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Mittwoch, August 03, 2011

Grundbuchamt, Sex and Crime

Verkauf unseres Reihenhauses geht seinen Gang...

Sowohl meine Frau als auch ich sind als Eigentümer unseres Reihenhauses eingetragen, welches bereits verkauft ist. Jedes mal wenn wir einen formalen Schritt wie diesmal die Umschreibung im Grundbuch auf dem Amt vornehmen, erhält die Notarin eine weitere Tranche vom Kaufpreis, von dem sie dann letztendlich die Bank auszahlen wird und uns die winzige Differenz zur Bankschuld überweist, alles geht seinen ordentlichen behördlich-notariellen Gang und klappt wunderbar. Anwesend auf dem Grundbuchamt in Zhongli (Jhongli, Chungli sind alternative Schreibweisen) im Landkreis Taoyuan waren nun die Notarin, der Immobilienmakler und natürlich Frau und ich nebst einer Endfünfziger Beamtin der Stadt Jhongli. Mit Ausländern hatten die dort wohl noch nie zu tun, die ganze Damenriege guckte aufgeregt aus der Wäsche, tuschelte und guckte zu mir rüber, das normale Provinzprogramm eben und in Taiwan ist man als Ausländer schon so einiges in der Hinsicht gewöhnt. Alles nicht weiter schlimm, schließlich sind sie fast immer sehr freundlich dabei.
Merkwürdig fand ich, dass Frau und ich beide unsere Krankenkassen-Chipkarten vorzeigen mussten neben unseren Ausweisen - wozu braucht man das zur Eigentumsübertragung eines Reihenhauses?

 Trennung vom gepflegten Reihenhaus auf dem Land, um in eine etwas heruntergekommene Soldatensiedlung in Taipei zu ziehen ... aus familiären Gründen erforderlich.

Ganz nervös wurde unsere Beamtin nun, als sie meine Ausländerkarte "ARC" vorgelegt bekam und meinen Pass. Oh weh, der Kopf wurde immer röter. Sie fing dann irgendwann an, die kleine blaue Plastikkarte millimeterweise abzusuchen, das Ding einen Zentimeter vor den Augen und diskutierte mit meiner Frau das Deko des Staatswappens. Alles ist kritischen Unterton, so als wolle sie sichergehen, dass wir die Karte (kreditkartenähnlich und mit Bild) nicht selbst geschnitzt hätten. Was es an dem Blütendeko (Staatswappen der Republik China alias Taiwan) auszusetzen gab weiß ich nicht, man könnte ja auch was schmissigeres nehmen, etwa Adler mit Totenkopf auf der Brust und gekreuzten Blitzen in den Krallen. Aber Kaktusblüte oder was immer das ist muss nun mal reichen. Aha, da klärte sich ihr Misstrauen auf, sie hatte noch eine Kopie meiner alten ARC, das war das größere Pappding und war nun völlig verdattert, dass die neue Karte anders aussah. Nach sage und schreibe einer dreiviertel Stunde Diskussion über meine Identität und unglaubiges Bestaunen meines Passes und der spannenden Schriftzeichen darin ("ist das da der ausländische Name?") gab sie mir Pass und ARC zurück - nur um fünf Minuten später die Ausländerkarte zurück zu verlangen. Jetzt war der Dame nämlich eingefallen, ich könne ja möglicherweise gar nicht der Ausländer auf dem Foto sein sondern ein anderer. Ich musste also meinen Kopf in bestimmten Winkeln halten und sie schielte mich durch ihre Brille an und musterte mich verkniffener, als es jede DDR-Grenzerin in der guten alten Zeit in Deutschland je fertig gebracht hatte. Ich musste einfach Lachen bei der Prozedur und sie dann auch und gab mir letztendlich die Karte zurück. Alle anwesenden Damen (alle Beamtinnen in einer Sitzreihe present) kicherten dann noch, als ich mühsam meinen chinesischen Namen (den kriegt man in Taiwan) schreiben musste und das alles fand meine rot angelaufene Sachbearbeiterin so aufregend, dass sie einen Stempel an die falsche Stelle haute und - das ganze Formblatt noch einmal ausgefüllt werden musste - und ich wieder meinen Namen schreiben musste. Alle anwesenden Damen inklusive meiner Frau waren sich einig, dass die zweite Version deutlich hässlicher sei als die erste.

 Idylle auf dem Land in Taiwan, im Vordergrund kleine Gemüsegärten (irgendwie ohne Gemüse, dafür aber mit um so mehr Kladderadatsch), wie sie von den Leuten hier auf ungenutzten Grundstücken einfach wild angelegt werden. Eine Nachbarin hatte auch so einen hinter unserm Haus und hat immer fließig Dung gesammelt, damit es auch gut wächst. Nur weil sie keine Tiere hat, war der Geruch doch immer etwas unangenehm ;-)


 Zwischendurch suchte ich die Toilette auf - die Putzfrau auf der Treppe lächelte mich überfreundlich an, wie das die Einheimischen hier bei weißen Ausländern meist tun und wies mir überflüssigerweise den Weg, dabei "Meiguoren" (Amerikaner) murmelnd. Ich ließ es so stehen, die Diskussion eine Etage tiefer reichte mir schon, da wollte ich es nicht auch noch komplizierter machen.
Als ich wieder zurück war, hatte meine Frau mittlerweile meinen Namenstempel benutzt (man hat hier einen Signaturstempel mit verschlungenen chin. Schriftzeichen) und alles schien doch seinen unvermeidlichen Gang zu gehen, in der dritten Stunde mittlerweile, obwohl die ganze Prozedur sonst nur 30 Minuten dauerte, wie die Notarin erklärte. Meine Schilderung der Verwirrung und Endlosdokumentenprüfung und Aktenkreuzreferenzierung und Staatswappenornamentediskussion im obigen Text ist also stark verkürzt, wie der geneigte Leser sich denken kann.
Dann mischte sich noch die neugierig guckende Kollegin zur Linken ein und erklärte meiner Frau, die für mich übersetzte, alles müsse von ihrer Kollegin ganz genau geprüft werden, schließlich würden Ausländer oft so Tricks drauf haben, den taiwanischen Staat um Gelder zu betrügen. Frau stimmte ihr zu und alle fanden das so richtig, also verzichtete ich auf beleidigtes Rotanlaufen, das mit der Rotwerderei tat ja schon die Damenriege zur Genüge. Dass man als Informatiker, der ein Reihenhaus verkauft (klingt irgendwie ziemlich spießbürgerlich, gell?) für Al Capone Junior gehalten wird, weil man anders aussieht, hätte ich so auch nicht gedacht, aber in der nervösen Atmosphäre im Grundbuchamt, die bisweilen eher zu einem Teenie-Ferienlager zu passen schien, konnte ich den Damen nicht mal böse sein, insbesondere bei all dem Verlegensheitskichern der anderen Sachbearbeiterinnen zwischendurch. Die Kollegin, die den Vortrag über kriminelle, langnasige Hausverkäufer gehalten hatte, schenkte mir zu allem Überfluss auch noch eine Kappe für meinen Namensstempel, wie kann man solchen Frauen böse sein...

Kommentare:

Karl hat gesagt…

Das in Taiwan 2 IDs verlangt werden ist normal, ich benutze normalerweise meine ARC und Reisepass. Da ich letzteren öfters nicht dabei habe reichte oft mein deutscher Personalausweis, die haben zwar keine Ahnung was das ist aber anscheinend bin ich auf dem Bild gut genug zu erkennen.

"Einheimische" greifen normalerweise zu ihren Krankenkassenkarte als zweite Id.

Das mit dem chinesischen Namen ist schon seltsam. Als ich bei meinen ersten Aufenthalt in Taiwan, damals Taichung, einen Scooter anmelden wollte musste ich erst mal zur Ausländerpolizei und mir einen chinesischen Namen organisieren. Der Beamte klärte mich auf, ich könne diesen jederzeit ändern, einfach nur vorbeikommen und eintragen lassen (umsonst). In Taipei habe ich meinen Scooter mit deutschen Namen anmelden können, ich wundere mich immer noch wie die alle meine Vornamen und Nachname auf dem Stempel untergebracht haben. Erst bei der Registrierung meiner Ehe in Taipei musste ich zum ersten (und letzten) Mal meinen chinesischen (jetzt neu da von meiner Frau ausgesucht) Namen auf Papier bringen. Es ist deutlich an der Schrift zu erkennen, dass ich des chinesischen nicht mächtig bin.

"Ludigel" hat gesagt…

Ach daher, dann hatte ich gleich drei Identitätskarten, aber die Dame war ja übernervös und dreifach vorsichtig.

Michael hat gesagt…

Hallo, meine Information passt vielleicht jetzt nicht gerade direkt zu diesem Artikel dazu. Ich möchte auf eine Radio-Sendung über Taiwan hinweisen:

Heute, 03.08.2011, bzw. jetzt gerade nach Mitteleuropäischer Zeit hat die Sendung angefangen um 14.05 Uhr auf Radio Bayern 2 – “Breitengrad – Reportagen und Musik aus aller Welt” – Thema heute: “Wir mussten einfach durchhalten” – Die Ureinwohner Taiwans nach dem Taifun.

Inhalt:
Im Sommer 2009 traf der Taifun Morakot die kleine, eigenständige Insel Taiwan vor der Küste Chinas mit unglaublicher Wucht. Der tropische Wirbelsturm zog nicht wie während der Taifun-Saison üblich über die Insel hinweg, sondern verharrte Tage über der Südspitze.

Link:
http://www.br-online.de/bayern2/breitengrad/index.xml;jsessionid=0ECYGAT1ZXUNACSBUKUCFEQ

Live-Stream:
http://www.br-online.de/br/jsp/seitentyp/liveStreamFenster.jsp?welle=bayern2

Wer die Sendung verpaßt gerade oder verpaßt hat, gibt es hier den Podcast als Download:
http://www.br-online.de/podcast/mp3-download/bayern2/mp3-download-podcast-breitengrad-die-auslandsreportage.shtml

http://cdn-storage.br.de/mir-live/bw1XsLzS/bLQH/bLOliLioMXZhiKT1/uLoXb69zbX06/MUJIuUOVBwQIb71S/iw11MXTPbXPS/_2rc_K1S/_-0S/_-rH_yrd/110730_1805_Breitengrad_Die-Ureinwohner-Taiwans—zwei-Jahre-nach-d.mp3

Viele Grüße aus Deutschland / Bayern
Michael

Miri hat gesagt…

;-D

Irgendwie erinnert mich das an eine Darbietung von Marcel Marceau, die ich mal im Theater gesehen habe, sie hieß "Bürokratie" oder so ähnlich... ;-)