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Montag, Februar 04, 2013

Taiwans Präsident will sich um flüchtigen Briten kümmern

Die Sache mit Taiwan ist immer, dass der Präsident Taiwans, wie man ihn umgangssprachlich nennen würde, ja gar nicht der Präsident Taiwans ist, sondern formal Präsident der "Republik China" ist, die seit 1949 nur noch auf der Insel Taiwan existiert, aber dies sei nur der Formalien halber bemerkt.

Um kurz die Fakten noch einmal zusammen zu fassen: Ein britischer Staatsbürger offenbar pakistanischer Herkunft (die Taiwanmedien nennen ihn einen Pakistani mit britischem Pass, was der Berichterstattung schon die erste Tendenz gibt) wird nachweislich von einem Parkwächter des Lokals, in dem er getrunken hat, "nach Hause gefahren". Wobei "nach Hause fahren" hier bedeutet, dass der Wagen mit dem Parkwächter am Steuer nachweislich die Fahrt Richtung Heim des Briten unternommen hat, was auch immer dann später geschah. Während der Fahrt kommt es zur einer tödlichen Kollision mit einem Moped, der Mopedfahrer verstrirbt, es wird Unfallflucht begangen. Das Auto des Briten ist nachweislich das Unfallfahrzeug. Der Brite hat den Unfall nicht gemeldet und gibt später den Parkwächter des Lokals als Fahrer an. Der gibt an, den Wagen nur wenige Meter gefahren zu haben und der Brite habe dann wieder das Steuer übernommen (also vor dem Unfall).

Das bearbeitende Polizeirevier war Gegenstand von Korruptionsverfahren, wegen "Schmieren lassen" von solchen Pufflokalen wie dem, in dem der Brite getrunken hat und in dem der Parkwächter angestellt war.
Eine beispiellose Vorverurteilungscampagne setzt ein, die seinesgleichen sucht. Die Familie des Opfers fordert hunderttausende von US-Dollar Entschädigung, eine Summe, die sie sicherlich von einem normalen Taiwaner nicht bekommen würde.

Der Brite namens Z.D. wird im ersten Verfahren zu 2 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt, im Berufungsverfahren zum 4 Jahren Gefängnis. Er tritt jedoch die Haft nicht an sondern verlässt das Land mit dem Pass eines anderen Briten. Dieser ist jetzt offenbar ausgewiesen worden. Der Fall schlägt wieder mal hohe Wellen in den Taiwan-Medien.

Neuste Entwicklungen: Der "taiwanische Präsident" selbst gibt an, sich um die Rückführung des Briten nach Taiwan kümmern zu wollen: http://www.taipeitimes.com/News/taiwan/archives/2013/02/02/2003554039
Präsident Ma Ying-Jeou kritisiert auch den Beamten am Ausreiseschalter.

Der Brite gibt ein Statement im Ausländerforum und gibt an, er selbst habe ein Schreiben des Polizeireviers, die Aufnahme der Kamera an der Kreuzung, an der er von dem Parkwächter in der Nähe seines Zuhauses (also nach dem Unfall!) angesetzt worden sei, sei auf USB-Stick kopiert worden. Im Verfahren aber sei angegeben worden, keinerlei entlastende Kameraaufnahmen seien vorhanden (https://www.forumosa.com/taiwan/viewtopic.php?f=21&t=97836&start=580).

Letzter Bericht: Vermutlich unfundierte Gerüchte über eine Verfilmung des Falles: http://bobhonest.blogspot.tw/2013/02/holy-fuck-die-machen-einen-film-davon.html


Wie wäre die Sache gelaufen, wenn es kein Brite, sondern ein Taiwaner gewesen wäre, um den es hier gegangen ist? Ich denke mal so:

- Kurzer Bericht in der Presse in paar Tage.
- Letztendlich wechseln ein paar Millionen Taiwandollar die Hände als Entschädigung an die Familie (umgerechnet ein paar Zehntausend Euro).
- Der vermutete Fahrer geht kurz oder gar nicht ins Gefängnis, schließlich haben sich die Familien in der Sache geeinigt.

Durch die Tatsache, dass es sich um einen Ausländer handelte, war die Berichterstattung u.a. mit Beteiligung von Lokalpolitikern eine reine Hexenjagd, ein Freispruch wäre wohl unmöglich gewesen. Auch die hohe Forderungssumme der Familie, weil Ausländer eben per Definition reich sind, hat eine Einigung wohl unmöglich gemacht. Wer auch immer der Fahrer nun wirklich war.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wird der Bambusgangflügel der Ma-Administration involviert?

Helge Schneider hat gesagt…

Denkst du, dass im Falle er wäre ein weißer Amerikaner, die Medien und Politikaner weniger auf ihn drauf droschen? Oder falls er Mainland-Kinäs wäre oder Japaner? Sind die Medien so selektiv hier im Taiwan?

"Ludigel" hat gesagt…

Hmmm, Wäre er ein weißer Amerikaner wäre es wohl ähnlich, Herr Schneider, aber die US-Vertretung hätte ihn evtl. rausgehauen. Vgl. der alte Fall, wo ein Amerikaner betrunken im Schlafzimmer an der Matratze gehorcht hat, während seine phillipinische Freundin eine Taiwanerin grausam ermordet hat im Wohnzimmer. Der Amerikaner war sehr schnell kein Verdächtiger mehr, nachdem die US-Vertr, sich eingeschaltet hat.

Festlandchinese: Ich denke mal das wäre nicht so schlimm, weil doch hier viele gemäßigt prochin. sind in Taipei. Wäre mal interessant da in ein Paralleluniversum gucken zu können.

Japaner? Das könnte in der Tat ähnliche Auswirkungen haben.

Brasilianer? Kongolonese? Marsmensch? Mir ging es darum, dass der Fall nicht so aufgebauscht wäre, wenn der Fahrer Taiwaner gewesen wäre... ;-)

Andy hat gesagt…

Ist Dir eigentlich aufgefallen, dass nach langem Leerlauf Bewegung in die Sache kam, prompt nachdem Du darüber gepostet hast (Hier im Blog und auf Forumosa)? Du bist also Schuld, dass die gemerkt haben, dass ihnen der Kerl abgeht!

Hier meine freie Interpretation der Geschehnisse, basierend auf bisher unveröffentlichten Whistleblower-angaben:

1) Ludigel hat verpeilt, dass der gute Brit... äh, Pakistanisch-Indische Terrorist bereits zum zweiten Mal verurteilt wurde im Berufungsverfahren. Ludigel liest davon, und fragt in seinem Blog nach was los ist, ob das stimmt was er irgendwo im netz in Kommentaren gelesen hat.

2) Die KMT-Geheimdienst-Fachabteilung "San Tien An Schu Ien" (Abgekürzt S.T.A.S.I, Übersetzt "Das Leben der Anderen") liest einige Tage später routinemäßig die chinesische Google-Translate-Übersetzung des der Drogenverherrlichung verdächtige Blogs des untergetauchten Linux-Ingenieurs Ludigel.

3) Hektischer Anruf des Unter-Spions Dong Wang bei seinem vorgesetzten Spion in der mittleren Laufbahn des Außendienstes Hao Zu: Du, erinnerst Du Dich noch an den Kerl aus Bangladesh oder so, der mit dem Irischen Pass, der hier einen braven Sohn und alleinigen Brotgewinner der Familie kaltblütig von Hinten mit einem teutonischen Fahrzeug erlegt hat? Was ist eigentlich aus dem geworden?

4) Noch hektischerer Anruf seitens Hao Zu bei der Ausländerpolizeioberkommissarsanwärterin Xi Dong Hao Chi: Du mir ist grad eingefallen, wo steckt eigentlich der Arabische Terrorverdächtige Killerfahrer aus den Nachrichten vor einigen Monaten? Der Schwarze, weisst Du noch?

5) Maximal hektischer Rundruf der Ausländerpolizei bei allen Gefängnisaufsehern in Nord-Taiwan. Die Antworten können wie folgt zusammengefasst werden: "Den Killerfahrer? Ist aus, ham wir nicht, kommt auch nicht wieder rein, fragen Sie morgen nochmal, dafür bin ich nicht zuständig, fragen Sie mal in Pingdong nach."

5) Geknickter Anruf aus dem inzwischen ebenfalls aufgescheuchten Legislativ-Yuan beim Präsidenten:

Legislator: Sie, Herr Präsident, haben Sie zufällig damals den Todesfahrer-Ausländer begnadigt?

Ma: Nö, warum?

Legislator: Uhm... nun ja... wir haben grad mal nachgeschaut ob wir den in Verwahrung haben. Sollte zwar seit letztem Jahr in den Bau gegangen sein, aber keiner unserer Gefängniswärter hat den.

Ma: Waaaas? Dann sucht ihn! Kann doch nicht so schwer sein den EINEN blonden Ausländer unter uns allen Chinesen zu finden, oder?

Legislator: Er ist irgendwo aus Vorderasien. Schwarze Haare.

Ma: Oh. Das wird natürlich schwierig. Aber schaut doch mal alle Ausländer an, die seitdem ausgereist sind. Vielleicht ist die Sau getürmt?

(5 Minuten Später klingelt das telefon wieder)

Ma: MA?

Legislator: Ma, ma?

Ma: MAAA!

Legislator: Ach Sie sinds. Alsoooo... wir haben da was komisches gefunden. Der Englischlehrer David ist ausgereist, aber auf dem Video und den Bildern vom Pass-Check sieht man dass er dunkelhäutig ist, also kein David sein kann.

Ma: Oha. Das ist natürlich verdächtig. Aber wenn der echte David noch hier ist, dann muss der ausgereiste Schwarze ja der gesuchte Ausländer sein, oder?

Legislator: Hmmm. Einleuchtend. Aber der ist nach Thailand abgehauen, da sind lauter dunkelhäutige. Den finden wir nie!

Ma: Na dann findet mir bitte schnellstmöglich einen anderen schuldigen Ausländer, am besten David. Ach ja, und schau noch mal jemand bei der Freundin des geflüchteten Schwarzen vorbei, die Freundinnen stecken ja immer mit den Ausländern unter einer Decke! Und degradiert bitte auch noch das blinde Huhn an der Grenze. Wegtreten. Äh, Auflegen.

...Naja, und der Rest ist Geschichte. Bin gespannt wie es weitergeht :)

"Ludigel" hat gesagt…

Gacker, in der Tat ging es nach meinem unschuldigen "was wurde eigentlich aus..."-Posting los wie verrückt ;-)

Ich poste die Tage mal über diesen Fred Frontier, einen Englischlehrer, der seit 2004 verschwunden ist in Nanto oder wie das heißt. Vermutlich taucht er Tage späte mit Rauschebart wieder auf...

"Ludigel" hat gesagt…

Ich wollte eigentlich ein paar Bilder über das 2004er oder 2003er Erdbeben posten, aber lasse es jetzt. Schluck.

Anonym hat gesagt…

Das Schöne an der Geschichte ist ja, dass sich nun selbst die geldgierigsten Onkelchen sicher nicht mehr vor meinen SUV stürzen würden. Der flüchtige potentielle Mörderfahrer hat die Zahlungsrate ja im Alleingang massiv in den Keller gedrückt. Eigentlich sollten in Taiwan die Verwandten des Opfers auch in der Lage sein, die Bar, aus der der Mörderalk kam, zu verklagen.

"Ludigel" hat gesagt…

Oder beim nächsten Unfall mit Personenschaden oder hohem Sachschaden von westl. Auländern wird man gleich in U-Haft genommen bis zum Sankt-Nimmerleinstag um die Rechte des hart arbeitenden Taiwaners zu sichern. Mit dem SUV den Porsche von Ah Hung verbeult? Das wird unangenehm. Vielleicht noch gleich alle liquiden Mittel einfrieren. So einmal Blut geleckt und sicher gestellt, dass der vorher ausführlich in der Presse genannte Kontostand auch wirklich an das arme Opfer fließt, ist dann wieder genug Blut geleckt worden.

Wäre möglich. Oder auch nicht. Wer weiß das schon.

"Ludigel" hat gesagt…

Nachtrag: Die Bar verklagen sie sicher nicht, weil die zur Unterwelt gehören soll. Ungesund wäre das, denke ich mir.