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Montag, August 12, 2013

Familienbetrieb, das einstweilen letzte Kapitel

Ludigels Ausflug in die taiwanische Kommerzwelt endet durch kontrollierten Rücksturz zur Erde

Wenn die Bodenhaftung verloren gegangen ist, hilft manchmal nur der kontrollierte Rücksturz zur Erde, wenn ich mir diese schöne Formulierung aus der Serie "Raumpatrouille" von Commander McLane ausleihen darf. Der Commander kümmert sich heute nicht mehr um seinen schnellen Raumkreuzer Orion, sondern die ganze Sache ist ihm jetzt furchtbar peinlich, vielleicht aber auch nur wegen dem Bügeleisen auf der Brücke. Und so war es nun auch für Frau und mich an der Zeit, einen Rücksturz einzuleiten und anderswo weiter zu machen. Nicht wegen der Sache an sich, sondern weil jemand unter der Decke schwebte. Aber ich greife vor. Lieber eines nach dem Anderen.

 Was so ganz normal ist, fiele hier sowieso nur negativ auf (hier ein messerscharf spitzes Haus)... in den Straßen von Taipei

Der kleine kürzlich von meiner Frau und anderen gegründete "Familienbetrieb", dessen Natur ich der Googeltransivität halber hier verschweigen will (eine Googletransitivität hätte Commander McLane sicher an ein ganz fieses Energiewesen denken lassen, das nur als Schimmer in einer verlassenen Raumstation zu sehen gewesen wäre) lief ja, schrieb eine schwarze Null und alles war fast wunderbar. Vier Investoren, darunter auch die Geschäftsführerin und die Familie meiner Frau, hatten zu der kleinen Klitsche ihren Anteil gegeben, meine Frau betreute das Ganze lose auf höherer Ebene und bereitete gerade die Eröffnung einer zweiten Zweigstelle für die Anteilseigner vor, als sich die Zustände in dem ersten Geschäft verschärften. Nach wie vor kamen die Kunden, jedoch hatte die Geschäftsführerin seit einigen Wochen immer größere Probleme mit der emotionalen Bewältigung ihres Jobs, was auch das Arbeitsklima verschlechterte. Die Geschäftsführerin klagte über Überlastung und in der Tat hatte sie anfangs sieben Tage die Woche in den Räumen gestanden (um das Know-How vom vorherigen Betreiber des Betriebes abzuziehen), dann nur noch fünf und am Schluss nur noch 2-3 Tage die Woche. Trotzdem meldete die Geschäftsführerin weiterhin starke Überbelastung und drohte am Schluss fast täglich mit dem sofortigen Hinschmeißen jedweder Arbeit bei gleichzeitiger Weigerung, einen Maitre d'Operation für die Leitung des operativen Geschäfts einzustellen (bei gleichzeitiger Reduzierung ihrer Bezüge natürlich). Was man auch immer vorschlug, es ging nicht und als am Schluss die Drohung im Raume schwebte, vor lauter Stress verstorbener Weise den anderen Anteilseignern entstofflicht unter der Zimmerdecke schwebend den Nachtschlaf zu rauben, da war es an meiner Frau den NOTAUS-Knopf für den Betrieb zu drücken. Wir hatten ihn ja ohnehin nur weiter betrieben, um der Geschäftsführerin einen Gefallen zu tun, sonst hätten wir es an einen anderen Standort überführt um es dort in einem höheren Marktsegment und mit höherem Gewinn wieder zu eröffnen.

 Ludigels Erwerbsregel Nr.1: "Droht der Geschäftsführer damit, als Geist unter der Schlafzimmerdecke zu schweben, ist es an der Zeit, das Investment zu überdenken."*

Die Geschäftsführerin zahlte den anderen drei Anteilseignern dann blitzschnell nach einem klärenden Gespräch ihre Anteile aus und war wieder die nette, verlässliche Geschäftspartnerin, die wir kennen gelernt hatten und betreibt nun das Unternehmen in eigener Regie. Durch das plötzliche und irgendwie taiwantypisch überhastete Manöver ist uns zwar etwas Know-How verloren gegangen, aber so viel nun auch nicht, weil auch meine Gattin in das operative Geschäft mittlerweile eingearbeitet ist, ihren aufopfernden Sonntags-Maschinenbedienungssessions (während ihr fauler Gatte Fototouren in Taipei machte) sei Dank. Die Eröffnung des zweiten (jetzt wieder ersten) Geschäfts ist weiter angepeilt und ich wünsche der Betreiberin des ehemaligen Familienbetriebs (immer noch ein Familienbetrieb, aber Familie ist jetzt halt im Singular) alles Gute mit ihrem Geschäft. Besonders bedanke ich mich für den neuerlichen Einblick in die hiesige Mentalität, ist es doch immer wieder faszinierend wie ein paar Nervenzusammenbrüche und viel Aufregung das gleiche erreichen, was auch ein paar klärende Worte vermocht hätten.

Was soll das? Kann man sich fragen. Das mit dem Bügeleisen auf der Brücke vom Raumschiff Orion. Und der Glühbirne. Haben Sie es verstanden? Ich nicht.


***

Taipei macht eigentlich "happy, so happy", wie man in diesem Reisebericht sieht: http://www.youtube.com/watch?v=RELEHBwAPIE. "Everybody has black hair and yellow skin, feels so friendly". Eine Sternstunde des Reisejournalismus ;-)


* Foto aus dem Longshan Tempel


Letzter Bericht: http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/07/familienbetrieb.html

Kommentare:

Tamasü hat gesagt…

Da hat jemand die moderne Marktwirtschaft verstanden. Risiken müssen sozialisiert werden, wenn aber keine (mehr) da sind oder sogar Gewinne drohen, dann muß man das Geschäft unbedingt privatisieren.
Gilt im Großen wie im Kleinen, nennt sich erfolgreich, wird aber von ewig Gestrigen als ab und zu als Gier und Egoismus diffamiert.

"Ludigel" hat gesagt…

Richtig. Es ist nur bizarr, diesen taiwanischen Fräulein-Terror - Verhandlungsstil mitzuerleben. Den irren solange spielen, bis es keiner mehr hören kann. So hat sie den Laden sicher etwas billiger bekommen als wenn sie einfach gefragt hätte. Dein so ein Interesse hatten wir wegen Miniverdienst eh nicht an dem Ding, die Betreiberin aber schon.
Meine Prognose war von Anfang an, dass sie den Laden solo übernimmt, so wie er etwas läuft. Eine Taiwanerin kann so schnell einer laufenden Minibude nicht widerstehen, dachte ich mir. Da verliert man (oder frau) das große Ziel schnell aus den Augen. Irgendwo ja auch in Ordnung. Lieber die Butze in der Hand als die Ladenkette in der Fantasie...

Xinxi hat gesagt…

Nach unseren eigenen Erfahrungen mit Personal hat meine Frau diese Entwicklung direkt vermutet, als ich ihr von eurem Betrieb erzählt habe. In unserem taiwanesischen Bekanntenkreis gibt es aber auch extrem firmenloyale (änderungsängstliche?) Mitarbeiter. Keine Ahnung, welche Faktoren für solche Unterschiede sorgen. Wäre echt der heilige Gral des Personalwesens hier, wenn man das herausfinden könnte...

"Ludigel" hat gesagt…

Ja, ich hatte es mir wirklich auch gedacht. Teilhaberin und Fillialleiterin klingt einfach nach versuchter Übernahme. Meine Frau wollte es nicht glauben. Jetzt ist jedenfalls allen gedient damit, auch wenn ich bizarr finde, wie über "Fräulein-Terror" (wie das ehemals mein Kulturschock China/Taiwan-Buch nannte) verhandelt wurde. Aber auch witzig irgendwie.
Die Armortisationszeit hätte sage und schreibe 12 Jahre betragen, weil das GF-Gehalt für die Anteilseigner als Kosten anfiel. So für sie allein macht es mehr Sinn, Gehalt+ehemalige Ausschüttung ergibt einen akzeptablen Taiwanverdienst.

Diesmal waren wir froh, die Bude losgeworden zu sein, denn bei der Persönlichkeit der GFührerin war es als "Schulungszentrum" für die nächste, im höheren Marktsegment aufgestellte Bude auch nicht mehr wirklich zu gebrauchen. Und der Gewinn lies sich nicht mehr steigern.

Also weg damit. Nur wie verhindert man, dass sich bei der nächsten Filliale (der ersten besser gesagt) das selbe wiederholt?

Ich denke mir, ein Mann als GF ist vielleicht besser als eine Frau. Die Damen kenne ich hier als die aktiveren und im Schnitt schlaueren, da kann sich so mancher Ferengi bei Star Trek eine Scheibe abschneiden.

Außerdem soll der nächste GF kein Anteilseigner mehr sein.

Der Betrieb ist tot, es lebe der (nächste) Betrieb....

"Ludigel" hat gesagt…

"Ich denke mir, ein Mann als GF ist vielleicht besser als eine Frau"

Gacker. So sexistisch habe ich noch nie geklungen, glaube ich.

Gemeint ist es aber umgekehrt. Die Damen sind hier viel besser im Schnitt als die Herren.

Hmmm... wie machen das andere Ketten oder Franchises? Werksschutz? Betelnusskauend, tätowiert....

Xinxi hat gesagt…

Frag doch mal bei McDo und/oder Din Tai Fung (http://en.wikipedia.org/wiki/Din_Tai_Fung). Das sind die beiden Ketten, die in meinen Augen die beste Qualitätseinheitlichkeit und Managementstabilität zeigen. Vielleicht muss man hier in TW Angstellte nur knapp oberhalb des Mindestlohns bezahlen, aber zu Neujahr usw. gibt es dafür - je nach Geschäftsgewinn - einen dicken roten Umschlag.

"Ludigel" hat gesagt…

Das klingst so etwa wie die neusten Ideen meiner Frau zum HR :-)

Klaus hat gesagt…

Interessante Entwicklung. Ich freue mich auf weitere Case Studies aus Taiwans Realwirtschaft!