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Mittwoch, März 29, 2017

Kollegin beerdigt: "Renn weg! Renn weg!"

Meine zweite längere Anwesenheit auf einer Taiwanbeerdigung

Für Verwandte und Vertraute ist eine Beerdigung im Taiwan-Stil eine längerfristige Sache. Beim Schwiegervater hatte ich vor 10 Jahren das Ganze komplett mitgemacht, hier eine ausführliche Schilderung der Beerdigung von damals im Taiwan-Stil:





Der Titel "Eine Fledderbeerdigung" des alten Artikels klingt sicher respektlos, drückte aber damals sehr klar meine Gefühle aus. Im westlichen Bestattungsritus haben wir mehr Distanz zum Tod. Hier in Taiwan den mittlerweile in der Leichenstarre befindlichen Schwiegervater selbst in ein Kühlfach im Krematorium zu legen und am Ende mit riesengroßen Stäbchen (wie Essstäbchen, nur viel größer!) in der Asche in den Knochenstücken herum zu wühlen waren ungewohnte Erfahrungen für mich, die dem ganzen Prozedere schnell den Beigeschmack eines der Würde des Toten unangemessenen Zirkuses verliehen in meinen Augen. Aber deswegen ist es ja gerade so faszinierend, wie verschieden Kulturen sind. Für die Taiwaner ist das offenbar alles so in Ordnung. Zwei Höhepunkte sind mir aus der Beerdigung damals im Gedächtnis geblieben:

Erstens die merkwürdigen Wächter der Kühlkammer (mit unzähligen stählernen Leichen-Kühlfächern), die in einem zum Kühlkammer-Gang offenen Zimmer saßen, in dem Ölgemälde von tief dekoltierten Frauen die Wände zierten und überlaut Musik aus den Lautsprechern dröhnte. Zu meiner Verblüffung spielte gerade die Titelmusik vom Film "Der Rosarote Panther", während meine Frau und ich den Leichnam ihres Vaters zu seinem Kühlfach fuhren. Automatisch fängt man an im charakteristischen Paulchen-Panther-Gang zu gehen, zwischen all den Toten. Die Szene ist bizarr-Skurril, mehr wie in einem Mel-Brooks-Film als in der Realität, aber Taiwan kann eben herrlich surreal sein für westliche Augen. Heute denke ich, die sicher wie die meisten Taiwaner abergläubischen Herren werden mit ihrem lebenfrohen Büro wahrscheinlich einen dröhnenden Gegenpol zur "Geisterwelt" der Toten in ihren Kühlfächern gesetzt haben. Irgendwie so.

Und unvergessen die veritable Polonaise, als sich unsere Trauergemeinschaft wirklich in einer sylvesterfeier-haften Polonaise wild durch die Gegend bewegte, einem orangen Priester hinterher, der einen Teekessel trug. Den warf er damals krachend auf die Fliesen so dass er zerbarst. Fast hätte ich den Kerl angeschrien, so überreizt waren damals meine Nerven. Ich wurde jedoch sofort von meiner Frau belehrt, ihr Vater sei nun "geheilt". Weil die Krankheit die er hatte vom Priester in den Teekessel verbannt worden war. Ich blickte auf den im Raum befindlichen grau-blau angelaufenen Leichnam und verkniff mir damals mühevoll ein "er sieht aber noch immer ziemlich tot aus". Stattdessen bemerkte ich "im Wilden Westen wäre der Quaksalber für diese Heilung geteert und gefedert worden", wofür mir meine Frau auf den Fuß trat.

Was für ein Gegensatz eine solche Beerdigung zu der ruhigen Veranstaltung in einem "Ruheforst"  doch ist, die ich kürzlich beim Tode meines eigenen Vaters erlebt habe. Ich bin zu tiefst dankbar, dass deutsche Bestattungsriten nicht von mir verlangen, etwas mit Skelettteilen nach der Einäscherung zu machen. Und das deutsche Krematorium habe ich natürlich nicht mal zu sehen bekommen. Hingegen ist das große Krematorium in Taipei eine Art Todesfabrik mit mysteriösen großen Gasflaschen und einer bahnhofsähnlichen Verbrennungshalle, wo der Priester vorm Bild des Verstorbenen letzte Worte spricht.

Aber zurück an den Anfang der Beerdigung der kürzlich viel zu jung verstorbenen Kollegin P. Ich tauchte also erst nachmittags auf, auch weil ich nicht die komplette Veranstaltung mitmachen wollte. Wieder ging es auf das Gelände der "Todesfabrik". Bilder werden irgendwann nachgereicht. Taiwaner empfinden Fotos von solchen Orten als gefährlich, weil sie angeblich Geister von Toten anziehen; daher will ich mein Blog nicht zeitnah damit ausstatten.

Ein neues großes fabrikhallenartiges Gebäude war das Ziel unserer Trauergemeinschaft. Hier saßen wir veritabel in einem grauen Korridor vor den Toiletten und Aufzügen im Untergeschoß. Schnell stellte der Bestattungsunternehmer Klappstühle zur Verfügung, während in einem kleinen Andachtsraum noch etwas vorbereitet wurde. Der Geruch der sanitären Anlangen zog herüber und ein Mann in Gummistiefeln putzte zwischen uns herum, leerte Mülltonnen und den Kackeimer der Toiletten, den er an uns vorbei zu seinen Mülltüten trug. Taiwanische Toiletten haben ja immer den Kackeimer für das benutzte Toilettenpapier herum stehen. Eine Glocke erklang, eine Priester in Orange ging vorweg, auf einem metallenen Leichen-Schiebewagen lag ein mit beschrifteter Plane bedeckter Toter, die andere Trauergemeinde weinend hinterdrein. Wir alle mussten uns hektisch wegdrehen und die Wand anstarren. Das sieht komisch aus, wenn etwa dreißig Trauernde das gleichzeitig tun. Wieder umdrehen, der Tote ist im Fahrstuhl verschwunden. Wir warteten noch auf die verstorbene Kollegin P., die jetzt auch bald kommen würde. Hektische Arbeiter schleppten Gestelle und Blumen durch die Gegend, der Toilettenmann rasselte mit dem Blumenträger zusammen. In Schwarz gekleidete Leute guckten wichtig in Smartphones. Ein weiterer Leichnam mit Glocke. Wieder herumdrehen zum NO SMOKING-Schild an der Wand. Ich warf einen verbotenen Blick auf den Toten und zwinkerte im zu. Darf man nicht, damit einem der Geist des Toten nicht folgt. Aber wir haben so viele Mücken nachts und ich liege oft wach. Da kann ich Gesellschaft gebrauchen.
Wie nah alles beieinander liegt in Taiwan. Die Trivialität des Fahrstuhls, die Körperfunktionen die man auf der Toilette ausführt bis hin zum Ansehen von braunem Klopapier. Dazwischen die Leichname. Die Tränen der diversen Familien. Die Getränkeflaschen, die der Müll- und Klomann zwischendurch entsorgt und mit seinem Müllwagen stehen bleibt, während der Leichentisch vorbei gefahren wird. Da wird man fast philosophisch. Man lebt, trinkt, disassimiliert die Nährstoffe, säubert sich und stirbt irgendwann. Man ist auch nur noch so ein Ding wie die leere Plastikfalsche mit dem Hu-Fong delicious Ice-Tea, das irgendjemand wegbringen muss. So scheint es Taiwan zu suggerieren mit der für mich eigenartigen Trauerfeier am Fahrstuhl. Für Taiwaner ist das aber alles normal, es sind meine eigenen Empfindungen, die nicht zur Trauerfeier passen. Ich bin hier der Fremdkörper, nicht der Müllmann, nicht das Kackpapier. Leben und Tod gehören zusammen. Es würde vielleicht noch fehlen, dass einer der jungen Bestattungsleute im dunklen Anzug eine Kollegin hätte, die er in der Besenkammer schwängert, während wieder der Müllmann mit seinen Gummistiefeln vorbei geht. Dann hätten wir den ganzen Kreislauf des Lebens versammelt vor den Fahrstühlen.

Das alles hat nichts mit der netten Kollegin zu tun, die wir hier beerdigen. Taiwan ist eben anders. Schließlich werden wir auch hereingerufen, nachdem die Familie schon fertig ist. Im offenen Sarg liegt die Kollegin. So eine zierliche junge Frau. Jung aus meiner Perspektive, eben in den 40ern gerade Mal. Kleine Puppen und "Geistergeld" liegen im Sarg auf ihrem zierlichen Körper. Ich verabschiede mich, mache den Ritus mit. Verbeugen und Abschiedsworte reden. Diesmal aus ehrlichem Herzen. Die Räucherstäbchen musste ich ablehnen, weil meine Frau darin eine zu große Verbindung zur Geisterwelt gewittert hatte - unseres Kindes zu liebe, den ja am Ende zürnende Geister jagen könnten. Ich enthalte mich eines Kommentars.

Auch die Kollegin wird schließlich raus gefahren, wir alle hinterher. Diesmal dürfen wir gucken. Es geht rüber zur Krematoriumshalle in einem anderen Gebäude. Im Unterscheid zu 2007 haben sie jetzt vor dem bahnhofsähnlichen Gebäude rechts und links darüber zwei große Werbeschilder des Kiosk-Marktes "Family Mart" in bunten Farben aufgestellt. Es wirkt so, als sei die große Krematoriumshalle von Family Mart. Bizarr, aber Taiwaner nehmen die für mein Auge vorhandene Pietätlosigkeit nicht wahr. Der Priester sagt letzte Worte, die hübsche Kollegin P. hat kein Bild wie die anderen älteren Toten, die wir rechts und links neben uns auf ihren gerahmten Fotos sehen, dahinter die jeweilige Trauergemeinde. Schließlich ist P. dran. Wir werden nach vorne geführt, ihr Sarg verschwindet in der Brennkammer. Alle schreien jetzt "renn weg!". Das hat den Sinn, dass sich der Geist vom Körper trennt und vermeidet, ebenfalls im Feuer verschlungen zu werden. Ich schreie mit, dann wenden wir uns schnell ab und dürfen nicht zurück blicken, damit uns der Geist von P. nicht folgt. Ich nehme es nicht so genau. Nachts auf der Mückenjagd in der neuen Wohnung habe ich ja immer Langeweile. Da würde ich gerne noch mal mit P. reden. Oder überhaupt mal mit P. reden. Wie viele taiwanische Kollegen hat sie ja nie ein Wort mit mir außer Hallo und Bye Bye gewechselt. Sie haben Angst vor Gesichtsverlust beim falschen (?) Englischreden. Und mein Chinesisch ist schlecht und da lachen sie mich immer aus. Also rede ich Englisch mit ihnen. So als sei ich der Dekan der University of Oxford und würde auf perfektes Oxford-Englisch achten, so scheu sind sie beim Englisch-Sprechen. Auch nach zehn Jahren Zusammenarbeit noch. Nur englische Emails kriegt man. Also könnte P. jetzt ruhig mal auftauchen und wir reden über ihr Leben. Wo sie immer von 9 bis 22 Uhr im Büro saß und mit den Japanern verhandelte. Hatte sie überhaupt ein Leben? Ich hoffe es.

Einer ihrer Kunden ist auch dabei. Ein eleganter Japaner, im Nadelstreifenanzug mit gegeelten Haaren. Er hat sich rührend sowohl in Taiwan wie auch in der japanischen Krebsklinik mit den experimentellen Behandlungen um P. gekümmert. Er ist sehr erschüttert.

Über dem eigentlichen Krematorium und links daneben ist auch wieder Family Mart. Ich esse ein paar Kinderschokolade-Riegel, esse ein in Plastik verschweißtes labbriges Croissant und trinke einen in einer atomkriegfesten Plastikflasche eingeschlossenen kalten süßen Kaffee der Marke Bernachon. Oder so. Der angeblich französisch ist. Wenn Paris in Taiwan liegen würde jedenfalls.

Schließlich kommt der Abschluss. Wir ziehen vorbei an den kleinen älteren fabrikartigen Gebäuden hinter den Trauerpavillions, die ich noch von der Beerdigung von vor 10 Jahren kenne. Alles ist noch so wie damals, nur statt des Neubaus vom Anfang stand damals ein älteres Haus. Die Leichenhalle, aus der gerade kein Paulchen Panther dröhnt, ein Wartesaal für Trauernde neben mysteriösen fest installieren großen Tanks mit Rohren, die im Boden verschwinden in der Todesfabrik.

Rüber in ein privates Bestattungsinstitut, das außen grellbunt bemalt ist. Irgendein Bild von einem See mit knallroter Tempeldeko drum herum. P.s Urne wird in einen kleinen Altar gestellt. Sie hat die Nummer 61, die anderen Toten sind direkt daneben nebst kleinem Opferaltar jeweils. Eine Prozession aus einem Nachbarzimmer kommt in wilder Polonaise heraus gerast, alle die Hände auf den Schultern der Person vor ihnen. Ein Priester mit einem Kessel rennt vorweg. Ich werde von meiner Frau ihm aus dem Weg gezogen. Dann ist es vorbei.

Ruhe in Frieden P. Gönn Dir etwas Ruhe nach all dem Trubel hier.


Edit: Oberster Link korrigiert, er hatte ursprünglich alle Beerdigungs-Artikel angezeigt


Kommentare:

Heinz-Jürgen hat gesagt…

Ludigel,
herzlichen Dank für den Bericht. Für mich als Religionswissenschaftler ist Deine "Feldforschung" außerordentlich interessant, auch die Berichte über die Beerdigung des Schwiegervaters.
Meine Frau und ich waren 2014 in Taibei und haben uns zahlreiche Tempel angesehen und ich konnte es nicht unterlassen, Geistergeld für meine Ahnen zu verbrennen. Waren übrigens drei tolle Wochen in Taibei.

"Ludigel" hat gesagt…

Das ist endlich mal ein interessanter Job!