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Montag, April 08, 2013

Chinauhr, 3.15 Euro

Haben Rolex, Omega und Tudor noch eine Chance?

Wie gut Chinauhren für wenige Euro sind, ist sicher kein Thema, das die Deutschen nachts in ihren Betten wach hält, allerdings kommen viele Leute doch damit in Berührung. Nämlich wenn sie bei einem Shopping-TV-Sender oder bei Ebay eine vermeintlich günstige Uhr erstehen. Shopping-TV-Sender haben die Tendenz, richtige OEM-Produkte draus zu machen, d.h. sie nehmen Einfluss auf die Gestaltung und kontrollieren wohl auch die Qualität, während Ebay-Händler oft nur einen selbst ausgedachten Markennamen drauf schreiben lassen, der deutsche oder schweizer Uhrentradition vortäuschen soll. Wer im Internet Uhren kauft oder beim Shopping-TV, sollte also immer den Markennamen ergoogeln, um keine böse Überraschung zu erleben, denn Chinauhren sind in der Regel unreparierbar, die wenigen guten Marken ausgenommen (und die sind auch teuer). Eine Übersicht über bestimmte Uhrenmarken liefert diese Seite eines Uhrmachermeisters: http://www.uhrmacher-balster.de/welche-uhrenmarken-werden-nicht-repariert.html.
Diese Uhren werden von dem Uhrmachermeister nicht repariert und ein ergoogeln dieser Marken lieferte bei mir oft Hinweise auf Chinabilliguhren, ohne das ich hier aus juritischen Gründen diese Marken bewerten möchte.

Preise von umgelabelten Chinabilliguhren liegen oft bei 40-250 Euro, da kriegt man also schon eine richtige Uhr für und keinen Chinabilligticker. Wer eine Automatik will, sollte sich etwa mal die Japanmarke ORIENT ansehen, die gute Uhren ab 80-115 Euro hat (oder auch US-Dollar, je nach Markt), etwa bei Amazon. Ein Extrema von Preisaufblasung waren geschlagene 1000 Euro, die Ebay als Sofortkaufoption hatte für eine angeblich goldene Chinauhr mit einem Markennamen ähnlich dem Getränk Calvados. Ohne Karatangabe versteht sich.

  Manche Uhren werden direkt aus China beim deutschen Ebay angeboten und gehen oft für um die 5 Euro weg. Wie gut sind solche Angebote mit unbekannten Markennamen? Faires Angebot oder bekommt man Abfall? Ich habe es einmal aus Jux ausprobiert - meine Frau hat also zwei Uhren bestellt, Quarz allerdings, aber hier in Taiwan auf einer Shoppingseite (pchome.com.tw glaube ich), für 3.15 Euro das Stück umgerechnet.

Die Uhren der Marke "Rosra" wurden in Bubblefolie verpackt geliefert und man merkte sofort, wie verblüffend leicht die Sendung war. Die Uhren wogen praktisch nichts! Sofort verwunderte mich bei der Uhr oben, dass eine sehr stabile Schutzfolie um das Metallarmband gelegt war, so dass sie wie ein integrales Teil des Armbands erschien - im Foto sieht man das noch. Nur lag die Folie damit in solchen Falten, dass ich es doch abmontieren wollte. Sehr zu meinem Schrecken schien das dünne Armband unter meinen verzweifelten Reissversuchen zu zerbrechen, so fest saß die krummelige Folie. Am Ende ging die Schutzfolie mit viel Arbeit ab und das Armband nahm keinen Schaden. Allerdings hatte die "Rosra" nun eine melodische Eigenschaft - die dünnen wohl gusseisernen Platten des Armbandes berührten einander nun oft, verkanteten sich manchmal sogar etwas ineinander und gaben dabei ein helles metallisches Klirren von sich, das an Glöckchen erinnert. Aufmerksamkeit ist einem beim Anlegen und Ablegen der Uhr sicher.

Als nächstes wollte ich bei der Quarzuhr die Chronodrücker drücken, um den Chronometer zu testen. Eine Anleitung gab es ja nicht, aber es ist meinst keine Rocket Science, welche Knöpfe was machen. Autsch! Fehlanzeige, die Chronoknöpfe sind fest und die drei chronoartigen Anzeigen offensichtlich nur Deko. Der Chronometer ist eine reine Attrappe. Nur der mittlere Knopf ist echt, alles andere ist aus einem Guss. Problemlos ließ sich die Uhrzeit einstellen, auch der Sekundenstopp funktionierte. Sprich die Uhr ließ sich sekundengenau einstellen und lief dann brav los. Wer denkt, die im Taucheruhrenstil gehaltene Lünette mit den hübschen Zahlen und dem griffig geriffelten Rand drehen zu können irrt freilich. Das ist wohl auch nur eine Attrappe. Aber das gibt es auch bei teureren Uhren. Die Uhr trug sich angenehm leicht am Handgelenk und sah sogar nett aus - wirkte wie eine richtige Uhr, so rein optisch gesehen.

Bei der näheren Inspektion nervte freilich die Ablesbarkeit. Die Uhr lässt sich bei Tageslicht zwar gut ablesen, bei hellem Kunstlicht von oben reflektieren die falschen Chronoanzeigen jedoch so extrem, dass man die gleichfarbenden Zeiger nicht mehr erkennt, sollten sie sich auf der linken Uhrhälfte aufhalten. Auch zeigte das wohl gusseiserne Gehäuse (die Uhr hat freilich einen dünnen Edelstahlboden, auch wenn der Begriff Edelstahl sehr dehnbar ist, wenn nicht Euronormen entsprechend) diverse kleine Dellen und sogar eine gülden schimmernde Farbauffälligkeit nebst einer auf dem Foto auf 11 Uhr erkennbaren Abschürfung auf dem Glas - der Herstellungsprozess involviert wohl viel benutzte Gussformen und Strapazen für das Glas. Das Glas wirkte übrigens recht gut geschützt, weil nicht herausstehend und wirkte wie normales Glas, also nicht etwa Fieberglas. Wie lange es hält und ob die Uhr im Taucheruhrendesign wenigestens Regentropfen überlebt weiß ich alles nicht, denn dazu müsste ich die Uhr tragen. Übrigens scheint sie genau zu gehen, auch nach Tagen noch zeigte sie die Uhrzeit minutengenau an. Ob sie auch sekundengenau geht weiß ich nicht, ich hatte keine Lust dem kaum ablesbarem Sekundenzeiger so viel hinterher zu gucken.

  Die zweite Rosra war genauso leicht, jedoch mit einer schwarzen Lackierung überzogen, so dass die Uhr kunststoffartig und daher haptisch noch billiger wirkte. Auch wenn sie unter dem Lack wohl aus dem selben Material war. Unangenehm hier, dass an der Kunststoffhülle des Armbandes etwas schwarzer Lack vom Armband hängen blieb, auch wenn das Armband danach optisch einwandfrei aussah. Man fragt sich unwillkührlich, ob auch am Arm etwas aussuppt, auch wenn das bei mir nicht der Fall war bei kurzem Tragen. Lustig: Die Krone der Uhr (auch hier sind die Chronos Attrappen) war mit einer Transportsicherung im Herausgezogenen Zustand fixiert und der Sekundenzeiger und Minutenzeiger kämpften permanent durch Vor- und Zurückruckeln gegen das erwungene Halten an. Die Uhr war defekt und hatte auch nach Abnehmen der Transport(un)sicherung einen defekten Sekundenstop und fiel durch erratisches Springen des Minutenzeigers beim Stellen auf. Hatte man die richtige Uhrzeit allerdings eingestellt, hielt auch diese Uhr die Zeit minutengenau über mehrere Tage. Auf dem Foto ist die Uhr gut ablesbar, weil der drahtlose Blitz das Zifferblatt abschattet, in Wirklichkeit sieht man beim Ablesen nur Weiß auf Weiß und kann die Uhrzeit fast nicht erkennen. Lustig auch die Lünette mit Tachimeter. Ein Tachimeter ist ohne großen Stoppuhrzeiger natürlich sinnlos - er soll ja die km/h anzeigen, die seit dem letzten Stopp ermittelt wurden von der 0-Position aus gesehen. Will man den Sekundenzeiger dafür verwenden, müsste die Lünette wenigstens drehbar sein - ist sie aber nicht. Aber gut, Deko halt. Auch diese Rosra hatte kleine Beschädigungen im Gehäuse und fiel sonst durch ein Kuppelglas auf, das bei mir Zweifel an der Haltbarkeit erweckt, schließlich ist Billigglas Schlägen gegenüber sehr empfindlich.

Fazit? Die Ausschussquote war also 50%, die untere Uhr gibt Anlass zur Sorge wegen der schwarzen Abfärbung und war defekt, auch wenn sie noch Funktion hatte. Die obere funktioniert immerhin bedingt als normale Uhr, mit der Einschränkungen einer schlechten Ablesbarkeit. Bis zu 5 Euro sind solche Uhren sicher wert, mehr möchte ich nicht dafür bezahlen. Auf Ebay fand ich Rosra-Uhren zwischen 5 und 18 Euro. Mag sein, dass die Modelle besser sind. Klaro. Für Sparfüchse für bis zu 5 Euro vielleicht ein akzeptables Angebot, auch wenn eine Casio oder dergleichen für unter 50 Euro hier sicher mehr Vergnügen und Funktion garantiert meiner Meinung nach. Auch eine gebrauchte Pulsar oder Lorus (beides wie auch Orient SEIKO-Marken) für 35 Euro oder weniger ist sicher ein vorzuziehendes Angebot, es sei denn man hätte wirklich nur einen Zehner zum Uhrenkauf zur Verfügung. Dann aber gleich 2 kaufen, würde ich vorschlagen.

Armbänder: Das Armband der oberen Uhr ist passgenau für mein 18cm-Umfang-Handgelenk, für stärkere nicht geeignet. Das der unteren hat noch ein paar Armbandglieder Luft. 
 

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ick habe ne Rolex in Gummirot für 4,65 aus Shanghai bestellt. Ob die echt ist?

MKL hat gesagt…

So eine China-Billiguhr wäre nichts für mich. Ich hab vor zwei Jahren ein bisschen gespart und mir dann eine TAG Heuer Link in Ximending gekauft. Kostete um die 2k Euro, aber läuft problemlos. Die Materiale sind top, insbesondere das Saphirglas, dass noch keinen Kratzer abgekommen hat trotz meiner regelmäßiger Ungeschicklichkeit. Es war schon immer ein Traum von mir eine automatische Schweizer Uhr zu besitzen. Erst dachte ich eine Tissot oder eine Oris (Preis um 500 Euro) wäre gut genug für mich, aber dann wollte ich doch was hochwertigeres, aber nicht so teuer wie Rolex, Breitling oder Omega (ab 3-4k Euro). TAG sind da preislich sehr gut positioniert. Auch Longines hat sehr gute Automatikuhren zu einem ähnlichen Preis. Also da gibts sehr viele Markenuhren, die es wert sind ein bisschen mehr zu bezahlen um Qualität zu bekommen. Ich hoffe, dass mir meine TAG mindestens 10 Jahre treu bleibt und gut läuft.

Hier ist mein Post: TAG Heuer Link Calibre 5 review

"Ludigel" hat gesagt…

Grins, ich werde die Billigdinger auch nicht tragen. Mir ging es auch um das Warnen vor Fakeuhren, denn eine Chinaautomatik, die für 2-4 USD von der chin. Fabrik verkauft wird, aber dann bei Ebay als "Calvados Sea-Conquerer" (Name leicht geändert) für 50 oder 80 Euro weggeht, ist sicherlich ein Angebot, bei dem sich der Kunde anderes vorstellt als eine am Ende unreparierbare Uhr zu haben. Oder eine "Calvados" mit Fabrikgold (also nicht wirklich Gold) für 1000 Euro.
Die Uhren von Rosra haben Atrappencharakter, ich lege sie wohl einer der Müllfrauen hier hin, die können sie für 100 NT verticken oder so.

Bin zur Zeit noch glücklich mit den 100 USD Orient Automaiken, einfach das Kautschukband der blau schimmernden Deep Blue gegen ein Lederband ausgetauscht und die Uhr sieht edel aus und läuft genau.

Vor kurzem habe ich mir eine Tissot Auotmatik nach Deutschland bestellt, der nächste Schritt ;-)

Mit Omega etc. liebäugele ich auch, aber für dieses Stadium der Uhrologie lasse ich mir noch ein paar Jahre Zeit. Muss ja auch das Budget an Frau vorbei planen, die meint, das Handy reicht zum Zeitablesen ;-)

"Ludigel" hat gesagt…

Tag Heuer Link: Das ist in der Tat eine Schönheit ;-)

MKL hat gesagt…

Tissot sind großartige Uhren, da kann man nichts falsch machen wenn man sich eine bestellt :)

Wie schon vorher gesagt wollte ich schon immer eine top Uhr haben und als ich dann den ersten Sales-Bonus in Taiwan bekommen habe, hatte ich endlich genug Geld um mir solch eine Uhr zu leisten ohne zu bankrotteren :) Heute als junger Papa würde ich sowas nicht mehr machen, daher hoffe ich dass diese Uhr sehr lange gut läuft, also mindestens bis ich grau meliert mit Zigarre und Stock den Omega-Laden an der Zhongxiao Ost-Strasse (schreibt man das so?) besuche und mir eine Seamaster mit braunem Lederband kaufe ;)

"Ludigel" hat gesagt…

Mal gucken ob ich die Tissot auch ausgehändigt kriege. Mein Vater hat sie auf Funktion kontrolliert und dann gleich getragen. Ich bin ja erst in ein paar Wochen in Deutschland ;-)

Er hatte Ende der 70er eine dicke Tissot Diver, die heute zwar als normalgroß gilt, damals aber als absolut XL galt. Eine Tissot T12. Erinnere mich noch gut, wie sie als zu fett kritisiert wurde. Macht aber auch mal Spaß, eine provokative Uhr zu tragen.

Die bestellte ist eine Seastar 1000, die günstigere Variante. Die XL Uhr mit 48cm oder dergleichen gefiel ihm daher spontan...