Ich bin kein Freund davon, andere Kulturen von der eigenen Religion missionieren zu wollen. Zu einem erfolgreichen Land, wie es Taiwan zweifelsohne ist, gehört auch Selbstbewusstsein und die Verwurzelung in der eigenen Kultur und ihren überlieferten Werten. Fremde Werte oder auch fremden Glauben anzunehmen, und damit die Weisheit und Leistungen der Ahnen doch irgendwie abzuqualifizieren, sehe ich da eher als Problemfall an. So freut es mich, dass die Taiwaner wie auch die Chinesen im Wesentlichen ihrer antiken Vielgötterei anhängen und sich weitestgehend dem Christentum versagen - oder eben es in ihre Glaubenswelt einbauen - so wie meine Schiegermutter dank Missionierung und Zu-viel-Zeit im Alter haben (jedenfalls bevor unser Junior dort eingezogen ist) jetzt Jesus als einen weiteren Gott verehrt, neben all den anderen.Sie weiß schon, dass er allein verehrt werden will, der einzige und wahre Gott, aber trägt ihm diese Eitelkeit auch nicht weiter nach.

Wie dem auch sei, heute ist Taiwan längst ein (buddhistisch geprägtes) entwickeltes wohlhabendes Land, in denen jeder seine Religion anbieten und praktizieren kann, mormonische Missionare rennen mit ihren pickeligen Gesichtern, schwarzen Hosen, weißen Hemden und gelben Krawatten durch die Gegend und raunen einem manchmal in dunklen Gassen zu (I've got a message from Jesus for you), Falun Gong kann hier in Taiwan praktizieren, ohne irgendwie gestört zu werden (vgl. die Verfolgung der Falun-Gong-Gruppierung in der VR-China) und die vielen kleinen buddhistischen "Garagentempel" von Privatleuten (sehr kommerziell!) konkurrieren mit den größeren und hübscheren buddhistischen Tempeln. Jedenfalls sieht die US-Kirche bei uns an der Hauptstraße in ihrem römisch-griechischem Stil sehr hübsch aus und lädt mit ihrem hellen Eingangsbereich und zahlreichen Broschüren zum reingehen ein. Sogar ein Café haben sie da, missioniert werden leicht gemacht. Sicher erwischen sie da noch den ein oder anderen Taiwaner, auch wenn es eben christlich-unorthodox enden kann, wie bei meinem Schwager, der zwar Mutter Maria verehrt, aber nicht so sehr Jesus. Jeder halt wie er mag, denke ich mir.

Gleich in der Nähe bei Schwiegermutter noch ein rotes Kreuz, das in der Nacht leuchtet. Die weniger spektakuläre Kirche hat man Sonntag zig Familien drin versammelt, die alle an Tischen essen, trinken und Schwatzen, sieht richtig gemütlich aus. Sozusagen gibt es Single or Double Kafee vorne rechts (ein taiwanisches Franchise, bei dem sie kein Wort verstehen, wenn man irgendwas mit single or double bestellt) und sogar Dreifaltigkeit hinten links.
Eine Moschee gibt es übrigens auch, die haben Saudis gespendet - eine native Moslembevölkerung hat Taiwan allerdings nicht. Kein dekorativer roter Halbmond leuchtet in der Nacht.
Wann kommen die Wiccaner nach Taiwan? Die große Urmutter würde hier auch ganz gut herpassen in die anarchistische Göttervielfalt Taiwans.