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Montag, Mai 25, 2015

Die 51-Millionen-Dollar-Frau

Ein Restaurant in der Nachbarschaft hat plötzlich zu. Vermisst wird die Inhaberin. Jedenfalls wenn man dem Nachbarschaftstratsch glauben will

Negativ fiel mir auf, dass das kleine vietnamesische Restaurant etwa 150 Meter von Ludigels Wohnung entfernt plötzlich dauerhaft geschlossen hat. Sonst hatte ich da immer ein von der französischen Besatzungsmacht (deren in Vietnam, nicht unsere hier) inspiriertes Baguette mit etwas Mett und viel Grünem genossen, dazu im Sommer einen kalten süßen desertartigen Milchkaffee, wie er wohl eine vietnamesische Spezialität darstellt***. Frau hatte rotes Kotelett mit Reis und Gemüse und im Lokal selbst hatten wir öfter mal eine große Schüssel heiße Nudelsuppe mit etwas Fleisch dran gekocht. Alles sehr lecker für nun 250 NT für zwei, also 6 Euro und ein paar zerquetschte. Betrieben wurde das Lokal von einem netten Taiwaner in den 30ern oder frühen 40ern und seiner sehr attraktiven Frau, die offensichtlich Vietnamesin war. Im Vergleich zu den Taiwanerinnen finde ich die Gesichtszüge immer recht europäisch anmutend bei den Vietnamesinnen, was nur eine wertfreie Beobachtung ist. Jedenfalls hätte es die Betreiberin des Lokals hier einmal fast zu einem Blogeintrag gebracht, hatte sie doch bei mir das ausgelöst, was ich in Taiwans Garküchen den Schürzenschock nenne.



Frau, Junior und mir brachte sie die Schüssel dampfende Nudelsuppe, das Haar unter einem grauen Kopftuch verborgen (weil aus der Küche kommend), auch sonst schlicht angezogen inklusive grauer langer Schürze. Dreht sich am Tisch um und man guckt unwillkürlich auf die Rückseite, die überhaupt nicht von der Schürze bedeckt ist und den Blick frei gibt auf einen schwarzen völlig durchsichtigen Ultramini. Dessen Stickereien konnten den Blick auf die schwarze Unterwäsche (die man nur mit viel Wohlwollen Hotpans hätte nennen können) nur unvollkommen behindern. Ein plötzlich auftretender optischer Angriff, der nicht ganz unriskant ist, so mit heißer Suppe in der Hand. Schnell sah ich zum laufenden Fernseher auf der Suche nach optischer Ablenkung. Hier waren gerade bärtige junge Männer in Arbeitshosen dabei mit Vorschlaghämmern auf historische Statuen des arabischen Raumes einzuschlagen. Die schlichte maskuline Ruhe dieses einfachen Arbeitsvorganges hatte tatsächlich etwas beruhigendes in dieser Situation. Erinnerte irgendwie an ein altes Depeche Mode - Video.

Doch der gute Geschmack verhinderte bis heute die Nacherzählung dieser kurzen Unterwäsche (-Geschichte). Doch nun hat das Lokal offenbar dauerhaft zu. Der Flurfunk im Schlichtwohnviertel hier in NeiHu, Taipei, Taiwan erzählt, die mit ihrem taiwanischen Gatten veritabel verheiratete junge Frau habe plötzlich Taiwan verlassen. Wie vom Boden verschluckt sei sie und mit ihr sei ein dickes taiwanisches Bankkonto verschwunden, während ihr einheimischer Ehegatte mit samt der gemeinsamen Kinder verdattert zurück geblieben sei. Keine Spur gebe es von der Gattin und die verschwundenen Finanzen würden sich auf sage und schreibe 51 Millionen NT beziffern, also mehr als 1.25 Millionen Euro nach dem 1:40-Standardkurs (noch mehr nach aktuell niedrigem Eurokurs).
 "Wow!", entfuhr es mir da. "Soviel Geld verdient man mit vietnamesischen Nudeln?", fragte ich entgeistert. Nein, sagte meine Frau. Das Geld würde auch benachbarten Garküchen gehören, auch wenn sie nicht erläutern konnte wie das Geld der Nachbarrestaurants denn nun den Weg auf das Konto der transparenten Vietnamesin gefunden habe. So viele Details wusste der Gassenfunk doch nicht zu berichten. Ich ahne freilich wie es gehen kann. Taiwaner können selten widerstehen, wenn irgendjemand eine unseriöse Anlagemöglichkeit bietet. Marke: "Mein Schwippschwager Porn Krumshak aus Bangkok / Frank Ho aus Manila / Jason Hoh aus Ho-Chi-Minh-Stadt hat da einen XYZ-Schuppen, willst Du da nicht Dein ganzes Geld investieren?" Leidgeprüft weiß ich wie verlockend so etwas wirkt, vergleiche das Manila-Investment meiner werten Gattin(s.a. vorherigen Blogartikel).

Ich wünsche dem netten Betrieber des vietnameischen Restaurants, dass nun doch nicht alles so schlimm ist wie es der Nachbarschaftsfunk weiter tratscht und hoffe auf baldige Wiedereröffnung des Restaurants, vielleicht mit einer rotköpfigen Inhaberin, der ihr Schwager daheim beim Vietcong alles Geld wieder abgejagt hat. Ansonsten kenne ich eher die Konstellation aus dem Ausländerforum Taiwans, dass Johnny Weißbrot, wenn er seine taiwanische Gattin verlässt, alles Geld bei der selbigen lässt und nur in der (undurchsichtigen) Unterhose die Heimreise antritt. Könnte mir nie passieren. Ach i-wo (hysterisch kicher ;-)

***Ich wurde informiert, der vietnamesische Kaffeegenuss sei auf die Kooperation mit der importierenden Honecker-DDR zurückzuführen gewesen. Interessant!

Dienstag, Mai 19, 2015

Unvorhersehbare Vorhersehbarkeiten, Manila (Update)

Fortsetzung der aktuellen Businessplanung für das "Auswandern nach Manila", so es denn jemals stattfinden wird (s. letzter Teil)

Eine Sache die Taiwaner in meinem Umfeld immer wieder trifft, sind die sogenannten "unvorhersehbaren Vorhersehbarkeiten", wie ich sie betitelt habe. Das geht zum Beispiel so: Bei meinem ersten Arbeitgeber macht meine Chefin eine Preiskalkulation für eine USB-Festplatte (anno 2004), kommt auf exakt den selben Preis wie das japanische Vorbild (reden wir nicht von Sony sondern nennen das Ding Zony - vgl. taiwanische Geheimiskrämerei) und Ludigel, mit der Marktstudie beauftragt wurde teilt ihr folgendes mit: Ups, wir haben den selben Preis wie Zony, das ist ein Problem. Natürlich darf man das nicht einer taiwanischen Chefin (die per Definition x-fach intelligenter ist weil aus der chinesischen Biomasse entstammend und außerdem auch noch als Chef gleich unter dem Drachenkaiser im Götterhimmel kommt) direkt sagen. Schwerer Anfängerfehler des Taiwanneulings Ludigel und prompt wies meine Chefin das Anliegen zurück (gut, sie hat sowieso nie Untergebenen zugehört) und unser Produkt mit dem eingängigen Markennamen Oppopippipoppitec oder so hat nie auch nur einen Hauch eines nennenswertes Umsatzes erreicht. Es war eben eine "unvorhersehbare Vorhersehbarkeit" die meine damalige Chefin da getroffen und völlig überrascht hat.

Ich lasse das Beispiel mit dem fehlgeschlagenen UMPC / SlatePC / TabletPC vor der iPad-Zeit mal weg, wo meine Absatzprognose ("verkauft sich nur in minimalen Stückzahlen, Technik ist noch nicht so weit) eingetroffen ist - wieder war es für den Chef des zweiten Taiwanunternehmens eine unvorhersehbare Vorhersehbarkeit, die ihn wirklich überrascht hat.

 Manila, Philippinen (nicht im EKZ allerdings)

Mein aktuelles großes Unternehmen ist da viel professioneller und ich habe da keine derartigen Beispiele und bin sicher auch asiatisch diplomatisch geworden über die Jahre (ab 2006 und dem SlatePC ;-). Nur bei den geschäftlichen Unternehmungen meiner Frau passieren auch immer wieder die unvorhersehbaren Vorhersehbarkeiten. Etwa als wir ein kleines italienisches Restaurant aufgemacht haben (siehe hier). Nun habe ich halt schon alle möglichen Leute an einigen Ecken der Weltgeschichte getroffen und bin eigentlich recht gut im Verhalten-Vorhersagen. Was auch damit zu tun hat, das 99,9% der Menschen etwa so geistig flexibel wie ein Doppel-T-Träger sind. Also eröffnete ich meiner Frau, dass unsere Geschäftsführerin nach einigen Monaten versuchen würde das Restaurant alleine feindlich zu übernehmen. "Unsinn" sagte sie da und als genau das Prognostizierte dann nach ein paar Monaten eintrat, traf es meine Frau wirklich überraschend. Vorhersehbar war das nicht! Ich konnte es nicht lassen auf meine wieder mal vorher viel zu direkt (weil ja im privaten Rahmen) abgelassene Prognose zurück zu kommen. Doch das hatte ich alles falsch verstanden und .... (meine Frau machte eine kurze Kunstpause) ... die feindliche Übernahme war eigentlich ihr Geheimplan gewesen. Aha! Also doch nicht überrascht worden von der unvorhersehbaren Vorhersehbarkeit die von Anfang an als eine Art Doppelbluff mit doppeltem Hohlboden eingeplant war.

Die vor kurzem geplante Eröffnung einer Restaurantkette in Manila hatte das Business Model, einfach die selben Schnelllokale in Einkaufszentren (EKZ) neben den schon existierenden aufzumachen. Ein in Taiwan durchaus beliebtes Geschäftsmotto: Wenn irgendwo 10 Fressbuden stehen mach die 11. auf nach dem Gesetz der Serie! Klappt ja in Taipei auch irgendwie. Ich wollte schon einen Einwand erheben, dass wir uns von der Konkurrenz irgendwie absetzen müssten aber diesmal schwieg ich still. Gut, das EKZ-Management hat die Restaurants abgelehnt, wegen mangelnder Absetzung von der Konkurrenz. Aber diesmal habe ich es nicht laut gesagt, also zählt es nicht.

Derzeit planten meine Frau und ihre Schwester eine Printshopkette und haben begeistert vom neuen Projekt den Reingewinn der Druckerei und des bislang einzigen Outlets (Verkaufskiosk) im Supermarkt einfach mal 3 genommen als Gewinnerwartung für die drei geplanten neuen Filialen. Neunmalklug erklärte ich gestern Abend meiner Frau das ginge so nicht, weil man die Arbeit der Druckerei mit ihren Großkunden (Fabriken, Supermarktketten, Bankfilialen) nicht einfach in den Kioskgewinn (Kiosk verkauft Jesusaufkleber und Baby-on-Bord-Zeug) hineinrechnen könne. Wieder bin ich direkt damit raus geplatzt und meine Frau musste so, um ihr sehr hübsches Gesicht und den kulturell-geschäftlichen Vorsprung vor dem tumben weißen Manne zu retten einige rethorische Kurven hinlegen, um den doppelschwesterlichen Businessplan vor mir zu rechtfertigen. Es bleibt also bei der übertriebenen Gewinnerwartung, womit die bald einsetzende Enttäuschung und baldige Geschäftsaufgabe wegen "unvorhersehbarer Vorhersehbarkeit" schon vorprogrammiert ist.

Ich denke, es wird sich nichts mehr ändern. Der Teutonengatte platzt jedenfalls privatgeschäftlich immer noch mit seinen analytischen Einsichten direkt heraus, die Taiwaner müssen flugs ihr Gesicht retten und rennen dann in die ..... (sie können es jetzt bestimmt schon singen)... direkt hinein.

Aber lustig ist es irgendwie das zu beobachten. Wenn ich dann bei Eintritt der "unvorher.... Vorher....keit" echtes Erstaunen vortäusche belustigt mich das mittlerweile so, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann. Ist eben ein lustiges Land mit lustigen Leuten hier.

Mentale Notiz: In Zukunft der Gattin genau wie seit 2006 im Geschäftsleben nur noch diskrete Denkanstöße geben, die beim Empfänger den Eindruck erzeugen, er sei mit seiner 5000jährigen kulturellen Überlegenheit und überlegenen taiwanisch/chinesischen Intelligenz selber drauf gekommen ;-)

P.S.: Wie immer zu Beginn eines Projektes bin ich derzeit etwas nervös. Ich denke immer: Wenn diesmal die Taiwaner um mich herum recht haben, dann gerät mein ganzes Verständnis von Logik, Naturgesetzen und dem ganzen Universum grundlegend aus den Fugen. 

UPDATE: Im wesentlichen kann man sagen, dass die Umsatzprognosen vom Schwestergespann einerseits und mir andererseits um Faktor 10 für den erzielbaren Reingewinn auseinander sind. Ich hoffe natürlich, dass das Schwesterduo Recht hat und nicht ich wieder mal. Hübscher sind die beiden als ich, per Definition geschäftstüchtiger und intelligenter und in der Überzahl außerdem ;-) 

Freitag, Mai 15, 2015

Shoppingsenderuhr, 26 Euro

WERBUNG*

Mal wieder Zeit für eine Uhrenvorstellung. Neuzugang "Nautec GMT" vom deutschen Ebay gebraucht und fast neuwertig erstanden. Alle hier vorgestellten Uhren sind Automatiken, laufen also durch die Bewegung am Arm per Schwungscheibe ohne Batterie

* Neuesten EU-Richtlinen entsprechend kennzeichne ich jedwede Produktbesprechung als Werbung, auch wenn ich das Produkt kritisch bespreche, um Abmahnungen von einschl. Vereinen zu vermeiden.

Die Marke Nautec, die sich mit dem Beinamen "No Limit"*** schmückt, soll von deutschen Shoppingsendern vertrieben werden. Während anfangs die Qualität laut diverser von mir im Netz aufgefundenen Kundenmeinungen sehr durchwachsen zu sein schien, wird den Uhren in der letzten Zeit durchaus vernünftige Qualität zugesprochen, wohl ausgelöst durch höhere Stückzahlen und eben die Partnerschaft von Nautec mit einschlägigen deutschen Shoppingsendern. Nautec ist offenbar eine der zahlreichen "deutschnesischen" Uhrenmarken. Will sagen ein Deutscher oder ein kleines deutsches Unternehmen bestellt massenhaft Uhren in China und lässt diese mit eigenem Markennamen versehen. Oder eben nach eigenen Wünschen anfertigen. Es gibt da viele Standardmodelle, die in horrend schlechter Qualität von chinesischen Fabriken ausgestoßen und dann in Deutschland meist bei Ebay und Amazon unter wechselnden Markennamen angeboten werden. Die besseren Marken, wie offenbar Nautec, können jedoch entweder über die Stückzahl eine bessere Qualität durchsetzen oder arbeiten die Uhren nach. So kann man durchaus gutes "deutschnesisches" erstehen, auch wenn meiner Meinung nach die besten dieser Uhren mit japanischen Uhrwerken wie dem Miyota 8215 versehen sind. Weil made-in-Japan - Uhrwerke eben um Klassen besser sind als einfache chinesische Uhrwerke.


Meine eigene Uhr erstand ich für nur 26 Euro leicht gebraucht vom deutschen Ebay. Auch wenn noch einmal das selbe an Versandkosten nach Taiwan dazu kam (u.a. weil der Verkäufer Uhrenbox und Uhr getrennt geschickt hatte), ist das sicher nicht viel Geld für eine Uhr. Herstellungskosten chinesischer Uhren belaufen sich oft nur auf 4 US-Dollar pro Uhr oder weniger, daher sollte man nicht zu viel anlegen für einen im Grund genommen volksrepublikanischen Ticker.
Zu richtigen Uhrenfotos bin ich nicht gekommen, ein paar schnelle Schüsse vom Handgelenk müssen reichen. Die Fraktion der Freunde haarloser Arme muss sich daher heute wieder ein neues Blog suchen, ich bitte um Nachsicht. Immerhin habe ich keine Tatoos auf dem Arm, könnte also auch schlimmer kommen.


Die Nautec GMT wie im Bild gibt es u.a. mit schwarzem und blauem Zifferblatt und gleichfarbigem Tauchring, außerdem mit rot-blau geteiltem Tauchring (die sog. Pepsi-Variante in Uhrenfreaksprache), wohl auch noch mit schwarz-rotem Tauchring (die sog. Coke-Variante). Und eben in Orangemetallik, eine Farbgebung, die der Omega Planet Ocean entlehnt ist. Das Gehäuse der Nautec GMT ist jedoch ähnlich dem großen Vorbild Rolex GMT (die quasi zu einem Industrie-Designstandard geworden ist), auch wenn das Gehäuse dank massiger Formgebung etwas Eigenständigkeit hat. Insbesondere in der ungewöhnlichen orangen Farbe wirkt sie eigenständig und weit vom Rolexdesign entfernt. Geliefert wird sie mit einem wertig wirkenden Metallband, das allerdings sog. Madenschrauben zur Gliederbefestigung verwendet (nicht an der Uhr selbst, sondern für die Bandglieder untereinander). Bei 27 Grad im Schatten wollten die Maden partout nicht aus ihren Löchern kommen und da ich sowieso hinreichend viele Uhren am Metallband habe (u.a. den Omega Planet Ocean-Klon von Alpha) entschied ich mich kurzerhand das Metallarmband tief in der Uhrenkiste verschwinden zu lassen und ein aus England geschicktes Lederband zu montieren, das im Bild zu sehen ist. Das wertige Band ist ähnlich teuer wie der von mir bezahlte Uhrenpreis und lässt den Glimmer des Tauchrings sehr viel poppiger hervortreten als das beim original Stahlband der Fall gewesen wäre.

Hier ist es 15.47 in Taiwan und 9.47 in Deutschland. Bei gerader Draufsicht auf das Zifferblatt statt schrägem Seitenblick sähe man, dass der 2.Zeitzonenzeiger kurz vor der 10 steht, wie es auch richtig ist. Die versetzte Einstellung des Tauchrings mit der 24h/GMT-Sala kompensiert ein leichtes Versetztsein des 24-Zeigers bei meiner Ablesung. Aber das kann sich jeder hindrehen wie er will.
Das Datum ist unter der Lupe gut ablesbar (hier nicht zu erkennen im Foto).


Technisch gesehen verspricht die Nautec GMT Saphirglas und 300 Meter Wasserdichte, will sagen sie soll zum Tauchen geeignet sein. Uhrenfreunde im Uhrforum sprachen zwar von zu dünnem Saphirglas um damit wirklich tauchen zu können (eine Preisfrage, denn das kratzfreie Saphir ist teuer), aber ich kann die Stärke des Glases nicht verifizieren und tauche ja auch nicht mit der Uhr. Ein spanischer Onlinehändler bei Ebay verkauft die Pepsivariante der Uhr oft für etwas über 50 Euro neu, sicher nicht zu viel für eine Saphirglas-GMT mit Edelstahlgehäuse. Übrigens ist die Uhr eine "unechte GMT" (GMT steht bei Uhren für eine zweite Zeitzone). Das heißt der 2.Zeitzonen-Zeiger ist eigentlich nur ein 24h-Zeiger, der der 24h-Beschriftung auf dem Tauchring folgt. Im Normalfall hat man den bei "24" angesiedelten Pfeil auf der 12 der Uhr und so kann man dann überflüssigerweise mittels des roten Zusatzzeigers (mit weißer Spitze) ablesen, ob es gerade 16 Uhr oder 4 Uhr morgens ist, wenn der normale Stundenzeiger auf der 4 steht. Will man nun eine zweite Zeitzone anzeigen, dann muss man den Tauchring verstellen, bis der 24h-Zeiger auf der gewünschten Uhrzeit der zweiten Zone steht. Hier im obigen Bild ist der Drehring so verstellt, dass der zweite Zeitzonenzeiger die deutsche Zeit GMT+1 anzeigt, während die Uhr sonst die taiwanischer Zeitzone GMT+8 anzeigt. Durch Sommerzeit in Deutschland ergibt sich derzeit aber nur eine Differenz von 6 Stunden, daher steht der Tauchring eben so wie er steht.
Der 24h-Zeiger folgt also bei Zeigerverstellen immer dem normalen Stundenzeiger und lässt sich nicht unabhängig einstellen. Im Gegensatz zu meiner Alpha GMT (siehe hier) läuft der "GMT-Zeiger" bei der Nautec übrigens konstant, will sagen weder zu schnell noch zu langsam im Vergleich zur Normalzeit. Das ist angenehm, weil ich dann nicht alle paar Tage die zweite Zeitzone nachregeln muss, wie das etwa bei der Alpha GMT der Fall ist. Vielleicht läuft der 2.-Zeitzonenzeiger der Nautec etwas versetzt zur Normalzeit (wie auch bei der Alpha GMT), aber das kann man durch ein leichtes Verstellen des Tauchrings kompensieren. Wichtig ist, dass die Anzeige konstant läuft, was ja auch der Fall ist bei der Nautec, während bei der Alpha die Zeitdifferenz zur Normalzeit zunimmt.

Alpha "P.O." zum Designvergleich. So etwa sieht eine echte Omega Planet Ocean auch aus.

Interessant ist es einmal, die drei Chinesinnen Alpha P.O. (oben, etwa 90 US-Dollar), Alpha GMT (unten, etwa 90 US-Dollar) und die Nautec GMT "unter der Haube" gegenüber zu stellen und im Praxistest zu vergleichen. Da ich kein Uhrenaufmacher bin muss sich der Vergleich freilich auf Worte beschränken.

Und noch eine Hongkong-Hommage, die Alpha GMT, extrem nah am Design der Rolex GMT, so nah wie es irgend geht

Die Alpha GMT mit ihrem echten GMT-Werk, bei dem der Nachteil ist, dass ein Verstellen des Stundenzeigers den eigentlich unabhängigen GMT-Zeiger mitverstellt, hat ein Werk des chin. Uhrenherstellers Shanghai unter der Haube, allerdings in B-Qualität. Das heißt, dass hier u.U. gebrauchte und schon mal reparierte Werke zum Einsatz kommen, die einem aufmachenden Uhrmacher schon mal leichte Verschmutzung inklusive Haare zeigten, wie ich im Netz gefunden habe. Und das bei einer fabrikneuen Uhr. Aber der Vorteil ist, dass solche Werke vielleicht schon mal durch die Finger eines Uhrmachers irgendwo in China gegangen sind und vielleicht gar nicht mal schlecht laufen. Meines läuft mit 15 Sekunden Vorlauf am Tag - normal für eine Unter-500-Euro - Automatikuhr. Gehäuse und Armband (sehr scharfkantig!) haben aber durch schelchte Verarbeitung genervt und Nacharbeitung u.a. mit Pattex erfordert - zur Wiederbefestigung der Pepsiskala.

Die Alpha P.O. in Orange hingegen hat wie die gleichfarbige Nautec ein Seagullwerk, möglicherweise das ST-6, wie man immer wieder liest. Das hat keine GMT-Funktion und läuft bei mir mit bis zu 55 Sekunden Vorlauf am Tag - hier müsste ein Uhrmacher mal eine Feineinstellung vornehmen. Bei der Alpha P.O. war das Armband eine Strafe, es ließ sich nur mit armbandbeschädigender Brachialgewalt verkürzen (Stifte saßen teilweise fest, auch der Armbandverkürzer hier in Taipei verzweifelte), sonst ist die "P.O." aber sehr gut verarbeitet. Beide Alphas haben aber nur Mineralglas und sind nur mit 30m bzw. 50m Wasserresistenz angegeben. 
Übrigens basieren sowohl das unechte GMT-Werk der Nautec (Seagull, Bezeichnung ist mir unbekannt) wie auch das echte GMT-Werk der Alpha auf einem älteren schweizer ETA Original-GMT-Werk, das natürlich um Klassen besser ist.

Nachteil der Nautec: Der Tauchring verstellt sich leicht, so dass die 2. Zeitzone dann evtl. verstellt wird.

Was die Nachtablesbarkeit angeht, so hat die Nautec die beste (grüne) Floureszierung, die beiden Alpha sind da eher leidlich, aber auch noch ablesbar. Wie genau die Nautec laufen wird ist noch nicht abzusehen, da sich Uhren immer erst einlaufen. Derzeit läuft sie auch mit etwa +15 Sek. pro Tag, man wird sehen. Verschraubte Kronen, wie sich das für echte oder Möchtegern-Taucheruhren gehört, haben übrigens alle der drei Uhren hier.

In Sachen Verarbeitung ist die Nautec gleichauf mit der Alpha P.O, kombiniert mit Ganggenauigkeit ist sie die beste der drei Chinesinnen. Als Referenz für die Preisklasse möchte ich die Gigandet Seaground 2 ins Feld führen. Da ist auch ein deutsches Unternehmen dahinter, das die Uhren in China mit dem erwähnten Miyotawerk bestücken lässt und im Netz zwischen 130 und bis zu über 500 Euro dafür verlangt - ich selbst habe 70 bei einer Auktion von einem anderen Anbieter bezahlt. Die Gigandet ist von der Verarbeitung her die hochwertigste (Band und Uhr problemlos) und hat eben ein japanisches Innenleben, wenn auch ohne GMT. 

 Gigandet Seaground 2 (hier im ungewöhnlichen Grün), eine der zahlreichen Rolex-Submariner Hommagen mit einer gewissen Eigenständigkeit im Auftritt

Die wohl beste Alternative unter den günstigen Uhren ist meiner Meinung nach die Orient Deep-Reihe aus dem Seiko-Konzern, unten in der Pepsivariante zu sehen. Für etwa 110-130 Euro hat sie ein gutes einfaches Automatikwerk (nicht schlechter als das Miyota) und eine solide Verarbeitung und ein eigenständiges, leicht retro-wirkendes Äußeres, Mineralglas und 200 Meter Wasserdichte nebst verschraubter Krone - Bild unten neben der Gigandet. Und alles Made in Japan bei Orient.

Rechts: Orient Deep "Pepsi" mit fremdem australischen Mesh/Milanaise-Armband

*** "No limits" hingegen (mit zusätzlichem S dran) ist ein Beiname des renommierten italienischen Uhrenherstellers Sector.

Update 2019: Die Nautec von oben hat bereits seit langer Zeit Feuchtigkeitsbeschlag im Inneren, obwohl sie immer zugeschraubt war über die Schraubkrone und wird wohl demnächst entsorgt. Oder kommt doch mal zum hiesigen Batteriewechsel zum Trockenlegen. Mal schauen. Die Gigandet ist einfach aus Gründen der Sammlungsverkleinerung verkauft. Die schicke Orient sollte das selbe Schicksal erleiden, allerdings hat ein entfernter Verwandter erboten, sie zu übernehmen. Und sie dann nie bezahlt, der nichtsnutzige $§§&%$§#. Never mind. Den beiden Alphas geht es immer noch gut, auch wenn ich das katastrophale Metallband der GMT gegen ein Lederband getauscht habe.

Mittwoch, Mai 13, 2015

Manila, Magen, mehr

Die Planung für Manila ist mitten in der Chaosphase und Ludigel hat endlich ein Gegengift für die allergischen Reaktionen seines Magens auf das Taiwanessen gefunden


Seit Monaten plagen mich immer mal wieder merkwürdige Symptome. Ähnlich einem Schnupfen und mit Magengrippeesymptomen.  Allergietabletten helfen etwas, Hammer-Antibiotika vom lokalen Doc nicht wirklich. Doch jetzt habe ich ein Wundermittel gefunden: Obst. Frisches Obst, oft in der vorgeschnittenen Variante von Seven-Eleven. Und das Kantinenessen größtenteils weglassen oder nur dann zu mir zu nehmen, wenn ein probeweises Schnüffeln am Buffet in der Kantine keine Würgereaktion des Magens auslöst. Da in taiwanischem Essen u.a. immer wieder der Flüssigkunststoff DEHP* (ein industrielles Schmiermittel) zu finden ist und ich tatsächlich gegen einen anderen Kunststoff (Elastan in Textilien) allergisch bin, konstruiere ich da einen Zusammenhang. Möglicherweise kann ich am Buffet schon Substanzen unbewusst wahrnehmen - vgl. den Würgereflex bei eigentlich lecker erscheinenden Gerichten.
Saure Fruchtgummis würden auch funktionieren oder saure Getränke. Auch solche mit wenig Nährwert. Ich denke mal, dass Flüssigkunststoff ein basisches Milieu ergibt, das vermutlich von Säure wiederum gebunden wird. Faszinierend!

Wollte man in Taiwans Nahrungsmittelindustrie mal richtig aufräumen, bräuchte man sicher handfeste Argumente. Die Fotos beziehen sich allerdings auf Juniors Schnellfeuergewehrprobleme, die denen von Ursula von der Leyen ähneln - das untere VR-Chinesische Gewehr hat gravierende Qualitätsprobleme... Ich weiß, Waffen für Kinder sind nicht so toll, aber immerhin muss man die Kinder hier irgendwie auf die Geisteshaltung im späteren Straßenverkehr vorbereiten.


So bin ich jetzt weitgehend symptomfrei. Meine Frau hingegen wird von immer heftigeren Magenproblemen heimgesucht, lehnt es aber ab einen Zusammenhang zum Kantinenessen oder der taiwanischen Nahrungsmittelbelastung generell (s.a. hier: http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/11/info-taiwan-schlechte.html) herzustellen. Taiwanessen ist für sie gesund und lecker, so ist das nun mal. Ich stehe dann ihren Gesundheitsproblemen als Zuschauer gegenüber. U.a. plagt sie auch Netzhautablösung, die im schlimmsten Fall zur Erblindung führen kann. Diese Krankheit, für die zwei konsultierte Ärzte in Taiwan keine Erklärung und keine Heilmethode haben, trat zeitgleich mit der Anschaffung eines Smartphones auf, mit dem meine Frau seither wie fast alle Taiwaner in etwas jüngeren Jahren verwachsen ist. Ein Augenarzt erklärte, Smartphones würden netzhautschädliches blaues Licht von sich geben und prompt verpasste meine Frau - mir - eine Lesebrille mit UV-Filter, sich selbst jedoch keine. Da will sie das Geld sparen offenbar. Meine Bitte, das Kantinenessen einzuschränken und das Smartphone nicht mehr so oft zu nutzen verhallen ungehört. Als typisch übertriebene Ausländerideen tut sie sowas ab. Und ich komme mir vor wie jemand, der von einer anderen Person mit einem im Handrücken steckenden Schraubenzieher gesagt bekommt, sie habe Schmerzen im Handrücken. "Zieh doch den Schraubenzieher raus, der dir da in der Hand steckt" entgegnet man dann. "Ach der, nein... das hat damit nichts zu tun" ist dann die "taiwanische" Antwort. Die taiwanische Mentalität ist eine andere. Grübeleien, welche Umweltgifte oder Umwelteinflüsse was anrichten könnten und Sicherheitsdenken sind leider typisch teutonische Dinge. Der Taiwaner hingegen verfährt da eher nach der Methode "don't think too much", die man hier im ausländerreferenzierten Englisch immer wieder hört.

Der von meiner Frau in der letzten Zeit angestrebten Auswanderung von Ludigel, Frau und Junior nach Manila/Philippinen stehe ich von daher einigermaßen positiv gegenüber, würde es doch einen Wechsel der Ernährung bedeuten. Allerdings ist die Planung von meiner Frau und ihrer dort eingeheirateten Schwester eben in der Planungsphase angekommen, die ich als "Ringelpiez mit Anfassen"-Phase der "Taiwanplanung" bezeichne. Von Restauranteröffnung über Printshoperöffnung ist das schwesterliche Duo mittlerweile zur Eröffnungsidee einer veritablen Autolackiererei in Manila gesprungen. Mir fehlten dazu gestern Abend die Worte, ich gab nur einen langgezogenen Seufzer von mir. "Ludigel the lustigel Lackierer" wird es sicher nicht geben, denn bald wird die Manilaplanung wohl nun ihr natürliches Ende finden. Allerdings weilt die werte Manilafamilie derzeit in Taipei. Dieses Wochenende ist große Geschäftskonferenz und ich wurde schon von meiner Frau gemahnt, meine ausländertypischen Bedenken für mich zu behalten. Der Abend im Restaurant würde sicher eine Geduldsübung sondergleichen werden. Gott sei Dank verstehe ich nicht alles auf Mandarin, was da parliert wird, während die Leute gleichzeitig auf das Smartphone starren beim Essen.

Ich hätte auch auch noch Vorschläge: "Telefonhörerreinigungsunternehmen", "arktischer Kühlschrankvertrieb", "Manufaktur für solarbetriebene Taschenlampen" ... oder dergleichen. Aber auf den weißen Mann, der bekanntermaßen nicht so das geschäftliche Gespür hat wie chinesischstämmige Menschen, hört ja wieder keiner.

Zeit für den nächsten Obstteller...


* DEHP ist leibesfruchtschädigend, fruchtbarkeitshemmend und steht im Verdacht Diabetes auszulösen. Guten Appetit in Taiwan.

Dienstag, Mai 05, 2015

Ludigels Rentenüberblick Taiwan (Update Oktober 2019)

Zur Rentenversicherung in Taiwan
(Kleines Update Februar 2019 und 2x Oktober 2019)


Hinweis: Kommentare unten können sich auf ältere Versionen dieses Artikels beziehen!

Bitte beachten Sie das letzte Update vom Oktober 2019 ganz unten!

Natürlich sind IT-Leute wie ich immer jung und werden nie Alteisen. Und das Rentenalter ist ja noch weit weg. Aber schon beim Erhalt des Abizeugnisses hat uns die Schulleitung damals gleich einen Rentenbescheid über die Zeit mitgegeben. Wenn ich jetzt also mal gucke, wie das denn nun mit den Rentenjahren in Taiwan ist, ist das sicher nicht zu früh. Update: Wichtig: Es existiert KEIN Sozialversicherungsabkommen zwischen Deutschland und Taiwan, daher kann man sich nicht an den deutschen Rentenversicherungsträger wenden was Beiträge und Leistungen angeht, sondern Taiwan aka die Republik China ist zuständig.

Immer wieder hört man von der "Labor Law"-Rente als auch der "National Pension"-Rente. Die Labor-Law-Rente ist dabei die Normalrente und Gegenstand dieses Artikels.  Die "National Pension" hingegen greift möglicherweise nur für Leute, die keine andere Rente in Taiwan haben - also auch keine Labor Law-Rente, wie sie unten gleich erklärt wird. Eigenartigerweise geht meine Frau trotzdem davon aus beide zu bekommen. Aber da bin ich mir nicht sicher. So wie es auf den englischsprachigen Infoseiten taiwanischer Regierungsinstitutionen steht kann man nur entweder Labor Law-Rente oder National Pension bekommen, nie beides. Die National Pension steht nur für Staatsbürger der R.O.C./Taiwan zur Verfügung und neuerdings (2013) für Ehegatten der selbigen. Stellt aber offenbar in der Praxis nur eine kleine Zusatzabgabe vom Gehalt dar von der man letztendlich nichts hat, wenn man ohnehin die normale "Labor Law"-Rente kriegt.

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Zur Labor Law-Rente:
Zu beachten ist, dass es ein altes und ein neues Labor-Law-Rentensystem gibt. Das alte galt bis 31.12.2004 (theoretisch seit 1953) und war firmengebunden. Das heißt das Modell ging davon aus, dass man sein ganzes Leben beim selben Arbeitgeber arbeitet. Der hatte dann ein Fondskonto bei der Nationalbank für einen aufgemacht und bei Eintritt des Rentenalters hätte man beim Arbeitgeber die Rente beantragt. Eigentümer des Rentenkontos ist der Arbeitgeber gewesen! Auch wenn das System seit 1953 theoretisch existierte (ganz theoretisch aber nicht anwendbar seit 1950) wurde es aber nicht "enforced" wie die Taiwaner auf den englischen Webseiten schreiben. Das heißt es hatte für den Arbeitgeber keine Konsequenzen wenn er die Rentenversicherung ignoriert hat. Und fast jeder Arbeitgeber hat sie ignoriert.
In der Praxis gab es Nutznießer erst ab den 90ern, oft sogar erst 2000er-Jahren. Vorteil des alten Systems der Labor-Law-Rente: Man kann zwischen Einmal- und monatlicher Zahlung wählen.

Phase II der Rentenversicherung kommt dann ab dem 01.01.2005. Wer jetzt neu ins Arbeitsleben eintritt oder den Arbeitgeber wechselt kommt automatisch in das neue System. Das neue System hat jetzt das Arbeitsministerium der R.O.C./Taiwan als Rentenversicherungsträger und wieder gibt es einen Fond für den Arbeitnehmer. Diesmal ist jedoch der Arbeitnehmer der Eigentümer des Fonds, auch wenn er ihn erst mit eingetretenem Rentenalter (oder mit etwas Abschlag 5 Jahre vorher) in Zugriff nehmen kann. Allerdings wurde das Rentensystem immer noch nicht "enforced", so dass wohl wieder nicht alle Arbeitnehmer eine Rentenversicherung in dieser Zeit hatten. Man kennt es ja von älteren Taiwanern, die haben nur dann eine Rente, wenn sie bei Vater Staat gearbeitet haben.

Ansprüche aus Phase I können in das neue System übernommen werden, aber das ist kein Automatismus. Wer die Ansprüche nicht beizeiten überführt hat eine unklare Situation, wie er später mal verfährt, wenn das Unternehmen nicht mehr existiert. Auflösung hier unklar.

Phase III kam dann ab 2009. Jetzt wurde die Rentenversicherung "forciert".  Also die Nichtteilnahme durch Unternehmen bestraft. Erst jetzt wurde die Labor-Law-Rente zur Rente für die breite Masse. Jedenfalls für alle, die ordentlich angestellt sind und nicht nur schwarz bei Oma am Nudelstand arbeiten.

Anspruch hat man derzeit noch mit Rentenalter 60 für Herren und 55 für Damen, jedoch steigt das Rentenalter laut den englischsprachigen Infoseiten ab 2019 (dem 10. Jahrestag der "Forcierung" der Rente, manchmal aber auch mit 2018 angegeben) alle zwei Jahre um 1 Jahr an. Leser dieses Blogs, sollten Sie in Taiwan an der Rentenversicherung teilnehmen, werden also wohl erst ab 60/65 (Damen/Herren) auf den Rentenfond Zugriff haben, denn das ist derzeit offenbar das Endalter der erwähnten Steigerung.
UPDATE: Nach dem Besuch bei einer "...Insurance Labor Union", also einer Art Sozialversicherungsnehmer-Gewerkschaft in Taipei (tatsächlich eine private Agentur, keine Gewerkschaft im deutschen Sinn) sieht es so aus, als ob ich (Jahrgang 66, seit 2004 Arbeitnehmer in Taiwan) jedenfalls die Rente schon mit 65 ohne Abzug beantragen könne. Für jedes Jahr der späteren Beantragung sollen 3% Zinsen gezahlt werden. Andere Quellen reden von einer weiteren Steigerung bis 67; ich hoffe derzeit aber auf die 65.

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, auf den Rentenfond des neuen Systems zuzugreifen. Natürlich immer durch Antragsstellung beim Rententräger. Und es ist fast sicher davon auszugehen, dass nur auf ein taiwanisches Konto gezahlt wird, obwohl dazu Informationen fehlen.

Fall 1: Man hat weniger als 15 (in der Praxis ist die Grenze offenbar sogar 16) Beitragsjahre. Dann erhält man eine Einmalzahlung wie folgt:

a) Man nehme die 60 gehaltsstärksten Monate und bilde ihren Durchschnitt Dg.
b) Man multipliziere Dg mit den vollen Beitragsjahren, das müsste die Auszahlungssumme sein.
Als obere Berechnungsgrenze findet man zwar auf englischsprachigen Webseiten 150.000 NT für das monatliche Gehalt (darüber wird gekappt für die Rentenformel), aber die Beamten nehmen möglicheweise (lt. Info die meine Frau bekommen hat) den niedrigeren Kappungswert von 43.900 NT für die Formel.



Fall 2: Man hat 15 (lt. chinsischspr. Seiten: 16) Beitragsjahre voll

Dann erhält man eine monatliche Rente. Monatlich Auszahlungssumme ist der größere Wert von den beiden alternativen Formeln:

Dg x Ej x 0.00775 + 3000 NT
Dg x Ej x 0.0155 NT

Kürzel:
Dg: durchschnittlich versichertes Gehalt 
Ej: Einzahlungsjahre
NT: New Taiwandollar
Gehälter zählen möglicherweise nur bis zur oben angegeben Obergrenze von offenbar 43.900 NT, darüber Kappung.



Immer wieder hört man, man könne auch bei neuen System zwischen Einmalzahlung und monatlicher Rente auswählen. Das ist laut der englischen Wiedergabe der Gesetzestexte falsch. Jedenfalls nach diesen englischen Seiten gibt es die monatl. Rente nur, wenn man 15 Jahre eingezahlt hat und die Einmalzahlung nur bei weniger als 15 Jahren. Aber: Die oben erwähnte Insurance Labor Union erklärte, ich würde bei Komplettierung von 15 (offenbar 16) Jahren Beiträgen zwischen Einmalzahlung und monatlicher Rentenzahlung wählen können. Wieder scheint die Praxis nicht den auf Englisch wiedergegebenen Gesetzestexten zu folgen.

Unklar ist mir noch, wie nicht vollständige Rentenjahre zählen. Ich vermute, dass diese anteilig zählen, bin mir aber nicht sicher. Es wäre ja unfair jemanden, der nur 11 Monate in Taiwan rentenversichert war, wegen des fehlenden Monats seine Rente vorzuenthalten.

Unterschiedliche Rechtslage für in Taiwan verbeamtete Ausländer und normale Angestellte: Wie im Facebookforum "Germans in Taiwan" berichtet wird und wie mir der Betroffene selbst geschrieben hat, ist im Falle einer Public Service Pension (das ist die Rente für beamtete Staatsdiener, über die man wenig auf Englisch findet) einem Antragssteller mit der erforderlichen Anzahl von Jahren für die monatliche Rentenzahlung eben diese verweigert worden mit der Begründung, er habe keine Staatsbürgerschaft der Republik China/Taiwan. Update: Mittlerweile ist durch Auskunftseinholung beim taiwanischen Rentenversicherungsträger klar  dass es bei der Public Service Pension eine Sonderregelung für Ausländer gibt.  Diese erhalten offenbar nur dann eine monatliche Rente, wenn sie auch Staatsbürger der Republik China sind, ansonsten nur die Einmalzahlung.


UPDATE: Mir hat der Betroffene, ein in Taiwan beamteter Professor an einer taiwanischen Universität selbst seinen Fall erzählt. Achtzehn Jahre Dienst und während es anfangs hieß, die ausländischen Beamten würden wie Taiwaner behandelt heißt es nun, sie bekämen mangels hiesiger Staatsbürgerschaft nur die (recht geringe) Einmalzahlung!

Wichtig für Taiwan vor Erreichen der 16 Jahre Rentenbeiträge verlassende Ausländer:
Man kann -jedenfalls durch Mitgliedschaft bei der o.g. Organisation- weiter in der Krankenversicherung und der Rentenversicherung in Taiwan bleiben und die notwendigen Beiträge aus dem Ausland heraus zahlen!

a) Grundvorraussetzung dafür ist, die ARC zu behalten, wofür man jedes Jahr für ein paar Tage nach Taiwan kommen muss (Achtung: Das geht nicht für APRC-Inhaber, da diese 183 Tage im Jahr in TWN leben müssen!).

b) Parallel kann man auch in der gesetzlichen Krankenversicherung Taiwans, der NHI bleiben und die zugehörige Chipkarte behalten, wenn man weiter die Beiträge zahlt und sich einmal im Jahr in Taiwan bei irgendeinem Arzt für irgendetwas behandeln lässt (!).

c) Auch ohne Job in Taiwan und bei Wohnsitz im Ausland zahlt man dann freiwillig weiter die Rentenversicherungsbeiträge, um die 16 Beitragsjahre (oder mehr) zu komplettieren. Der Rentenanspruch kann dann in meinem Fall sogar noch deutlich gesteigert werden (von etwa 12.000 NT bei 16 Jahren -oder auch nur 10.500- auf 19.000 NT bei Weiterzahlung bis zum Rentenalter).

Meine Mitgliedschaft in der "Sozialversicherungsgewerkschaft" ist bereits akzeptiert worden. Offenbar musste die Org dazu eine Regierungsgenehmigung einholen. Ich werte das als Hinweis, dass ich dereinst wirklich eine monatliche Rentenzahlung bekommen werde.

Soweit mein Scrapbook zur Rentenlage. Wer mehr versteht davon möge in den Kommentaren Berichtigungen schreiben. Link zur Labor Law Rente von Regierungsseite: http://www.bli.gov.tw/en/sub.aspx?a=JpyLhdHXQNs%3D


Werden die Taiwaner nun garantiert zahlen, selbst wenn man bei Renteneintrittsalter schon längere Zeit nicht mehr in Taiwan wohnt? Das weiß ich natürlich auch nicht. Erfahrungsgemäß haben taiwanische Beamte sehr eigene Vorstellungen von der geltenden Rechtslage, die mit dieser längst nicht immer deckungsgleich sind. Es scheint eine Art eingefleischtes Prozedere in jeder Behörde zu geben, nach dem relativ unabhängig von der Rechtslage verfahren wird. Da kennen die Beamten dann kein Verhandeln und bleiben i.d.R. stur dabei. Ein Ausländer, der wie ich dann irgendwann Rente beantragt wird in dieser Hinsicht also Neuland betreten.

Ich denke, wenn man einen Schrieb mit seinem chinesischen Namen hat (etwa die letzte ARC) und idealerweise die Unternehmen mit ihren chinesischen Namen findet - etwa Gehaltszettel aufgehoben hat - wird es wohl kein Problem geben. Desto mehr man dem "Laowai" gleicht, der nach Jahrzehnten ankommt und sagt, ich heiße Hermann Meier und habe mal bei Gobbeltec in Wanli gearbeitet und lebe heute in Oberammergau in Deutschland, desto geringer sind wahrscheinlich die Chancen den Prozess ordentlich abzuschließen. Mit dem chinesischen Namen "He Ping Lee" oder was auch immer in chinesischen Schriftzeichen und dem wahren Namen von Gobbletec (in chinesischen Schriftzeichen: Millionen-Treue-Kunden-Hochtechnologie-Exzellenz-auf -goldener-Wiese-im-Mondschein Ltd.) wird es wohl gehen.

Persönlich bin ich nach dem Besuch der oben erwähnten Rentenagentur etwas optimistischer geworden, dass alles glatt über die Bühne gehen wird dereinst.


Ich selbst als Beispiel: Konkret ist meine Situation die folgende (freilich ohne Gehaltssummen):


2004 habe ich bei einem Unternehmen hier angefangen und bin wohl bis Anfang 2005 geblieben. Für diese Zeit ist in das alte Rentensystem eingezahlt worden. Der Inhalt des resultierenden Rentenfondskonto (bei der Nationalbank) bzw. die gezahlten Beiträge sind mittlerweile bereits in das neue System per Antrag überführt worden.

Als ich dann um 2005 den Arbeitgeber gewechselt habe, bin ich direkt in das neue Rentensystem gewechselt, weil meine Arbeitgeber netterweise von der Rentenversicherung Gebrauch gemacht haben, ob wohl diese vor 2009 nicht zwingend war. Das Unternehmen gibt es heute nicht mehr wirklich, aber das unerheblich, weil meine Beiträge ins neue Rentensystem "gerettet" worden sind.

Mein aktueller sehr großer Arbeitgeber hat dann (Wechsel 2007 denke ich) auch korrekt abgeführt.

Also habe ich im Jahre 2016 die Rentenformel Dg * 12 als Einmalzahlung in NT. Das müsste ich bei Eintritt des (65. oder) 67. Lebensjahres erhalten, wenn ich im Jahre 2016 aufgehört hätte zu arbeiten.

Die kohärenteste Info zur Rentenlage ist wohl der Link der Immigratiosbehörde: http://iff.immigration.gov.tw/ct.asp?xItem=1217233&ctNode=34333&mp=iff_en


Edit: Wissenschaftliches Papier zur Rente in Taiwan der Universität Kent: http://www.kent.ac.uk/scarr/events/beijingpapers/Funew2ppr.pdf 


Modellrechnung 1:

Thomas Meier hat vom 01.01.2010 bis zum 01.01.2020 in Taiwan als normaler Angestellter bei einem taiwanischen Unternehmen gearbeitet. Sein Gehalt ist in den Jahren von 80.000 NT auf 120.000 NT monatlich gestiegen. Angerechnet für das Durchschnittgsgehalt werden aber offenbar nur 43.900 NT monatlich, so dass er (wenn er dereinst 65 - oder 67 Jahre?) alt ist, in Taiwan folgende Rente beantragen kann:

10 x 43.900 NT = 439.000 NT als Einmalzahlung.

Entscheidet sich Thomas Meier nun für die Mitgliedschaft in der privaten Sozialversicherungsgewerkschaft dann kann er seine Beiträge freiwillig noch 6 Jahre weiter zahlen (das sind dann offenbar knapp 4400 NT monatlich) und erhält dann mit 65 oder 67eine monatliche Rente von 10.887 NT auf ein taiwanisches Konto.
Lebt er noch 10 Jahre nach Rentenerhalt, sind das immerhin 1.306.440 NT Rente.

Modellrechnung 2:

L. Udigel (Name von der Redaktion geändert) hat von Februar 2004 bis -sagen wir- Juni 2020 in Taiwan gearbeitet. Das macht dann 16 Jahre Beitragszahlung. Schon mit kompensiert sind vielleicht ein paar Monate zwischen den Jobs. Er hätte also auf jeden Fall 15 Jahre Rentenbeiträge voll, um die monatliche Rente zu bekommen.
Sein Gehalt war immer über dem (in Praxi) Kappungsbetrag von mtl. 43.900, damit ergibt sich die folgende Rechnung nach den beiden Formeln oben:

43900 x 16 x 0.00775 + 3000 = 8443.6 NT
43900 x 16 x 0.0155 = 10887.2 NT

(selber Betrag wie oben ;-)

Also würde der gute L. Udigel, wenn er dann im Juni 2020 in seine Heimat Teutschland entschwände, mit 65 (oder 67?) eine monatliche Rente von 10887 NT auf ein taiwanisches Konto erhalten. Nach dem gegenwärtigen Kurs wären das etwa 311 Euro. Da man gegenwärtig nicht per (ohnehin komplett auf Chinesisch vorhandenem) Computerbanking von Taiwan ins Ausland Geld transferieren kann, müsste der Gute dann einen Vertrauensmenschen in Taiwan haben oder alle paar Jahre rüberfahren, um sich nach viel Zungenbrecherei oder mit Dolmetscher das Geld nach Deutschland überweisen zu lassen, was wohl jeweils 100 Euro Gebühren verschlingt. Obige Rechnung geht davon aus, dass er nicht die Rentenbeiträge weiterzahlt.

UPDATE 10/2019: Bin die Tage informiert worden (über einen chinesischsprachigen Brief, den die werte Gattin gelesen hat), dass ich ab sofort meine 15 Beitragsjahre für die monatliche Rente voll habe. Hurra!

UPDATE 10/2019 das Zweite: Nach Kontaktierung des Rentenversicherungsträgers in Taiwan hat meine Frau nochmals bekräftigt, dass ich dereinst, wenn die Rentenzahlung (offenbar mit 65 Lebensjahren) ansteht, zwischen einer Einmalzahlung und einer monatlichen Rentenzahlung wählen kann. Das widerspricht den Informationen auf den englischsprachigen Webseiten, wie sie oben wiedergegeben sind. Denn dort gibt es eine Einmalzahlung (auf niedrigem Niveau) nur, wenn man weniger als 15 Beitragsjahre beisammen hat.
Achtung: Meine Frau sagte, es gäbe 2 Rentenlevel und meine derzeitige Firma hätte die ganzen Jahre auf dem HÖHEREN RENTENLEVEL für mich einbezahlt. Daher würde sich auch eine Einmalzahlung lohnen.
Auf den englischsprachigen taiwanischen Rentenwebseiten fand sich bislang KEINE INFORMATION über ein höheres Rentenlevel und nach den obigen Formeln wäre eine Einmalzahlung (die Pflicht ist bei unter 15 Beitragsjahren) viel zu gering, als dass man sie in Erwägung ziehen sollte. Allenfalls die beiden Kappungsgrenzen, die oben erwähnt sind, von einem anrechenbaren Gehalt von max. 43.900 NT monatlich und dann doch manchmal 150.000 NT, könnten einen zwei verschiedene Level der Rente vermuten lassen. Ich werde da noch mal nachforschen. Aber wenn die englischsprachigen Webseiten der taiwansichen Rente eben unklare oder falsche Informationen geben, wird das natürlich fruchtlos bleiben.
Einstweilen kann man obige Formeln und Erklärungen also zumindest als das MINDESTNIVEAU der Rente in Taiwan nehmen. Ob es wirklich ein höheres gibt, steht noch in den Sternen.

EDIT: Eine neue Webseite (https://www.bli.gov.tw/en/0010366.html)  hat viele neue Informationen. Manches davon ist widersprüchlich oder unklar. So ist hier die Rede davon, dass das neue Rentensystem nur Staatsbürger, deren Ehegatten oder PERMANENTE Residente erfassen würde. Das wären schlechte Nachrichten für alle, die einfach nur ein paar Jahre hier gearbeitet hätten ohne Ehe und ohne PARC (Permanente Aufenthaltskarte). Oder was sind die Kriterien für "permantente Residente"? I
Alle, die 15 Beitragsjahre voll haben, können demnach auch zwischen monatlicher und Einmalzahlung der Rente wählen.. Die Formeln für die nichtpermanenten Residenten sind jedenfalls die selben wie oben erwähnt. Allerdings habe ich auf die Schnelle nichts von der Kappungsgrenze gefunden. Na ja, so richtig werde ich es erst wissen, wenn ich es dereinst mit 65 ausprobiere...

Montag, Mai 04, 2015

Heiße Überraschung für Taipei

Vergangenes Wochenende: Ein riesiger Sonnenkollektor drohte abzustürzen und Taipei mit seinem gebündelten Laserstrahl gar zu kochen. Doch die Rettung kam in letzter Minute...

Kaum versucht am am Wochenende der Enge Taipeis zu entfliehen, steckt man schon wieder mitten drin. "Thunderbirds are go!" war eine meiner Lieblings-TV-Serien der Kindheit. Hier hatte man Puppen, die deutlich sichtbar an Fäden manövriert wurden und die die "Internationale Rettung" darstellten, die stets und ständig als eine Art UN-Katastrophenrettung über den Globus jetteten, um Menschenleben zu retten. Nun gibt es ein Remake dieser britischen Serie, mit Computergrafik und ohne Fäden. Toll ist das Gefühl der späten 60er oder 70er Jahre gerettet, in denen die Originalserie entstanden ist bzw. ich sie gesehen habe. Der Standort der "International Rescue" ist eine tropische Insel, die direkt wie aus einem James-Bond-Film mit Sean Connery oder dem frühen Roger Moore wirkt. Es gibt hochklappbare Palmenstrände und eine herrliche Retrovilla, die mit ihren schlichten Holztäfelungen und grünen Sofapolstern gleich Kindheitsgefühle bei mir aufkommen lies. Die neue Serie jedenfalls spielt im Jahre 2060, trotz der Hommagen an die Originalserie und ihrem Look and Feel. Und Crash Boom war ich zurück in Taipei. Denn dort drohte ein riesiger Sonnenkollektor sich vom Hang zu lösen, der die gebündelte Energie von zig Solarsatteliten bündeln sollte. Der Strahl hätte Taipei geröstet und so mussten unsere Jungs und Mädels von International Rescue ihr bestes geben um meine geliebte Stadt in der Zukunft zu retten.

Bali bei Taipei Anno 2015. Das wird noch dichter bebaut und höher und den Leuten wachsen mehr Bärte...


Wie sah Taipei in der Serie aus? Es lag zwischen wenig begrünten Felsen in einem Talkessel, der ziemlich realistisch aussah, nur etwas zu felsig war. Drinnen war mehr Hochhäuser als heute und Bauarbeiter waren gerade dabei ein riesiges Hochhaus zu bauen, das aus Segmenten bestand, die wie die vom realen "Taipei 101" - Hochhaus aussahen. Vergleiche das Bambussprossen-Design. Offenbar gab es im Jahre 2060 eine Neuauflage vom Taipei 101, bei der man diesmal die Segmente invers montiert hatte. So als würde die Bambusstange falsch herum wachsen. Na ja, kann mal passieren. Den tapferen Bauarbeitern wurde ein Kran weggesengt und knallte in die Straßen Taipeis (vgl. einen durch Erdbeben ausgelösten ähnlichen Unfall beim Bau des echten 101). Die Straßen Taipeis sahen so etwa aus wie Chinatown in Vancouver. Schöne alte Häuser, oben Wohnungen und unten Geschäfte drin. Keine Autos. Keine Mopeds, keine Garküchen. Viele Passanten hatten Bärte und alle konnten am Ende ihre Rettung bejubeln.

Wie wird Taipei im Jahre 2060 wirklich aussehen? Eifrige Leser schreiben es dann bitte unten in die Kommentarspalte in der internetmusealen Version dieses Blogs ("delivered directly to your brain"), wenn sie noch funktioniert. Wird die smogige Enge aus Mopeds und Autos und manchmal Unrat und immer Garküchen wirklich verschwunden sein? Ich melde Zweifel an. Werden die Menschen wirklich mehr Bärte haben? Kann schon sein, die jungen Taiwaner sind ja auch heute wesentlich größer im Schnitt als im Jahre 2004, als ich hierher gekommen bin. Noch mal 10 Jahre und die Herren haben Bartstoppeln, bin ich fast von überzeugt.

Wird Taiwan von Peking regiert werden, wie es der feuchte Traum unseres derzeitigen prochinesischen Präsidenten Ma Ying-Jeou ist? Das konnte auch die TV-Serie nicht verraten, immerhin kann die International Rescue einfach überall hin fliegen ohne irgendwelche Regierungen um Erlaubnis bitten zu müssen. Laowai-mäßig wie die International Rescue aussieht hätte Peking da bestimmt trotzdem irgendwas gegrummelt, aber so sehr geht die Serie nicht ins Detail...

P.S.: Die Leute, die in der Sattelitenschüssel am Berghang gearbeitet haben, sahen alle wie Johnny Weißbrot - Laowai aus. Anno 2012 jedenfalls hatte man nichts gegen dunkelhäutige Ausländer, nur etwas dagegen dass "Leute mit dunkler Hautfarbe im Gebäude ein und aus gehen" (http://www.taipeitimes.com/News/front/archives/2012/09/20/2003543198), was "nichts mit Diskriminierung zu tun hat". Dank an Forumosa.com für den Link auf diese Perle eines lokalpolitischen Statements ;-)

Donnerstag, April 30, 2015

Spendenaktionen im Ausländerforum

Keine Sorge, ich fordere Sie nicht auf Geld zu geben. Ich gebe auch nix.

In Taiwan gibt es - immer noch - eine gut funktionierende gesetzliche Krankenversicherung die bei mir dem dem -wohl- Maximalsatz von 1000 NT im Monat (nach 1:40-Standardkurs vor der Euroabwertung waren das 25 Euro) mehr zahlt als die deutsche KV. Jedenfalls bekommt man hier auch Erkältungsmedikamente bezahlt. Alles schwerwiegende wird sowieso übernommen, auch wenn es ebenfalls Krankenhaustagegeld und eine Praxisgebür (200 NT, 150 NT für Kinder) gibt.

Trotzdem passiert es immer wieder, dass das alteingesessene Ausländerforum Taiwans bei verunfallten Ausländern zu Spendenaktionen aufruft. Die allgemeine KV wird dabei erst gar nicht diskutiert und ich wundere mich jedes Mal.

Jetzt war wieder eine tolle Geschichte. Da ist ein "Englischlehrer", der stets und ständig mit einem schweren Motorrad mit hoher Geschwindkeit durch den taiwanischen Verkehr rast, wohl teilweise mit einer Hand und sich dabei filmt. Auch die Taiwanpresse hatte ihn schon auf dem Kieker. Geld verdient er mit Motorradtourismus und wohl seinen Videos. Mir sind seine Hochgeschwindigkeitsfahrten im öffentlichen Verkehr immer unsympathisch gewesen, das gebe ich gerne zu.

Als er schließlich verunfallt ist - bei langsamer Fahrt wie er sagt - gab es wieder eine Spendenaktion, bei der diesmal wohl eine Million NT gesammelt wurden. Der Motorradkünstler offenbart dann Details über die Trennung von seiner Frau, lädt sich zwei Freunde nach Taiwan ein und bezahlt deren Flugtickets, um seine mittlerweile in seine neue Wohnstatt eingezogene Frau physisch ruhig zu stellen. Dann fliegt er nach Australien und lässt es sich gut gehen und die Leute schreiben im Forum "Oh Gott, wo ist nur mein Geld geblieben?"

Letztlich ist das mit der gesetzlichen Krankenversicherung eben keine schlechte Sache, da weiß man wer was wofür zahlt denke ich. Und ich gebe zu, ich bin wieder mal unsolidarisch. Und verblüfft, wofür die Leute spenden. Gibt es nicht wirklich Bedürftige? Levitenleser aus dem Forum nur zu, der olle Ebenezer Scrooge hat wieder mal keinen Kreuzer raus gerückt.... Das Taiwanblog freut sich, dass nichts schlimmeres passiert ist und gratuliert zur Genesung.

Andererseits, Leute dafür zu bezahlen, nicht mit dem Motorrad mit einer Hand durch den Verkehr zu rasen hat auch schon wieder eine gewisse Logik...

Mittwoch, April 29, 2015

Taipei-NeiHu, Schatten

Ein paar Eindrücke aus der Nachbarschaft. 

In der letzten Zeit hatte das Blog viel negatives. Unfälle aus der Presse und kleiner und mittlerer Alltagsärger geben dem mit Taiwan nicht vertrauten Leser schnell ein negatives Bild vom Land. Positive Beiträge sind auch deswegen unterblieben, weil wieder mal mein Magen grummelte. Letzteres waren allergische Symptome auf irgendetwas reagierend was die Firmenkantine verkocht. Insbesondere Öliges führt bei mir schnell zu Magenbeschwerden und mittlerweile sogar Brechreiz. Ob das daran liegt, dass immer noch das Tierkadaver-Östrogen-Verhütungsmittel-Psychopharmaka - Speiseöl aus dem letzten Kochskandal verwendet wird? Ich weiß es nicht. Brot und Obst trugen zu meiner Genesung bei und daher will ich schnell ein paar nette Bilder posten, bevor das nächste Gift im taiwanischen Essen mich wieder erwischt hat. Und ja, für mich allein wäre die Lebensmittelsituation in Taiwan Grund zum sofortigen Wegzug, aber so einfach ist das halt nicht mit Junior und taiwankoheränter Frau, die alle Lebensmittelskandale trotz eigener Magenbeschwerden für Ausländerenbildung hält.

Sonntägliches Entspannen im Keelung-Riverpark in Taipei-NeiHu. Hier kann man unter dem Baum plastiniertes Essen zu sich nehmen und Eistee aus der Plastikflasche, der taiwantypisch auch Kunststoff (eben DEHP, Flüssigkunststoff) enthält. Halt stopp, es sollte ein positiver Beitrag werden.

Auch das wenig hübsche Taipei-Zhonghe (Jonghe, Jhonghe, Chungho,....) wird zwar nicht hübscher, aber dafür weniger hässlich. Statt dem Parkplatz gab es hier früher eine verfallende rostige Wellblechfabrik, so sieht das viel hübscher aus. Park und Bäume stehen auch auf dem alten Fabrikgelände, sind aber nicht im Bild.

Rechts daneben verschönern "Pierre" und whats-his-name auch nicht gerade die Landschaft finde ich. Na ja, Ansichtssache.

So recht klappt es mit dem positiven Spin des Artikels auch wieder nicht. Wahrscheinlich, weil ich die nächsten Magenprobleme schon wieder antizipiere. Selbst Brote belegen ist in Taiwan in der Tat die Lösung, da weiß man was man hat. Apropo H, hier ist eine andere Methode zur Verschönerung der immer noch dominierenden Schlichtwohnungen in Taipei, einfach ein weißes Auto davor parken.

In wenigen Jahren wird das auch nicht mehr stehen, man sieht überall wie hier ganz in der Nähe, wie große Wohnhäuser (oder auch Bürohäuser) die alte Schlichtarchitektur verdrängen. Dabei hat dies Haus in der Mitte ja sogar ein paar architektonische Akzente. Solche Wohntürme wie die noch blau verpackten hier haben meist eine neoklassizistische Fassade, die immer ein bisschen an Stalins Zuckerbäckerstil erinnert und eine schlossähnliche Empfangshalle. Teurer wird der Wohnraum dann wohl werden. Die Bauprojekte nennen sich teilweise "Frence Hotel", was "French Hotel" werden sollte - auch wenn es gar kein Hotel wird - und wohl vornehm klingen soll. Oder auch Paris Palace oder Glory Garden oder Luxus Villa oder wie auch immer.

Jetzt hat mir der bittere, sämige Brei, den die Taiwaner für frischen Kaffee halten, wieder die Laune und halb den Magen verdorben. Also weg mit dem Zeug und schnell ein Foto von schattigen Bäumen ganz in der Nähe von meiner Wohnung gezeigt. Ohne abschließende sarkastische Bemerkung.

***

Und ein interessanter Link zum Thema Nahrungsmittelsicherheit, der hervorhebt, dass die jüngst gefundenen Verunreinigungen oft schon seit Jahrzehnten im Essen in Taiwan sind. Interessant auch der erwähnte Umstand, dass 2/3 aller Nahrungsmittel-"Provider" in Taiwan (das schließt Garküchen und Speiseölhersteller etc. ein) illegal und nicht überwacht arbeiten.

Freitag, April 24, 2015

Taiwan interessant für ausländische Experten?

Immer wieder wird erwähnt, Taiwan wolle vielleicht in Zukunft ausländische Experten anwerben wie Singapur oder dergleichen und sein Immagrationsrecht ändern. Diese Geisterdiskussionen versickern immer schnell wieder und langjährige Expats äußern sich fast immer kritisch. Was hat es also damit auf sich?

ACHTUNG: Linksammlung zur Arbeitswelt in Taiwan am Ende!

Wenn man ins Ausländerforum guckt wie Forumosa.com, dann werden solche Pläne Taiwans, ggf. in Zukunft gezielt ausländische Experten anwerben zu wollen, meist sehr kritisch kommentiert. Auch bei Facebook in entsprechenden Expatgruppen. Argumente sind meist
(a) Politiker reden immer nur drüber und machen eh nix,
(b) Gehaltsniveau zu niedrig,
(c) toxisches Arbeitsumfeld i.S.v. "unangenehm/mit großem Konfliktpotential für den Ausländer" und
(d) "Karrieregrab"

Das klingt alles nicht sehr ermutigend. Ich möchte das einmal mit meinen persönlichen Erfahrungen in drei taiwanischen Unternehmen vergleichen und dann eine Einschätzung gemäß (b) bis (d) für diese Unternehmen vornehmen. Die Namen der Unternehmen werden nicht genannt und einzelne Geschäftsvorfälle nur unscharf wiedergegeben, wenn sie längst im Nebel der Geschichte versunken sind.

Die Namen der Unternehmen sind geändert.

I. Unternehmen OKAYO. 
Meine Tätigkeit etwa: 2004-2006
Noch heute existent (stark geschrumpft)
Etwa 50 Mitarbeiter. Geführt von Ehepaar, wo sie das "Business" machte und er die Entwicklung.
Produkte: USB-Kabel und dergleichen (auslaufend), USB-Festplattengehäuse, teilweise mit Hardwareverschlüsselung. Produkte heute ähnlich im SATA und RAID-Bereich, also immer noch Festplattensysteme

Im Jahre 2004 musste ein Job schnell her. Meine Frau brach die Zelte in Deutschland ab, als mein "Dot-Com-Bubble" - Arbeitgeber dort, der schöne kryptographische Sofware gemacht hatte, in die Insolvenz ging. Da musste es Taiwan sein und weil mein Arbeitgeber die letzten Monate das Gehalt nicht mehr gezahlt hatte, war mein Konto leer und ich nahm die erste Zusage an, auch wenn ich nur die Hälfte meines letzten Softwareentwickler- plus Produktmanager - Gehalts bekam - als Produktmanager.

Arbeitsstil im Unternehmen: Sehr herrischer Führungsstil durch die Chefin, die viel im Unternehmen herum schrie. Mitarbeiter rannten mit devot gesenkten Köpfen hinter ihr her. Totales Mikromanagement durch eine freilich sehr fähige Chefin, die aber eben jedem Mitarbeiter oft einzelne Arbeitsschritte abnahm. Eigener geistiger Input wurde in der Regel aus Zeitgründen nicht beachtet oder grundsätzlich verworfen. Chefin war immer und überall und behandelte ihre Businesssektor-Mitarbeiter eher wie Drohnen. Dieser Micromanagement genannte Führungsstil soll in kleineren taiwanischen Unternehmen üblich sein, wie man hört.

Business-Model des Unternehmens: Sich knapp hinter einem großen Technologieführer positionieren (i.d.R. US-Unternehmen oder auch japanisches mit Ingenieurbüro anderswo in Taiwan und Produktion in China) und dessen NEUE Produkte nachmachen und eine verbesserte Version dieser Produkte zusätzlich anbieten. Die Grundversion i.d.R. zum günstigeren Preis. Solange von den ANFANGS noch recht hohen Deckungsbeiträgen profitieren, wie das Produkt neu ist. Später kommen tausend Me-Too-Unternehmen dazu und die Preise fallen dramatisch. Dann musste OKAYO schon wieder auf das nächste neue Produkt umgesattelt haben.

Meine Erfahrungen: Schnell zeichneten sich durch generelle Marktflaute finanzielle Probleme des Unternehmens und Personalreduzierung ab. Das letzte Produkt der Chefin, das während meines Daseins entstand, war eine Kopie einer kleinen USB-Festplatte mit 1GB oder 2GB Speicher, damals sehr viel! Der Straßenpreis des japanisches "Orginalprodukts" lag bei 100 Euro (damals okay). Wir hatten ein ähnliches Produkt auch für 100 Euro und die hardwareverschlüsselte Upgradeversion für einen höheren Preis. Das ging so nicht, weil man immer günstiger sein musste als das Vorbild mit großem Markennamen. Ich wies die Chefin darauf hin, die den Einwand wegwischte und auf dem zu hohen Straßenpreis bestand. Alsbald zeichnete sich eine de-facto-Pleite ab. Allerdings gehen taiwanische Unternehmen meist nicht pleite sondern können ohne große Kosten Personal freistellen und dann mit 5 Leuten weiter machen. In der Schrumpfphase wurde ich als Vertriebshoffnung gesehen - das passiert Ausländern fast immer in Taiwanunternehmen - und ich sollte eine deutsche Zweigstelle eröffnen. Freilich war mein Budget dazu etwa 0 Euro. Oder genau 0 Taiwandollar.
Mit Risikofreude und praller privater Kriegskasse hätte ich mich hier als deutsche Zweigstelle aufstellen können. Ob das ein empfehlenswertes Investment war wage ich jedoch zu bezweifeln. Meine eisernen Reserven wollte ich nicht in das Unternehmen investieren.
In dieser Phase waren die montäglichen Businessmeetings längst zu einseitigen Schreiorgien geworden und ich kündigte, in dem ich sehr taiwanuntypisch der Chefin eine ruhig und genüsslich vorgetragene Retourkutsche gab, als sie wieder mal loslegte und ich an der Reihe war. Gleich nach dem Meeting bat sie mich höflich zum Personalgespräch und ich präsentierte ihr das vorbereitete Kündigungsschreiben, das ich schon dabei hatte seit Tagen und sagte ihr taiwantypisch, ich müsse mich "um meine Familie kümmern", was man immer in Taiwan sagt wenn man kündigt. Wir trennten und freundschaftlich.

Unternehmen heute: Vor einem Jahr sollten es noch 2 Frauen und 3 Männer gewesen sein oder dergleichen. Deutsche Zweigstelle wieder verschwunden. Ich wünsche dem Unternehmen alles Gute, denn sie haben sich ein hartes Geschäftsmodell ausgesucht und da ist sicher nicht viel Raum für Freundlichkeit.

 Kriterien:
(b), zu wenig Geld: ja
(c), unangenehmes Arbeitsumfeld: ja: Schreiorgien und lustigerweise einmal sogar war es buchstäblich toxisch, als auf dem Flur mit Außenholzlack im Innenbereich renoviert wurde und die meisten Angestellten ohnmächtig auf den Schreibtischen schliefen. Auch eine Hochschwangere.
(d), Karrieregrab: jein: Kleine Unternehmen haben nun mal wenig Aufstiegschancen. Mit praller privater Kriegskasse und unternehmerischer Vision hätte man es zum "Mr.Germany" des Unternehmens in Deutschland (natürlich Düsseldorf) bringen können.

Anekdote: Steve, der jesusmäßig aussehende coole US-Editor, schreibt meine Texte um, indem er zwei völlig inkompatible Satzhälften locker aneinander klebt.


II. Unternehmen PROTEC
Tochterunternehmen eines anderen asiat. Unternehmens
Meine Tätigkeit etwa: 2006-2007
Heute offenbar nicht mehr existent oder in-name-only unter dem Mutterunternehmen
Etwa 50 Mitarbeiter. Geführt von "President".
Produkte: Früher Notebookgehäuse, zu meiner Zeit Tablett-PCs - wohlgemerkt zu Zeiten VOR dem iPad von Apple.

Ich wechselte von OKAYO nach PROTEC wieder ins PM. Hier war ich Produktmanager für ein tolles Produkt. Einen wasserdichten Tablett-PC fürs Gesundheitswesen, der ein veritables drahtloses Stethoskop eingebaut hatte. Tolles Ding.

Arbeitsstil im Unternehmen: Große Wichtigkeit von Beziehungsnetzen, nicht ganz untypisch für taiwanische Unternehmen. Entscheidungen konnten um so besser durchgesetzt werden, wenn man als Hardwareentwickler einen guten Draht zum Entwicklungschef hatte oder als Businessmensch zum "President". Ansonsten war der Input eigentlich sehr gering, selbst wenn er fachlich korrekt war. Mein direkter Chef, der PM-Leiter, schien abgestumpft und sagte oft "entscheidet der President, kann man nix machen wenn man nicht sein Freund ist", egal worum es auch ging. Ich musste mich an Rülpskonzerte im Großraumbüro gewöhnen (bin nur einmal im Cubical aufgestanden und habe sie dirigiert) und an das Umherfliegen der Fußnägel meines Chefs (auch so ein Taiwanding die im Cubical zu schneiden). Großzügiger Freizeitausgleich für Überstunden, sehr taiwanuntypisch. Der oft dazu führte, dass die Entwickler (die offenbar in Zeitlupe arbeiteten) nicht da waren, wenn Ingenieure des US-Kunden im Büro standen und die Technik besprechen wollten. Qualifizierte Leute, aber Ingenieure nach Gutsherrenart arbeitend und diffuse Entscheidungswege würde ich als Zusammenfassung geben. Sonst ein sehr netter Umgangston.

Business-Model des Unternehmens: Tablett-PCs für Industriekunden (Lager, Gesundheitswesen) und nach meinem Kommen der Versuch, im Rahmen der "Slate-PC"-Initiative von Bill Gates/Microsoft diese auch Privatkunden aufs Auge zu drücken. Der Slate-PC oder unser kleinerer UMPC war damals ein kompakter, dicker Windows-XP Tablettcomputer mit recht kurzer Batterielebensdauer, aber sonst nett gemacht. "Brick" nannten wir ihn auch umgangssprachlich, weil er so dick war. Leider wurde er auch noch etwas heiß, aber das war damals pre-iPad Stand der Technik. Als ich das Gerät auf der Cebit präsentierte merkte ich, wie wenig Traktion so ein Gerät bei Privatkunden fand. Da musste erst das billigere iPad ohne Hitze, mit mehr Batteriepower und besserer Oberfläche her, aber das war nach meiner PROTEC-Zeit.
Bill-Gates ließ selbst ins Unternehmen vorfühlen und seinen Slate-PC / UMPC dort propagandieren, so dass die Firma sehr optimistisch war, den UMPC bald in riesigen Stückzahlen auch in Deutschland absetzen zu können.

Meine Erfahrungen: Ich führte Erfolgreich mein Healthcare-Tablett-Projekt für einen riesigen US-Kunden durch. Danach sollte ich zum DACH-Vertriebler werden, also Vertriebler für D, Austria und CH. Dabei wurde mir kommuniziert, man würde sehr hohe Absatzzahlen von mir erwarten, weil schließlich Bill Gates persönlich den UMPC pushen würde. Allerdings hatte mein Vorgänger, der Busenfreund des President, genau 0 Stück der UMPC in der Startphase abgesetzt. Meine u.a. Gardner-Marktforschung-gestützte Analyse zeigte den UMPC als Early-Adopter oder eher sogar als vorgelagertes Tech-Enthusiastenprodukt und ich wusste, dass nur wenig Stückzahl damit zu machen sei. Der Tablett-PC wird kommen, sagten Gardner und ich. Aber erst wenn Batterielebensdauer rauf und Preis und Hitze runter gehen würden. Trotzdem fand ich mich eines Morgens als DACH-Vertiebler wieder und mein erfolgloser Vorgänger hatte meinen Job bekommen, weil er Freund vom Chef war und mein Produkt so schön auf die Zielgrade zu lief. Nie werde ich meinen letzten Con-Call mit dem konservativen US-Kunden vergessen, den der neue Projektleiter mit einem zotigen Witz einleitete. "Können wir dir was mitbringen aus Taiwan wenn wir euch mal besuchen?", fragte mein Nachfolger. "Frauen vielleicht oder Kekse?". Man konnte das entsetzte Einatmen des Kunden deutlich hören. Es war Zeit zu gehen im Unternehmen, denn ich bin kein Vertriebler und meine eigene Analyse zeigte ja, dass die überzogenen Erwartungen an das neue Nr.1 - Produkt nicht erfüllt werden konnten. Und die Auslegung der Produktion auf das Gerät sogar das Unternehmen gefährdete.

Zusammenfassung: Bill Gates ist Schuld ;-)

Unternehmen heute: Nicht mehr wirklich vorhanden. iPad-ähnlich aussehende Nachfolgemodelle mit WinXP und Win7 waren nicht durchsetzbar am Markt. Bis Android ist das Unternehmen wohl nicht gekommen, wohl auch weil taiwanische Denkweise sehr Windows-lastig ist.

Kriterien:
(b), zu wenig Geld: mehr als bei OKAYO aber für "ausländische Experten" ein bisserl wenig
(c), unangenehmes Arbeitsumfeld: nicht wirklich, aber Frustationspotential durch Entscheidungswege und Arbeitsstil nach Gutsherrenart / Freundschaftszirkeln
(d), Karrieregrab:Aufstiegschancen nur durch Freundschaft mit den richtigen Leuten. Wie fast immer die Gefahr, als Ausländer eher projektbezogen (vgl. Ende meiner PM-Tätigkeit als das Projekt erfolgreich auslief) gesehen zu werden oder als Vertriebler und nicht als normaler Dauermitarbeiter.

Anekdote: Oscar, der langhaarige Firmen-Tausendsassa, der immer den Frauen auf die Damentoilette nachstieg, fragte meine Frau wie der Sex mit einem Ausländer sei.


III. Unternehmen BIGONE*
Einer der größten taiwanischen Computerhardware-Hersteller
Meine Tätigkeit: 2007 bis heute
Um die 2000 Mitarbeiter
Produkte: Server, PCs, Notebooks, Tablett-PCs für Spezialanwendungen, Unterhaltungselektronik, PC-Zubehör wie Grafikkarten

Durch persönlichen Kontakt wechselte ich diesmal mit Frau zu BIGONE, wo wir beide ins Team der Bekannten meiner Frau als "Feuerwehr" geholt worden. Das war das Server-Supportteam. Ein junger Kollege hatte unzählige Supportfälle des großen US-Kunden einfach unterschlagen und hier musste man schnell aufräumen, das undokumentierte Chaos organisieren und dem Kunden zeigen, dass jetzt kompetent und ernsthaft an seinen (industriellen) Supportfällen gearbeitet wurde. Hier ging es nicht um Endkunden- sondern Großkundensupport. Das gelang uns auch.
Später übernahm ich die Linux-Entwicklung im Server-Supportbereich und leite seither ein entsprechendes Team, das Test-Software (auch Hardware-Testsuites) schreibt oder eine Art eigener Distro mache, die z.B. auf embeddes-Linux - Geräten zum Einsatz kommt.

Arbeitsstil im Unternehmen: Supportteam und auch das angeschlossene Testteam hatten sicher Optimierungspotential, das zu schaffen wir ja auch eingestellt worden waren.  Frau und ich reoganisierten das Team und Frau übernahm den Vorsitz. Ich selbst sorgte für eine Verbreitung des Linux-Wissens, das für den Serverbereich unabdingbar war und leider vorher nur rudimentär und fast messiashaft von einigen wenigen Mitarbeitern verwaltet wurde, die nur nach viel Bitten in Zeitlupe ihr Wissen anwandten. Ich entdeckte große Ähnlichkeiten zur Arbeitsweise bei PROTEC. Heute hingegen ist das Team effizient, schnell und leistungsfähig und Wissen ist weit verteilt.
Früher war es üblich, dass einzelne Mitarbeiterleistungen kaum beachtet wurden und nur der Teamleiter gelobt wurde. Das lassen wir in unserem Team nicht zu und honorieren stattdessen (vielleicht taiwanuntypisch) auch Einzelleistungen.
Chefs jedenfalls sind absolute Respektspersonen, den man nie widersprechen darf, auch nicht in technischen Diskussionen in Detailfragen. Mir natürlich schon, aber das traut sich wohl auch keiner. Ist ja auch nie nötig ;-)

Business-Model des Unternehmens (Computerbereich): Intel oder AMD bauen ein made-in-USA - Referenzboard eines Computers (also das Mainboard), das Unternehmen wie BIGONE dann adaptieren und zu unzähligen Produkten abwandeln. Zahl der CPUs, RAM-Banken, Schnittstellen, Hitzefähigkeit und anderes können dramatisch je nach Anwendungsgebiet variieren. In einem konkreten Projekt übernehmen dann Ingenieure des Kunden in Zusammenarbeit mit den hiesigen Ingenieuren die konkrete Ausarbeitung. Das entstehende neue Endprodukt (mal mit, mal ohne Gehäuse drumherum) wird dann in China gefertigt, wie üblich.

Meine Erfahrungen: Eine kreative fruchtbare Arbeit und mein Aufstieg vom Großkunden-Supporter zum Linux-Teamleiter waren sehr positive Erfahrungen. Wichtig ist jedoch, dem chinesischsprachigen Flurfunk nicht zu vernachlässigen, bei dem immer wieder nichtzutreffende Gerüchte verbreitet werden. Offenbar dient die qualitativ hochwertige Arbeit meines Linuxteams anderen Mitarbeitern als Herausforderung und Messlatte und sie weichen dem für sie entstehenden Druck aus, in dem sie behaupten, meine Arbeit erledigt zu haben an meiner statt. Da muss man ebenso auf Chinesisch dagegen halten und ein einzelner Expat ohne perfekte Chinesischkenntnisse (wofür ich meine Frau habe) fände sich sicher bald auf dem Abstellgleis - oder eben im Vertrieb - wieder. Weil Kollegen seine Lorbeeren für sich selbst reklamiert hätten. Mit Ohr auf dem chinesischen Flurfunk geht das allerdings recht gut.

Kriterien:
(b), zu wenig Geld:Ich konnte nie ausländische Entwickler einstellen, weil die 100.000 NT verlangen (2.500 Euro etwa) und das können wir nicht zahlen. Taiwanisches Gehaltsniveau ist niedriger.
(c), unangenehmes Arbeitsumfeld:nur die Gefahr des "Lorbeeren-Stehlens" bei Expats durch Kollegen, die für einzelne Expats ohne perfekte Chinesischkenntnisse wohl "tödlich" wäre.
(d), Karrieregrab: Bei mir nein. Für den einzelnen Expat aber wohl oft doch, siehe (c)

Anekdote:  Der neue Kollege "Elvis" (so sein englischer Kampfname) steht bei mir im Cubical und lacht mich aus, weil ich als Ausländer so komisch aussehe. Kichernde Kolleginnen im Minirock bewirten mich mit Keksen. Heute habe ich einen Management-Cubical und "Elvis und die Miniröcke" sind weg (seufz).

Wenn ich mal gehe, wird mir dieses sehr gute Unternehmen fehlen. Es kommt in der Hitliste meiner Lieblingsarbeitsstellen gleich nach dem deutschen Kryptounternehmen, in dem ich in der auslaufenden Dot-Com-Zeit ein wunderbar kreatives Arbeitsumfeld erleben konnte. Es war einfach Fun, wenn auch nicht ganz marktorientiert; Dot-Com-typisch damals. BIGONE ist oft ähnlich viel Fun und natürlich viel viel marktorientierter. 


Wie lautet also die Bilanz? Können die ausländischen Experten in Scharen kommen?

Nun, ich denke, wenn sie mit unter 100.000 NT (eher 70.000) auskommen und eine einheimische Frau heiraten, dann können sie kommen. Sonst geht das ja Visa-mäßig eher schlecht***. Ernsthaft gesagt eignet sich für den einzelnen Expat Taiwan eher als interessante Auslandserfahrung, nicht auf die Dauer. Wäre meine Schlussfolgerung, wenn ich die obige Liste angucke. Nur für mich läuft es viel besser, seit ich mit Frau im Duo arbeite und daher auch den chinesischen Flurfunk kontrollieren kann. Ein bisschen Chinesisch oder auch mittelgutes Chinesisch würde da nicht reichen beim Einzelkämpfer-Expat.

* leicht editiert
*** Ohne Heirat gibt es ein an den Arbeitsplatz im Sinne von Adresse gebundenes Work-Visa. Kündigung führt daher zu Existenzgefährung, Arbeitgeberwechsel ist schwierig.


Ähnliche Artikel:

Jetzt mit Update April 2015: Arbeitsweltinfo Taiwan:
http://osttellerrand.blogspot.tw/2010/01/arbeitswelt-in-taiwan.html

Noch Stand 2009: Lebenshaltungskosten:
http://osttellerrand.blogspot.tw/2009/04/fragen-zu-kosten-etc-in-taiwan.html

Lebensmittelsicherheit in Taiwan (Stand Ende 2014):
http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/11/info-taiwan-schlechte.html
Siehe insb. Punkt 10 der FAQ für eine Auflistung der Skandale.

Eine der aktuellen Meldungen zu chemischer Belastung von Lebensmitteln in Taiwan:
http://osttellerrand.blogspot.tw/2015/04/lebensmittelskandal-in-taiwan-geht.html

Ach coole Expats werden irgendwann mal alt, auch wenn das noch gaaaanz lange hin ist: Korrigierter Artikel zur Rentenversicherung in Taiwan:
http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/10/links-zur-rentenversicherung-in-taiwan.html 
Und ein komprimierter Rentenüberlick, den man am besten vor dem obigen Link liest (Zusammenfassung, weitere Erklärungen): http://osttellerrand.blogspot.tw/2015/05/ludigels-lustige-lenten-legende.html

Mittwoch, April 22, 2015

Mittelalter Informatiker flippt bei wiederholten Fragen aus

... möchte ich fast schreiben als Verhohnepiepelung des letzten Artikels

Ich hasse diese technischen Diskussionen mit meinem "Mitexperten" hier in der Firma. Sie haben alle so ein Halbwissen wie was funktioniert und dann fragen sie mich wenn sie ein Problem haben. Ihnen gefällt aber die Antwort nicht, wenn sie nicht ihrem Halbwissen entspricht und so ganz genau wissen sie selbst nicht, was sie eigentlich fragen, weil sie das Thema nur zur Hälfte verstehen. Das ist nicht weiter schlimm, wer weiß schon alles von irgendwas. Aber wenn man dann fragt ohne die Antwort hören zu wollen und dann nach - typisch taiwanischer Art - endlos immer weiter fragt, weil man hofft, dass sich die Antwort ändert, dann ist das schon eine nervige Sache. Insbesondere, wenn die Antwort vielleicht nicht ganz verstanden wird, weil das Thema und die ursprüngliche Frage nicht völlig klar sind. Am Ende schreibt man dann einen gefrusteten Blogeintrag, statt "das Thema noch mal zu ergoogeln" wie der Taiwanboss verlangt hat. Denn alles zu dem Thema habe ich schon zehn mal gesagt und alles googeln ändert auch nichts.
Manchmal möchte man einfach nur ein Happy Meal von McDonalds greifen, die Colapappdose dazu und mal so richtig vom Leder ziehen, so wie hier.... ;-)

Montag, April 20, 2015

Älterer Ausländer flippt in U-Bahn aus / Taiwanhass

Wo kommt er her der Taiwanhass? Warum flippt ein westlicher Ausländer so in der MRT Taipeis aus, dass er abgeführt wird?

Taiwan ist ein Land starker Gegensätze. Oder eben auch die Hauptstadt Taipei, die oft gemeint ist, wenn Ausländer "Taiwan" sagen oder schreiben. Auch in der Wahrnehmung durch Deutsche oder Amerikaner oder andere westliche Ausländer kann Taiwan - oder eben meist Taipei oder eine andere Großstadt - sehr unterschiedliche Reaktionen auslösen.

Ein älterer westlicher Ausländer (alt jedenfalls gemessen an der Majorität der 20+ jährigen hier -das genaue Alter kann man schwer ausmachen, irgendwas zwischen Mitte 40 und Mitte 50) rastet in Taipeis U-Bahn MRT aus. Beschimpft Fahrgäste mit zahlreichen Fuck-Yous und Stinkefingern und äfft das asiatische Foto-Victory-Zeichen nach. Er steht offenbar völlig neben sich und hält die ganze Zeit über bizarrerweise eine Fresstüte von McDonalds und einen Getränkebecher. Offenbar ist der Mann bemüht, das taiwanische Klischee vom unbeherrschten und aggressiven Ausländer, der sein Lebtag nur Cola trinkt und Burger isst, perfekt umzusetzen.
https://www.facebook.com/mimic0207/videos/10205358975567007/?pnref=story
Großes Lob an die Fahrgäste, die bleiben ruhig. Nur ein junger Mann lässt sich etwas auf eine Diskussion ein, wird bisweilen geherzt von dem wirren Ausländer und antwortet diesem auf Taiwanisch anstatt auf Mandarin. Womit er praktisch sichergeht dass es nicht verstanden wird. Nicht das verkehrteste denn lt. Ausländerforum soll er Sachen sagen wie "du hast ein Problem im Kopf", was sicherlich unstrittig ist zum gegebenen Zeitpunkt. Niemand lässt sich provozieren, irgendjemand ruft die Security, die auch sehr ruhig bleibt. Es fällt auf, wie ein Securitymitarbeiter den Ausländer beruhigt, ihm auf den Rücken klopft - eher beruhigend als gelte es ein Kind ruhig zu stellen. Es funktioniert, der ruhiger gewordene wirre Mann wird am Schluss friedlich abgeführt und die Fahrgäste bleiben grinsend zurück.

 Taipei-Jonghe: Das hübschere Haus vorne links ist erst in letzter Zeit gebaut. Auch ohne bläuliche Fensterscheibe, durch die ich fotografiert habe, sehe das Bild nicht wesentlich anders aus sondern bliebe eine grau-okerfarbende Wüste mit viel Beton und wenig Architektur


Ausflipper sind im überfüllten und hektischen Taipei kein Ausländerding allein. Auch wenn die Taiwaner meist sehr ruhig und kontrolliert sind habe ich auch schon Taiwaner beim Ausrasten erlebt (verschmitzt hinzugefügt: auch außerhalb meiner Taiwanfamilie). Sie klappen, wenn sie sich aufregen, von extrem ruhig schlagartig zu extrem durchgedreht, was wohl mit der - dann versagenden - konfuzianischen Gefühlkontrolle zu tun hat. Ob der nicht mehr ganz junge Ausländer schon länger hier ist? Ich vermutete einen langjährigen und vielleicht jobmäßig glücklos gewordenen Englischlehrer, wer weiß. Gerade in der MRT durchzudrehen ist natürlich ein dramatischer Ort dafür und garantiert mediale Aufmerksamkeit, wie auch geschehen. Ich konnte nicht umhin zu denken, was wenn es ein Afroamerikaner in den USA gewesen wäre? Dann hätte die US-Polizei ihn sicher erschossen, immerhin war er mit Burger und Getränk bewaffnet.
Persönlich habe ich einmal einen westlichen Ausländer in Taipei erlebt, der in einen irren Mandarin-Schreianfall mit rudernden Armen verfiel. Das war 2004, als ich ihn gerade angekommen in unserem Viertel mit einem "Hello" bedacht hatte. Seither ignoriere ich alle Johnny Weißbrots hier, die ich nicht persönlich kenne.
Taiwaner habe ich schon öfter beim Ausflippen erlebt, etwa vor 2 Jahren einen um 5.30 Uhr im Viertel herum schreienden Mann, der auch völlig außer sich war uns ständig "gan", also "fuck" schrie. Oder eben die Ausflipper und grenzwertigen Angriffe durch andere Verkehrsteilnehmer. Aber da gibt es wenigstens einen Anlass.

Was kann westliche Ausländer dazu bringen, in Taipei oder ähnlichen Großstädten so völlig abzudrehen? Es gibt ja regelrechte Hassseiten im Internet, mit denen meist wegziehende Ausländer ihrem Gastland einen wütenden Stinkefinger zeigen. Der Klassiker hier ist das 2006er "I hate Taiwan" - Miniblog:
http://ihatetaiwan.blogspot.tw/

Nun, das I-hate-Taiwan-"Blog" versucht die Frage zu beanworten und nennt viele negative Dinge taiwanischer Großstädte wie Smog und viele Mopeds und hässliche Architektur. Dinge, die 2006 abgesehen von der konstanten Mopedflut noch schlimmer waren als heute. Konkret kann sich ein westlicher Ausländer, der vielleicht eine ruhige Straße mit viel Platz und klarer Luft in seiner Heimat gewohnt war, in Taipei und ähnlichen Orten in solchen Umständen wiederfinden:

- billige Schlichtwohnung mit Riesenkäfern im Sommer, undichten Schiebefenstern, ohne Heizung im Winter und Rotz- und (wohl Hunde-)Urin-verkrustetem Treppenhaus mit toter Ratte. Die Treppenhäuser scheinen etwa seit 2010 wesentlich sauberer zu werden, von daher sind solche Extremfälle selten geworden

- immer noch viel graue Plattenbauweise mit - auch hier Tendenz stark fallend - Müllhaufen zwischen den Häuserreihen (2004-2008 etwa noch Standard, heute selten)

- kaum oder keine Bürgersteige im Viertel, aggressive Mopedfahrer und Autofahrer die Fußgänger anstoßen während der Fahrt oder weghupen wollen.

- Smogverpesstete Straßenschluchten (Tendenz fallend dank MRT-Ausbau)

- chemisch stark belastetes Essen, das auf den Magen schlagen und allergische Symptome auslösen kann (Tendenz zunehmend meinem Magen nach zu urteilen)

- gerade in billigen Wohnhäusern lärmende Nachbarn, die ab 5.30 Uhr morgens hämmern. Frühstücksbuden, die ab 5.00 Uhr für lautes Gekeife und Geschirrklimpern sorgen, das durch die einfachverglasten Schiebefenster dringt.

- ewig lärmende Mopeds mit frisierten Schalldämpfern

Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Gerade 2006 (vgl. das Hassblog) bestand auch das Stadtzentrum von Taipei viel aus grauen Schlichtbauten, da wo heute entspannende moderne Einkaufsstraßen sind, die teils erst vor kurzem fertig gestellt worden sind.

Für alt werdende Englischlehrer in Taiwan kommt noch dazu, dass sie grauhaarig sehr schlecht Stellen finden, weil sie nicht mehr dem Klischee des jungen Entertainers aus USA entsprechen, dass die Englischschulenszene kolportiert. Vergleiche hier auch das dramatische Ende eines US-Marineoffiziers auf Taiwan, dessen philippinische Freundin eine Taiwanerin ermordet hat durch Geldnot getrieben: http://osttellerrand.blogspot.tw/2007/09/murder-in-foreigner-scene-in-taiwan.html

Neulinge in Taiwan preisen die hübschen Frauen, das leckere Essen, die freundlichen Menschen und die schicken Tempel während Langzeiter oft genervt sind. Wie auch ich die Tage, etwa durch allergische Erscheinungen durch wohl wieder mal chemisch belastetes Essen zum x.ten Male. Oder den Verkehr. Oder die grauen bürgersteiglosen Gassen.

Taipei und Konsorten sind keine Kurorte. Oft hängt man hier fest. Entweder weil die einheimische Angebetete hier nicht weg will oder weil die Insel im Falle von geringqualifizierten englischen Muttersprachlern zur einzigen Einkommensquelle durch Englischunterricht geworden ist*. Es gibt wohl nur wenige Langzeiter die die quirlige Insel hier wirklich lieben. Im Sinne von "lieben hier zu leben". Und die sind vielleicht schon längst im geistigen Nirwana angekommen. "Merken nichts mehr", um es uncharmant zu sagen. Dann braucht der Herr aus der U-Bahn vielleicht einfach noch ein bisschen mehr Zeit.

* Das beantwortet auch die Neulingsfrage: "Warum gehst du nicht weg, wenn es dir nicht gefällt."

Edit: Taiwan hat meinen Artikel mit einem sofortigen heftigen Erdbeben beantwortet.