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Dienstag, Juli 23, 2013

Metamorphose

Eines der wundersamen Dinge des Lebens in Taiwan ist, dass man sich jederzeit in einen Newbie verwandelt, egal wie lange man schon irgendwo ist. Beispielsweise lebe ich seit 2004 mehr oder minder in Taipei in der selben Ecke, aber mir passierte es immer wieder, dass ich in meinem Heimatviertel von wild fremden mit neugierigen Fragen bedacht oder gar in Taiwan willkommen geheißen werde. Irgendetwas subtiles störte mich daran und ich wusste lange nicht was. Heute ist es mir klar, auch dank dieses vielleicht etwas zu streng wirkenden wissenschaftliche Analyse hier: http://osttellerrand.blogspot.tw/2013/05/ein-psychologe-hat-das-frubbeln-entdeckt.html, die das Phänomen als "Microaggression" bezeichnet. Ein Newcomer, der einfach nur durch "mein" Viertel läuft (in dem ich längst Territorialinstinkte entwickelt habe) begrüßt MICH als Fremden an meinem ureigensten Wohnort. Er übt damit laut der Studie Macht aus, weil er sich selbst in die (Mikro-) Machtposition eines Stellvertreters der Territorialhoheit versetzt und mich als Neuankömmling deklariert. Dabei müsste es eigentlich umgekehrt sein, ich müsste der Anwohner sein und er der Fremde. Nicht böse gemeint von den Leuten, aber eine klare Ausgrenzung desjenigen, der halt anders aussieht. Und in Taiwan ein selbstverständliches Verhalten.

 Fremde? Fastheimat?*

Oder der Kerl, den ich noch nie in unserem Block gesehen habe, der ein Handyfoto von meinem Autokennzeichen machte, nachdem ich mir beim Frühstückholen einen Regenschirm aus meinem Auto geholt habe. Offensichtlich war ich ihm wegen westlichem Aussehens suspekt. Ausländer haben ja wohl keine Autos, also hatte ich vielleicht den Schirm geklaut. Der Fremde (ER) dreht den Spieß um und ich werde als langjähriger Anwohner gleichsam zum suspekten Fremden, zum Eindringling.

Oder neulich in der Firma. Ein Kollege, an den ich mich noch dunkel erinnerte, war nach ein paar Jahren Abwesenheit vom Unternehmen neu eingestellt worden. Nett, dass sie das machen. Aber dann begrüßt er MICH im Treppenhaus, als sei ich der Neuling. Dabei bin ich seit 6 oder 7 Jahren kontinuierlich hier. Wäre ja fast okay, aber schnell ging die Diskussion in Richtung wo ich herkomme, ob ich verheiratet bin etc. Wie lange ich schon in Taiwan bin. Die Frage wie mir Taiwan gefällt und bei der sich Leute dann oft die Frage selbst beantworten in einer Art mich als Zuhörer verwendenden Monolog ("good food, beautiful temples, pretty girls, nice people, but the traffic is too much") lag in der Luft. Die typische Konversation die Langzeiter wie ich schon so oft mitgemacht haben, dass wir im Schlaf durch sie durchwandeln können und dies meist vermeiden wollen. Denn man wird nur durch die Ausländerbrille gesehen. Wieder störte mich diese Umkehrung. Der Zurückkehrer begrüßt den "Daheim"-Gebliebenen als Neuankömmling! Irrsinn eigentlich, aber hier in Taiwan selbstverständlich. Ganz einfach weil ich ausländisch aussehe, bin ich der Neuankömmling. Das habe ich auch immer wieder mit neuen Kollegen, die es ebenso machen und mich manchmal in Taiwan willkommen heißen. In der Tat üben sie dadurch Macht aus, machen sich etwas größer und wollen mich etwas kleiner machen. Die Leute merken dann, dass ich die Konversation schnell abbreche und sie eine hochgezogene Augenbraue zu sehen kriegen. Sie wundern sich wahrscheinlich darüber, verstehen nicht, warum ich abweisend bin.

Grund ist einfach, dass es in Taiwan normal ist, den Fremden täglich auf seine Fremdheit hinzuweisen. Den guten Ton, den ausländischen Kollegen wie einen Kollegen (also wie einen Einheimischen) zu behandeln, gibt es hier nicht. Hier ist es genau andersherum. Man bestaunt den Fremden.

Nicht böse gemeint, aber mich nervt es schon. Ein bisschen. Ist halt normal hier, ist halt Taiwan.


*Fotografische Notiz: Das Foto ist mit einer für 26 Euro bei Ebay gefundenen CASIO Exilim 7.1-Megapixelkamera gemacht (Freihand aus dem Taxi an der Ampel), die verblüffende gute Ergebnisse liefert. Mit einem effektiv 38-105mm - Objektiv mit Anfangslichtstärke 3,1 (!) und der Fähigkeit bis ISO 800 zu gehen, macht das Ding um ganze Größenordnungen bessere Fotos als meine alte Sony Cybershot Kompaktkamera. Megapixel sind längst nicht alles, eine moderne 14-MPixel hätte vielleicht sogar mehr Rauschen, weil bei dem kleinen Kompaktbildformat die vielen Pixelsensoren zu eng aneinander liegen würden resp. zu klein wären.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

das foto hätte mein jahre altes sony smartphone besser machen können...

"Ludigel" hat gesagt…

Gezz wird es Sonyastisch. Meine alte Sony Cypershot P100 von 2006 war deutlich schlechter, konnte nur bis ISO 400 gehen und hatte eine schlechte Lichtstärke. Meine Sony Fullframe DSLR ist sicherlich weit überlegen, insbesondere mit einem 1,7/50mm drauf. Aber die trägt man nicht immer mit sich rum. Wie sich bei solchen Freihandnachtaufnahmen mein neues Sony Smartphone schlägt, will ich auch mal testen. Wenn meine Frau es irgendwann mal aus der Hand gibt ;-) Sicherlich ist so ein Smartphone nicht so lichtstark und hat nur eine kleine Optik, aber mal gucken.

Ernsthafte Antwort auf einen vielleicht nur keck gemeinten Kommentar.

Helmut hat gesagt…

Hi Ludigel!

Um ehrlich zu sein, denke ich seit dem dritten Monat in Taiwan darüber nach, wie das wohl in Taiwan sein wird, wenn mich alle Taiwaner stets wie einen Neuling ansehen und mich über Jahre hinaus Willkommen heißen.

Es ist eines der Punkte, bei denen ich mir unsicher bin, ob ich in Taiwan mit langfristiger Brille zurecht komme.

Das Problem: Wenn einem genau das nervt, hat man sich meist schon so weit von der deutschen Kultur entfernt, dass man sich dann in dieser nicht mehr zurecht finden wird. Es gibt dann keinen Schritt zurück.

So ist es meinem Vater in Deutschland als Ausländer ergangen...

"Ludigel" hat gesagt…

Jau, Deutschland empfinde ich auch manchmal schon als ganz merkwürdig. Aber seit meinem letzten Besuch ist es für mich fast ein neues Land geworden, dass ich neu entdecken muss. Meine Heimatstadt war eher ein Multikulti-Patchwork (nicht negativ gemeint), kam mir eher wie die USA ethnisch vor. War also irgendwie neu und die äußerlich fremd aussehenden sprachen längst mit der Tonfärbung meiner Heimat, während ich manchmal in Anglizismen abdrifte oder mir neuerdings ein "hao" (gut) dazwischengleitet oder ein "deja" (warte). Interessante Erfahrung.