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Donnerstag, Februar 16, 2012

Geburtstagsgeschichte

Dieser Tage hatte meine Frau Geburtstag - und erzählte mir aus diesem Anlass eine recht traurige Geburtstagsgeschichte. Sie ist die dritte von vier Töchtern eine Familie aus Taipei, wo der Vater ursprünglich aus China kommt und 1949 mit seinem jüngeren Bruder auf dem Rücken nach Taiwan geflohen ist, das damals gerade noch eine in Auflösung begriffene japanische Kolonie war. Die Geschichte ist nicht die, die hier gemeint ist, auch wenn sie auch recht traurig ist. Vater und Mutter und die Schwester der zwei Brüder blieben zurück auf dem großen Hof in China und als die Kommunisten Einzug hielten und die alte Republik China sich auflöste, stellten sie den Vater im Dorf an den Pranger mit einer Narrenkappe und ließen ihn in der Sonne verdorren. Rache am lokalen Großgrundbesitzer. Die Jungen Pioniere oder wie auch immer die Jugendtruppe hieß soll das damals gewesen sein.

 Taipei (Gewerbestraße in Jonghe)

Jedenfalls hatte es die Familie nun wieder zu Wohlstand in Taiwan gebracht. Die zwei Brüder hielten engen Kontakt in Taipei, der ältere Bruder, der wohl Geld oder Güldenes vom Familienwohlstand aus China mitgebracht hatte, heiratete eine Frau aus dem Süden (heute hier im Blog Schwiegermutter genannt) und die Familie bekam vier Töchter, eine ist davon offensichtlich meine Frau. U.a. trug ein Nudelwagen, in den späten 60ern und frühen 70ern, als Taiwan noch ein armes Land war, zum Familienwohlstand bei.

Und in dieser Zeit, wohl in den frühen 70ern bekam meine Frau von einer ihrer größeren Schwestern ein Geburtstagsgeschenk, nämlich eine aufziehbare Plastikfigur, die auf dem Tisch herumlief und dabei Musik spielte. Ein Geburtstagsgeschenk war für sie damals etwas ganz besonderes, weil ihre Eltern immer ihren Geburtstag vergaßen, weil er ins chinesische Neujahrsfest im Februar fällt oder jedenfalls in die Nähe. Außerdem sagte ihre Mutter immer, die dritte Tochter würde Unglück bringen, was wohl eine Volksweisheit aus dem Süden Taiwans ist. Daher war die dritte Tochter das fünfte Rad am Wagen unter den vier Töchtern und wurde wohl öfter mal vernachlässigt. Daher war die Plastikpuppe das erste und einzige Geschenk, an das sie sich erinnern kann und es wurde ihr so eine besondere Kostbarkeit. Sie erzählte mir vorhin, sie habe die Puppe nur ein einziges Mal aufgezogen und über den Tisch laufen lassen und dazu ganz begeistert von dem tollen Geschenk gesunden und getanzt als kleines Mädchen. Danach habe sie die Puppe sofort wieder ordentlich in der Verpackung verstaut und in den Schrank gelegt. Sie hatte Angst, die Puppe würde kaputt gehen und sie wusste, so schnell würde sie kein neues Geschenk erhalten. Genau gesagt habe sie nie wieder eines bekommen, sagte sie. Und jedes Jahr, wenn die Familie wieder ihren Geburtstag vergaß, habe sie die die Box mit der Puppe aus dem Schrank genommen und sich nur die Verpackung angesehen und habe sich glücklich an den Moment erinnert, an dem sie mit der Puppe gespielt und gesungen habe. Aus der Box hat sie die Puppe bis heute nicht mehr genommen, aus Sorge, die Kostbarkeit könne kaputt gehen.

Mittlerweile war die Familie auch verarmt. Der jüngere Bruder ihres Vaters hatte sich zu einem merkwürdigen Menschen entwickelt, soll getrunken und die Töchter seines Bruders geschlagen haben und verschwand schließlich mit allen Ersparnissen über Nacht, nicht ohne Schuldscheine im Namens seines Bruders zu hinterlassen. Bis in die 90er war die Familie jetzt alles andere als wohlhabend, musste u.a. hohe Schulden abtragen, denn der Weg zur Polizei war nicht möglich, würde die Familie dann doch ihr Gesicht verlieren. Und einen Kriminellen in der Familie zu haben hätte auch manch einem in Chiang Kai Cheks kleinem Taiwanchina seine Karriere verbaut.

Und immer wenn sie andere Kinder mit ihren tollen Geschenken gesehen habe, habe sie an ihre tolle Puppe gedacht, die sie immer noch im Schrank hatte und sich gefreut, dass sie selbst ja auch etwas ebenso tolles habe. Und jeden Geburtsag nahm sie wieder den Pappkarton in die Hand und guckte sich die bunte Bedruckung an. Bis heute steht er da im Schrank, die Puppe, wahrscheinlich damals im Westen ein Billigartikel made in Taiwan für etwa 2 Mark, sorgsam verpackt. Aber für eine kleine Taiwanerin war es eben ein unermesslicher Schatz geworden.

Verdammt, wo habe ich die Taschentücher....

Kommentare:

Klaus hat gesagt…

Eine sehr schöne persönliche Geschichte, in der doch jeder eigene Erfahrungen und Erinnerungen wiederfinden könnte. Egal, wo er lebt. Danke fürs Teilen.

"Ludigel" hat gesagt…

Sie hat sogar jedes Jahr der Puppe einen schönen Geburtstag gewünscht als sie klein war und dabei den Karton an die Wange gerieben als kleines Mädchen sagt sie. Während es die Familie mal wieder ignoriert hatte. Oder ignorieren musste. Da brauch man gleich wieder die Toilettenrolle (nimmt man ja hier statt Taschentüchern)

Luo You hat gesagt…

In meinem ersten Taiwan-Reiseführer von Werner Lips, so etwa aus dem Jahr 2001 oder älter, schrieb er die These nieder, dass Taiwanerinnen die traurigsten Frauen auf der Welt seien. Es bestätigt sich immer wieder, obwohl meine Frau meint, dass ich, wie so oft, sträflich vereinfache. Sehe ich sie weinend mit vielen Taschentüchern bei asiatischen Seifenopern aus dem Internet denke ich, dass an der These durchaus viel dran ist.

"Ludigel" hat gesagt…

Die Leute und vielleicht besonders die Frauen, scheinen sich besonders für die Familie aufzuopfern. Und sind scheinbar bereit dabei außerordentliche Härten in Kauf zu nehmen. Meine Frau hat oft am Essen gespart vor der Ehe, um ihre Mutter finanziell zu unterstützen, als ihr Vater noch krank zu Hause lag und das viel Geld gekostet hat.
Ein passender Schlusssatz fällt mir jetzt nicht ein.