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Montag, April 29, 2013

Deutsche Bockwurst in Venedig (jetzt mit Ortsangabe)

Mit Kollegen ging es in ein mir noch unbekanntes Restaurant. Deutsche Küche sollte es geben. Ein Kollege fuhr und so ging es aus unserem Wellblech-Industriegebiet (das freilich mehr und mehr durch Beton-und-Stahl-Büros dezimiert wird) hinein in zunächst einige der grauen Schlichtwohnhaus-Viertel Taipeis. Doch dann tauchte alsbald das neue Taipei auf in Gestalt von hohen Beton- und Glaswohnhäusern. Alles in den letzten Jahren blitzschnell hochgezogen, hohe Wohntürme wie in US-Städten, die Eingänge schlossartig gestaltet mit Lüstern und goldfarbenen doppelflügligen Toren. Hier wohnt man sicher nicht ganz billig. iMax-Kinos und Einkaufszentren dazwischen - hier waren die Schlichthäuser konsequent weggerissen worden. Dass Büros kleine Fabrikationsbetriebe und Nobelwohnhäuser billigen Wohnraum verdrängen, ist ein Trend in Taipei, das nach willen des Bürgermeisters bald wie HongKong aussehen soll.

Altes Taipei: Schlichthäuser (hier in der Minireihenhausvariante) bei uns im Viertel, mit Bauzhi (Bauze)-Fressbude. "Bauze" sind Hefeteigtaschen mit fettigem Fleischmett gefüllt, das oft schmeckt, als sei es mit Pappe angesetzt. Ich vermute auch stark, dass das oft der Fall ist und verzehre das Zeug nie. Hier ist wieder ein Fernsehmann da, so dass die Bude dann für ein paar Wochen mehr Besucher hat.

 In eines der Einkaufszentren ging es rein und mein Magen knurrte so, dass ich von der Einrichtung des Einkaufszentrums gar nichts mitbekommen habe. Im soundsovielten Stock war jedenfalls ein Kellergewölbe nachgebildet und Bedienungen rannten mit nachgemachten bayrischen oder österreichischen Klamotten herum mit Lederhosn und Tirolerhut. Es gab viel Fischgerichte, aber auch einen Teller mit viel Bockwurst und Pommes, dann noch eine Platte mit Hähnchenschenkeln aus der Fritteuse mit basisch die Zunge ablösender Tunke. Alles was Bayern eben so essen ;-) Dekoriert war alles mit europäischen Fähnchen, nie allerdings die deutsche oder die österreichische. Es gab angeblich selbst gebrautes Bier (aber nirgends standen Braukessel), in schlicht Pils oder Dunkelbier (gar nicht schlecht). Meine Taiwaner in der Runde orderten die Kirsch- und Vanillevarianten des Bieres oder was auch immer das war. Good German Beer. Yeah, wat wäre der Bayer ohne sein Vanillebier. Oder war es Honigbier? Aber kein Met, sondern Bier mit Honig. Oder es gab beides. Ich ignoriere so etwas, weiß es also nicht so genau.

 Spagetti mit Seafood, Haxe und dergleichen gab es auch. War alles lecker, ich habe Würstchen und dei rote gesalzene Haxe (eher norddeutsche Art denke ich mal) gegessen. War lecker, kann ich nicht anders sagen.
War also ein netter Abend, sehr fleischetarig sicherlich.

Hier italiensiche Pommes. Ich habe mir gar keine Vesitzenkarte eingesteckt vom Lokal, war wohl zu gesättigt von Wurst und Pommes, die wir eine Bowlingkugel im Magen lagen. Wo ich doch sonst nur noch leicht und locker esse.


Mit glasigem Blick wunderte ich mich plötzlich, wieso ich einen Gondoliere sah. Dachte wieder zurück an den Venedigurlaub in den 80ern, als meine Minolta XG-2 mitten in Venedig ihren Geist aufgab. Einmal in Venedig sein und kaum Fotos haben, der Horror. Venedig ist für mich bis heute ein Inbegriff des Horrors. Da gab es auch noch diesen Film, wo eine geistesgestörte kleine Frau mit dem Hackebeil in roter Kapuze rumläuft und alle massakriert, darunter ein Elternpaar, das seine rotbehäupte Tochter in einem der Kanäle verloren hat. Blanker Horror! Für einen kurzen Augenblick war ich überzeugt, ich sei am schweren Essen gestorben und der Teufel habe Venedig zu meiner persönlichen Hölle auserkohren. Taste automatisch nach meiner alten Spiegelreflex um den Hals ... doch statt alter defekter Minolta hatte ich nur mein Fotohandy.

Das Luxuseinkaufszentrum war Venedig nachempfunden worden, kein Zweifel. Wieder eine Fortsetzung meines Venedigalptraums: Ich war wieder da, sozusagen, und hatte diesmal gar keine Kamera, sondern nur mein altes Motorola-Klapphandy. 

 Kaffee und Kuchen und Parfum vor falscher Italokulisse, warum auch nicht. So stellt man sich Asien vor als Deutscher. Entweder Bambushütte oder eben so Konsumtempel wo alles überkanditelt nachgemacht ist.


Bei dem reichlichen Licht gab sogar die Handykamera mit ihren 1,3 Megapixeln und ihrer Fixfocusoptik recht brauchbare Resultate. Als Smartphoneverweigerer habe ich bislang immer eine Sony-Kompaktkamera benutzt, wenn ich die große DSLR nicht mit habe. Aber da meine Gattin die Sony beschlagnahmt hat, gibt es diesmal nur Handyfotos.

Ich starrte die Kulisse an und der Ober starrte mich an. Jau, so ein Weißbrot wie ich ist immer wieder eine Sehenswürdigkeit.

*
Ich musste bei den Aufnahmen ständig an "Corel Draw" denken, ein Grafikprogramm aus den 80ern. Die hatten immer Balons auf den CD-Hüllen. 

Ganz kurz meinte ich eine rote Kapuze in einem der Fenster zu sehen. "Tief durchatmen" sagte ich mir. Jetzt bloß nicht ohnmächtig werden vom Essen, sonst träumst du von kleinwüchsigen Serviererinnen mit roten Kapuzen, die dich mit dem Hackebeil verfolgen und ständig fragen: "Wollen Sie noch ein Kilo blutiges Fleisch...." und dazu irre kichern. Keine Frage. Und das alles in Venedig mit Luftballons. 


Laufend schaltete sich auch das Telefon ab mit Batteriewarnung. Fotografisch meint es das echte oder falsche Venedig nicht gut mit mir. 

Was ist nun die Moral von der Geschicht'?

Vielleicht der Hinweis: "Kontrollieren Sie Ihre Kamera immer ausgiebigst vorm nächsten Urlaub" oder "Vorsicht vor schwerem Essen"?

Oder der Gedanke, dass sich Taipei lieber an florentinischer Architektur (Venedig ohne Kanäle, gell?) oder dergleichen hätte orientieren können, als am zusgestunkenen und zugestopften HongKong. 

Never mind.

Update: Anhand des auf den Fotos befindlichen "Perfum Dance" ließ sich die Lokation in Banciao ermitteln: 
Xinzhan Road
F9, No. 28, Xinzhan Rd, Banqiao District, Xinpei City (新北巿板橋區新站路28號9樓)
Ohne Gewähr, aber scheinbar hat das "Perfum Dance" nur zwei Fillialien, eine davon in Banciao, mit venezianischer Kulisse und Bancio liegt in der Nähe "meiner" Firma. Ich war aber NICHT im "Perfum Dance" sondern in dem deutsch-inspirierten Lokal in der Nähe: ein eher untscheinbarer Eingang den man errecht, wenn man im unteren Foto dort (in der großen "Venezia-Halle" stehend auf die Tische des "Perfum Dance" guckend) linkerhand das "Wasser" überquert.
 

Kommentare:

Xinxi hat gesagt…

Schon die alten chinesischen Kaiser hatten ihre "italienischen" Bauten... http://en.wikipedia.org/wiki/Xiyang_Lou

Martin hat gesagt…

War da kürzlich auch und kann mir beim Lesen ein Schmunzeln nicht verkneifen. Meine Frau sagte vorher übrigens "heute gehen wir nach Venedig".
Ja, schon ein komisches Venedig.

War ganz oben im gefühlt 15 Stock, von dort kann man nett auf die Nachbarhäuser runterschauen.

Dann hatte ich dort oben die Notausstiege entdeckt. Es schien davon zwei zu geben. Es wirkte als könne man das Fenster aufmachen, einen stabilen Arm hinausdrehen an dem man dann etwas in einer Box (Strickleiter??) festmachen kann. Habe mich gefragt: wenn hier ein Feuer ist, dann sollten die 100 Leute aus diesem Stock (Junge, Kinder, Eltern, Senioren...) auf diesen beiden Dingern aus beträchtlicher Höhe hinunterkommen, wie kann das bloß funktionieren?

Nett am Venedig-Kaufhaus ist auch der kostenlose Shuttleservice vom MRT.

"Ludigel" hat gesagt…

Xinxi: Sehr interessant der Link ( http://en.wikipedia.org/wiki/Xiyang_Lou). Und die Engländer und Franzosen haben den Palast angezündet, steht dort zu lesen.

"Ludigel" hat gesagt…

Martin: Ja, diese Notschnur habe ich auch schon bewundert. Da soll man sich von hoch oben abseilen. Ein völliges Alibiding, denke ich. Man stelle sich das mal vor, Kleinkinder, Alte, Junge und alle stehen ganz ruhig vor so einem Kran und studieren die kryptische Bedieungsanleitung, während das Feuer von hinten....

Klaus hat gesagt…

Wo ist das denn?

"Ludigel" hat gesagt…

Siehe update ganz unten. Denke, ich habe es herausgefunden.