarbeit. Der laufend fremde Kapitel und Seiten als die eigenen ausgegeben hat.
Meiner Ansicht nach nichts, was eine Karriere beenden sollte. "Bisweilen stümpferhaft zitiert, aber ehrlich", so würde ich meinen Eindruck zusammenfassen. Jedenfalls nach Ansicht dieser Seite 185, die ja wohl ein Extrembeispiel sein soll. 

Dienstag, Oktober 15, 2013

Willkommen in Baozen

Bauzen ist hier nicht gemeint, die Imbissbude unten im Bild verkauft Baozi (schreibt man glaube ich so), gesprochen "Bauze" oder eher "Bauzhe", einen taiwanischen Fastfood, der aber natürlich kein Fastfood ist. Denn Fastfood ist immer westlich. Trotzdem ist Bauzi die Rennpappe des ach so gesunden taiwanischen Essens, in einer Art Hefeteigkugel ist fettiges fein durchgedrehtes Mett, das oft sehr pappig schmeckt. Manchmal schmeckt es mir leidlich gut, auch wenn ich diese Fettfleischdosis üblicherweise vermeide, weil treibender Teig und fettiges tierisches Protein sicher keine sehr gesunde Ernährung sind. Wie gut oder schlecht die Baozi an der Bude unten sind kann ich nicht beurteilen, da ich sie nie gegessen habe. Die Überfahrversuche an Gattin seitens eines Freundes der Betreiberfamilie und eines Kunden bzgl. mir bei Streits um den "Familienparkplatz" gegenüber spielen da sicher nur eine untergeordnete Rolle (Augenzwinker).


Immer mal wieder kommt ein Kameramann vorbei, so drei- viermal im Jahr, dann machen sie einen Fernsehbeitrag und am Sendungstag oder Folgetag ist dann eine große Schlange bei uns in der Straße, so wie hier im Bild. Dann blockieren x PKW die Parkbuchten rechts und vor Leuten und Autos kann man den "Familienparkplatz" kaum noch benutzen. Bislang hatte der Ruhm, jetzt ein fernsehberühmter Imbiss zu sein, immer mehrere Wochen angehalten, sehr zu meinem Parkverdruss. Diesmal jedoch war ich verblüfft. Schon am nächsten Tag standen nur noch 2 Leute "Schlange". Im Gegensatz zu vorher hatte sich der Fernsehruhm sogleich wieder erledigt. Was dem Verkehr in der Straße sehr zu passe kommt. Sicher sind die Baozi so gut, dass die Leute von dem leckeren Biss in Gedanken noch länger zehren wollen und deshalb nicht gleich wieder kommen. Man kann bestimmte orgiastische Genüsse eben nicht täglich ertragen. Wer wolle schon täglich ein Festmal essen, denke ich mir.

Sagen Sie nicht, es lag am Regen ;-)

Dienstag, Oktober 08, 2013

Taiwans Politskandal

Relativ unbeachtet von der Expatgemeinde: Präsident Mas instinktloser Feldzug gegen den Parlamentssprecher seiner eigenen Partei

Taiwan, eigentlich "Republik China" heißend, ist eine parlamentarische Demokratie und ihr momentaner Präsident ist Ma Ying-Jeou, dabei ist Ma der Familienname und heißt übersetzt "Pferd". Gesprochen wird er etwa "Ma-ah", auch Ma3 geschrieben. Pedanten merken jetzt unten an, dass man das eher "Ma-ah-ah" oder wie auch immer spricht, dem Jodeln in den Kommentaren sind hier keine Grenzen gesetzt. Ma ist von der KMT (Kuamintag), eine Partei, die einst diktatorisch über Taiwan herrschte, seit 1992/96 jedoch demokratisch legitimiert herrscht (mit einer Unterbrechung 2000-2008).

Mas Regierung hat nun einen beispiellosen Feldzug gegen den Parlamentssprecher (das Parlament heißt "Legislativer Yuan") der eigenen Regierungspartei losgetreten mit dem Ziel diesen von seinem Posten zu entheben. Allerdings ist Ma bislang mit allen diesbezüglichen Anträgen durchgefallen. Der Parlamentssprecher namens Wang soll einen Staatsanwalt ersucht haben, kein Berufungsverfahren gegen einen Politiker der oppositionellen DPP (Democratic Progress Party, eine antichinesische Partei, die von 2000-2008 den Präsidenten stellte) einzuleiten, sondern den Freispruch zu akzeptieren - wobei mir immer noch unklar ist, wobei es in diesem Verfahren ging. Hatte Wang da ein harmonisches Klima zwischen DPP und KMT im Sinn?

Präsident Ma jedenfalls ist eher als sehr pro-VR-China eingestellter Hardliner bekannt und geht daher instinktlos auf den eigenen Parlamentssprecher los, als gelte es einen Kampf um Leben und Tod zu führen. Wieder mal fällt Ma da durch fast schon autistisch wirkende Instinktlosigkeit im Umgang mit Volkes Meinung auf - seine gegenwärtige Zustimmungsrate soll nur noch 9% betragen. Schon beim Taifun Marakot vor ein paar Jahren fiel Ma dadurch auf, dass er sich auf Cocktailparties herumtrieb, während das Unwetter ein ganzes Städtchen von der Landkarte tilgte - und sich das Militär den Einsatzbefehl schließlich selbst gab. Auch während der bisherigen Verhandlungen mit der VR-China um 2010 herum bewahrte er merkwürdiges Stillschweigen, so dass viele schon einen Staatsstreich zum Zwangsanschluss Taiwans an die VR-China befürchteten. Ma macht alles hinter verschlossenen Türen und ignoriert das Volk weitestgehend. Ein bisschen wirkt er da wie ein Politiker aus Peking. Und er wäre ja wohl auch gerne einer, hat man den Eindruck. Seine Töchter sollen in HongKong und Peking leben.

Notiz: Bei dem Feldzug gegen Wang wurde sogar der Telefonanschluss des Parlaments offenbar illegal abgehört: http://asienspiegel.ch/2013/10/taiwans-lauschangriff/

Mehr in der Sache: http://michaelturton.blogspot.com/2013/09/mawangmess-wiretapping-scandal-expands.html

UPDATE: Ma versucht Wang die KMT-Mitgliedschaft zu entziehen, was allerdings gescheitert ist.

Bloggen: Feed repariert

Der Feed dieses Blogs war noch unter der alten URL, danke für den Hinweis an Dunkelangst, dass das etwas nicht stimmte. Habe die URL angepasst, bitte Feedback, wer Probleme hat. Der falsche Feed war wohl auch der Grund für den mangelnden Post-Update bei manchen, die dieses Blog mit Vorschau verlinkt hatten.

UPDATE: Möglicherweise funktioniert es immer noch nicht. Allerdings wird mir der Feed http://feeds.feedburner.com/blogspot/ludigel jetzt korrekt angezeigt mit den neusten Blogbeiträgen, während er mir vorher immer noch den letzten Stand von vor der URL-Umstellung angezeigt hat. Eine Umstellung, die ich langsam bereue, schließlich ist der "Familienbetrieb", der Anlass für meine Flucht ins Privatere war, mittlerweile längst wieder veräußert ;-)

Politik: Nichtjournalismus par Exelence

Man lese sich nur mal den ersten Satz dieses SPIEGEL-Online Artikels durch. Sofort bekommt man eine nicht von Fakten untermauerte Wertung hingeknallt in alberner Schwarz-Weiß-Malerei: http://www.spiegel.de/spiegel/damaskus-bericht-aus-einer-belagerten-stadt-a-926471.html
Der syrische Diktator wird sofort zum "Feind Europas und Amerikas" deklariert. Was dann wohl die pro-Al-Qaida und sonstigen islamistischen Rebellengruppen sein werden, wenn die mal "drankommen"? "Unsere Freunde", legt der Artikel im Umkehrschluss nahe. Selten machen sie es so offensichtlich, die Systemjournalisten, die die vorgegebene Meinung publizieren. Ein sicherer Weg, um die Erwartungen des Lesers zu erfüllen. Und eckt nicht an bei Vorgesetzten und letztlich den Politikern, die Einfluss auf die Presse nehmen. Wenn im Zuge des Medienwandels die alten Medien verschwinden, so schlimm wie oft dargestellt ist das nicht. Die Meldungen der Systempresse kann man sich ja zur Not auch selber schreiben.

ASSAD PÖSE. GIFTGAS.

Da haben wir eigentlich schon die meisten Artikel subsummiert. Wobei ich hier weder den Diktator Assad verteidigen will noch unser "System" und seine Presse als schlecht per se darstellen will. Man muss nur eben um den Gleichschaltungscharakter der Presseorgane und ihre Propagandafunktion wissen.

Und in Zeiten perfekter US-Medienkontrolle, inklusive Social Networks, muss man sich schon fragen, ob man noch Blogartikel schreiben sollte, die die Systemmeinungen hinterfragen. Sonst landet man noch in den falschen Dateien, automatisch von Analyseprogrammen einsortiert, als Terrorsympathisant oder dergleichen. Hier ist höchstens das Al Ludigela Blog, mehr nicht ;-)

Montag, Oktober 07, 2013

Großalarm bei Schiegermutter (Polizei, Feuerwehr etc.)

Dramatische Stunden bei den Ludigels zu Hause. Ein Ausländer (Ludigel) schreit nach Leibeskräften aus dem Fenster des Wohnblocks in Taipei, Polizei und Feuerwehr rücken an. Neugierige Nachbarn belagern Treppenhaus und hängen an den Fenstern. 
Was war passiert?

Schuld an allem war nur Mickey Mouse. Dessen von einer US-Erziehungsbehörde mitentwickelte Sendung "...Clubhouse" bringt kleinen Kindern einfache Dinge bei. Und Wörter. So hatte Junior, der bei Schwiegermutter mit der selbigen allein in der Wohnung war, das Wort "key" gelernt. "Schlüssel" zu Deutsch. Immer, wenn er einen Schlüssel sieht, zeigt er stolz drauf und sagt bedeutungsschwer "key!". Und macht in der Luft auch schon mal Schließbewegungen an der Haustür, mit seinen zwei Jahren. In der Clobhouse-Zeichentrickreihe, die es auch auf Deutsch gibt, wird schon mal Prinzessin Daisy vor dem Kater Carlo gerettet, der im US-Orignal Pete heißt. "Pete" (Piet) kann Junior auch schon sagen. Und da braucht man einen goldenen Schlüssel. Schlüssel interessieren Junior sehr.


Kurzzum, Schwiegermutter war kurz im Treppenhaus, hatte die Wohnungstür offen stehen gelassen und Junior dachte sich, es sei nun an der Zeit, sein theoretisches Wissen einmal in der Praxis auszuprobieren. Da seine Oma (ergo meine Schwiegermutter) den Wohnungsschlüssel von innen hatte stecken lassen, war es ihm ein leichtes. Schnell machte er die Tür zu und drehte den Schlüssel rum. Die teils gläserne und vergitterte Wohnungstür war abgeschlossen, Oma draußen und er drinnen. Als Oma rein wollte, war er unheimlich stolz auf seine Tat und hüpfte vergnügt auf und ab und jubelte, klatschte sich sogar selbst Applaus. Schwiegermutter kam dann rübergerannt in meine Wohnung, wo ich auf dem Bette einen Kater-Karlo-mäßigen "Cat nap", einen Kurzen Mittagsschlaf hielt. Auch die Mutter meines Sohnes war am Dösen, es hatte sie auf dem Sofa bei der Sendung "The Voice of China" (etwa: Die VR-China sucht den Superstar) dahingerafft, die unser prochinesischer Präsdient dem taiwanischen Fernsehen verordnet hat, damit wir uns alle als gute Chinesen fühlen (der taiwanische Präsident will lieber Chinese als Taiwaner sein, seine Töchter leben da schon). Sturmklingeln von Schwiegermutter riss uns aus dem Schlaf und wir hasteten in (oder eben vor die) die nur 50 Meter entfernte Wohnung von Schwiegermutter (die ja wochentags auf Junior aufpasst und wo er daher praktischerweise gleich wohnt). Wir standen da dann alle vor verschlossener Türe. Junior heulte mittlerweile hinter der Glastür, versuchte sie wieder aufzuschließen, schaffte es nicht, haute wütend auf das Schlüsselbund und trat manchmal gegen die Wohnungstür. Wir waren draußen, er drin. Fenster unerreichbar und taiwantypisch vergittert. Was tun?

Man ruft den Schlüsseldienst, dieser nahm einen Schraubenzieher (von mir mitgebracht!) und stocherte ziellos im Schlüsselloch herum, um den Schlüssel nach innen aus dem Schlüsselloch zu schieben. hatten wir auch schon versucht, geht aber natürlich nicht. Er ist ja herumgedreht im Schloss. Wir schickten den planlosen Fachmann nach Hause und riefen die Feuerwehr. "Wir" ist immer die Mutter meines Sohnes. Wer redet schon mit dem Ausländer, es claro. Gut, Sprachbarriere braucht man da wirklich nicht noch. Problem war wohl auch, dass Schwiegermutters Türe nur ein kleines Loch für den Schlüssel lässt und man den Schließzylinder deshalb nicht fassen kann ohne Schweißarbeiten.
Schließlich trudelten vier Mann von der Feuerwehr ein, sehr schnell nach 10 Minuten schon, voll behelmt etc und machten sich dran, die Glasscheibe einzuschlagen und sich dann mit dem Bolzenschneider durch das Metallgitter zu arbeiten, so dass man schließlich die Tür einfach durch Reingreifen aufschließen konnte. Das dauerte aber lange, weil Junior direkt vor der Tür stand und nicht durch Glassplitter verletzt werden sollte. Deswegen meine Schreierei aus dem Treppenhausfenster, um Junior zum Wohnzimmerfenster zu locken. Was aber sinnlos war. Aber sicher heute in NeiHu Gesprächsthema im Viertel ist.

Alles ist wieder gut, sogar die Polizei war noch da. Junior fuhr ich hinterher in die Notaufnahme, er hatte wohl barfuß ins Glas getreten und eine "Verletzung" am Fuß, die ich als stecknadelkopfgroße leichte Rötung beschreiben würde. Will sagen, es sind schon Klosterschülerinnen nach einem Teekränzchen mit ernsthafteren Verletzungen (etwa von rauem Teegebäck) nach Hause gegangen als Junior hatte. Aber gut, adrenalinbedingt war der Schutzinstinkt für Junior bei meiner Frau erwacht und so ging es mit einer Andeutung eines roten Punktes in die Notaufnahme.

Abends lief wieder Mickey Mouse, wieder kam der "Key" in der Folge vor und Junior wiederholte bedeutungsschwer "key!". Und jetzt suchen wir nach einer motorischen Strickleiter mit Fernbedienung, denn die Wohnungstür hat auch noch einen fest eingebauten Drehknopf, an dem Junior auch immer interessiert herumfummelt.


Donnerstag, Oktober 03, 2013

Taipei-NeiHu verändert sich...rasend schnell.

Erst neulich fiel mir auf, dass sie bei uns in einer mäßig engen Straße das Parken mit einer roten Bordsteinlinie verboten haben, die Fahrbahn verschmälert haben und dafür den Bürgersteig verbreitert haben! Von eingen 80cm oder so auf 2 Meter oder dergleichen. Wahnsinn, das ist fast schon deutsches Denken. Allerdings nur an einer Stelle, an der man sowieso bequem durch den Park gehen konnte, aber sei's drum. Auch sonst verändert sich Taipei mehr und mehr, viele Schlichtwohnblöcke (wie der in dem ich noch wohne) sind in der Gegend schon weggerissen und neue Betonwohnscheiden (mit Bürgersteig davor und schmiedeeisernem Tor und Security nebst Grünanlage) verpassen der Gegend einen Hauch mehr Klasse. Grün und Bürgersteig wirkt auf mich jedenfalls positiv.


So ist ganz in der Nähe von meinem immer noch etwas slummig wirkenden Wohnviertel ein ganz neues Viertel mit vielen Büros und ein paar angrenzenden Wohnscheiden geworden. Hier parke ich beim samstäglichen Frühstückholen bei einem Singapur-Frühstücksrestaurant. Da gibt es braunen Toast mit Kunsthonig, was nach Meinung meiner Taiwanfamilie eine besondere Delikatesse ist. Dazu noch ein hartgekochtes Ei ohne Salz und einen fast geschmacklosen kleinen Wackelpudding, einen kalten süßen Milchkaffee dazu für 110 NT, also knapp 3 Euro. Na ja gut.

Richtig schön ist es hier auch nicht, aber besser als enge bürgersteiglose Gassen und graue Schmuddelgemäuer mit Übelriechendem aus der Gosse.

Dieses Betonnesien dient auch immer wieder als Filmkulisse. In NeiHu sind mehrere Fernsehstudios die lokale Taiwan-Seifenopern drehen. Und da fahren sie gerne in diesen modernen Betonlandschaften rum. Neulich hatte ich ein blitzblankes blaues Kompaktauto (Mazda 3 oder so) vor mir, der hatte ein weißes Fantasienummernschild mit CDN (Kanada?) und einer fliegenden Möve dran gemalt, kein offizielles taiwanisches Schild. Und mal nervte er mich durch langsames vor-mir-her tuckern und dann wieder durch Affenzahn-Beschleunigung und dann starkes Abbremesen, meinem Hupen zum Trotz. Erst dann fiel mir der Kamerawagen auf, der vor dem Ding her fuhr. Ob der meist am Heck klebende Nissan von Ludigel das Shooting versaut hat?

Das hier ist übrigens kein Leichenwagen, sondern eine taiwanische Automarke namens LUXGEN, nicht zu verwechseln mit Lexus. Basiert auf dem Renault Espace. Hier die CEO-Ausführung, die an den den gegenläufig schließenden Türen erkennbar ist. Da ist hinten auf der "Lieferfläche" ein einziger Luxussitz mit Leder und Holz für den "CEO" mit Bildschirmen und Computerzeug um ihn herum. Ein Mr.-Wichtig-Mobil also.

Und hier steht ein Filmmann am Straßenrand in der Mitte, der manchmal den Filmautos Zeichen gibt. Neben ihm mit gelber Weste ein vor sich hin träumender Polizist, der einfach nichts tut. Ist ja auch was. Sollen die Filmautos doch ruhig im normalen Verkehr plötzlich abbremsen, kommt nicht so genau drauf an, hauptsache der Sherrif steht da irgendwo rum. Oder es ist wieder nur eine private "Security".


Fährt man noch ein Stückchen weiter, kommt dann wieder das dicht bebaute alte Viertel, wo ich logiere. Man sieht es links. Es fällt auch auf, wie kreuz und quer die Bauten da stehen, ohne richtige Stadplanung früher einfach irgendwo hin gesetzt.

Da sieht es dann etwas grau und verschmuddelt aus, wie es aber viele hier gemütlich finden. Hier immerhin eine Hauptstraße in der Nähe mit Bürgersteigen.


Was ist schöner, alt oder neu? Hier liegt es direkt nebeneinander...


Sagen wir mal so, in 20 Jahren steht nur noch das neue rum und die Fassaden sehen dann wohl wieder so aus wie der graue angelaufene Beton im Vordergrund, dem Reizklima sei dank ;-)


EDIT: Ich bitte die 2-4 in Taiwan lebenden türkischen Bürger um Verzeihung. Das Auto im Artikel hat "gegenläufig schließende Türen", keine "...Türken". Ein reiner Schreibfehler.