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Donnerstag, April 06, 2017

Camelot in NeiHu

Ein merkwürdiges Haus erspähte ich, als ich 2004 einstweilen zu Schwiegermutter nach NeiHu in Taipei zog. "Camelot in NeiHu" nannte ich es in meinem allerersten Blogartikel, der noch im alten Passado-Blog (heute nicht mehr vorhanden abgesehen von einer Archivversion irgendwo im Netz) erschien. Und seit kurzem... wohne ich da.



Erst mit dem Fisheye* mit seinem 180-Grad-Bildwinkel erschließt sich auch im Foto die Wirkung, die die Wohnanlage in Natura hat. Mitten im manchmal slumartig daherkommenden Viertel besteht die Anlage aus besserer, neuerer Bausubstanz und hat drei Gebäude und eine recht hohe Außenmauer (hinter meinem Rücken im Bild) nebst einer Schwebebrücke zwischen den Gebäuden und einer Wendeltreppe im Innenhof zu einer fast mittelalterlich anmutenden "Burg"-Anlage kombiniert. Die Brücke verbindet im 2. OG das vordere Haus mit dem weit entfernten kleineren hinteren Haus, weil dieses keinen eigenen Fahrstuhl hat.

Der Innenhof ist begrünt und so ergibt sich eine ganz nette Atmosphäre. Zwar ist die Wohnanlage in die Jahre gekommen und leidet unter dem klimatypischen Fassadenschmodder, aber der macht sich auf den gefliesten Fassaden besser als auf dem grauen nackten Beton, den viele Häuser in der Gegend haben. Auch der Verzicht auf das in Taiwan so beliebte Wellblech (Balkone ausbauen etc.) macht deutlich, dass es dies hier eine etwas bessere Wohnanlage ist. Absolut ruhig ist sie übrigens auch, wohl ein schlechter Ort für Stereoanlagen. Als bessere Anlage hat sie sogar Schreibtische für Security-Leute. Allerdings sind die Stellen seit Jahren unbesetzt.

Die in Taiwan so beliebten Fenstergitter hat die Anlange auch. Sie passen aber zu der oft verwinkelt angelegten Architektur besser als zu den sonst glatten Fassaden der Plattenbauten im Viertel. In der Mitte guckt man im Foto auf eine Wellblech-Aufstockung eines Schlichthauses außerhalb der Anlage; links ist die Wendeltreppe zu sehen.


In die Anlage fahren wir nicht über eine Zugbrücke, sondern über einen Autolift. Vieles in der Anlage ist verwinkelt angelegt. Unser Treppenhaus ist fast auch eine Wendeltreppe, die Wohnung klein und voller Nischen und Erker, aber schick mit maßgeschneiderten Einbaumöbeln im asiatischen Stil und modernem Deko-Stuck an der Decke versehen. Auch einen im Boden versenkbaren Wohnzimmertisch gibt es. Den soll man aber auch im Boden belassen, weil er sonst mit schwerer Tischplatte zusammenkracht und einem die Zehen bricht, sagte die Vermieterin.


Unser Haus verjüngt sich oben turmartig und erlaubt einen tollen Blick auf die umliegenden Schlichthäuser, in denen ich ehrlich gesagt die meiste Zeit in Taiwan verbracht habe.

Verwinkelte düstere Gänge gibt es auch in der Tiefgarage, über die man von einem Teilhaus zum anderen gelangen kann. Junior (5) und ich haben das die Tage tapfer erkundet.


Sicher könnte man es in der Anlage aushalten. Aber die Abgasluft Taipeis ist hier natürlich auch nicht besser. Sie macht nicht nur Junior eine mysteriöse "Dauererkältung", sondern auch mir. Nur bei mir mit paralleler Tendenz zu Magengrippe und außerdem allergischem Ausschlag am Kopf, der vermutlich durch Nahrungsmittel (oder besser deren taiwantypische illegale Beimischungen) ausgelöst wird. Wenn man sich vor beginnender Magengrippe und mit entzündeten Stippen u.a. im Mundraum alles andere als wohl fühlt, kaum dass man wieder taiwanischen Boden unter den Füßen hat, fällt es trotz allem schwer der Gattin zu versprechen, hier weitere Jahre in Taipei zuzubringen.

Somit bin ich ein Wanderer zwischen den Welten. Hin und her gerissen zwischen meiner neu angemeldeten (Krankenkasse, Auto, ADAC) Existenz in der niedersächsischen Kleinstadt und dem Leben mit Frau und Junior im mich gesundheitlich strapazierenden Taipei. Leider schließt Frau in Deutschland zu leben kategorisch aus und kann und will nur im Hoch-Kriminalitätsbelasteten Manila oder aber im versmogten Taipei leben. Da kann ich wählen zwischen Entzug von Junior oder Gesundheit. Man sieht ja, wo ich gerade bin. So, genug der Schreiberei, ich muss mich erstmal wieder kratzen. Verdammte Insel.


* Sigma EX DG 2.8/15mm auf Fullframe-Bildformat DSLR (Sony A850)

Freitag, März 31, 2017

Opel brennt

Noch nie habe ich so viel von brennenden Autos gehört wie in den 13 Jahren in Taiwan. Wieso brennen die Dinger hier laufend?

Gestern Abend im Fernsehen. Ein aktueller Opel Astra steht in einer Tiefgarage in Taipei-NeiHu und raucht vor sich hin. Schwelbrand offenbar. Seit ich in Taiwan lebe, habe ich schon mindestens dreimal - eher viermal - Autos brennen sehen. Mit eigenen Augen. Die unzähligen Reporte im TV und Magazinen sind damit nicht gemeint. Brennen Autos in Taiwan mehr als in Deutschland? Denn in Deutschland habe ich noch nie ein Auto brennen sehen.

2 oder 3 mal erinnere ich mich an kleine blaue Lieferwagen, die auf Schnellstraßen am Rande stehen und qualmen/brennen. Das sind die billigen Schlichtlieferwagen ohne Firmenschilder, die meist auch schlecht oder gar nicht gewartet werden.

1 mal habe ich selbst einen Wagen gesehen, der so sehr gebrannt hat, dass mir um den Stau dahinter Angst und Bange wurde. Es war auf einer schmalen alten Schnellstraßen-Hochbrücke und ich selbst konnte dankenswerterweise auf der Gegenfahrbahn vorbei fahren. Es war ein Toyota-Taxi, aktuelles Modell, aus dem die Flammen in Mitten der Fahrerkabine 1 Meter heraus schlugen.

1 mal habe ich selbst gesehen, wie ein Brand anfing. Ich ging mit Frau und Junior durch die Nachbarschaftsgassen und ein kleiner (auf Mazda-basierender) alter Ford-Kleinwagen hatte die Haube offen und ein Mann hantierte am Fahrzeug herum. Mir fiel sofort auf, dass im Motorraum unter der geöffneten Haube eine Kerze stand! "Das spart Batterie", zog mir durch den Kopf und ein zynisches "wie pfiffig doch die Einheimischen sind" kam gedanklich gleich hinterher. Im selben Augenblick brach ein loderndes Feuer im Motorraum aus! Offenbar hatte sich Kraftstoff (Öl?) auf dem Motorblock entzündet. Ich buchsierte Frau und Junior in eine Seitenstraße. Allerdings kam sofort der am Fahrzeug hinten herum fummelnde Herr angerannt und hatte zu meiner Erleichterung sofort einen Feuerlöscher bei der Hand und im Nu war der Brand gelöscht. Den Mann kümmerte das nicht allzu sehr und er ging sofort wieder dazu über hinten am Fahrzeug herum zu fummeln, als sei nichts gewesen. Toll! Gibt es hier eine Regel von Konfuzius die lautet: "Wenn du Feuer löschen kannst, kannst du ruhig mit Kerze im Kornspeicher schlafen"? Sicher hätte der weise alte Oberchinese eine solche Regel aufstellen können.

Meine eigenen bislang 3 Autos in Taiwan haben nie gebrannt. Allerdings hatten wir einmal schleifende Bremsen durch einen chaotischen Kfz-Werkstattbesitzer, dessen Werkstatt wie eine Müllhalde wirkte, das schmutzige Werkzeug zwischen Unrat und Altteilen nebst alten Getränkeflaschen verteilt. Ursache war damals eine vom Kfz-Messie selbst gebastelte funktionsuntüchtige Rückstellfeder gewesen. Er hatte halt aus dem Müllhaufen schnell ein Ersatzteil "hergestellt", wie er uns selbst gesagt hatte. Auch die Leute, die uns die "Dashcams", also Straßenverkehrs-Überwachungskameras in die Autos eingebaut haben, hatten einen sehr laienhaften Nimbus und haben bestimmt nie Kfz-Elektrik richtig gelernt.

Gut, auch der BMW-Vertragshändler im heimischen Hannover hatte mir einst einen rechten elektrischen Außenspiegel (damals noch gegen Aufpreis!) so angebaut, dass der Wagen danach mit leerer Batterie stehen blieb. Ein Lehrling soll's gewesen sein.

Was, wenn unser Messie von vorhin an der Kraftstoffleitung eines PKW herum bastelt und sich selbst eine Manschette bastelt?

Oder die taiwanischen Verbraucherforen von denen meine Frau mal erzählte haben Recht und Schuld ist immer die ausländische Automarke. Wenn es ein europäisches Auto ist jedenfalls.

P.S.: Ich weiß, Mercedes hat gerade einen Rückruf wegen Feuergefahr durch defekten Starter im Motorraum. Aber haben die Leute hier auch das Sicherheitsdenken wirklich die Reparatur durchführen zu lassen? Es sind immerhin etwa die gleichen Leute, die mit Karacho zwischen zwei geparkten Autos in den Verkehr einfädeln ohne auf den selbigen zu achten.




Mittwoch, März 29, 2017

Kollegin beerdigt: "Renn weg! Renn weg!"

Meine zweite längere Anwesenheit auf einer Taiwanbeerdigung

Für Verwandte und Vertraute ist eine Beerdigung im Taiwan-Stil eine längerfristige Sache. Beim Schwiegervater hatte ich vor 10 Jahren das Ganze komplett mitgemacht, hier eine ausführliche Schilderung der Beerdigung von damals im Taiwan-Stil:





Der Titel "Eine Fledderbeerdigung" des alten Artikels klingt sicher respektlos, drückte aber damals sehr klar meine Gefühle aus. Im westlichen Bestattungsritus haben wir mehr Distanz zum Tod. Hier in Taiwan den mittlerweile in der Leichenstarre befindlichen Schwiegervater selbst in ein Kühlfach im Krematorium zu legen und am Ende mit riesengroßen Stäbchen (wie Essstäbchen, nur viel größer!) in der Asche in den Knochenstücken herum zu wühlen waren ungewohnte Erfahrungen für mich, die dem ganzen Prozedere schnell den Beigeschmack eines der Würde des Toten unangemessenen Zirkuses verliehen in meinen Augen. Aber deswegen ist es ja gerade so faszinierend, wie verschieden Kulturen sind. Für die Taiwaner ist das offenbar alles so in Ordnung. Zwei Höhepunkte sind mir aus der Beerdigung damals im Gedächtnis geblieben:

Erstens die merkwürdigen Wächter der Kühlkammer (mit unzähligen stählernen Leichen-Kühlfächern), die in einem zum Kühlkammer-Gang offenen Zimmer saßen, in dem Ölgemälde von tief dekoltierten Frauen die Wände zierten und überlaut Musik aus den Lautsprechern dröhnte. Zu meiner Verblüffung spielte gerade die Titelmusik vom Film "Der Rosarote Panther", während meine Frau und ich den Leichnam ihres Vaters zu seinem Kühlfach fuhren. Automatisch fängt man an im charakteristischen Paulchen-Panther-Gang zu gehen, zwischen all den Toten. Die Szene ist bizarr-Skurril, mehr wie in einem Mel-Brooks-Film als in der Realität, aber Taiwan kann eben herrlich surreal sein für westliche Augen. Heute denke ich, die sicher wie die meisten Taiwaner abergläubischen Herren werden mit ihrem lebenfrohen Büro wahrscheinlich einen dröhnenden Gegenpol zur "Geisterwelt" der Toten in ihren Kühlfächern gesetzt haben. Irgendwie so.

Und unvergessen die veritable Polonaise, als sich unsere Trauergemeinschaft wirklich in einer sylvesterfeier-haften Polonaise wild durch die Gegend bewegte, einem orangen Priester hinterher, der einen Teekessel trug. Den warf er damals krachend auf die Fliesen so dass er zerbarst. Fast hätte ich den Kerl angeschrien, so überreizt waren damals meine Nerven. Ich wurde jedoch sofort von meiner Frau belehrt, ihr Vater sei nun "geheilt". Weil die Krankheit die er hatte vom Priester in den Teekessel verbannt worden war. Ich blickte auf den im Raum befindlichen grau-blau angelaufenen Leichnam und verkniff mir damals mühevoll ein "er sieht aber noch immer ziemlich tot aus". Stattdessen bemerkte ich "im Wilden Westen wäre der Quaksalber für diese Heilung geteert und gefedert worden", wofür mir meine Frau auf den Fuß trat.

Was für ein Gegensatz eine solche Beerdigung zu der ruhigen Veranstaltung in einem "Ruheforst"  doch ist, die ich kürzlich beim Tode meines eigenen Vaters erlebt habe. Ich bin zu tiefst dankbar, dass deutsche Bestattungsriten nicht von mir verlangen, etwas mit Skelettteilen nach der Einäscherung zu machen. Und das deutsche Krematorium habe ich natürlich nicht mal zu sehen bekommen. Hingegen ist das große Krematorium in Taipei eine Art Todesfabrik mit mysteriösen großen Gasflaschen und einer bahnhofsähnlichen Verbrennungshalle, wo der Priester vorm Bild des Verstorbenen letzte Worte spricht.

Aber zurück an den Anfang der Beerdigung der kürzlich viel zu jung verstorbenen Kollegin P. Ich tauchte also erst nachmittags auf, auch weil ich nicht die komplette Veranstaltung mitmachen wollte. Wieder ging es auf das Gelände der "Todesfabrik". Bilder werden irgendwann nachgereicht. Taiwaner empfinden Fotos von solchen Orten als gefährlich, weil sie angeblich Geister von Toten anziehen; daher will ich mein Blog nicht zeitnah damit ausstatten.

Ein neues großes fabrikhallenartiges Gebäude war das Ziel unserer Trauergemeinschaft. Hier saßen wir veritabel in einem grauen Korridor vor den Toiletten und Aufzügen im Untergeschoß. Schnell stellte der Bestattungsunternehmer Klappstühle zur Verfügung, während in einem kleinen Andachtsraum noch etwas vorbereitet wurde. Der Geruch der sanitären Anlangen zog herüber und ein Mann in Gummistiefeln putzte zwischen uns herum, leerte Mülltonnen und den Kackeimer der Toiletten, den er an uns vorbei zu seinen Mülltüten trug. Taiwanische Toiletten haben ja immer den Kackeimer für das benutzte Toilettenpapier herum stehen. Eine Glocke erklang, eine Priester in Orange ging vorweg, auf einem metallenen Leichen-Schiebewagen lag ein mit beschrifteter Plane bedeckter Toter, die andere Trauergemeinde weinend hinterdrein. Wir alle mussten uns hektisch wegdrehen und die Wand anstarren. Das sieht komisch aus, wenn etwa dreißig Trauernde das gleichzeitig tun. Wieder umdrehen, der Tote ist im Fahrstuhl verschwunden. Wir warteten noch auf die verstorbene Kollegin P., die jetzt auch bald kommen würde. Hektische Arbeiter schleppten Gestelle und Blumen durch die Gegend, der Toilettenmann rasselte mit dem Blumenträger zusammen. In Schwarz gekleidete Leute guckten wichtig in Smartphones. Ein weiterer Leichnam mit Glocke. Wieder herumdrehen zum NO SMOKING-Schild an der Wand. Ich warf einen verbotenen Blick auf den Toten und zwinkerte im zu. Darf man nicht, damit einem der Geist des Toten nicht folgt. Aber wir haben so viele Mücken nachts und ich liege oft wach. Da kann ich Gesellschaft gebrauchen.
Wie nah alles beieinander liegt in Taiwan. Die Trivialität des Fahrstuhls, die Körperfunktionen die man auf der Toilette ausführt bis hin zum Ansehen von braunem Klopapier. Dazwischen die Leichname. Die Tränen der diversen Familien. Die Getränkeflaschen, die der Müll- und Klomann zwischendurch entsorgt und mit seinem Müllwagen stehen bleibt, während der Leichentisch vorbei gefahren wird. Da wird man fast philosophisch. Man lebt, trinkt, disassimiliert die Nährstoffe, säubert sich und stirbt irgendwann. Man ist auch nur noch so ein Ding wie die leere Plastikfalsche mit dem Hu-Fong delicious Ice-Tea, das irgendjemand wegbringen muss. So scheint es Taiwan zu suggerieren mit der für mich eigenartigen Trauerfeier am Fahrstuhl. Für Taiwaner ist das aber alles normal, es sind meine eigenen Empfindungen, die nicht zur Trauerfeier passen. Ich bin hier der Fremdkörper, nicht der Müllmann, nicht das Kackpapier. Leben und Tod gehören zusammen. Es würde vielleicht noch fehlen, dass einer der jungen Bestattungsleute im dunklen Anzug eine Kollegin hätte, die er in der Besenkammer schwängert, während wieder der Müllmann mit seinen Gummistiefeln vorbei geht. Dann hätten wir den ganzen Kreislauf des Lebens versammelt vor den Fahrstühlen.

Das alles hat nichts mit der netten Kollegin zu tun, die wir hier beerdigen. Taiwan ist eben anders. Schließlich werden wir auch hereingerufen, nachdem die Familie schon fertig ist. Im offenen Sarg liegt die Kollegin. So eine zierliche junge Frau. Jung aus meiner Perspektive, eben in den 40ern gerade Mal. Kleine Puppen und "Geistergeld" liegen im Sarg auf ihrem zierlichen Körper. Ich verabschiede mich, mache den Ritus mit. Verbeugen und Abschiedsworte reden. Diesmal aus ehrlichem Herzen. Die Räucherstäbchen musste ich ablehnen, weil meine Frau darin eine zu große Verbindung zur Geisterwelt gewittert hatte - unseres Kindes zu liebe, den ja am Ende zürnende Geister jagen könnten. Ich enthalte mich eines Kommentars.

Auch die Kollegin wird schließlich raus gefahren, wir alle hinterher. Diesmal dürfen wir gucken. Es geht rüber zur Krematoriumshalle in einem anderen Gebäude. Im Unterscheid zu 2007 haben sie jetzt vor dem bahnhofsähnlichen Gebäude rechts und links darüber zwei große Werbeschilder des Kiosk-Marktes "Family Mart" in bunten Farben aufgestellt. Es wirkt so, als sei die große Krematoriumshalle von Family Mart. Bizarr, aber Taiwaner nehmen die für mein Auge vorhandene Pietätlosigkeit nicht wahr. Der Priester sagt letzte Worte, die hübsche Kollegin P. hat kein Bild wie die anderen älteren Toten, die wir rechts und links neben uns auf ihren gerahmten Fotos sehen, dahinter die jeweilige Trauergemeinde. Schließlich ist P. dran. Wir werden nach vorne geführt, ihr Sarg verschwindet in der Brennkammer. Alle schreien jetzt "renn weg!". Das hat den Sinn, dass sich der Geist vom Körper trennt und vermeidet, ebenfalls im Feuer verschlungen zu werden. Ich schreie mit, dann wenden wir uns schnell ab und dürfen nicht zurück blicken, damit uns der Geist von P. nicht folgt. Ich nehme es nicht so genau. Nachts auf der Mückenjagd in der neuen Wohnung habe ich ja immer Langeweile. Da würde ich gerne noch mal mit P. reden. Oder überhaupt mal mit P. reden. Wie viele taiwanische Kollegen hat sie ja nie ein Wort mit mir außer Hallo und Bye Bye gewechselt. Sie haben Angst vor Gesichtsverlust beim falschen (?) Englischreden. Und mein Chinesisch ist schlecht und da lachen sie mich immer aus. Also rede ich Englisch mit ihnen. So als sei ich der Dekan der University of Oxford und würde auf perfektes Oxford-Englisch achten, so scheu sind sie beim Englisch-Sprechen. Auch nach zehn Jahren Zusammenarbeit noch. Nur englische Emails kriegt man. Also könnte P. jetzt ruhig mal auftauchen und wir reden über ihr Leben. Wo sie immer von 9 bis 22 Uhr im Büro saß und mit den Japanern verhandelte. Hatte sie überhaupt ein Leben? Ich hoffe es.

Einer ihrer Kunden ist auch dabei. Ein eleganter Japaner, im Nadelstreifenanzug mit gegeelten Haaren. Er hat sich rührend sowohl in Taiwan wie auch in der japanischen Krebsklinik mit den experimentellen Behandlungen um P. gekümmert. Er ist sehr erschüttert.

Über dem eigentlichen Krematorium und links daneben ist auch wieder Family Mart. Ich esse ein paar Kinderschokolade-Riegel, esse ein in Plastik verschweißtes labbriges Croissant und trinke einen in einer atomkriegfesten Plastikflasche eingeschlossenen kalten süßen Kaffee der Marke Bernachon. Oder so. Der angeblich französisch ist. Wenn Paris in Taiwan liegen würde jedenfalls.

Schließlich kommt der Abschluss. Wir ziehen vorbei an den kleinen älteren fabrikartigen Gebäuden hinter den Trauerpavillions, die ich noch von der Beerdigung von vor 10 Jahren kenne. Alles ist noch so wie damals, nur statt des Neubaus vom Anfang stand damals ein älteres Haus. Die Leichenhalle, aus der gerade kein Paulchen Panther dröhnt, ein Wartesaal für Trauernde neben mysteriösen fest installieren großen Tanks mit Rohren, die im Boden verschwinden in der Todesfabrik.

Rüber in ein privates Bestattungsinstitut, das außen grellbunt bemalt ist. Irgendein Bild von einem See mit knallroter Tempeldeko drum herum. P.s Urne wird in einen kleinen Altar gestellt. Sie hat die Nummer 61, die anderen Toten sind direkt daneben nebst kleinem Opferaltar jeweils. Eine Prozession aus einem Nachbarzimmer kommt in wilder Polonaise heraus gerast, alle die Hände auf den Schultern der Person vor ihnen. Ein Priester mit einem Kessel rennt vorweg. Ich werde von meiner Frau ihm aus dem Weg gezogen. Dann ist es vorbei.

Ruhe in Frieden P. Gönn Dir etwas Ruhe nach all dem Trubel hier.


Edit: Oberster Link korrigiert, er hatte ursprünglich alle Beerdigungs-Artikel angezeigt


Montag, März 27, 2017

Neues Auto(chen) (Update)

Wenn ich eine Email von Victorchen bekomme, dann ist das nach der Namensregel bei der Firmenemail einfach ein Kollege mit Nachnahmen Chen. Doch das neue Ludigelmobil trägt die Verniedlichung leider zu Recht.

Noch vor kurzem war alles klar. Meine Frau hatte Manila auf den Philippinen als neuen Wohnsitz erkoren, sehr zur Freude ihrer dortigen Verwandten. Und ich war zurück nach Deutschland gezogen, weil mein Vater verstorben war und meine auf die 90 zugehende Mutter Hilfe brauchte. Auch automobilistisch war alles klar. Meine Frau wurde samt Junior vom Mann ihrer dort lokal verheirateten Schwester herum gefahren in seinem neuen Ford Ecosport und ich ließ den von meinem Vater hinterlassenen fast neuen Mitsubishi ASX auf meinen Namen zu.

Mann kann sich gewöhnen an den Fischmaul-Look (schwer im Trend seit Audi (?) damit angefangen hat), hier meiner Meinung nach nicht gerade hübsch realisiert


Jetzt treibt der manilesische Schwager den Ford-Sport wieder alleine und Frau, Junior und ich leben wieder in Taipei. Da unser fast neuer Volvo XC60 eben noch verkauft worden war, hatte nun der plötzliche Rücksturz nach Taipei zur Folge, dass wir kein Auto mehr hatten. Also wieder eine große Kiste kaufen? Das schwebte lange bei uns in der Diskussion, allerdings mahnte ich, dass unsere geographisch unstete Lebensweise zu neuerlichen hohen Wiederverkaufswert-Verlusten führen könnte.
Also sollte es doch ein Kleinwagen werden bei uns. Niedrig im Preis und meine Frau kann ja auch große Blechberge nicht so gut durch die engen Gassen Taipeis steuern. Daher gibt es jetzt einen großen Kontrast bei uns. Statt dem vormaligen dicken schwarzen Volvo SUV mit 245 PS jetzt ein kleiner Nissan "March" mit 99 PS in Xiaojie-Rot. Niedlich anzusehen das kleine Auto mit niedlichem Haifischmaul, das mich irgendwie an das verzweifelte Japsen einer Forelle auf trockenem Land erinnert. Mit etwas über einer halben Million NT Grundpreis deutlich billiger als der parallel angesehene Mazda 2 - der freilich gefühlt zehnmal so attraktiv gestylt ist. Allerdings mindestens 0.7 Millionen NT kostet. Und meine Frau fand den niedlich gestylten Nissan eben unwiderstehlich. Er hat ein Design von dem man oft liest, dass es ein "Frauendesign" ist. Nissan hat den March-Kleinwagen im Katalog neben hochhackigen Schuhen und einer Katze abgebildet. Deutlicher geht es nicht. Hello-Kitty-Auto eben.

Altes Modell (-2013 in Europa) mit 0 km zum Neuwagenpreis. Typisch Nissan, die Taiwan als Zweitverwertungsplatz angesehen

In Deutschland gab es dieses Auto auch, es nannte sich dort "Micra" und wurde nur bis 2013 so verkauft, wie es in Taiwan auch 2017 in den Showrooms steht. Nissan verkauft in Taiwan meist ältere Modelle, so dass sie 2013 sogar noch einen Uralt-Micra in Taiwan anboten (wieder als "March") und das zwischenzeitliche Modell glatt weggelassen hatten. Die beim aktuellen Modell 2013 vorgenommene Modellpflege hin zu einem weniger niedlichen Look hat Nissan in Taiwan auch weggelassen und auch das jetzt im März 2017 in Deutschland vorgestellte völlig neue Modell wird es in Taiwan zumindest jetzt nicht geben. Wegen niedlichem "Fisch schnappt nach Luft"-Aussehens des Autos (das mich im Showroom dazu verführte vor dem Kühler zu grimassieren) und der fragwürdigen Modellpolitik von Nissan Taiwan, hier immer Altmodelle anzubieten, war ich dem Ding nicht gerade zugetan. Auch innen ging es wenig erquicklich zu. Ödes hartes graues Plastik wohin man auch sieht und dann eine silberne Scheibe (billiges silberfarbenes Plastik) auf die Mittelkonsole geknallt, die so wirkt, als hätte man dort einen asiatischen tragbaren CD-Spieler von 1985 mit Pattex dran gekleistert. Immerhin waren die Sitze taiwantypisch mit (schwarzem) Leder bezogen, das sogar hübsch mit roter Naht abgesetzt war und zu meiner Verblüffung hatte ich hinter dem Lenkrad mehr Platz als im vorher getesteten deutlich größeren VW Golf, Audi A3, 1er BMW und Toyota Yaris. Nur links kam mein Knie irgendwie gegen die Tür, die wegen eines breiten Bedienpults mit elektrischen Fensterhebern sehr breit ausgefallen war. Die Türverkleidung samt Bedienpult bog sich flexibel weg, wenn das Knie den Druck dort erhöhte. Alles ergab ein billiges irgendwie "igitt"-Gefühl.

Die Probefahrt war dann allerdings ungleich besser. Vergessen war die schwammige Türverkleidung. Der mit 99 PS ausgestattete Kleinwagen reagierte sehr munter aufs Gas und vermittelte richtig gehend ein sportliches Fahrgefühl. Es gab offenbar nur den 99 PS-Motor (offenbar mit 1.5-Litern Hubraum). Die Taiwaner mögen es halt immer ein bisschen sportlich bei Autos. Dagegen konnte der neue viel erwachsener wirkende Golf-Konkurrent Nissan Tiida mit 115 PS nicht punkten, den ich allerdings wegen Aussehen und Größe selbst bevorzugt hatte. Die Tiida war bei meiner Frau aber von Anfang an auf verlorenem Posten. Schließlich hatte ein Freund eines Freundes von meiner Frau angegeben, der Wagen würde beim Fahren zu sehr schaukeln. Auf meiner Probefahrt gelangen mir trotz rasanten Kurven keine Schaukelbewegungen, aber ich bin natürlich auch kein taiwanischer Spezialfahrer, der mit 80 um enge bürgersteiglose Gassen vor der Grundschule bügelt uns sich dann wundert wenn beim Schulkinder-Ausweich-Slalom die Frisur durcheinander gerät.

Unser niedlicher Micra aka March wendet sich aber eher an die weiblichen Fahrer Taiwans, die als "Psycho-Xiaojie" dann im roten Minirock mit rotem Nackellack und den roten hochhackigen Schuhen vom Prospekt-Cover den Schulkindern mit 99 PS und kaum nennenswerten Leergewicht mal so richtig das Fürchten beibringen können beim morgendlichen Wettrennen durch klitzekleine Gassen zum Arbeitsplatz.

Wir können es kaum erwarten, bald steht unsere rote Knutschkugel - mit Rückfahrbildschirm statt dem hässlichen Sony-Discman im Innenraum - bei uns in der Tiefgarage. Frau ist schon Feuer und Flamme und sagt, sie hätte das Rasen durch quietschenge Taipei-Gassen sehr vermisst in unseren "Volvo-Jahren". Der hat ja nie so richtig durchgepasst durch die bürgersteiglosen Straßen in den Schlichtvierteln. Jedenfalls nicht mit taiwantypischen Geschwindigkeiten.


UPDATE: Ich habe noch keinen einzigen anderen Nissan March/Micra dieser Baureihe auf Taiwans Straßen gesehen die Tage. Nur ein paar ältere der 2. Generation (K11 genannt bei Nissan) sind noch zu sehen. Die Erklärung liegt vermutlich im merkwürdigen Marketing von Nissan Taiwan (identisch mit der Firma Yulon, die hauptsächlich die eigene Automarke LUXGEN betreibt), dass den K11 solange gebaut hat (1993-2007), bis er völlig veraltet war und das nichtsdestotrotz sehr beliebte Auto dann nicht mit einem Nachfolger versehen hat. Den neuen K12 gab es nämlich in Taiwan nicht. Erst 2011 führten sie "unseren" K13 oben im Bild ein und verkaufen ihn seither wohl kaum. Die Kunden sind offenbar fast geschlossen zu Toyota und dem beliebten Kleinwagen (neuste Generation ein eher ein Kompaktwagen) Yaris abgewandert.
Nissan tut das immer wieder - für erfolgreiche Modelle zeitweise keinen Nachfolger anbieten. Beispiele sind hier der X-Trail und die kompakte Limusine Sentra. Fast so, als ob es ihnen unheimlich wird, wenn sie zu viel in Taiwan verkaufen.

Diskussion mit Junior (5):
Ludigel: "Sollen wir dem niedlichen Auto einen Namen geben? Otto oder Elise oder so?"
Junior:   "Hat doch schon einen Namen.... Nissan."
Ludigel: [schluck] "oookay"

Junior ist immer so entsetzlich vernünftig.

UPDATE 2: Sage ich doch, Frauenauto:  http://www.nissan.com.tw/Upload/861B57C9-3BD5-4860-B2F9-4666AF0F784F/TC/圖三.jpg
und http://www.nissan.com.tw/Upload/B9CD4807-9FF6-4015-9275-771F4C211C28/TC/2011122316133158411463.jpg

Freitag, März 24, 2017

Mach's gut P.

Abschied von einer Kollegin

In diesem Blog habe ich es nach im Jahre 2013 als eine Art Wunderheilung beschrieben. Ob nun mit Chemotherapie oder ohne - so ganz klar ist das bei mir nie angekommen - die Kollegin P. hatte damals eine fast schon wundersame Heilung vom Krebs hingelegt. Bei mir hatte das einen tiefen Eindruck hinterlassen, war ich doch bei einer Fahrt der Chauffeur, auf der sie einen besonderen Tempel im Süden Taiwans besucht hat und dort offenbar psychisch so viel Kraft gesammelt hatte, dass es ihr gleichsam schlagartig besser ging. Dachte man damals vielleicht auch nur an einen kurzen Plazebo-artigen Effekt, so war das Ganze jedoch der Anfang einer schnellen Erholung. Lag die Kollegin anfangs scheinbar im Sterben, so erholte sie sich in der Folge so weit, dass wir uns noch bis Anfang 2017 mit ihr in Taipei zum Essen getroffen haben. Allerdings hatten wir bei unserem letzten Restauranttreffen von ihr schon gehört, dass eine Metastase in einem anderen Organ nun leider große Probleme machte. Die Kollegin war zeitweise in einer Klinik in Japan untergebracht und erhielt experimentelle Behandlung. Besonders meine Frau war dabei involviert, hier für den japanischen Arzt eine Bestellquelle von noch nicht zugelassenen Medikamenten aufzutun. Leider ließ sich der Befall des zweiten Organs nicht stoppen und die Kollegin ist vor ein paar Tagen leider sehr genau innerhalb der Prognose des Arztes verstorben. In der Vergangenheit war sie eine geschätzte Mitstreiterin auf Seiten des Vertriebs und eine große Hilfe bei allen Projekten. Sie war der Typ von engagierter Taiwanerin, die immer mit einem Lächeln auf den Lippen von morgens um Neun bis nicht selten nachts um 23 Uhr im Büro saß. Ein Leben fast nur aus Arbeit bestehend, dass leider Mitte 40 viel zu früh geendet hat. Bei den Behandlungen - was eben auch eine Kostenfrage ist - war ihr unter anderem auch der japanische Kunde - ein Großkonzern - sehr behilflich. Auch taiwanische Unternehmen können in solchen Krisensituationen sehr loyal zu ihren Angestellten sein, womit fast schon zu viel gesagt ist.

Mach's gut P., mit Deinem fließenden Japanisch kannst Du notfalls auch in den japanischen Teil des Jenseits wechseln, wenn es Dir mit dem Papierschiffchen-über-Flüsse-nehmen und anderen Prozeduren zu viel wird, die man hier in Taiwan nach chinesischer Art durchführt.
Gute Reise.


Dienstag, März 21, 2017

Gebrauchtwagen Teil 3: Autos von der Bank klauen

Endlich mal der Hausbank was heimzahlen? Gemeint ist hier aber nicht, dem Filialleiter seinen schwarzen Toyota Camry zu klauen, sondern die Taiwaner haben etwas viel trickreicheres im Sinn

In Deutschland habe ich mal ähnliches gehört. Wenn Herr Thorsten van Anderen sich einen neuen BMW 750i gekauft hat und nicht abbezahlen kann, wird er per Repro-Mann wieder beschlagnahmt und geht zurück an die Bank. Manche besonders pfiffige Schuldner verkaufen den teuren neuen Wagen aber schnell an eine Hinterhofwerkstatt und melden ihn als gestohlen oder dergleichen. Und die verkauft ihn dann in Teilen. Pfiffige Detektive werden dann ggf. beauftragt den Wagen vorher wiederzufinden.

Manch einer wäre hier froh, wenn er die Kiste loswürde irgendwie...
Um solche Autos geht es hier natürlich nicht, sondern nur um dicke meist deutsche Importautos

In Taiwan geht es aber noch trickreicher. Es gibt nämlich Pfandhausseiten, die Autos anbieten, die zwischen 3 und 6 Jahren alt sind. Neuere fehlen, vielleicht weil sich da das Anheuern von Detektiven lohnen würde, die den Autos auf der Spur sind. Diese Pfandhausseiten erwähnen, dass die Autos unter Eigentumsvorbehalt (einer Bank) stehen und daher nicht einfach auf den eigenen Namen zugelassen werden können. Man erhält die Fahrzeugpapiere, aber diese lauten weiterhin auf den Namen des ursprünglichen Käufers/Schuldners. Und man kriegt die Autos also nur permanent überlassen, wofür man die Hälfte oder ein Drittel des Zeitwerts des Auto an das Pfandhaus bezahlt. Damit die Bank das Auto nicht findet und beschlagnahmt bieten die Pfandhäuser einen besonderen Verschleierungsservice an, der u.a. andere Kennzeichen beinhaltet.

Meine Meinung nach längst auf der falschen Seite der Grauzone zwischen legal und illegal und Links will ich auf solche Seiten doch nicht setzen. Aber wie geht das Ganze nun im Detail vor sich? Im Beispiel wie unten:

Herr Li kauft sich seinen dicken Mercedes E300 und kann ihn am Ende nicht mehr abzahlen. Jetzt geht er schnell zum Pfandhaus und bekommt dafür Geld in die Hand gedrückt. Kann er den Wagen nach einiger Zeit nicht mehr auslösen, verbleibt er beim Pfandhaus. Das Pfandhaus bietet ihn nun schnell auf einschlägigen Webseiten an, mit dem Hinweis man können ihn nicht einfach auf den eigenen Namen zulassen. Denn sonst würde die entsprechende taiwanische Zulassungsbehörde ihn wohl für die Bank beschlagnahmen lassen. Wenn man den Wagen jedoch haben will, kriegt man Fahrzeugbrief und -Schein, die es auch in Taiwan gibt. Dort steht auch noch der ursprüngliche Halter Herr Li drin und weder Herr Li noch der neue Käufer zahlen die Steuer oder gar Versicherung. Aber der "Käufer" könnte jetzt natürlich fröhlich mit dem E300 herum fahren. Solange, bis er beschlagnahmt wird. Um das zu verhindern kauft das Pfandhaus eine Doublette auf. Das ist ein gleichfarbiger Wagen der selben Baureihe (die Farbe steht in Taiwan in den Wagenpapieren!), der kaum noch etwas Wert ist. Vielleicht ist er schon ein paar Jahre älter, hat vielleicht einen Flutschaden bekommen (kommt in Taiwan öfter mal vor) oder hat gar einen Unfallschaden. Vielleicht ist es sogar nur ein E260 oder was auch immer. Dieses Wrack kann der "Käufer" nun legal auf sich zulassen und dafür auch die KFZ-Steuer bezahlen. Allerdings wird das Wrack nie gefahren, sondern bleibt an einem geheimen Ort beim Pfandleiher stehen. Irgendwo in einer Wellblechhalle. Trickreich werden nun die neuen legalen Kennzeichen des kaputten E260 mit denen des schicken E300 getauscht. Idealerweise macht man vielleicht die E300/E260-Markierungen ab. Nun fährt der "Käufer" also mit Herrn Lis illegalem E300 herum, aber laut Kennzeichen ist es ein ganz anderer E260, der völlig legal ist.

Ohne Bezug zum Artikel. Die Jungs hier in der Nachbarschaft putzen alles was teuer ist.

Sinn der Übung ist, dass ein Repro-Mann der Versicherung den Wagen weder bei Herrn Li noch beim Abklappern von Pfandhäusern findet. Selbst wenn er die Wellblechhalle mit den Pfandleiherautos findet, wird er am Ende nur vor einem Schrottfahrzeug stehen, das in Baureihe, Farbe und Kennzeichen mit Hernn Lis Auto übereinstimmt. Nur dass es in Wirklichkeit eben der schrottige E260 ist und nicht Herrn Lis E300. Entnervt soll der Repro-Mann nun wieder nach Hause fahren und die Sache auf sich beruhen lassen. Weil es sich nicht lohnt, das Wrack - von dem der Repromensch denkt es sei Herrn Lis E300 - mitzunehmen.

Was wenn der illegale E300 mit der Vita des E260 nun in eine Polizeikontrolle gerät? Kein Problem, heißt es in einschlägigen Foren. Strafmandate etc. orientieren sich am Kennzeichen und die Polizei macht eigentlich nie die Motorhaube auf, um die Fahrgestellnummer zu kontrollieren. Auch die automatischen Mautstationen auf Taiwans Autobahnen orientieren sich natürlich nur am Kennzeichen und das gehört ja einem legalen Fahrzeug und ist auf den neuen Halter zugelassen.

Alles paletti also? Ich denke unangenehm würde es, wenn das Fahrzeug etwa einen schweren Unfall hätte und irgendjemand doch die Fahrgestellnummern ermittelt. Dann müsste man der Polizei erklären, wieso man ein gesuchtes Fahrzeug fährt. Und wehe, wenn das Auto dann noch wegen Fahrerflucht und einem schweren Vorunfall vor Jahren gesucht wird.
Oder was, wenn der Wagen wirklich gestohlen wird? Man meldet dann der Polizei einen gestohlenen legalen E260, der in Wirklichkeit in einer Wellblechbutze steht. Alles sehr sehr unorthodox und vermutlich kriminell. Und falsche Kennzeichen am Auto zu befestigen ist sowieso ein Vergehen. Aber alles spannend und taiwanisch-pfiffig.

Ein Zufallsfund beim Durchstöbern von Gebrauchtwagenforen und nicht zur Nachahmung empfohlen.

Montag, März 20, 2017

Bitte zahlen für ein nicht vorhandenes Auto

Abenteuer auf dem taiwanischen Gebrauchtwagenmarkt

Frau und ich wollen ja diesmal ein eher kleines Auto kaufen. Damit sie es ggf. auch allein fahren kann wegen ihrer Tendenz, bei zu großen Autos in den Kurven manchmal irgendwo hängen zu bleiben. Die Breite ist wohl das Problem. Trotzdem hat meine Frau dann gegen kleine Autos etwas einzuwenden und guckt immer wieder nach Riesenschlitten. Weil ich aber wegen unserer recht chaotischen Hin- und Herwanderung zwischen Taiwan, Philippinen und Deutschland und dem damit verbundenen automobilen Verkaufs- und Neukauf und In-Garagen-unbenutzt-herumsteh-Chaos nicht gleich wieder viel Geld zu Neuwagenhändlern tragen will, haben wir uns auch Gebrauchtwagen angesehen. Natürlich große mit viel PS, was anderes sucht Frau gar nicht heraus.

Ein Mercedes C250 sollte es sein (so richtig kompakt ist der schon lange nicht mehr) oder ein A6, hübsch angepriesen auf Gebrauchtwagenseiten im Internetz. Wir landeten dann in einer der üblichen grau-hässlichen Simpel-Mini-Plattenbauvorstädte in einer kleinen Butze, in der man wie gewohnt die Schuhe vor der Türe stehen lassen musste. Zu meiner Verwirrung war von Autos nirgends etwas zu sehen, aber schon eine ganze Zeit vorher hatte ein Mopedfahrer uns auffällig-unauffällig beschattet und unsere Position per Handy an irgendjemanden durchgegeben, als wir noch die Adresse suchten.

Drinnen beim "Händler" ein paar Cubical. Unser "Händler" trug einen krawattenlosen schwarzen Billiganzug, was ihn wesentlich unseriöser aussehen ließ, als hätte der Bermudashorts getragen. Blues Brother ohne Blues, sozusagen. Dafür ewig lächelnd. Im Cubical bekamen wir dann einen langen Vortrag über ein Qualitäts-Zertifikat des Mercedes C250, das außen und innen und die Prüfung auf (nicht) gespachtelte Unfallstellen und den Zustand beinhaltete. Soweit so gut, aber wo war nun die verdammt Karre?

Über dem Cubical Fotos von einem riesigen Parkplatz mit tausenden Autos. Ein Büro mit riesigem Bildschirm wie das Raketenzentrum in Huston, war auf den Fotos zu sehen. Da keimte schnell ein Verdacht bei mir auf. "Die wollen mit tollen Fotos und selbstgebastelten Formularen hier auf seriös tun, haben aber gar kein Auto da!". Also alles nur Abzocke?

In der Tat sollten wir dann alsbald die vorher genannte Vorabgebühr/Anzahlung von 30.000 NT zahlen (etwa 800 Euro), die auch wirklich in meiner Bauchbinde zu finden war. "Ohne das Auto zu sehen?", fragte ich verdutzt meine Frau. Die bestätigte. Da grinste der "Diamantenhändler" in seinem schwarzen Anzug süffisant und sagte zu Frau und uns begleitendem Freund und Kollegen Will auf Chinesisch: "Was will er denn den Wagen sehen, ihr Mann? Wenn er ihn sieht, sagt er doch sowieso nur beautiful, beautiful", wobei unser kleiner Komiker das "beautiful" auf Englisch aussprach und offensichtlich nicht damit rechnete, dass ich seinen Satz in der hiesigen Stammel-Lispel-Sprache namens Mandarin auch verstehen konnte. Ich lächelte debil, wie es die hiesigen pfiffigen Menschen von einem debilen Ausländer erwarteten und sah mich unauffällig um, was denn als Waffe verwenden konnte. Denn unterdessen hatte sich eine größere Gruppe junger Männer zwischen uns und dem Ausgang aufgebaut, wo sie ihrerseits auf einen Computerbildschirm starrten und eifrig Gebrauchtwagen diskutierten. Die es sicherlich auch gar nicht gab oder jedenfalls nicht in ihrem Besitz, so schien es mir.

Wollten die uns mit einer Scam-Geschichte an die Brieftasche? Es gab offensichtlich einen Hinterausgang, direkt neben mir. Möglicherweise war der aber zugeschlossen. "Also doch lieber den Weg zur Fronttür freikämpfen", dachte ich mir. "Vorsicht vor den rotlackierten Krallen der Sekretärin", war eine gedankliche Randnotiz. "Man weiß ja nie wegen Infektionen". Wie aber den Rückzug taktisch gestalten durch den Pulk der Gott sei Dank schmaltalierten und modisch frisierten jungen Männer hindurch? Mehr als die Miezekatze (eine echte, keine Sekretärin) als Wurfgeschoss zu verwenden, fiel mir aber nicht ein, richtige waffenähnliche Gegenstände gab es nicht. Außerdem müsste man nach erfolgreicher Flucht noch mal zurück, alle noch mal verprügeln um sich dann die beim ersten Mal vergessenen Schuhe wieder anzuziehen. Ich gluckste vergnügt vor mich hin und freute mich schon auf ein bisschen Feierabend-Sparring vorm Abendbrot, da schlug zu meiner Verblüffung der Diamantenhändler vor, sich die Gebrauchtwagen doch auf einem nahegelegenen Gelände anzusehen.

Ich vermutete natürlich sofort irgendein abgelegenes Gelände, wo es uns schlussendlich an den Kragen gehen sollte, allerdings war mir aus taktischen Gründen ein Ortswechsel doch willkommen. "Oder du hast nur zu viele taiwanische Fernsehserien gesehen, wo sie immer auf Wellblechhinterhöfen mit Eisenstangen auf Leute einschlagen", wand mein Großhirn ein.

Also vorne durchs Büro durch. "Bye bye" winkte die Sekretärin uns zu mit ihren roten Fingernägeln und die beiden Miezekatzen (wie gesagt keine Humanform sondern wirklich fellin) im Hinterzimmer stritten sich um ein Wollknäul. Draußen hörten wir dann, den C250 oder den Audi A6 gebe es aber nicht auf dem Parkplatz, der sei noch "bei der Bank", weil vom ursprünglichen Besitzer nicht abbezahlt. Aber ganz ähnliche Karossen habe man ganz in der Nähe.

Nach dem in Taipei unvermeidlichen Treten in Hundekacke und dem anschließenden Säubern an gut geschnittenen Hecken standen wir auf einem Trümmergrundstück gleich neben einem Prunk-Bürobau und ich sah schwermütig auf gelblich angelaufene Scheinwerfer von mindestens 10 Jahre alten automobilen Träumen der 90er und frühen 2000er. Nur ein VW Tiguan sah mit seiner Kreidebeschriftung so aus, als sei er gerade von einem Autotransporter "gefallen". "Wahrscheinlich fehlt der jetzt irgendwo", dachte ich. Aber den Tiguan wollte Frau nicht, wegen den Problemen mit dem DSG-Getriebe hier am Assturban der Welt namens China/Taiwan.

"Welchen willst Du denn?", frage meine Frau.
"Das Taxi da drüben!", sagte ich und bemerkte, dass es doch ohnehin Abendbrotzeit sei. Und der krawattenlose Bluesbrother würde ja auch ohne uns klarkommen. Mit seinen Katzen und den tollen Fotos von nichtvorhandenen Autos.

Also wanderten wir zurück. Frau wollte nicht das Taxi sondern lieber den "Uber"-Fahrdienst, der in Taiwan regierungsseitig mittlerweile verboten ist und den es nicht mehr gibt. Mit dem man aber immer noch fahren kann. Nur ohne die Uber-App sondern per Uber-Ruf per Chat-Applikation.

Auf das nicht existierende Uber-Auto an der Kreuzung wartend (ich unter Mundschutz dem Smog halber) wurden dann weitere Details des Deals offenbar, die uns der immer noch lächelnde Bluesman des Gebrauchtwagenbusinesski vortrug.

Wir sollten erstmal 30.000 NT zahlen ohne den C250 gesehen zu haben. Dann würde unser James ohne Belushi mit der Bank verhandeln ob wir das Auto auch kriegen. Wenn ja, sollten wir den vollen Kaufpreis von 700.000 NT für den 2010er C-Klasse Benz gleich bezahlen plus 8% Provision***. Und dann das Auto kriegen irgendwann. Ich lehnte dankend ab, unterließ es dem Herrn beim Abschied zu sagen, dass sein Anzug "beautiful" sei und freute mich auf das Abendbrot und das Schreiben eines Blogartikels über unseriöse taiwanische "Gebrauchtwagenhändler" und Scam-Artisten.

Doch mehr und mehr wurde auf meine insistierende Nachfrage deutlich, dass offenbar doch alles mit rechten Dingen zugegangen war. Die Autos von denen die Rede war, waren nämlich von "Repro-Men" beschlagnahmte und der Bank übergebene nicht abbezahlte Autos. Oder Autos die von Schuldnern beschlagnahmt wurden, weil diese sich mit dem Hauskredit verhoben hatten oder desgleichen. Dann lässt die Bank das Auto schätzen (daher die Fotos von der Schätzinstitution!) und die Karre bekommt (allerdings ohne Probefahrt gemacht zu haben) seine Evaluierung mit A,B,C... und dem tollen uns gezeigten Formular. Die Autos werden dann versteigert. Aber nicht Privatleute gehen dort hin (wie das in Deutschland durchaus möglich ist beispielsweise) sondern nur schwarze Anzüge tragende Agenten wie unser fröhlicher Bluesbrother. Und die bezahlt man dann, ohne den Wagen je gesehen zu haben.

Wir werden es lassen. Aber in Unkenntnis des Gesamtbildes habe ich dem schwarz gekleideten Herrn, der Sekretärin, den beiden Mietzekatzen und den modisch frisierten jungen Männern der Agentur Unrecht getan. Wofür ich mich hiermit herzlich entschuldige. Hat er also doch Recht, der Verkäufer. Man soll als Ausländer nicht auf dem Ansehen von Gebrauchtwagen bestehen und dann "beautiful" sagen, sondern einfach schweigen und sofort die Brieftasche aufmachen und zahlen.

Oder man geht eben essen, wie meine Frau und ich. Geht auch.


*** Nicht erwähnt von ihm: Auch evtl. noch angefallene Strafmandate des letzten Fahrers muss man übernehmen.

Freitag, März 17, 2017

Automobilistisches

Wieder Auto kaufen. Ludigel ist genervt.

Immer wenn ich über mich selbst in der dritten Person spreche, erinnere ich mich an diesen Artikel eines Psychologen, der die Angewohnheit sich selbst so zu referenzieren als Hinweis auf eine Geisteskrankheit sah. Aber dass man bei meiner Lebensführung irrsinnig würde, wäre so verwunderlich nun auch wieder nicht. Oder "er" irrsinnig würde, der Ludigel in Taiwan.

Wie dem auch sei, nachdem ich kürzlich ob des Hinzugs meiner Frau samt Sohn nach Manila auf den Philippinen und dem Tode meines Vaters bei Hannover, Deutschland meinen Wohnsitz wieder nach Deutschland verlegt hatte, kommt mir mein plötzliches Wiederauftauchen in Taiwan und der alten Firma noch recht merkwürdig vor. Frau will Auto kaufen und hat bereits Wohnung für uns gemietet und wir sammeln demnächst in Manila ein, was von unserem Hausrat dort überlebt hat. Dort ist ein Reihenhaus samt Flatscreen-TV für uns gemietet, in dem ich nie gewesen bin. Eben weil mein Vater verstorben war und ich mich einige Zeit um meine Mutter im Eigenheim bei Hannover gekümmert habe und das eigentlich immer noch tun müsste. Aber ultimative Aussagen der Gattin und ihr plötzlicher Rückzug ins heimische Taiwan schienen meine Anwesenheit erforderlich zu machen und führten - was ich gerne annahm - zu meiner Wiedervereinigung mit Junior (5). Die unstete Lebensweise führt zur Minimierung des Hausrats und zur Verteilung des Rests über drei Länder und zwei Kontinente. Und zum automobilen Chaos.

Bereits 2004 ließ ich meinen alten Mitsubishi Space Wagon in Deutschland zurück, der eigentlich sowieso meinem Vater gehörte und von ihm dann im Wechsel mit seinem neueren Space Wagon gefahren wurde, bis er mit 225 000 km und 10 Jahren oder so für einen Euro an den Mitsubishihändler ging.

Im selben Jahr verloren Frau und ich dann den nicht schönen aber praktischen Kia Carens, weil wir ja für geschlagene drei Monate vorher nach Darmstadt in Deutschland gezogen waren. Bis ich auf Anraten meiner ukrainischen Hausärztin wegen des Augenrollens meiner Frau (der Deutschland nicht recht bekam) eben nach Taiwan zurück zog. Nur jetzt war der Kia schon verkauft und ich weigerte mich bis 2006, einen neuen Wagen im versmogten und zugestauten Taipei zu kaufen. Lange begleitete uns dann ein Nissan X-Trail, doch Dez. 2013 wurde er im Rahmen eines automobilen Wettlaufs im Mittelmanagement meiner Firma gegen einen dicken schwarzen Volvo XC60 T5 mit viel zu viel PS und fast nie von meinem Gasfuß herausgefordertem Turbolader ersetzt. Nur um ihm bei Umzug nach Manila/Deutschland 2016 mit großen Verlust (eine Million Taiwandollar Wertverlust) an das Schwesterherz (Nr. 4) meiner Frau zu verkaufen. Da soll einer nicht irrsinnig werden!

Kurzzeitig in Hannover in Deutschland übernahm ich den vom Vater vererbten Mitsubishi ASX, einen kleinen SUV in roter Knallfarbe, der jetzt unbenutzt in der Garage steht und fast neu ist. Jetzt sind wir wieder in Taipei und haben kein Auto mehr. Frau will immer riesige teure Schlitten kaufen und ich nur einen kleinen gebrauchten, um das Risiko in Garagen dahin vegetierender oder mit Verlust verkaufter Autos zu minimieren.

So sahen wir uns die Tage einen (neuen) Mazda 2 beim Händler an. Eine Million Taiwandollar (viel zu) teuer, schick mit Leder mit roter Naht im Innenraum, verblüffend viel Platz vorne und einem 109 PS-Motor, das Frau aber doch zu klein ist. Die nette Verkäuferin bot uns sogar Sitzplätze, Prospekt und Kaffee an. Vorher hatten wir noch einen VW Golf angesehen, den meine Frau aber wegen des DSG-Getriebeproblems in Taiwan/China nicht wollte. Offenbar vertragen die VW-Gruppe-Autos nicht die Luftfeuchte in hiesigen Breiten. Die nette Verkäuferin bot uns keinen Platz und nicht Kaffee und Kekse an, aber Frau war wohl zu sehr gegen den Golf von Rolf.

Ein Audi A3 Sportback hatte es ihr kurzzeitig angetan. Trotz meiner Mahnung, dass sei auch nur ein Golf. Auch gruselig teuer war der A3 wegen des erhöhten Premiumanspruchs von Audi in Taiwan. "Sieh Dir vorne den Innenraum an", verlangte meine Frau und ich vermied den Blick auf die Oberschenkel  der Minirock tragenden Verkäuferin und starrte stattdessen auf ihre dicke Panerai mit rotem Kroko-Lederarmband, die bestimmt so viel gekostet hat wie der Toyota Yaris, den wir uns vorher angesehen hatten. Ohne die schicke Panerai auf dem Beifahrersitz war der A3 für mich nicht so interessant, dank Premiumklasse-Inflation und wenig Platz für meinen SUV-verwöhnten Körper. Kekse und Kaffee gab es aber bei Audi und den Hinweis, der Audi habe Motoren und Technik wie ein Lamborghini. Hört hört.

Bei BMW hatte der Verkäufer nur einen Autochrono eines nicht so prominenten Herstellers am Arm und es gab auch Prospekt und Kekse und wir saßen im engen 1er und im dickeren X1 Probe. So recht wollte es nicht zünden bei uns, auch wenn die Autos schick waren. Mir war der X1 zu teuer (will nicht schon wieder so viel Geld ausgeben) und der 1er zu winzig-eng.

Bei Mercedes (auf taiwanisch "Benze") empfing uns der schick gekleidete Verkäufer mit grauen Schläfen und dicker grüner Rolex Submariner am Arm kühl distanziert. Sitzplatz oder Kaffee gab es nicht, immerhin einen Prospekt für die A-Klasse auf Nachfrage (auch eng die A-Klasse) und der Verkäufer suchte daimlertypisch arrogant während des Probesitzens das Weite. "Verkauf Dir deinen Benzele doch selber", denke ich. Die Extraliste war sowieso viel zu lang und das Lenkrad gibt es nur gegen Aufpreis oder etwas in der Art.

Der Toyota war auch eng, der Verkäufer hatte eine schwarze Casio-Digitaluhr und war superfreundlich. Aber so recht gefallen wollte mir das Ding auch nicht. Das Auto meine ich. Die Uhr hat ja immerhin netten Retrocharm.

Einen zu großen Wagen wollen wir nicht nehmen. Ich zögere meiner Frau mehrere Jahre meiner Anwesenheit in Taiwan zu versprechen, wartet doch eine ziemlich hilflose Mutter nebst Reihenhaus, DAK- und ADAC-Mitgliedschaft passend zum roten Mitsubishi auf mich. Und meine Frau kann breite große Autos schlecht fahren.

Gleich gucken wir uns einen gebrauchten Audi A6 mit 2,8-Liter und einen Mercedes C250 an. Beide eigentlich zu groß für Frau, aber ohne großen Verlust wieder abstoßbar, sollte ich in meine norddeutsche Heimat verschwinden. Der Dauerkumpel "Will" (Name von der Red. geändert) meiner Frau hat schon zig Warnungen vor den Tricks der taiwanischen Gebrauchtwagenhändler bereit und alle zählen auf meinen Sachverstand. Schließlich muss ich mich als Deutscher sowieso mit Autos auskennen und als Ex-Teilzeit-Gebrauchtwagenhänder (Umsatz 2 Wracks, u.a. mit eingebautem Bettlaken gegen Klappern und mit Pattex angeklebtem Lackflatschen) geht man davon aus, dass ich alle Tricks kenne. Also schnell einen Magneten von der Cubicalwand genommen um evtl. Spachtelmasse zu erkennen. Ich weiß ich weiß, der A6 hat wohl Alu-Türen und Haube.

Manchmal klauen die Gebrauchtwagenhändler den Wagen mit Zweitschlüssel gleich wieder zurück, sagt Will. Na dann gucken wir mal. Große Gefahr beim Gebrauchtwagenkauf in Taiwan sind Hochwasserschäden. Aber die soll man durch Dreck unter Armaturenbrett und Ersatzrad etc. erkennen. Ach, wie gerne würde ich jetzt meinen Mitsubishi ASX aus der Garage holen...

P.S.: Wissen Sie, wie man in Taiwan halbseiden ganz dicke Autos fahren kann, die eigentlich der Bank gehören? Darf ich aber nicht schreiben, sagt meine Frau. Machen wir aber auch nicht ;-)
 

Dienstag, März 07, 2017

Durch-den-Ausländer-starren

Taiwaner sind superfreundlich. Weiß jeder Newbie. Und haben den Röntgenblick. Jedenfalls in der angeheirateten Familie.

Zurück in Taiwan. Die "erste Schwester" der Familie praktiziert schon seit 2004 mit mir das "Hindurchstarren". Sie schafft es also so zu tun, als ob ich nicht da wäre und kann tatsächlich mit den Pupillen auf die Wand hinter mir fokussieren. Könnte sie fast im Fernsehen mit auftreten. Dass es andere Menschen - den man nichts getan hat und mit denen man aus einem nicht erwiderten Gruß nie geredet hat - fertigbringen, exakt so zu tun, als sei man ein Geist, ist so eine taiwanische Familienspezialität. Jedenfalls in unserer netten Familie, die dem Exdiktator Chian Kai Shek nachtrauert und der alten Rasseideologie nachhängt, dass Chinesen (und besonders die Taipei-Chinesen Taiwans!) etwas besonderes wären. "Hellenmenschen" eben.
Seit Schwiegermutter samt Herrenmenschen-Dreirad ihren Autounfall hatte, steht sie zusehends unter dem Einfluss der Ersten Röntgentochter und praktiziert bei mir auch wieder den Röntgenblick.

Dabei habe ich nie der ersten Tochter in den Schritt gegriffen und der Alten auch nie ein Bein gestellt. Nun sitze ich hier wieder und schreibe meine Frust über die götterverdammte (in Taiwan Plural!) Familienbande meiner Frau heraus und bald folgt wieder das Gemeckere über Gift im Essen (ach so, hatten wir schon), Verkehr und graue Umgebung. Dabei dachte ich es hinter mir zu haben, wo meine Frau ihren Wohnsitz (kurzzeitig) nach Manila/Philippinen verlegt hatte und ich für drei Monate nach Deutschland.

Doch jetzt geht es weiter im Progrom, mit Taiwanfamilie und all ihren behandlungsrelevanten Problemen im grauen Schlichtviertel. Aber ich spiele vergnügt mit meinem fünfjährigen Sohn und versuche die Umgebung und insbesondere die Familie zu ignorieren. Heute Abend mache ich das auch mal. Wenn die Alte vor dem Lichtschalter steht, fixiere ich den Lichtschalter. Geht bestimmt!

Wie alt ich hier werde ist mir noch immer nicht klar. Dreizehn Jahre vom Inselparadies sind eigentlich genug....


Freitag, März 03, 2017

Zurück im November

Einstweilen zurück in Taipei. Wie wird es weiter gehen?

Ich habe es mir vor der Ehe immer so vorgestellt, dass Paare nach sachlicher Diskussion auf Basis von Fakten eine sinnvolle Entscheidung treffen. Und dass Paare aus verschiedenen Ländern ähnlich bei der Wahl ihres Wohnsitzes vorgehen. Etwa so: Maurer Paul K. aus S. und seine Verlobte Pawoko Sawakant diskutieren, ob man in Bangkok oder Stuttgart lebt. Pawoko: "Bei uns kannst Du ohne arbeiten leben. Ich gebe dein Geld aus, du finanzierst meinen echten Ehemann Porn Crumshak und meine Familie kriegt dein ganzes Geld. Wenn es alle ist, schmeiße ich dich rechtzeitig vom Balkon oder werfe dir das Radio in die Badewanne. Okay?"
Und Paul antwortet dann gelassen: "Nein danke, wir wohnen in Stuttgart. Ich haue dir manchmal eins auf die Fresse, aber sonst werden wir glücklich sein und genug Geld haben." Dann lebt das Paar glücklich in Deutschland und Ende der Geschichte.
Da ich selbst mit einer "Kollegin" aus dem Computerbusiness verheiratet bin und auch noch aus dem herrlichen Thaiwan statt Tailand ... Entschuldigung, Taiwan statt Thailand, hätte ich mir das alles noch unverkrampfter, wenn auch ergebnisoffener vorstellt.

Tatsächlich läuft es bei uns aber so, dass meine Frau mit ihrer Schwester aus Manila telefoniert und ich dann weiß, wo ich die nächsten Jahre zubringen soll. Mich aber in der letzten Zeit dann mit meinen Dingen über drei Länder verteilt vorfinde. Wenn ich jetzt etwa meine Foto-HDDs benutzen wollte, wären die in Manila, das Kabel dazu in Deutschland und der Rechner in Taipei. Oder irgendwie so. Wir hatten ja gerade unseren Wohnsitz in Taipei aufgegeben, den Hausstand weggeschmissen oder verschenkt, um der goldenen Zukunft in Manila entgegen zu sehen. Die Schwestern hatten sich einen genialen Businessplan ausgedacht: Wir machen ein Restaurant auf, dann eine ganze Kette und werden steinreich. Kochen kann ja sonst keiner. Auch die diversen köstlichen Restaurants mit niedrigen Preisen und allen Angeboten von einheimisch-Pinoy über Thai und China bis hin zu Italienisch und Burgern in Manila auf den Philippinen waren den Schwestern da keine Warnung. Nur der komische Ausländer in der Familie grummelte irgendwas von Alleinstellungsmerkmalen und der Frage, warum die Gäste gerade "bei uns" essen sollten. Und hatte auch etwas am Konzept einzuwenden, dass das Lokal den Namen einer Modekette (Qué?), das Aussehen eines Waschsalons und keine Parkplätze hatte. Aber bei doppeltem taiwanischen Geschäftssinn musste es einfach funktionieren. Wer will schon in diese schwerfällige teutonische Fragerei verfallen, wenn er asiatisch-leicht einfach mal loslegt mit dem Business und dem Kaufen der teuren Restauranteinrichtung. Ich gebe gerne zu, durch die Herrschaft über das Krähenfuss-Computer-Banking-Portal in Taiwan kann ich da meine Frau nicht stoppen und so nahm das Lokal seinen Durchlauf. Ich war kurz in Manila und bin dann wieder nach Deutschland gezogen. Bis nun meine Frau das Restaurant in die Hände ihrer erwartungsfreudig kichernden Familie legte und kurzerhand mit Junior nach Taiwan zurückkehrte.

Nun sitze sich wieder im alten Büro, wohne wieder temporär in der Stadtrandvilla in Taipei, die vom Vermieter in unzählige winzige Wohneinheiten unterteilt ist und komme mir vor, als hätte ich eine Zeitreise gemacht. Ich schlappe wieder abends aus dem Haus, wundere mich dass mein noch fast nagelneuer dicker Volvo nicht davor steht (ach so richtig, fährt jetzt eine der anderen Schwestern und wir haben beim Verkauf mehr Verlust gemacht, als der Mitsubishi meines Vaters neu kostet) und suche dann das Grün-Tee-Eis für Frau bei HiLife. Richtig, dass mochte sie "beim letzten Mal" nicht. Mir kommt es so vor, als sei das letzte Mal erst ein paar Wochen her. Aber andererseits liegt dazwischen der Zeitraum, in dem in Deutschland mein Vater verstorben ist, ich meinen Wohnsitz in seinem Haus angemeldet habe, mit einer Krankenkasse gekämpft habe, bis die mich aufnimmt. Ich Jobs in Deutschland gesucht, Vaters Auto auf mich angemeldet habe und ... und. Jahre scheinen dazwischen zu liegen zwischen dem Fehlkauf des zu süßen Shakaree - Eis oder wie immer es heißt und meinem neuerlichen Griff in die Eiskiste. Sind aber wirklich erst ein paar Wochen, wenn man es im Kalender nachschlägt. Wie es nun aber weiter geht weiß ich nicht. Meine Mutter mit 86 ist allein im Reihenhaus in Deutschland und es nicht gewohnt, Dinge selbst zu regeln. Ich selbst gehe ungern rückwärts und das Fehlen von wirklicher Arbeit im um Kunden buhlenden taiwanischen Unternehmen lässt mich auch an einer Langzeitperspektive zweifeln. Und wir lange kann mein Mitsubishi daheim ungefahren in der Garage stehen. Und warum lebe ich mit Frau und Junior in unbequemen Einraumwohnungen, wenn ich daheim ein ganzes Haus habe?

Genug Notizen für ein Tagebuch, zu viel für ein Blog. Aber irgendwann soll ja mal ein Buch aus dem Blog werden und dass passt der Informationsgehalt wieder. Und so viele lesen hier eh nicht mehr. Hoffe ich.

Andererseits soll man sich nicht beschweren. Der gestrige Besuch bei einer netten Kollegin (hat zwar taiwantypisch nie mit mir geredet, aber mich immer angelächelt und mich zu Essen mit japanischen Kunden eingeladen, was lecker japanische Steaks und Sake versprach) hat mich gelehrt, dass man sich bei ein paar Problemen nicht beschweren soll. Die Kollegin, deutlich jünger als ich, hat nämlich Krebs und laut Arzt nur noch ein paar Tage zu leben und Frau, Kollegen und ich haben uns gestern tränenreich verabschiedet. Was sind schon die leeren Worte die man sich hätte sagen können gegen den letzten (?) Händedruck unter Tränen.

Ich hoffe auf ein Wunder. Für die Kollegin. Nicht für mich, das wird sich schon irgendwie lösen. So ein Besuch ermahnt einen doch, was die wirklichen Probleme im Leben sind. Auch wenn ich ohne die Hilfe einer sehr guten Freundin in Deutschland mit meiner derzeitigen Lebensplanung voll gestrandet wäre.

So, gleich Mittagszeit. Wieder die abgepackten Plastiknudeln oder lieber einen Plastikburger? Mir läuft schon wieder die Nase dauerhauft inwändig, wie immer in Taiwan. Das ging schon im Flieger los. Was die wohl immer noch ins Essen kippen hier?

Sonntag, Februar 12, 2017

Rückkehr in den November?

Zurück nach Taiwan?

Große Konfusion im Hause Ludigel. Meine Frau hat ihren Traum, Restaurantchefin in Manila auf den Philippinen zu sein einstweilen aufgegeben und ist mit Junior (5) zurück nach Taipei gegangen und wird dem Ruf unseres letzten Arbeitgebers dort folgen, wieder im alten Cubical die Linux-Programmierung zu übernehmen. Das Restaurant ist an die Manilafamilie deligiert. Entweder die Firma oder auch meine Frau oder beide setzen mir immer wieder neue Fristen, bis wann ich meinen Ex-Expat-Hintern wieder in meinen Cubical schieben soll. Angeblich funkt noch die Personalabteilung dazwischen, die immer wieder neue Regeln aufstellt, wie mit vom System unfassbaren Leuten wie mir zu verfahren ist. Also halb oder dreiviertel rückgewanderten Expats mit Elternteil daheim im exotischen Europa, das Hilfe benötigt.
So hängt der Haussegen derzeit wiedermal sehr schief. Gerne würde ich dem Ruf von Frau und Firma folgen und wieder nach Taipei reisen, jedoch stellt sich das Problem, dass meine 86jährige Mutter schwerlich mit dem Haus zurecht kommt, in dem sie (wir) seit dem Tod meines Vaters im Dezember leben. Ein Umsiedeln meiner alten Mutter in das schwül-versmogte Taipei möchte ich nicht mal annähernd in Erwägung ziehen, auch nicht, weil sie nicht den "Treppentest" besteht. Der "Treppentest" für Flugreisen sieht so aus, dass man nur dann eine Flugreise machen soll, wenn man ohne Atemnot eine Treppe hoch gehen kann. Und das kann meine Mutter nicht besonders gut. Lieber mit dem Treppenlift. Man wird halt nich jünger.

Was würden Sie tun, lieber Leser? Zurück zu Taiwanjob, Junior und Frau und Mutter allein zurecht komme lassen? Oder lieber versuchen eine neue Existenz in Deutschland aufzubauen - auch wegen meiner letzten gesundheitlichen Probleme in Taiwan interessant?

Gerne würde ich hin und her beamen. Aber Physiker arbeiten ja alle als Softwareentwickler und erfinden nie etwas vernünftiges.

Freitag, Februar 10, 2017

Don Ludigel (ohne Esel und Lanze) und die Krankenkasse (Update)

Superschlau sind die Beratungsseiten-Autoren im Internet. Man ist aus vorher gesetzlich versicherter Auslandsrückkehrer sofort wieder in der gesetzlichen Krankenkasse. Wie es in der Praxis geht, sieht man unten (ich war im Feb. 2004 zu letzt gesetzl. krankenversicherter Angestellter in Deutschland).

1. Versuch: 08.02.: Da die Tage meine offizielle Beschäftigung in Taiwan abläuft, habe ich schon mal bei der AOK vorbei geschaut um mich anzumelden. Da bin ich allerdings in meiner Zeit in Deutschland zu Gunsten einer nicht mehr existierenden offenen BKK ausgetreten. Die freundliche Dame am Schalter der AOK Hannover am Bahnhofsplatz erklärt mir aber, ich könne so nicht mehr in die gesetzliche Krankenversicherung. "Es sieht schlecht aus mit der gesetzlichen Krankenkasse für Sie." Ich müsse mich privat versichern. Sie wies auch auf die Krankeversicherungspflicht hin. Nun, ich denke, das würde 1000 Euro im Monat kosten mit meinen 50 jugendhaften Lenzen, die ich auf die Zeitwaage bringe. Und ich will natürlich auch in der gesetzlichen Krankenversicherung bleiben. Die Dame sagte noch, wenn ich mich arbeitslos melde, käme ich aber rein in die gesetzliche Krankenversicherung.


2. Versuch: 10.02 bei der Arbeitsagentur in meinem Heimatort. Die sehr nette Dame sagte mir, ich würde als Auslandsrückkehrer keine Leistungen der Arbeitsagentur bekommen. Das wusste ich soweit, denn wenn man 2 Jahre nicht in die deutsche Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, bekommt man kein Arbeitslosengeld I. Sie schlug mir Arbeitslosengeld II vor, aber wir waren uns beide einig, dass das wegen Privatvermögen aussichtslos ist. Was ich nicht wusste: Im Gegensatz zu den Infos auf den einschlägigen Auslandsrückkehrer-Beratungsseiten im Internet zahlt die Arbeitsagentur auch KEINE KRANKENKASSEN-BEITRÄGE für mich. Wieder der Hinweis auf private Versicherung (brrrrrr). Die Dame erklärte, sie sei natürlich keine Krankenkassenexpertin aber sie würde denken, ich könne mich freiwillig krankenversichern. Das stünde allerdings im Widerspruch zu meiner Kenntnis der Rechtslage, dass ich als vorher in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) befindlich eine Krankenversicherungspflicht habe. Kann man gleichzeitg eine Pflicht zur Versicherung haben und sich dann FREIWILLIG versichern? Ist eigentlich ein Widerspruch. So weit ich weiß kommt die freiwillige Versicherung nur für Freiberufler etc. in Frage. Oder gibt es so etwas: sich unfreiwillig (weil pflichtgemäß) freiwllig versichern zu müssen? Das wäre ein herrlicher Schildbürgerstreich, den sich der deutsche Gesetzgeber da erlaubt hat. Schmunzelnd vor Vergnügen mache ich mich jetzt gleich zur AOK Hannover auf und habe schon im Kopf, dass eine nette ehemalige Mitspielerin meiner alten Fantasy-Rollenspielgruppe mittlerweile ihr Jurastudium fertig hat und über eine eigene Anwaltspraxis auch für Sozialrecht verfügt.
Kampfwürfel wieder raus, diesmal heißt das Monster GKV und schlägt vielleicht sogar einen geflügelten Basiliken an Fürchterlichkeit.

Eigentlich gibt es die Regel, dass einen die letzte gesetzliche Krankenversicherung wieder nehmen muss bzw. deren Rechtsnachfolger. Aber das gilt nur bis zu 5 Jahre, sagte die Dame bei der Arbeitsagentur. Da bin ich auch drüber über die Frist. Noch schwieriger würde es -allerdings laut Internet- mit 55 Jahren Alter - da gibt es wieder irgendeine Grenze, dass einen die GKV da nicht  mehr nehmen muss. Fallstricke hat der Gesetzgeber da viele für usn Auslandsrückkehrer. Ein weiterer wenig bekannter Fallstrick ist, dass man, wenn man mit Vorerkrankung zurück in die GKV wollte, die Krankenkasse die Behandlung der Vorerkrankung verweigern kann. Weil das als "Missbrauch der GKV" gilt, weil man quasi nur zum Behandlungszweck in die deutsche GKV zurück wollte. Eine Krankheit liegt bei mir aber erfreulicherweise nicht vor.

Oder ich melde gleich, dass ich erfolgreich freiwillig pflichtversichert bin. Bis zum Update.

Ach, wie einfach war es da in Taiwan mit der National Health Insurance.

 3. Versuch 10.02. bei AOK Zentrale in Hannover. Wieder bin ich sehr freundlich über die Krankenversicherungspflicht belehrt worden, aber gleichzeitig wieder abgelehnt worden. Freundlich, aber bestimmt. Es ist wohl so wie bei Homer Simpson, wenn der ein riesiges Wohnmobil kaufen will. Auf dem Bildschirm geht die rote Warnlampe und Sirene an, so wie man "Auslandsrückkehrer" sagt. Die denken bestimmt, man hat Krätze, Lepra, Krebs und 100 Viren in sich. Dabei hat mich der Leprakranke in dem düsteren Fussgängerüberweg in Hyderabad nur einmal am Arm angefasst, ich schwöre es. Trotzdem war das Gespräch mit dem grünen Krankenversicherungswesen (gemeint ist die AOK mit Farbe Grün, nicht die nette Dame dort) sehr informativ, denn die Dame meinte, es gebe KEINE 5-Jahresregel, nach der ich als Auslandsrückkehrer abgelehnt werden könnte selbst von meiner letzten Krankenkasse. Und die letzte Krankenkasse bei mir war offenbar doch nicht die AOK wie ich dachte sondern die Sancura BKK aus Darmstadt und ergo muss ich mich an deren Rechtsnachfolgerin wenden. Das ist die DAK; die die Sancura über mehrere Zwischenschritte verschluckt hat. Und die darf sich wohl auf meine Mitgliedschaft freuen, sofern ich nicht doch zwischenzeitlich genervt wieder nach Taiwan abhaue. Aber Vorsicht, wenn ich einmal 55 bin, geht es wohl gar nicht mehr zurück in GKV Deutschlands, weil mich dann angeblich - laut Internetseiten - selbst meine letzte gesetzliche Kasse ablehnen kann.

Meine Mutter meinte scherzhaft, ich könne ja Asyl beantragen, um in die GKV zu kommen. Auch keine schlechte Idee. Alternativ muss ich mich vielleicht attraktiver machen. Etwa mit Schweißband joggend in die Geschäftsstelle der KV laufen, während des Gesprächs auf den Herzschrittzähler (nicht -macher) am Handgelenk gucken und laut ausrufen: "schon wieder Bestwerte: Wow!) und dann die Dame bitten etwas schneller zu machen, "weil mein Tennispartner schon wartet". Dann noch unschuldig fragen, ob sie die Webseitenadresse kennt um sich zum olympischen Zehnkampf anzumelden. Dann klappt es auch mit der AOK. Die ja angeblich jeden nimmt.

Komischer Effekt: Immer wieder über die deutsche Krankenverischerungspflicht belehrt zu werden, gleichzeitig aber die Ablehnung zu bekommen. "Es herrscht Trinkpflicht", sagte der Beduine zum Verdurstenden in der Wüste. Und stieg aufs Kamel und ritt fort.

Und langsam brauche ich die Ablehnungen mal schriftlich, diese mündlichen sind bequem für die AOK, aber wenig hilfreich für mich.

Also auf zur DAK. Hat die nicht Schwerter und Schild als Kassensymbol, jedenfalls früher mal? Da kommt man bestimmt nicht so einfach rein....

4. Versuch DAK: Die DAK scheint mich zu nehmen, sie müssen wohl, weil eben Rechtsnachfolger meiner letzten gesetzlichen KV in Deutschland.
Interessant: Es gibt wirklich eine Altersgrenze von 55 Jahren. Wer davor nicht in der gesetzlichen KV in Deutschland ist und dann zurück will, kommt nicht mehr zurück! Jedenfalls nicht wenn die Lücke hinreichend groß ist wie bei mir. Auslandsrückkehrer sollten sich also bis spätestens zum 54. Lebensjahr deutlich vor dem 55. Geburtstag wieder in Deutschland bei einer gesetzlichen KV anmelden (bei ihrer letzten bzw, dem Rechtsnachfolger), damit sie im GKV-System bleiben. Der nette Herr von der DAK hat sogar das Vorgehen abgenickt, sich in Deutschland wieder anzumelden und dann zu versichern, selbst wenn man dann weiter im Ausland arbeitet.
Wer mit 55 ohne entsprechende Vorversicherungszeit zurück kommt, dem bleibt nur die private KV.


Zusammenfassung
 
Folgende Firsten haben Auswanderer oder Rückkehrer zu beachten:

2 Jahre: Wer zwei Jahre keine Beiträge in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, erhält bei Rückkehr keine finanziellen Leistungen vom Arbeitsamt. Weder Arbeitslosengeld noch Krankenversicherungsbeitrag. Und irgendwie "automatisch gesetzlich krankenversichert" ist man sowieso nicht (liest man immer wieder auf Ratgeberseiten).

55 Lebensjahre: Wer 55 ist und vorher gesetzlich krankenversichert war (evtl. darf kurze Ausfallzeit sein?) kommt trotzdem nicht wieder in die gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland zurück. Also unbedingt mit 54 bereits bei der GKV wieder anmelden!

Und goldene Regel: Die einzige GKV die einen arbeitslosen Auslandsrückkehrer aufnimmt ist die letzte GKV oder der Rechtsnachfolger.


Samstag, Februar 04, 2017

Und was geschah dann?

Fragt sich vielleicht der ein oder andere Leser. Kurz gesagt, das Chaos, das mit nicht funktionierender Autobatterie und kurz vor Abflug erkranktem Junior angefangen hatte, setzte sich weiter fort. Am Abflugtag nach Manila, wo meine Frau ein Geschäft aufmachen wollte, ging plötzlich die Tür zum Zimmer meiner Frau nicht mehr auf. Sie stand mit Koffern drin und kam nicht raus aus ihrem altem Jugendzimmer bei ihrer Mutter. Fast hätten wir den Flieger verpasst, der Schlosser musste kommen.

In Manila angekommen fand ich heraus, dass wir alle - also der Manila-Familienzweig und Junior, Frau und ich - in einem einzigen Zimmer schlafen mussten. Und dass ihre Familie dort als fleißige Geschäftsleute einen 3h-Schlafrythmus hatten, bei dem dann die Schwester meine Frau plötzlich mitten in den Nacht neben meinem Bett mit dem Bürostuhl herum ruckelte über die lauten Fliesen. So richtig kamen wir nicht miteinander klar und als ich schon Ausreden überlegte, weswegen ich fluchs ins Hotel oder nach Deutschland reisen müsste, da klingelte das Telefon. Mein Vater war - wie es schien nicht allzu schlimm - erkrankt. Prompt buchte ich den Rückflug nach Deutschland.

In Deutschland angekommen hatte mein Vater erfolgreich eine Operation hinter sich gebracht und sollte bald wieder entlassen werden. Äußerst widerwillig trat ich nach 11 Tagen den Rückflug an. Doch kaum wollte ich nach Manila zurück, da wurde ich von der Gattin nach Taipei umgeleitet. Grund war ein Arztbesuch in Taipei - siehe da, die Ärzte in Manila sollen entweder schlecht und kostenlos oder teuer und gut sein. Aber Taipei liegt ja gesetzlich krankenversichert in der Nähe. Also schlief ich wieder ein paar Tage auf dem harten Boden bei Schwiegermutter, als erneut das Telefon klingelte. Um 7 Uhr morgens Taiwanzeit, also Mitternacht deutscher Zeit. Das klang gar nicht gut und da ich schon eine Nacht voller Alpträume hinter mir hatte, schwante mir übles. Es kam wie ich es mir gedacht hatte, mein Vater war nach einem heftigen Rückfall verstorben. Diesmal reisten wir alle drei nach Deutschland. Frau und Junior wollten drei Wochen bleiben, ich jedoch länger. Auch weil ich mich um meine Mutter und das Haus und die Nachlassangelegenheiten kümmern musste.

Frau und Junior reisten wieder nach Manila, wo sie das neue Geschäft mit ihrer dortigen Familie betreibt. Ich bin immer noch in Deutschland und frage mich, wie wir drei nun wieder eine Familie werden können. Ein bisschen kleben wir alle fest wo wir sind. Ich in Deutschland und Frau in Manila auf den Philippinen. Die Rückkehr nach Taipei stand auch kurz auf dem Programm, weil die Firma wieder nach uns rief. Es fiel mir sehr schwer das abzulehnen, lockten doch gutes Gehalt und die Wiedervereinigung der Familie Ludigel. Aber eben auch die Neuanschaffung aller gerade weggeworfenen, verkauften und verschenkten Dinge und die Rückkehr in eine finanziell problematisch konstituierte Firma. Und hier in Deutschland hätte ich dann alles auflösen müssen, weil meine nicht gerade mehr in den Jugendjahren befindliche Mutter allein mit dem Haus nicht zurecht kommt.

Wie geht es also weiter? Na, da würde ich auch gerne im Blog vor-scrollen ;-)
 

Donnerstag, November 10, 2016

Ciao Bella

Die Insel Formosa, "die Schöne" wie es auf Portugiesisch hieß, verlasse ich nun. Symbolisch wirkt eine aus Versehen entstandene Szene im Büro:


 Keine bewusste Herabwürdigung der Republik China, sondern ich hatte nur den Taiwan-Aufkleber vom Zweit-Smartphone genommen, mit dem bislang immer mal Junior seine Games gespielt hat. Und die deutsche Simkarte eingesetzt. Und da hätte der "Taiwan"-Aufkleber (der die Flagge der Republik China zeigt) doch nur verwirrt. Denn im anderen Telefon ist ja die taiwanische Simkarte drin. Und das alte Motorola-Klapptelefon kriegt wahrscheinlich demnächst eine PrePaid - Karte aus dem nächsten Gastland.

Trotzdem irgendwie traurig symbolisch das Bild.


P.S.: Für Deutsche im Ausland kann ich den Blau.de - Provider empfehlen. Die Prepaid-Karte kann Datenpakete zubuchen und man muss nur ale 12 Monate (statt sonst 6 wie marktüblich) mind. 10 Euro drauf buchen, damit die Karte weiter aktiv bleibt. Es gibt KEIN Mindestvolumen bei den Gesprächen, von daher bleibt die Karte erhalten, auch wenn man mal länger nicht in Deutschland ist.
 

Mittwoch, November 09, 2016

Bin fast raus...

...Wenn diesmal nix schiefgeht jedenfalls.

 Tänzerin auf der Neujahrsfeier der Firma während eines ökonomischen Krisenjahres. Autsch.

Dann bleibt mir nur ein herzliches Dankeschön an die wunderbaren Jahre auf dieser herrlichen Insel.

Donnerstag, November 03, 2016

Wegen Weggang: Rentenversicherung in Taiwan abklären

Wenn man ein Land verlässt in dem man lokal-sozialversicherungspflichtig gearbeitet hat, ist auch interessant, ob und wie man später mal einen Rentenanspruch realisieren kann. Sonst sind die Jahre in der Fremde eben eine große Rentenlücke eines fernen Tages. Das betrifft natürlich nur Ausländer, die bei einem taiwanischen Unternehmen als normale Angestellte beschäftigt waren. Es betrifft nicht Ausländer, die ihren taiwanischen "Arbeitgebern" Rechnungen als Berater mit Briefkopf aus Deutschland gestellt haben (nicht unüblich, weil taiwanisches Steuerrecht keine freien Mitarbeiter kennt) oder die eben bei einem deutschen Heimatunternehmen arbeiten*.

 Kicher, jetzt wollen die Laowai auch noch Rente!


Für uns wenige sozialversichungspflichtige normale Angestellte kommt dereinst das böse Erwachen, wenn wir den Rentenanspruch mit dem in der Heimat vergleichen. Wenn man nämlich in Taiwan weniger als 16 Jahre eingezahlt hat, erhält man nur eine Mini-Einmalzahlung.

Hier das aktuelle Update zur Rentenlage in Taiwan:  http://osttellerrand.blogspot.tw/2015/05/ludigels-lustige-lenten-legende.html

* Hier habe ich gelesen, dass deutsche Expats in den Arbeitsländern eigentlich auch in aller Regel sozialversicherungspflichtig sind, wenn KEIN Sozialversicherungsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Arbeitsland besteht. In Taiwan gibt es keinen solchen Vertrag. Eigentlich müsste also Manager Thomas Großfuß, der Daimler Taiwan marketingmäßig leitet, auch hier in Taiwan Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Das wird aber meist vom Endsendeunternehmen ignoriert, das lieber eine private Absicherung anbietet oder den Arbeitnehmer offiziell mit Dienstort Deutschland führt. Hat der deutsche Arbeitgeber in Taiwan keine Rentenbeiträge abgeführt, kann man sicher auch keine Rente hier beziehen. 

Mittwoch, November 02, 2016

Manila: Australier wird fast Opfer des "War on Drugs"

Bislang hielt man sich als Ausländer abseits des Drogensumpfes auf den Philippinen für nicht mit dem Drogenkrieg involviert. Und Metro Manila und das "sichere" Viertel Makati galten als Sicherheitszonen für unsereinen

Wieder und wieder verschieben wir unsere Übersiedlung nach Manila, wo meine Frau das dortige Familienunternehmen vergrößern will und wo ich meinen Aufenthalt nur als temporär ansehe. Zwar tobt ein vom neu gewählten Präsidenten verordneter Drogenkrieg im Land, bei dem Todesschwandronen auf offener Straße Verdächtige niederschießen, aber man fühlt sich als Unbescholtener doch über solchen Dingen stehend. Wie schnell das anders gehen kann, kann man man am Fall des Damien Berg sehen. Der Australier hat in Makati gearbeitet (für ein großes Unternehmen) und seine Freundin erwartete ein Kind. Plötzlich kreuzt die Polizei auf, die offenbar einen anderen Ausländer schon am Wickel hatte und nimmt ihn wegen Drogenhandels fest. Der unbescholtene Mann dachte, er sei mitten in einem Raubüberfall. Die Polizei behauptete, er habe auf der Straße Drogen verkauft. Tatsächlich wurde er jedoch in einem Hotel festgenommen, in dem er gearbeitet hat. Das ließ sich durch das Hotelvideo belegen.

Gut, dass er seine Unschuld beweisen konnte. Gut, dass er mittlerweile das Land verlassen hat, bevor er noch auf irgendeiner Drogen-Verdächtigenliste stehend außergerichtlich erschossen wird.

Ich gebe offen zu, der Fall Berg könnte für mich der "Turnaround" sein, wegen dem ich beschließe, in Manila übernächsten Freitag nur meine dort schon hin geschickten Sachen zu packen und mit dem nächsten Flieger wieder nach Deutschland zu fliegen. Ich google gerade noch und grübele drüber. "Googelgrübeln" müsste eigentlich ein neues Wort sein. Seit Präsident Dutertes Todesschwadronen-Krieg gegen Verdächtige im Drogenmilieu so richtig am "fliegen" ist, ziehe ich meinen Plan mich dort ein paar Wochen oder gar länger aufzuhalten, mehr und mehr in Zweifel. Edit: Frau ist nach wie vor enthusiastisch, was nutzen da also meine Zweifel ;-)

http://www.dailymail.co.uk/news/article-3829763/Australian-man-Damian-Berg-accused-selling-cookie-monster-ecstasy-released-jail.html

http://philippinenmagazin.de/2016/10/11/australier-damian-berg-wieder-zu-hause/ 

Update: Offenbar hat die Polizei von Berg Geld verlangt nach seiner Festnahme. Und offenbar wurde er durch den "Bekannten eines Bekannten" da rein gezogen ohne selbst irgendetwas mit Drogen zu tun zu haben: http://www.sbs.com.au/news/article/2016/10/10/they-put-gun-my-head-aussie-man

Update2: Der "Bekannte eines Bekannten" hat genau so eine Geschichte, nur konnte er nicht seine Unschuld beweisen und ist mittlerweile zu lebenslanger Haft (!) verurteilt worden. Weil er angeblich auch Ecstasy verkauft haben soll wie Berg, der auch nichts verkauft hat.

http://ottawacitizen.com/news/local-news/canadian-jeremy-eaton-sentenced-to-life-in-jail-in-philippines-for-selling-ecstasy

Update3: Zusammengefasst hat die Polizei behauptet, Berg habe dem Kanadier Eaton Ecstasy auf der Straße verkauft und beide seien dabei verhaftet worden. Nun konnte sich Berg mit dem Video reinwaschen, das zeigt, dass erst die Polizei Eaton überhaupt zu Berg gebracht hat - nämlich ins Hotel. Daher wurden die Vorwürfe gegen Berg fallen gelassen. Eaton sitzt aber bereits zu Lebenslänglich verurteilt - auch als Drogendealer. Chaos und Unsinn. Leider wird die Polizei ermutigt, irgendwelche Anschuldigungen zu erfinden wegen des aktuellen "Kriegs gegen die Drogen" und steht natürlich mit solchen Ausländergeschichten im Rampenlicht.


Dienstag, November 01, 2016

Auswabbeln statt Auswandern (Update)

Für unser Auswanderverhalten braucht es ein neues Wort. "Auswabbeln" bietet sich da an.

Wir haben nämlich wieder verschoben. Weil Junior wieder eine Erkältung hat. Sicher übertreiben wir etwas, aber da Junior (5) kurz vor dem letzten Abflug eine veritable Hirnhautentzündung aus einem grippalen Infekt heraus bekommen hatte, bleiben wir noch 14 Tage in Taipei, um ihn erst auskurieren zu lassen. Derweil wohnen wir in einem netten Hotel in NeiHu. Ich freue mich, dass sich die Übergabe unseres Autos, einem Dez-2013er Volvo XC60 noch um ein paar Tage verschiebt. Ich gebe gerne zu, dass mir der Abschied von dem 245 PS-Ding schwer fällt, gerade wo wir in Manila erst einmal unmotorisiert sein werden. Außerdem gehe ich eh davon aus, dass der Aufbau einer Restaurantkette, den meine Frau mit ihrer Schwester in Manila mit mir als Qualitätskontrolleur und Marketingmensch betreiben will, doch eher länger zum Anlaufen braucht und ich zwischenzeitlich eben wieder in Deutschland als Softwareentwickler arbeiten werde. Dann sicher mit kleinerem als einem dicken schwarzen Volvo vor der Türe.

 Im engen Taipei lassen sich Mopeds natürlich besser parken als dicke Volvos

Merkwürdig die letzten Tage eine Persönlichkeitsveränderung der Schwiegermutter. Seit ihrem schwerem Unfall - sie wurde wie berichtet auf dem Lastenfahrrad von einem nicht Obacht gebenden Linksabbieger auf dem Fußgängerüberweg angefahren - ist Schwiegermutter verändert. Sie hat offensichtlich Gleichgewichtsprobleme resultierend aus der Hirnverletzung und wirkt um Jahrzehnte gealtert. Auch ihre Psyche ist anders. Plötzlich isst sie mit uns zusammen vergnügt Eisriegel, gerade solche mit Füllung und verzehrt alles, was wir aus Garküchen und Restaurants mitbringen. Früher war sie ganz Sachwalterin von 5000 Jahren (aus China geborgter) taiwanischer Kultur und hat Süßes nie angerührt, ja förmlich mit Verachtung gestraft. Und sie aß nur ihr selbst gekochtes, ein kaum gewürztes Gemüse- und Fisch-Potpourri. Ruhiger und freundlicher ist sie auch geworden - ich kenne sie ja noch als demonstrativ durch den Ausländer in der Familie "hindurch guckende" Schwiegermutter from Hell.

 Leerer Keller in der Ex-Wohnung. Wo ist bloß der verdammte Wasserzähler in diesem unbeleuchteten Loch (Antwort: auf der Dachterrasse)

So positiv die meisten der Veränderungen für mich als gewissermaßen Schwiegermutter-Endverbraucher auch wirken, so sehr gaben sie jedoch Anlass zur Sorge. Jetzt kam die Diagnose, sie hat Jacob-Creutzfeld, wenn auch noch ganz im Anfangsstatdium. Der Schlag auf den Kopf durch den Unfall hat da offensichtlich einen Ruck in der Krankheitsentwicklung ausgelöst. Frau plant schon Schweigermutters Zukunft mit uns in Manila, während ich mich frage, ob wir da selbst überhaupt irgendwann landen, bei den ganzen Verschiebungen.

Sorge bereitete der neu gewählte Präsident der Philippinen, der ja u.a. Todesschwadronen im Land gegen die Drogenszene arbeiten lässt und mit emotionalen Kommentaren Richtung USA und auch EU auffiel. Manch ein Bleichgesicht frage sich daher, ob alles was "Weiß" wirkt künftig im Lande noch wohl gelitten sein. Jetzt hat Präsident Duterte jedoch Besserung und diplomatischeren Umgang mit dem Ausland gelobt. In einer um die Welt gehenden Pressemeldung gab er an, während eines Fluges eine Stimme vom Himmel her gehört zu haben. Vielreisende denken ja bei Stimmen vom Kabinendach im Flieger eher an den Steward oder den Kapitän. Im Falle des Präsidenten soll es jedoch der Herrgott persönlich gewesen sein, der - wohl weil Duterte gewissermaßen in der Nähe war - die bessere Diplomatie ("sonst Flugzeugabsturz!") eingefordert hätte.

Der "Betonbau" ist schon da in Manila, der Ludigel fehlt noch

Als vielleicht künftiger Residenter in Manila bedanke ich mich beim weisen Präsidenten und dem (sicher christlichen) Herrgott oder (wohl auch christlichen) Kabinensteward für so viel Weitsicht. Vielleicht kann der Herrgott ja auch noch Plüschüberzüge für die herumfliegenden Gewehrkugeln verlangen, dann ist es auch wieder ein bisschen humaner im Lande.

 Nahverkehr in Manila: Abgasvergiftung ist im Fahrpreis enthalten

Mit neuen Fotos ist es bald vorbei; das Ladegerät der immer-dabei-Kamera ist schon in Manila.

 Nach 22 Uhr darf Junior dann nicht mehr auf die Straße in Manila. Neu angekündigte Maßnahme vom neuen Präsidenten, die hier aber schon 2 Jahre vorher an der Wand stand.


Hier ein Pro-Duterte - Artikel: https://off-guardian.org/2016/10/29/will-they-try-to-kill-duterte/ 

UPDATE: So schnell kann man als Unschuldiger eine Kugel einfangen:  Der lokale Dorfchef wird im Auto von der Todesschwadron (Schütze auf Moped) erschossen, eine ältere Dame auf dem Bürgersteig fängt sich auch eine Kugel ein. "Vorläufige Erschießung" wohl durch Feierabendpolizisten: http://philippinenmagazin.de/2016/10/07/unbeteiligte-frau-in-urdaneta-city-erschossen/

UPDATE2: Ein Australier wurde unlängst von der Polizei auf den Philippinen fälschlich des Drogenverkaufs bezichtigt und saß 3 Monate im Gefängnis, bis er nach Beweis seiner Unschuld entlassen wurde. Gut, dass man ihn nicht einfach erschossen hat, wie das ja neuerdings Brauch ist bei Drogenverdächtigen: http://philippinenmagazin.de/2016/10/11/australier-damian-berg-wieder-zu-hause/