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Mittwoch, Oktober 27, 2010

Das Tor zur Hölle


In Taipeis Hochhaus "Taipei 101", bis vor kurzem das höchste Haus der Welt mit 101 Stockwerken gibt es ein Tiefgeschoss. Und in diesem Tiefgeschoss liegt ein herrlicher Foodcourt mit unzähligen SB-Restaurants, will sagen Essensständen, alles sauber und rein und plastiniert kann man die Gerichte in Vitrinen begucken, dieser deutsche Leichenzersäger und Plastinierer hätte seine Freude daran. Unlängst gab es dort auch einen Imbiss wo es deutsche Bockwurst am Spieß mit einer Ultraminiportion Sauerkraut gab, sogar recht günstig mit Reis und Vorsuppe und Getränkt für 100 NT oder waren es 200? Ist mir diesesmal aber schon nicht mehr aufgefallen, Taiwan ist schnelllebig. Jedenfalls direkt daneben liegt die Hölle, mit einem schönen grünen Eingang, beschriftet als "Jason's Market Place". Denn die Hölle ist bestimmt kein karger heißer Ort, sondern ein gut eingerichteter Platz voller Wein, Weib und Mehlspeisen, nur man kommt an die verdammten Dinger einfach nicht ran und muss schmählich darben, dürsten und hungern.
In Jasons Supermarkt freilich, wo viele Taiwanesen ehr wenig einkaufen, abgesehen von teuer angezogenen Hausfrauen, schieben besonders die wenigen blonden Westlerinnen unverschämt volle Einkaufswagen an die Kasse, die sich voller amerikanischer Feuchtigkeitscremes, italienischer Salami, amerikanischer und schweizer Schokolade und italienischem nativen Olivenöl nur so durchbeulen. Was deren Gatten verdienen müssen, sicher sind die Obereinkaufspopanz von irgendeiner großen Firma und kriegen Dschungel- und Gestankszulage und bestimmt kein taiwanesisches Gehalt wie unser einer.

Ich stehe dann vor Mozartkugeln, 100g für 400 NT, also etwa 10 Euro und mir kommen die Tränen. Lindtschokolade, die ich sonst immer aus Deutschland mitbringe ist da für 250 NT die Tafel oder war es noch mehr, da kriege ich Magenbrennen und kann sie nicht essen. Immerhin konnte ich mir italienische Schokobonbons im Sonderangebot leisten, 250g für 300NT oder so, ein Lichtblick. Manchmal greife ich einfach zu und will die Preise nicht sehen, bei italienischer Salami (150g glaube ich 250 NT), schottischem Shortbread, dänischen Butterkeksen aus Portugal (die orginalen waren zu teuer) und französischem Käse. Da habe ich mir diese Minibell oder wie die kleinen runden roten Dinger heißen geleistet, von den ich veritabel neulich schon geträumt hatte. 

Schwiegermutter sagte meiner Frau immer "kauf ihm doch was immer er will", danke für diese Großzügigkeit, sie muss es ja nicht bezahlen. Lieblingsneffe und sie wurden dann auch gleich mit versorgt, mit westlichen Lebensmitteln die sie sich hinterher am Kopf kratzend begucken und dann ganz hinten in der Speisekammer verschwinden lassen bei Schwiegermama. 

In der Weinabteilung gibt es alles was das Herz begeht, doch wenn die Verkäufer ankommen und mich nach dem Wünschen fragen, greife ich mir flugs den argentinischen Cabernet Sauvignon, der kostet nur 400 NT / 10 Euro, so dass man für eine Flasche keinen Kredit aufnehmen muss. Fluchtartig verlasse ich die Weinabteilung und werfe dem trockenen Riesling und dem vielleicht sogar daneben stehenden Rivaner oder Ürzinger Schwarzlay schmachtende Blicke zu. Die junge Asiatin nebenan mit dem Ultramini und den Netzstrümpfen ignoriere ich, was sind ihre Stelzen schon gegen das Funkeln eines unerreichbar teuren Weißweines in seiner grüngoldenen Flasche, für 1500 NT oder dergleichen.

Am Ende hatte meine Frau über 6000 NT bezahlt, für einen fast leeren Einkaufswagen "voll", was da wohl der Überbordende der Blondine in den 50ern vor uns gekostet hat, bestimmt so viel wie der Jahresetat Nordkoreas. 

Schöne Überraschung, direkt vor dem Ausgang von Jason's hat ein neuer Stand aufgemacht, echtes frisches Graubrot, mein Biss hinein in die Kruste war so ein Genuss, das kann nur ein Expat nachempfinden. Der Laib Brot kam nur 100 NT, leider jedoch wohnen wir weit entfernt vom Supermarkt, 50km weit. "Siehst du, du wolltest ja unbedingt in die Provinz ziehen!" sagt meine Frau. Recht hat sie.


Kommentare:

Jens hat gesagt…

Aber die Provinz ist doch bald nicht mehr Provinz, sondern regierungsunmittelbare Stadt Xinbei City, oder?

"Ludigel" hat gesagt…

Lichtig, die Stadt der Sünde, SinBay City! Aber ich bin ja noch weiter draußen, in Taoyuan County, da wo sich die Straßenhunde leise jaulend gute Nacht sagen....