Brexit dauert an, die BER-Eröffnung auch länger, dann kann das Blogschließen auch ein bisschen länger dauern
Und nun zur aktuellen Meldung aus dem taiwanischen Alltag:
Ein Kollege in den Dreißigern, den ich nicht kannte, aber der auch manchmal mit mir zusammen die Treppe in der Firma vom Erdgeschoss bis in den 6. Stock gerannt ist (oder der 5. bei ihm) ist gestorben. Ich habe ihn nur ein, zweimal gesehen, als der junge, schlanke Mann etwas schneller als ich die Treppensteigübung hinter sich gebracht hat.
Auf seinem fatalen Treppenaufstieg hat der herzgesunde, schlanke, drahtige junge Mann es noch geschafft, sich in den Flur und auf den Arbeitsplatz zu retten. Doch ich kenne es, nach der Übung pocht das Herz schneller als während. Leider hat er einen Herzinfarkt bekommen und ist verstorben. Mir tut das aufrichtig leid. Und ich muss wieder mal sagen, das Leben ist unfair.
Da ist der momentan 100-Kilo-Ausländer, der erstens per Definition dick ist und zweitens ja auch wirklich nicht der Schlankste. Der auch noch einen winzigen Herzrythmusfehler hat, vom Arzt attestiert. Der Schokolade und Fleisch isst. Dann ist da der drahtige Asiate, jung und dynamisch, der wahrscheinlich nur Fisch und Gemüse isst (sind nicht die Meere völlig verdreckt? Ob das so gesund ist?). Und der auch noch ein Stockwerk weniger hat. Und wer von beiden muss sich jetzt mit der jenseitigen Götterwelt beschäftigen? Er. Das Leben ist nicht fair.
Mein Problem: Jetzt hat die Firma das sportliche Treppensteigen verboten. Was natürlich nicht so ganz klar definiert ist und ich laufe Gefahr noch dicker zu werden und dann am Ende auch noch...
Dann noch der gesunde, superschlanke, adrette junge Gesundheits-Nudelsuppenverkäufer direkt neben Ludigels Wohnblock. Habe den x-mal gesehen und für meine Frau da diese säuerliche Nudelsuppe gekauft, die bei mir immer Würgereiz ausgelöst hat. Kein Wunder, dass der Kerl so schlank war, bei dem urinartigen Nudelsuppengeruch. Na, wie dem auch sei. Gestorben ist er nicht an Überforderung durch die hübsche Ehefrau oder die Urinade, sondern durch einen Motorroller-Unfall.
Also doch lieber Fleisch, Brot und Schokolade essen und Nissan fahren.
Den beiden Toten, außerdem den beiden unlängst am gesunden Fisch- und Grünessen verstorbenen Kolleginnen mein herzliches Beileid. Es is halt a Wahnsinn.
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Dienstag, Dezember 10, 2019
Montag, Mai 22, 2017
Irgendwo gibt es einen Spielplatz für Dich (Verkehrstod eines Kindes)
Der Nachbarschaftstratsch meldet den Verkehrstod eines kleinen Kindes, etwa 50 Meter max von meiner Haustür in NeiHu, Taipei, Taiwan.
Wir wohnen seit meiner Rückkehr nach Taipei im März in einer Mietwohnungsanlage, die zu den besseren der oft slumartigen Wohnblöcke bei uns in der Gegend gehört. Ein sehr breiter Bürgersteig ist bei uns vorm Haus, richtig eine Oase an der lokalen Hauptstraße. Und Grün gibt es bei uns im Innenhof.
Gehe ich aber 30 Meter nach links, fängt eine Budenzeile aus zeltartigen Verkaufsstellen an. Die schlimmsten sind schon weg. Seit sich die Verkehrspolizei bei uns seit zwei Jahren oder so für Falschparker interessiert und man immer wieder Polizisten auf Mopeds sieht, verschwand auch die Horrorbude unter den Verkaufsstellen. Das war ein düsteres stinkendes Zelt, in dem braungrün-verklebte Hühner in Käfigen vor sich hin schimmelten und einen entsetzlichen Gestank verbreiteten und ihre blau angelaufenen Leichenteile ungekühlt in der Sonne auf einem Tisch schmorten. Alte Frauen sahen sich interessiert die abgehackten Beine samt Krallen an und nickten dazu einfrig, während sie die Münzen aus ihren Geldbörsen holten. Lange Jahre war der Bürgersteig eklig schmal und so hielt ich meist die Luft an, wenn ich dort vorbei ging.
Heute ist der Bürgersteig verbreitert und der Horrorstand weg. Aber es gibt immer noch die Fischverwesung gleich neben an, wo in der prallen Sonne und Abgasluft direkt auf Auspuffhöhe Fische mit etwas Eis vor sich hin stinken. Dort an dem Fischstand war immer eine ganze Familie versammelt, die den etwa 2 Meter breiten Bürgersteig (gleichzeitig illegal Parkstreifen für Autos, Mopeds und quer gestellte Fahrräder) zu ihrem Spielhof erklärt hat. Wohl drei Kinder im Alter von 2-5 oder dergleichen spielten dort mit Wasserbecken aus Styropor, sowie die Fische raus waren, fuhren Dreirad uns spielten Ball. Direkt an der Fahrbahn, wo an der viel befahrenen Straße Autos mit eher 50 und 60 als den auf die Fahrbahn gemalten 30 durchfahren. Oft ging ich dort lang und dachte: "Wie gefährlich!" Wenn so ein Kleinkind mit dem Dreirad nah an den Fahrbahnrand fährt und die ganze Familie vor sich hin grinst und die Fische wäscht. Oder Radio hört. Handies hatten sie in der Familie wohl mal nicht, an denen man sonst in Taiwan die dreiviertel Lebenszeit seit 2010 verbringt. Aber irgendwie geht es immer gut. Denkt man. Die Kinder drehen brav am Bordstein um, die kleinen Kinderfüße hören auf Richtung Fahrbahn zu watscheln. Entweder von selbst oder die Großmutter kommt doch mal angerannt, um den falschen Richtungsvektor von Tod hin zu Überleben zu verstellen. Sprich das Kleinkind neu auszurichten, dass es auf die Bude zuläuft statt auf die Fahrbahn. Dann wieder Radio. Fische waschen. Vor sich hin lächeln. Ein einziges Mal habe ich vorbei gehend ein Kind blockiert, das Richtung Fahrbahn unterwegs war. Aber ich gehe nur im Sekundentakt da vorbei. Achte mehr wo ich hin trete als auf anderer Leute Kinder. Schließlich legen sie an der vorderen Fressbude ihre glatten Kochbleche aus den Öfen in die Gosse, stellen den Bürgersteig zu und bei Regen habe ich das spiegelglatte Blech einmal nicht gesehen und hätte mir fast den Hinterkopf aufgeschlagen, so sehr bin ich hingesegelt.
Taiwan wie es leibt und lebt. Und den Ausländer Ludigel auskichert, wenn er dort essen kaufen muss. Etwa, in dem man ihm einen falschen Preis nennt - absichtlich - und dann noch einen und noch einen und sich freut, dass alle Gäste mitlachen. Dann bin ich ein Jahr nicht mehr hin. Heute hat die Garküchenentertainerin selber kleine Kinder, die jetzt auch begroßmuttert auf dem kleinen Bürgersteig herum rennen.
An der Ecke ist vor ein paar Jahren eine alte Frau überfahren worden an der Fußgängerampel. Ich fotografierte den Fahrer, der die reglos daliegende Frau fotografierte und er sah mich böse an.
Nun ist eines der Kinder tot, vom Auto überfahren. Ich weiß nicht von welcher Bude. Aber dies Wochenende spielten dort mal keine Kinder. Doch als ich in unsere Straße einbog, brachte ich meinen Wagen komplett zum Stehen. Denn zwei kleine Kinder spielten direkt an der Fahrbahn in der Kurve, gerade noch auf dem abgesenkten Bürgersteig. Während die Eltern auf Einlass ins italienische Restaurant warteten und angestrengt aufs Handy guckten.
Wir wohnen seit meiner Rückkehr nach Taipei im März in einer Mietwohnungsanlage, die zu den besseren der oft slumartigen Wohnblöcke bei uns in der Gegend gehört. Ein sehr breiter Bürgersteig ist bei uns vorm Haus, richtig eine Oase an der lokalen Hauptstraße. Und Grün gibt es bei uns im Innenhof.
Gehe ich aber 30 Meter nach links, fängt eine Budenzeile aus zeltartigen Verkaufsstellen an. Die schlimmsten sind schon weg. Seit sich die Verkehrspolizei bei uns seit zwei Jahren oder so für Falschparker interessiert und man immer wieder Polizisten auf Mopeds sieht, verschwand auch die Horrorbude unter den Verkaufsstellen. Das war ein düsteres stinkendes Zelt, in dem braungrün-verklebte Hühner in Käfigen vor sich hin schimmelten und einen entsetzlichen Gestank verbreiteten und ihre blau angelaufenen Leichenteile ungekühlt in der Sonne auf einem Tisch schmorten. Alte Frauen sahen sich interessiert die abgehackten Beine samt Krallen an und nickten dazu einfrig, während sie die Münzen aus ihren Geldbörsen holten. Lange Jahre war der Bürgersteig eklig schmal und so hielt ich meist die Luft an, wenn ich dort vorbei ging.
anderer Fall, selbe Ladenzeile: reglose Frau, Unfallfahrer beim Fotografieren
Heute ist der Bürgersteig verbreitert und der Horrorstand weg. Aber es gibt immer noch die Fischverwesung gleich neben an, wo in der prallen Sonne und Abgasluft direkt auf Auspuffhöhe Fische mit etwas Eis vor sich hin stinken. Dort an dem Fischstand war immer eine ganze Familie versammelt, die den etwa 2 Meter breiten Bürgersteig (gleichzeitig illegal Parkstreifen für Autos, Mopeds und quer gestellte Fahrräder) zu ihrem Spielhof erklärt hat. Wohl drei Kinder im Alter von 2-5 oder dergleichen spielten dort mit Wasserbecken aus Styropor, sowie die Fische raus waren, fuhren Dreirad uns spielten Ball. Direkt an der Fahrbahn, wo an der viel befahrenen Straße Autos mit eher 50 und 60 als den auf die Fahrbahn gemalten 30 durchfahren. Oft ging ich dort lang und dachte: "Wie gefährlich!" Wenn so ein Kleinkind mit dem Dreirad nah an den Fahrbahnrand fährt und die ganze Familie vor sich hin grinst und die Fische wäscht. Oder Radio hört. Handies hatten sie in der Familie wohl mal nicht, an denen man sonst in Taiwan die dreiviertel Lebenszeit seit 2010 verbringt. Aber irgendwie geht es immer gut. Denkt man. Die Kinder drehen brav am Bordstein um, die kleinen Kinderfüße hören auf Richtung Fahrbahn zu watscheln. Entweder von selbst oder die Großmutter kommt doch mal angerannt, um den falschen Richtungsvektor von Tod hin zu Überleben zu verstellen. Sprich das Kleinkind neu auszurichten, dass es auf die Bude zuläuft statt auf die Fahrbahn. Dann wieder Radio. Fische waschen. Vor sich hin lächeln. Ein einziges Mal habe ich vorbei gehend ein Kind blockiert, das Richtung Fahrbahn unterwegs war. Aber ich gehe nur im Sekundentakt da vorbei. Achte mehr wo ich hin trete als auf anderer Leute Kinder. Schließlich legen sie an der vorderen Fressbude ihre glatten Kochbleche aus den Öfen in die Gosse, stellen den Bürgersteig zu und bei Regen habe ich das spiegelglatte Blech einmal nicht gesehen und hätte mir fast den Hinterkopf aufgeschlagen, so sehr bin ich hingesegelt.
Man darf parken. Überall.
Taiwan wie es leibt und lebt. Und den Ausländer Ludigel auskichert, wenn er dort essen kaufen muss. Etwa, in dem man ihm einen falschen Preis nennt - absichtlich - und dann noch einen und noch einen und sich freut, dass alle Gäste mitlachen. Dann bin ich ein Jahr nicht mehr hin. Heute hat die Garküchenentertainerin selber kleine Kinder, die jetzt auch begroßmuttert auf dem kleinen Bürgersteig herum rennen.
An der Ecke ist vor ein paar Jahren eine alte Frau überfahren worden an der Fußgängerampel. Ich fotografierte den Fahrer, der die reglos daliegende Frau fotografierte und er sah mich böse an.
Nun ist eines der Kinder tot, vom Auto überfahren. Ich weiß nicht von welcher Bude. Aber dies Wochenende spielten dort mal keine Kinder. Doch als ich in unsere Straße einbog, brachte ich meinen Wagen komplett zum Stehen. Denn zwei kleine Kinder spielten direkt an der Fahrbahn in der Kurve, gerade noch auf dem abgesenkten Bürgersteig. Während die Eltern auf Einlass ins italienische Restaurant warteten und angestrengt aufs Handy guckten.
Freitag, April 07, 2017
Frisörin tot
Nachrufe im Taiwanblog werden langsam zur Gewohnheit
Nur ein paar Meter rechts von diesem Bild hat sie gewohnt und gearbeitet. Am Spiegel hatte sie auch Fotos von ihrer Tochter, die mit einem Iren verheiratet war und in Irland lebte, wenn ich mich recht erinnere. Für 150 NT hat sie die Haare geschnitten. Mehr schlecht als recht nach dem Prinzip kurz ist gut und ab ist ab und es war mir oft genug. Ich bin auch wegen unserer sicher sprachbarrierebehafteten Kommunikationsversuche gerne dort hin gegangen und war dort lieber als anderswo. Nicht so sehr wegen ihrer Scherenkunst, das gebe ich gerne zu. Aber ab ist ab und kurz ist gut, was gab es bei dem Preis zu meckern.
Doch dann machte in der Nähe einer dieser 100 NT-Frisöre auf, wo man einen 100 NT-Schein in einen Automaten zwängt, eine Pappkarte erhält, die man dem Frisör gibt und dann wird man auch geschoren. Und es sieht ein bisschen besser aus glaube ich. Sagte meine Frau. So bin ich dann auch immer seltener zu 150er-Haarschnitt und eher zum 100er, ich gebe es zu. Drei Euro für einen Haarschnitt, es ist bizarr.
Nun ist der Frisörladen - in dem früher fast immer Licht war und in dem so oft ganze Familien saßen - dauerhaft geschlossen. Selbstmord, sagt meine Frau. Traurig gucke ich auf die nun immer dunkle Fassade und schäme mich ein bisschen. Für's Wegbleiben. Unsere Gesprächsversuche werden mir fehlen.
Der Sensenmann geht mir in der letzten Zeit mächtig auf die Nerven. Aber es liegt in der Natur des Lebens, dass es endlich ist. Vor langer Zeit hatte das Blog bereits einen Nachruf auf meine Cousine Christine, die eine eifrige Blogleserin war und von uns gegangen ist. Mein Steuerberater schloss sich an. Ein Mensch, dem ich immer erst mal eine große Flasche Hochprozentiges mitbringen musste, bevor er zur Beratung schritt und diese Flasche dann in meinem Beisein während der kompetenten Beratung leerte, ohne dass er davon betrunken wurde. Ich sage immer, dass ich mir um die fiskalischen Aspekte meines Einzugs in die Nachwelt keine Gedanken mache, das hat er sicher alles unter Kontrolle. Und irgendwo wird sich ein Fass vergorenes Manna auftreiben lassen, das er während der Beratung geniest.
Dann verstarb mein Vater, auch wenn er hier im Blog keinen Nachruf erfuhr. Dann eine geschätzte Kollegin vom Vertrieb, deren Nachruf (http://osttellerrand.blogspot.tw/2017/03/kollegin-beerdigt-renn-weg-renn-weg.html) mehr zur einer multikulturellen Schilderung wurde. Aber warum auch nicht.
Als ich unlängst nach Taiwan zurück kehrte hörte ich, dass nun auch unsere Frisörin verstorben sei. Die nette ältere Dame bewohnte ein sehr kleines Reihenhaus ganz bei uns in der Nähe, es ist im unteren Foto zu sehen - eines der kleinen Reihenhäuser rechts mittig im Bild.
Dort unten hatte sie ein kleines Frisörgeschäft, dass in dem winzig kleinen Haus aus kaum mehr als einem Frisörstuhl und ein bisschen zugestellten Platz drum herum bestand. Von außen zu erkennen durch eine klassische amerikanische Frisör-"Rolle" in Weiß, Blau und Rot. Markenzeichen von Frisörgeschäften in den USA. Drinnen ein alter Frisörstuhl, ein Spiegel mit Fotos von ihrer Familie und einem Haufen schwarzer Haare unter dem Bord, die mich bei meinem ersten Besuch einen Hund vermuten ließen.
Doch dann machte in der Nähe einer dieser 100 NT-Frisöre auf, wo man einen 100 NT-Schein in einen Automaten zwängt, eine Pappkarte erhält, die man dem Frisör gibt und dann wird man auch geschoren. Und es sieht ein bisschen besser aus glaube ich. Sagte meine Frau. So bin ich dann auch immer seltener zu 150er-Haarschnitt und eher zum 100er, ich gebe es zu. Drei Euro für einen Haarschnitt, es ist bizarr.
Nun ist der Frisörladen - in dem früher fast immer Licht war und in dem so oft ganze Familien saßen - dauerhaft geschlossen. Selbstmord, sagt meine Frau. Traurig gucke ich auf die nun immer dunkle Fassade und schäme mich ein bisschen. Für's Wegbleiben. Unsere Gesprächsversuche werden mir fehlen.
Mittwoch, März 29, 2017
Kollegin beerdigt: "Renn weg! Renn weg!"
Meine zweite längere Anwesenheit auf einer Taiwanbeerdigung
Edit: Oberster Link korrigiert, er hatte ursprünglich alle Beerdigungs-Artikel angezeigt
Für Verwandte und Vertraute ist eine Beerdigung im Taiwan-Stil eine längerfristige Sache. Beim Schwiegervater hatte ich vor 10 Jahren das Ganze komplett mitgemacht, hier eine ausführliche Schilderung der Beerdigung von damals im Taiwan-Stil:
Der Titel "Eine Fledderbeerdigung" des alten Artikels klingt sicher respektlos, drückte aber damals sehr klar meine Gefühle aus. Im westlichen Bestattungsritus haben wir mehr Distanz zum Tod. Hier in Taiwan den mittlerweile in der Leichenstarre befindlichen Schwiegervater selbst in ein Kühlfach im Krematorium zu legen und am Ende mit riesengroßen Stäbchen (wie Essstäbchen, nur viel größer!) in der Asche in den Knochenstücken herum zu wühlen waren ungewohnte Erfahrungen für mich, die dem ganzen Prozedere schnell den Beigeschmack eines der Würde des Toten unangemessenen Zirkuses verliehen in meinen Augen. Aber deswegen ist es ja gerade so faszinierend, wie verschieden Kulturen sind. Für die Taiwaner ist das offenbar alles so in Ordnung. Zwei Höhepunkte sind mir aus der Beerdigung damals im Gedächtnis geblieben:
Erstens die merkwürdigen Wächter der Kühlkammer (mit unzähligen stählernen Leichen-Kühlfächern), die in einem zum Kühlkammer-Gang offenen Zimmer saßen, in dem Ölgemälde von tief dekoltierten Frauen die Wände zierten und überlaut Musik aus den Lautsprechern dröhnte. Zu meiner Verblüffung spielte gerade die Titelmusik vom Film "Der Rosarote Panther", während meine Frau und ich den Leichnam ihres Vaters zu seinem Kühlfach fuhren. Automatisch fängt man an im charakteristischen Paulchen-Panther-Gang zu gehen, zwischen all den Toten. Die Szene ist bizarr-Skurril, mehr wie in einem Mel-Brooks-Film als in der Realität, aber Taiwan kann eben herrlich surreal sein für westliche Augen. Heute denke ich, die sicher wie die meisten Taiwaner abergläubischen Herren werden mit ihrem lebenfrohen Büro wahrscheinlich einen dröhnenden Gegenpol zur "Geisterwelt" der Toten in ihren Kühlfächern gesetzt haben. Irgendwie so.
Und unvergessen die veritable Polonaise, als sich unsere Trauergemeinschaft wirklich in einer sylvesterfeier-haften Polonaise wild durch die Gegend bewegte, einem orangen Priester hinterher, der einen Teekessel trug. Den warf er damals krachend auf die Fliesen so dass er zerbarst. Fast hätte ich den Kerl angeschrien, so überreizt waren damals meine Nerven. Ich wurde jedoch sofort von meiner Frau belehrt, ihr Vater sei nun "geheilt". Weil die Krankheit die er hatte vom Priester in den Teekessel verbannt worden war. Ich blickte auf den im Raum befindlichen grau-blau angelaufenen Leichnam und verkniff mir damals mühevoll ein "er sieht aber noch immer ziemlich tot aus". Stattdessen bemerkte ich "im Wilden Westen wäre der Quaksalber für diese Heilung geteert und gefedert worden", wofür mir meine Frau auf den Fuß trat.
Was für ein Gegensatz eine solche Beerdigung zu der ruhigen Veranstaltung in einem "Ruheforst" doch ist, die ich kürzlich beim Tode meines eigenen Vaters erlebt habe. Ich bin zu tiefst dankbar, dass deutsche Bestattungsriten nicht von mir verlangen, etwas mit Skelettteilen nach der Einäscherung zu machen. Und das deutsche Krematorium habe ich natürlich nicht mal zu sehen bekommen. Hingegen ist das große Krematorium in Taipei eine Art Todesfabrik mit mysteriösen großen Gasflaschen und einer bahnhofsähnlichen Verbrennungshalle, wo der Priester vorm Bild des Verstorbenen letzte Worte spricht.
Aber zurück an den Anfang der Beerdigung der kürzlich viel zu jung verstorbenen Kollegin P. Ich tauchte also erst nachmittags auf, auch weil ich nicht die komplette Veranstaltung mitmachen wollte. Wieder ging es auf das Gelände der "Todesfabrik". Bilder werden irgendwann nachgereicht. Taiwaner empfinden Fotos von solchen Orten als gefährlich, weil sie angeblich Geister von Toten anziehen; daher will ich mein Blog nicht zeitnah damit ausstatten.
Ein neues großes fabrikhallenartiges Gebäude war das Ziel unserer Trauergemeinschaft. Hier saßen wir veritabel in einem grauen Korridor vor den Toiletten und Aufzügen im Untergeschoß. Schnell stellte der Bestattungsunternehmer Klappstühle zur Verfügung, während in einem kleinen Andachtsraum noch etwas vorbereitet wurde. Der Geruch der sanitären Anlangen zog herüber und ein Mann in Gummistiefeln putzte zwischen uns herum, leerte Mülltonnen und den Kackeimer der Toiletten, den er an uns vorbei zu seinen Mülltüten trug. Taiwanische Toiletten haben ja immer den Kackeimer für das benutzte Toilettenpapier herum stehen. Eine Glocke erklang, eine Priester in Orange ging vorweg, auf einem metallenen Leichen-Schiebewagen lag ein mit beschrifteter Plane bedeckter Toter, die andere Trauergemeinde weinend hinterdrein. Wir alle mussten uns hektisch wegdrehen und die Wand anstarren. Das sieht komisch aus, wenn etwa dreißig Trauernde das gleichzeitig tun. Wieder umdrehen, der Tote ist im Fahrstuhl verschwunden. Wir warteten noch auf die verstorbene Kollegin P., die jetzt auch bald kommen würde. Hektische Arbeiter schleppten Gestelle und Blumen durch die Gegend, der Toilettenmann rasselte mit dem Blumenträger zusammen. In Schwarz gekleidete Leute guckten wichtig in Smartphones. Ein weiterer Leichnam mit Glocke. Wieder herumdrehen zum NO SMOKING-Schild an der Wand. Ich warf einen verbotenen Blick auf den Toten und zwinkerte im zu. Darf man nicht, damit einem der Geist des Toten nicht folgt. Aber wir haben so viele Mücken nachts und ich liege oft wach. Da kann ich Gesellschaft gebrauchen.
Wie nah alles beieinander liegt in Taiwan. Die Trivialität des Fahrstuhls, die Körperfunktionen die man auf der Toilette ausführt bis hin zum Ansehen von braunem Klopapier. Dazwischen die Leichname. Die Tränen der diversen Familien. Die Getränkeflaschen, die der Müll- und Klomann zwischendurch entsorgt und mit seinem Müllwagen stehen bleibt, während der Leichentisch vorbei gefahren wird. Da wird man fast philosophisch. Man lebt, trinkt, disassimiliert die Nährstoffe, säubert sich und stirbt irgendwann. Man ist auch nur noch so ein Ding wie die leere Plastikfalsche mit dem Hu-Fong delicious Ice-Tea, das irgendjemand wegbringen muss. So scheint es Taiwan zu suggerieren mit der für mich eigenartigen Trauerfeier am Fahrstuhl. Für Taiwaner ist das aber alles normal, es sind meine eigenen Empfindungen, die nicht zur Trauerfeier passen. Ich bin hier der Fremdkörper, nicht der Müllmann, nicht das Kackpapier. Leben und Tod gehören zusammen. Es würde vielleicht noch fehlen, dass einer der jungen Bestattungsleute im dunklen Anzug eine Kollegin hätte, die er in der Besenkammer schwängert, während wieder der Müllmann mit seinen Gummistiefeln vorbei geht. Dann hätten wir den ganzen Kreislauf des Lebens versammelt vor den Fahrstühlen.
Das alles hat nichts mit der netten Kollegin zu tun, die wir hier beerdigen. Taiwan ist eben anders. Schließlich werden wir auch hereingerufen, nachdem die Familie schon fertig ist. Im offenen Sarg liegt die Kollegin. So eine zierliche junge Frau. Jung aus meiner Perspektive, eben in den 40ern gerade Mal. Kleine Puppen und "Geistergeld" liegen im Sarg auf ihrem zierlichen Körper. Ich verabschiede mich, mache den Ritus mit. Verbeugen und Abschiedsworte reden. Diesmal aus ehrlichem Herzen. Die Räucherstäbchen musste ich ablehnen, weil meine Frau darin eine zu große Verbindung zur Geisterwelt gewittert hatte - unseres Kindes zu liebe, den ja am Ende zürnende Geister jagen könnten. Ich enthalte mich eines Kommentars.
Auch die Kollegin wird schließlich raus gefahren, wir alle hinterher. Diesmal dürfen wir gucken. Es geht rüber zur Krematoriumshalle in einem anderen Gebäude. Im Unterscheid zu 2007 haben sie jetzt vor dem bahnhofsähnlichen Gebäude rechts und links darüber zwei große Werbeschilder des Kiosk-Marktes "Family Mart" in bunten Farben aufgestellt. Es wirkt so, als sei die große Krematoriumshalle von Family Mart. Bizarr, aber Taiwaner nehmen die für mein Auge vorhandene Pietätlosigkeit nicht wahr. Der Priester sagt letzte Worte, die hübsche Kollegin P. hat kein Bild wie die anderen älteren Toten, die wir rechts und links neben uns auf ihren gerahmten Fotos sehen, dahinter die jeweilige Trauergemeinde. Schließlich ist P. dran. Wir werden nach vorne geführt, ihr Sarg verschwindet in der Brennkammer. Alle schreien jetzt "renn weg!". Das hat den Sinn, dass sich der Geist vom Körper trennt und vermeidet, ebenfalls im Feuer verschlungen zu werden. Ich schreie mit, dann wenden wir uns schnell ab und dürfen nicht zurück blicken, damit uns der Geist von P. nicht folgt. Ich nehme es nicht so genau. Nachts auf der Mückenjagd in der neuen Wohnung habe ich ja immer Langeweile. Da würde ich gerne noch mal mit P. reden. Oder überhaupt mal mit P. reden. Wie viele taiwanische Kollegen hat sie ja nie ein Wort mit mir außer Hallo und Bye Bye gewechselt. Sie haben Angst vor Gesichtsverlust beim falschen (?) Englischreden. Und mein Chinesisch ist schlecht und da lachen sie mich immer aus. Also rede ich Englisch mit ihnen. So als sei ich der Dekan der University of Oxford und würde auf perfektes Oxford-Englisch achten, so scheu sind sie beim Englisch-Sprechen. Auch nach zehn Jahren Zusammenarbeit noch. Nur englische Emails kriegt man. Also könnte P. jetzt ruhig mal auftauchen und wir reden über ihr Leben. Wo sie immer von 9 bis 22 Uhr im Büro saß und mit den Japanern verhandelte. Hatte sie überhaupt ein Leben? Ich hoffe es.
Einer ihrer Kunden ist auch dabei. Ein eleganter Japaner, im Nadelstreifenanzug mit gegeelten Haaren. Er hat sich rührend sowohl in Taiwan wie auch in der japanischen Krebsklinik mit den experimentellen Behandlungen um P. gekümmert. Er ist sehr erschüttert.
Über dem eigentlichen Krematorium und links daneben ist auch wieder Family Mart. Ich esse ein paar Kinderschokolade-Riegel, esse ein in Plastik verschweißtes labbriges Croissant und trinke einen in einer atomkriegfesten Plastikflasche eingeschlossenen kalten süßen Kaffee der Marke Bernachon. Oder so. Der angeblich französisch ist. Wenn Paris in Taiwan liegen würde jedenfalls.
Schließlich kommt der Abschluss. Wir ziehen vorbei an den kleinen älteren fabrikartigen Gebäuden hinter den Trauerpavillions, die ich noch von der Beerdigung von vor 10 Jahren kenne. Alles ist noch so wie damals, nur statt des Neubaus vom Anfang stand damals ein älteres Haus. Die Leichenhalle, aus der gerade kein Paulchen Panther dröhnt, ein Wartesaal für Trauernde neben mysteriösen fest installieren großen Tanks mit Rohren, die im Boden verschwinden in der Todesfabrik.
Rüber in ein privates Bestattungsinstitut, das außen grellbunt bemalt ist. Irgendein Bild von einem See mit knallroter Tempeldeko drum herum. P.s Urne wird in einen kleinen Altar gestellt. Sie hat die Nummer 61, die anderen Toten sind direkt daneben nebst kleinem Opferaltar jeweils. Eine Prozession aus einem Nachbarzimmer kommt in wilder Polonaise heraus gerast, alle die Hände auf den Schultern der Person vor ihnen. Ein Priester mit einem Kessel rennt vorweg. Ich werde von meiner Frau ihm aus dem Weg gezogen. Dann ist es vorbei.
Ruhe in Frieden P. Gönn Dir etwas Ruhe nach all dem Trubel hier.
Edit: Oberster Link korrigiert, er hatte ursprünglich alle Beerdigungs-Artikel angezeigt
Freitag, März 24, 2017
Mach's gut P.
Abschied von einer Kollegin
In diesem Blog habe ich es nach im Jahre 2013 als eine Art Wunderheilung beschrieben. Ob nun mit Chemotherapie oder ohne - so ganz klar ist das bei mir nie angekommen - die Kollegin P. hatte damals eine fast schon wundersame Heilung vom Krebs hingelegt. Bei mir hatte das einen tiefen Eindruck hinterlassen, war ich doch bei einer Fahrt der Chauffeur, auf der sie einen besonderen Tempel im Süden Taiwans besucht hat und dort offenbar psychisch so viel Kraft gesammelt hatte, dass es ihr gleichsam schlagartig besser ging. Dachte man damals vielleicht auch nur an einen kurzen Plazebo-artigen Effekt, so war das Ganze jedoch der Anfang einer schnellen Erholung. Lag die Kollegin anfangs scheinbar im Sterben, so erholte sie sich in der Folge so weit, dass wir uns noch bis Anfang 2017 mit ihr in Taipei zum Essen getroffen haben. Allerdings hatten wir bei unserem letzten Restauranttreffen von ihr schon gehört, dass eine Metastase in einem anderen Organ nun leider große Probleme machte. Die Kollegin war zeitweise in einer Klinik in Japan untergebracht und erhielt experimentelle Behandlung. Besonders meine Frau war dabei involviert, hier für den japanischen Arzt eine Bestellquelle von noch nicht zugelassenen Medikamenten aufzutun. Leider ließ sich der Befall des zweiten Organs nicht stoppen und die Kollegin ist vor ein paar Tagen leider sehr genau innerhalb der Prognose des Arztes verstorben. In der Vergangenheit war sie eine geschätzte Mitstreiterin auf Seiten des Vertriebs und eine große Hilfe bei allen Projekten. Sie war der Typ von engagierter Taiwanerin, die immer mit einem Lächeln auf den Lippen von morgens um Neun bis nicht selten nachts um 23 Uhr im Büro saß. Ein Leben fast nur aus Arbeit bestehend, dass leider Mitte 40 viel zu früh geendet hat. Bei den Behandlungen - was eben auch eine Kostenfrage ist - war ihr unter anderem auch der japanische Kunde - ein Großkonzern - sehr behilflich. Auch taiwanische Unternehmen können in solchen Krisensituationen sehr loyal zu ihren Angestellten sein, womit fast schon zu viel gesagt ist.
Mach's gut P., mit Deinem fließenden Japanisch kannst Du notfalls auch in den japanischen Teil des Jenseits wechseln, wenn es Dir mit dem Papierschiffchen-über-Flüsse-nehmen und anderen Prozeduren zu viel wird, die man hier in Taiwan nach chinesischer Art durchführt.
Gute Reise.
In diesem Blog habe ich es nach im Jahre 2013 als eine Art Wunderheilung beschrieben. Ob nun mit Chemotherapie oder ohne - so ganz klar ist das bei mir nie angekommen - die Kollegin P. hatte damals eine fast schon wundersame Heilung vom Krebs hingelegt. Bei mir hatte das einen tiefen Eindruck hinterlassen, war ich doch bei einer Fahrt der Chauffeur, auf der sie einen besonderen Tempel im Süden Taiwans besucht hat und dort offenbar psychisch so viel Kraft gesammelt hatte, dass es ihr gleichsam schlagartig besser ging. Dachte man damals vielleicht auch nur an einen kurzen Plazebo-artigen Effekt, so war das Ganze jedoch der Anfang einer schnellen Erholung. Lag die Kollegin anfangs scheinbar im Sterben, so erholte sie sich in der Folge so weit, dass wir uns noch bis Anfang 2017 mit ihr in Taipei zum Essen getroffen haben. Allerdings hatten wir bei unserem letzten Restauranttreffen von ihr schon gehört, dass eine Metastase in einem anderen Organ nun leider große Probleme machte. Die Kollegin war zeitweise in einer Klinik in Japan untergebracht und erhielt experimentelle Behandlung. Besonders meine Frau war dabei involviert, hier für den japanischen Arzt eine Bestellquelle von noch nicht zugelassenen Medikamenten aufzutun. Leider ließ sich der Befall des zweiten Organs nicht stoppen und die Kollegin ist vor ein paar Tagen leider sehr genau innerhalb der Prognose des Arztes verstorben. In der Vergangenheit war sie eine geschätzte Mitstreiterin auf Seiten des Vertriebs und eine große Hilfe bei allen Projekten. Sie war der Typ von engagierter Taiwanerin, die immer mit einem Lächeln auf den Lippen von morgens um Neun bis nicht selten nachts um 23 Uhr im Büro saß. Ein Leben fast nur aus Arbeit bestehend, dass leider Mitte 40 viel zu früh geendet hat. Bei den Behandlungen - was eben auch eine Kostenfrage ist - war ihr unter anderem auch der japanische Kunde - ein Großkonzern - sehr behilflich. Auch taiwanische Unternehmen können in solchen Krisensituationen sehr loyal zu ihren Angestellten sein, womit fast schon zu viel gesagt ist.
Mach's gut P., mit Deinem fließenden Japanisch kannst Du notfalls auch in den japanischen Teil des Jenseits wechseln, wenn es Dir mit dem Papierschiffchen-über-Flüsse-nehmen und anderen Prozeduren zu viel wird, die man hier in Taiwan nach chinesischer Art durchführt.
Gute Reise.
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