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Freitag, November 09, 2012

Ludigel und das Drogencamp

"Ludigel und das Drogencamp" hieß ein Artikel in meinem alten Blog, erschienen im Jahre 2007. Es handelte sich da um ein Blog in der Passado-Community, eine Art deutsches Facebook ohne Datenkrakismus, aber mit sehr gemischtem Publikum und vielen Flame-Wars. So hatte sich die Community irgendwann in eine Pro-X - Fraktion und eine Anti-X - Fraktion aufgeteilt, wobei X eine Person mit psychischen Problem war. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr und habe das ganze Blog gelöscht, allerdings vorher auf Platte gespeichert. Hoffentlich habe ich das nicht schon einmal re-blogt. Wollte es schon öfter, habe es aber wohl noch nie gemacht.



Der Artikel bezog sich auf eine Thailandreise meiner Frau und mir, wohlgemerkt also Thailand und nicht Taiwan. Damals hatte mein Blog so hübsche Header. Heute verbirgt sich unter der unteren URL mein verachlässigtes Techblog. "Der Irrsinn ist nur einen Click entfernt", na gut, daran hat sich nicht so viel geändert.



Nach langer Busfahrt auf dem Festland landeten wir schließlich mit der gesamten taiwanischen Reisegruppe in einer entlegenen Ecke, aber es gab einen großen gut ausgebauten Busparkplatz. Wir waren jetzt fast in Birma oder soetwas übersetzte meine Frau. "Goldenes Dreieck". Na ja, dabei denke ich immer an Toblerone.

Der Eingang zu dem Camp schien Dschungelkriegsromantik verbreiten zu wollen. Marke Militärlager. Dazu passte auch eine thailändische Flagge, ein Funkmast und mehrere Soldaten, die allerdings waffenlos in Kampfanzügen zu sehen waren - vorsichtshalber recht selten fotografiert. An den Uniformen hatten sie eine Miniversion der Thai-Flagge, so dass ich sie erstmal für normale (oder nachgemachte?) thailändische Soldaten hielt.


Die Soldaten wirkten rigendwie spirreldürr und unterernährt, ich meine, dass sogar der ein oder andere barfuß durch die Gegend schlappte. Dann kam die Überraschung. Meine Frau übersetzte, die Truppe hier sei eine übrig gebliebene Kompanie der Armee der Republik China und habe sich schon um 1911 aus China agesetzt. Die Väter oder Großväter der heutigen Soldaten seien beim Dschungelkampf gegen irgendwen (Kommunisten? Japaner? Warlords?) in eine aussichtslose Lage geraten und hätten sich nach Thailand abgesetzt. Ihre Waffen hatten sie scheinbar dort zur Besichtigung aufgebart, in einer Art politischem Museeum, das unter anderen Adolf Hitler neben US-Präsidenten, Mao und dem Republik-China-Präsidenten Chiang-Kai-Shek hängen hatte.

Die Soldaten der Republik China, damals natürlich noch auf dem chinesischen Festland beheimatet mit Hauptstadt Nanking als Nachfolgestaat des chinesischen Kaiserreichs, hätten von der königlich-thailändischen Regierung ein Stück Land zur Verfügung gestellt bekommen, das sie aber nicht verlassen dürften. Und dort seien sie geblieben,hieß es. Bis heute! Sie hätten thailändische Frauen geheiratet aus den umliegenden Dörfern und diese würden mit ihnen auf dem Gelände leben. Die Frauen durften das Lager verlassen, nicht aber die Herren Soldatennachfahren, sagten sie. Auch die Kinder hätten einen ungeklärten Rechtsstatus und seinen Staatenlose. Also ohne Papiere unterwegs und wohl auch nur auf dem Gelände zu finden.

Für Taiwaner war die Führung interessant, weil ja unter anderem die Flagge der Republik China, die hier zu sehen ist, die heutige "taiwanische" Flagge ist. Denn Chiang-Kai-Sheck, Teile des Militärs und des Bürgertums sind ja 1949 auf die seit 1895 von Japanern verwaltete Insel Taiwan geflohen und dort wird bis heute die Republik China alias Taiwan fortgeführt.
Einen Job hätten die Soldaten, gaben sie an, eben den Funkmast für das thailändische Militär zu betreiben, daher auch die Uniformen.


Hier das einzige Foto mit einem der uns bewachenden/rumführenden "Soldaten", kaum zu sehen rechts Grün vor grünem Hintergrund. Einen Film bekamen wir gezeigt, der mit all dem wenig zu tun hatte, einen alte US-Doku aus den Siebzigern über ein Volk namens Karen, die demnach in Birma, Burma oder wo auch immer mit Drogen gedealt hätten, sich mit der dortigen Regierung einen Guerillakrieg geliefert hätten und später mafiös mit der Regierung verschmolzen seien. Man konnte kaum ein Wort verstehen, weil der Geschützdonner fast jedes Wort in dem Film überlagerte. Dann ging es zu den Hütten, wo angeblich die Familien der Pseudosoldaten leben würden. Man entschuldige das Pseudo, aber bis heute habe ich ihren Status nicht so ganz verstanden. Sie selbst wohl auch nicht.


Wir durften dann in eine Hütte herein gucken und dies war der Moment, wo ich wohl dachte, es sei keine Show für Touristen. Denn die beiden an der Wasserpfeife saugenden Herren dort zeigten alle Anzeichen von Junkies, wirkten also halb betäubt mit merkwürdig untot wirkenden Augen, sieht man hier nicht aus der Ferne und langsamen Bewegungen. Es roch auch recht Druggie in der Bude. "Ob wir auch mal einen Joint wollten?", fragte die taiwanische Reiseleiterin und erklärte, es sei hier legal, weil das Gelände exterritoriales Gebiet sei, eben der versprengten Truppe der Republik China überlassen und die Thairegierung würde sich dort aus allem heraushalten, Thaigesetze würden nicht gelten. Ergo sei Drogenkonsum jeder Art erlaubt und die Lieblingsbeschäftigung der dortigen Herren, die die Nachfahren der alten Chinakrieger seien. Ich nahm den Joint entgegen und zog ein paar mal daran. Nun fallen Sie nicht gleich in Ohnmacht, liebe Leser. Mir war wohl bekannt, das ein Joint nicht viel anders als Alk wirkt und daher beim Probieren keine weiteren Gefahren drohten. Und einmal dieses Zeug zu probieren, von dem so viel gefaselt wird, war eben verlockend.
Liebe Kinder, tut das nicht bei Crack, Heroin, LSD oder anderen starken Drogen, denn Crack is Wack, sagte schon Whitney mit dem Drogen-Huston. Und euch fallen die Fingernägel ab und die Zehen verfaulen von den Drogen etc etc. So gut, hätten wir den Teil hinter uns.
Dann nahm mir meine Frau den Joint ab und zog auch daran, mit dem Ergebnis, dass sie den ganzen nächsten Tag halbtot im Bett lag, ich frustriert Weihnachten bei Dosenbier und Schokoriegeln im Hotelzimmer feierte und wir nicht die Tour auf die idyllische Tropeninsel mitmachen konnten. Sage ich doch, Drogen sind Mist.

 Scheinbar lebten hier tatsächlich Familien. Das ganze Gelände war so groß wie vier Fußballplätze und um einen zentralen See gruppiert.


Die Fotos sind damals mit meiner analogen Reflexkamera auch ohne die technischen Spielereien einer modernen Digitalkamera recht gut geworden, auch wenn ich bei der Aufnahme hier heute am "D-Range-Optimizer" drehen würde, um das Dunkel aufzuhellen. Irgendwie wirken Kontraste und Farben natürlicher, weicher. Oder das liegt am Joint ;-)

Mit raus nehmen durfte man den Joint natürlich nicht, sagte uns die Reiseleiterin, denn draußen in Thailand gäbe es da 15 Jahre Knast bei Stockschlägen und Elektroden an die H... für oder dergleichen. Nicht, dass jetzt jemand hier diesen Artikel liest, denkt, er kann in Thailand Drogen nehmen und ich dann Schuld bin. Lassen Sie es, es sei denn sie finden ein zugekifftes Lager einer Geisterarmee im Dschungel, so wie ich hier. Passiert ja nicht allzu oft.

 Eine bunthaarige junge Taiwanerin hatte mittlerweile meiner Frau den Joint entrissen und ich versuchte, die Wirkungen von dem Zeug durch gesteuertes Verhalten zu überspielen. Unter anderem schien die Droge meinen Sehnerv und das optische Zentrum zu stimulieren, so dass ich das Gefühl hatte, etwa alle Blätter eines Baumes auf einmal im Detail erkennen zu können, wie ich mich erinnere. Alles wirkte auch irgendwie übermäßig ausgeleuchtet. Bringt einem aber auch nichts, wer interessiert sich schon für Blätter. Und die Überstimulanz führte zu Kopfschmerzen um die Augen rum. Also nochmal mitschreiben: Drogen sind Mist. Alles klaro?

LINK: Eine der zahllosen Vorankündigungen dieses Artikels: http://osttellerrand.blogspot.tw/2011/09/erinnert-mich.html 

[Update: Bitte die Kommentare beachten: Die Jahreszahl müsste möglicherweise von 1911 auf 1949 korrigiert werden und Thai-Staatsbürger wären es demnach auch. Die Leute haben vielleicht verschiedene Versionen ihrer Geschichte: http://www.oldworldwandering.com/2012/05/03/china-forgotten-army-mae-salong-thailand]
Danke für den Link in den Kommentaren!]

-------Mal was anderes:
Neuer Service hier im Blog, der "Taiwan-Deutschland-Vermischungs-Seismograph"! Jedesmal wenn ein Deutscher Taiwan und eine der hübschen Damen hier für sich entdeckt, schlägt sich das im Blogometer in einer solchen Schockwelle nieder:

Im Sinne weiterer Fraternisierung und Vergrößerung der Inselbevölkerung wünsche ich uns allen noch viele weitere Ausschläge. Man kann die Spitzen halt verstehen bei den hübschen Damen hier, geht mir nicht anders. "Was kann man für Taiwan tun?" fragte neulich einer der Englischlehrer im Ausländerforum. "Neue Staatsbürger zeugen", antwortete ich.



Kommentare:

Andy hat gesagt…

Aaaah, jetzt mit Bildern! Dein altes Passado-Blog ist ja noch in den Weiten des Weg *hust* zu finden wenn man genug sucht, aber die Bilder funktionieren nicht.

Na jedenfalls sehen die Waffen da ganz schön modern aus für 1949. Würde mich interessieren, was wirklich die Geschichte hinter diesem kleinen Drogenhimmel ist...

Anonym hat gesagt…

hallo lüdiger, wir feiern gerade deinen artikel, hammer geil!
gruss,

kiffer jürgen

Anonym hat gesagt…

Ach so, und gruß von frau s. ;-)

Anonym hat gesagt…

Sind das die gleichen Leute? Anscheinend dürfen die Soldaten doch raus - und sind sogar antikommunistische Helden. http://www.oldworldwandering.com/2012/05/03/china-forgotten-army-mae-salong-thailand/

"Ludigel" hat gesagt…

Andy:Stimmt, die Waffen sind sicher zu modern. Was die da erzählt haben, muss also nicht unbedingt die Wahrheit sein.

Gucke mir mal den Link an. Wenn ich nur immer wüsste bei diesen Gruppenreisen wo die mich gerade immer hinschleifen...

"Ludigel" hat gesagt…

Der Ort würde passen, nachdem was ich noch im Kopf habe wo es ungefähr liegen müsste. Auch die Tatsache eine übergebliebene Armee der RoC zu sein passt. Und die Waffen passen viel besser zu 1949/1959 als zu 1911.
Auch die merkwürdige Fixierung auf Burma passt zu dem Artikel über die Mae-Salong Armee.
Und die Heroingeschichte passt auch.

Denke also sie sind die selben. Danke für den Link!

Meine Frau war auch völlig verwirrt damals, als die Leute von 1911 redeten, denn sie hatte auch 1949 erwartet.

Zentraler Punkt in den Erzählungen war, keine Thai-Staatsbürgerschaft zu haben und deswegen sei man so arm dran, dass wir Touris natürlich viel kaufen müssten, so etwa kam das rüber.

Ich denke, dass vielleicht unser getarnter Tourguide da etwas dramatisiert hat, damit die Kasse besser klingelt.

Andy hat gesagt…

Aha, die Hintergrundinfos aus dem verlinkten Wikipedia-Artikel helfen weiter: die Armee wurde nach 1949 zu Anlass des Koreakriegs und auch danach wohl teils neu bewaffnet von Amis/CIA/usw., und letztenendes auch von Thailand. Das erklärt die "modernen" Waffen, die auch für 1949 irgendwie etwas zu modern aussehen (wie die vielen Sturmgewehre, die irgendwie nach belgischen und Ami-Gewehren aussehen).

Hier gibts noch einpaar Infos: http://www.chinahistoryforum.com/index.php?/topic/1704-who-are-the-kmt-burmathailand/

Alles in Allem ist das wohl zum größten Teil nicht mehr die original da in der Gegend eingesetzte 93te Division, von der immer (auch auf Wikipedia) gesprochen wird, sondern hauptsächlich später aus China geflüchtete/vertriebene KMT-Soldaten anderer Einheiten. Die waren wohl erst vergessen, dann wurden sie zum Korea- und Vietnamkrieg etwas unterstützt, und die KMT auf Taiwan wollte die in der Hinterhand haben für die zweite Front bei der geplanten Rückeroberung des Mainlands. Und am ende haben die dann wohl für Thailand gekämpft, weil Taiwan sie nicht zurückhaben wollte - oder die da schon verwurzelt waren mit Thai-Familie usw. Erst in den 80ern wurden die wohl deaktiviert. Auch je nach Quelle haben die viel Opium angebaut, oder waren nicht so extrem involviert. Da kann man bestimmt ganze Bücher füllen mit lauter so Anekdoten aus den Nachwehen des chinesischen Bürgerkriegs und dem kalten Krieg.

Aber blöd: Da redet man sich den Mund fusselig, dass Thailand und Taiwan total unterschiedlich sind, und am Ende gibt's dann doch Kuddelmuddel mit KMTlern die für Thailand und gegen die Kommunisten kämpften :p

"Ludigel" hat gesagt…

Ja, witzige Geschichte mit den Kiffern von der 93ten, ihrem Flower Power (siehe Bildern) und "Give War a Chance"-Motto ;-)