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Dienstag, Januar 29, 2013

Tanzbär

Ausländer in Taiwan, jedenfalls die westlichen, geben hier oft den Tanzbären für die Einheimischen ist mein Eindruck. Als ich 2004 hierher kam, geisterte ein Professor Paul C. durch die Nachrichten wieder und wieder. Ehrenhaft hatte der junge Mann und Vorschul-Englischlehrer eine sexuelle Belästigung angezeigt, denn er hatte gesehen wie ein philippinisches Dienstmädchen auf einem Balkon von ihrem Arbeitgeber betatscht wurde und sich lautstark dagegen wehrte. Ganz korrekt machte sich Paul C. auf den Weg zum nächsten Polizeirevier, nicht bedenkend dass in Taiwan Arbeitskräfte aus südostasiatischen Ländern soweit unten auf der sozialen Leiter stehen, dass sich praktisch niemand für ihr Wohlbefinden iteressiert, dass in Taiwan damals noch mehr als heute sexuelle Belästigung als Männerzote gilt und das es immer guter Rat ist als Ausländer in fremden Kulturen nur dann zur Obrigkeit zu gehen, wenn man gerufen wird. Paul C. wurde von den Polizisten ausgelacht, trank sich dann zu Hause etwas Mut an und kehrte mit Videokamera bewaffnet aufs Revier zurück, wo ihn die Polizisten ärgerlich aufforderten das Revier zu verlassen. Eine richtige Kommunikation kam wegen Sprachbarriere nicht zustande - Taiwanpolizisten sprechen nie auch nur ein Wort Englisch (wer das kann wird lieber Seven-Eleven-Verkäufer) und Paul C. wohl auch kein richtiges Chinesisch. Paul C. schubste einen der Polizisten weg, der rief seine Kumpels herbei und dann wurde Paul zur besten Sendezeit gezeigt, wie er in Handschellen mit geschwollenem Kopf auf einem Hocker saß.

 Holzschnittartige Stellwände und Rahmen vor einer Hinterhofszenerie ergeben neben dem roten historischen Markthaus in Ximen eine eigenartige Kombination, hier habe ich die Kamera schräg gehalten, um zum traditionell chinesischen Vordergrund ein Graffiti rechts daneben einzufangen. Zeigt es einen Ausländer? Mir schein es so, aber man kann das aus anders sehen. Mehr aus Ximen: http://bobhonest.blogspot.tw/2013/01/geschichten-aus-dem-ximen.html


Die Taiwaner wenden bei solchen Szenen manchmal bedauernd den Kopf ab, Schwiegermutter und Gattin schüttelten ihn heftig und beklagten sich über den ungehobelten Ausländer. Taiwan wäre nicht Taiwahn wenn nicht noch etwas ungeheuer dämliches passiert wäre: Eine Parlaments- oder Stadtratsabgeordnete erschien auf dem Revier, begierig sich auf Kosten eines Ausländers produzieren zu können und schlug dem gefesselten Mann vor laufender Kamera ins Gesicht. Eine Abgeordnete wohl gemerkt, eine Frau also, die von weiblicher Solidarität mit einer weit unter ihr stehenden Arbeitskraft sicher nichts hielt. Irgendwo auf Forumosa.com, dem Auländerforum, gibt es bestimmt noch den Link. Paul war immer stolz auf seinen christlichen Einsatz, die Dienstmagd in Distress retten zu wollen. Sicher westlich-korrekt, nur dass sie später ausgewiesen wurde, weil sie keine Aufenthaltsgenehmigung hatte und Paul schnell das Land verließ, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Selten habe ich gemerkt, wie sehr sich westliche und taiwanische Maßstäbe so widersprochen haben wie hier - was zu Lasten des Ausländers ging, der sich auf der taiwanischen Bühne nicht zu bewegen wusste. Auch wenn er ja irgendwo Recht hatte.

Die Kunstinstallation setzt sich selbst in merkwürdigen Kontrast zu der ungepflegten Umgebung, verwandelt den taiwanischen Hinterhof ein bisschen in eine Bühne und macht Mopeds und Plakate zu Akteuren einer sich jeden Tag ein bisschen ändernden Aufführung. Ob das so beabsichtigt war, oder wollte man nur einen hübschen Flanierhintergrund bauen? Denn auf der anderen Seite liegt das historische Markthaus, das eine Sehenswürdigkeit in Taipei ist.


Interessant was so eine Kunstinstallation für Assoziationen weckt.... An Paul und seinen Tanz in den Taiwanmedien und an andere in den Medien verzerrt reproduzierte Ausländergeschichten, mal fatal, mal tragisch und mal tragikkomisch musste ich denken, als ich dieses Ensemble sah. Hat das Graffiti überhaupt mit den Gestellen davor zu tun?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Deine korrekte Analyse der hiesigen Schattenseiten in allen Ehren - aber wahrscheinlich kriegt man ähnliche "Späße" in D einfach nicht mit. Von allen Gerichten und Polizeitruppen in Asien würde ich den Jungs und Mädels in Kaohsiung noch am ehesten vertrauen. Ohne Scherz. Bei Verkehrsunfällen wird im Zweifel zwar für den Kamikaze-Mopedonkel entschieden und man kann auch sonst manchmal Deppen begegnen. Aber es fehlt doch diese ultranationalistische Ader, die Japanern und vor allem Koreanern doch manchmal nervt. (Man kann Diskussionen über Geschichte z.B. in Korea echt vergessen.)

"Ludigel" hat gesagt…

Sicher ist es anderswo unangenehmer. Aber als westlicher Ausländer hier wird man schon erst mal auf einen Sockel gehoben, als sei man was Besonderes. Und nach meiner Lebenserfahrung wird man dann genauso schnell wieder runter gestoßen wie man draufgesetzt wurde.

In Deutschland denke ich genießen Ausländer eher einen Bonus als einen Malus bei Verfolgung von Verbrechen etc. Polizisten sind da glaube ich vorsichtiger. Die ganze Problematik mit Dienstmädchen als Underdog gäbe es ja auch gar nicht im D-Land.

"Ludigel" hat gesagt…

Manchmal klinge ich irgendwie rechthaberisch, grins. Frau ist heute nicht im Büro, da werde ich obsernat. Ging auch mehr um das Foto bei dem Beitrag und was es für Assoziationen bei mir auslöst....

Anonym hat gesagt…

Apropos "Ausländer": Der Killerautofahrer-Brite mit indischer oder pakistanischer Abstammung hat sich offensichtlich mit dem Pass seines Freundes (oder nach anderen Infos: Untergebenen) aus Taiwan abgesetzt. Den Menschen hattest du doch letztens hier mal angesprochen. Ausländer werden oft (noch) ziemlich gut behandelt, meine ich, weil früher sehr viele Westler hier richtig famos waren. Etwa die norwegischen Missionare, in deren Klinik meine Schwiegermutter vor Jahrzehnten ihre Krankenschwesternausbildung gemacht hat. Die meisten Ureinwohner sind wohl so beeindruckt gewesen, dass sich mal jemand um sie kümmert, dass sie kollektiv zum Christentum übergetreten sind. Erst in letzter Zeit kommen mehr Leute vom Typ "Abenteurer" nach Taiwan. U.a. deshalb, weil Japan, Korea und HK inzwischen kaum noch unqualifizierte "Englischlehrer" brauchen.

"Ludigel" hat gesagt…

Ach, hat er? Ich hatte ihn gestern wieder in den Medien gesehen. Ja, nach diesem Fermatschen Logiksatz oder was immer das war, immer die Erklärung zu nehmen, die weniger unwahrscheinliche Annahmen braucht, ist er es sicher gewesen. Aber der Presserummel war doch erschreckend.