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Montag, März 31, 2014

Demo in Taipei mit 300.000 Menschen oder mehr (UPDATE mit Fotos und Lesetipp)


Massendemo in Taipei
UPDATE: Und hier die nachgereichten Fotos, zwar am 01.04. eingestellt, aber natürlich kein Aprilscherz.

Taipei, Taiwan. Gegen den aktuellen Handelsvertrag mit China gab es am Sonntag eine riesige Demo in Taipei, auf der auch meine Wenigkeit mit der Kamera zu finden war. Auf der Veranstaltung sagten sie, 300.000 Menschen seien da, die Polizei redet wohl von 60.000 und auch andere Zahlen hört man noch. Das Parlament Taiwans ist auch immer noch besetzt. Die Regierungsgebäude waren durch Barrikaden abgesperrt, daher kam niemand der oft mit Sonnenblumen oder einem Sonnenblumenlogo versehenden Demoteilnehmer in die Gebäude. 
Letzter Bericht: http://osttellerrand.blogspot.de/2014/03/update-zu-den-studentenprotesten.html

"Schütze unsere Demokratie" ... wird hier gefordert...

.... und zwar so: "nimm den Handelsvertrag (mit China) zurück".... fordern die Demonstranten hier.

Aber von Anfang an. Ich näherte mich vom Taipei Hauptbahnhof kommend der Demo, in dem ich einfach einer Traube junger Leute folgte. Mein Smartphone hatte wohl wegen Netzüberlastung oder warum auch immer aufgegeben und ich konnte bei Google Maps nicht wirklich etwas erkennen.

  Das sind die Ausläufer der Demo, man sieht Studenten, oft mit Smartphone (Demo-Selfie ;-) ordentlich auf der Fahrbahn sitzen, Helfer kümmern sich professionell um die Koordination von Menschenmassen.


Doch bald schon wurde es wesentlich dicker...

Man kann sich am Kopf kratzen, was da auf den Schildern steht...

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Ich war hier nachmittags um 15.00 Uhr da, die Demo war aber schon seit morgens im Gange. Anfangs hatte ich noch ein bisschen das Kribbeln des Verbotenen, denn in Taiwan ist Ausländern pauschal die politische Betätigung verboten und so wurden in der Vergangenheit auch immer mal wieder Ausländer von der Polizei bei (anderen) Demos des Platzes verwiesen. Ausländer gehen trotzdem immer mal wieder hin, aber zumindest wer mit Arbeitsvisum und nicht mit Familienvisum da ist muss damit rechnen, ggf. ausgewiesen zu werden. Dies ist wegen Demoteilnahme auch schon vorgekommen, allerdings wohl nur wenn besonderes "Aktivistentum" vorliegt. Ein Amerikaner namens Scot E. hat einmal (singend) auf einer Ökoprotestveranstatlung an einem Konzert teilgenommen und ist daraufhin ausgewiesen worden.

Ah OK, da geht's lang. Als Ehegatte einer Taiwanerin hat man aber eh nichts zu befürchten, sofern man nicht gerade das Parlament besetzt und Kuomintang-Gründer Dr. Sun Yat Sen ein Bärtchen malt auf seinem Portrait dort (oder so).

Manche gingen links, manche gingen rechts, aber ich folgte der Menge, immer da hin wo mehr sind. Polizisten waren nirgends zu sehen. Das Parlament war übrigens noch besetzt die ganze Zeit (habe nichts gegenteiliges gehört), aber soll wohl abgeriegelt gewesen sein,

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Als Nichtjournalist wird bei Teilnahme an der Demo ja immer sozusagen eine Übereinstimmung mit den Zielen der Portestierenden vorausgesetzt. Ich hingegen sah mich eher als Dokumentierer, einerseits fürs Blog und andererseits für mich persönlich, kommt ja nicht alle Tage vor so etwas. So war auch daheim meine Teilnahme nicht ganz unumstritten. Aber gut, umdekorieren daheim muss jeder irgendwann mal ;-) Hier ist wohl ein Polizist in der Bildmitte.

Da bringt man Junior bei, nicht sein Spielzeug zu werfen und dann... Never mind. Gelb war wohl die Farbe der Demo, die Sonnenblume das Symbol.

Ist es diesmal die "Sonnenblumen-Bewegung" ("Sunflower Movement" liest man manchmal auf Englisch), so war der studentische Anti-China-Annäherungsprotest vormals als "Wildflower Movement" bekannt, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Man ist überparteilich und vermeidet die Farbe Grün, die für die traditionelle "Taiwan Independence" (von China) - Partei DPP stünde, die von 2000-2008 an der Regierung war und unter dem damaligen Präsidenten Chen u.a. mit dem (meiner Ansicht nach unnötig provokativen) Slogan "Taiwan Yes, China No" China damals zu massiven Kriegsdrohungen gegen Taiwan veranlasst hatte. Chen sitzt heute wegen Korruption im Gefängnis und die Studenten haben der DPP jedenfalls in der Öffentlichkeit das Thema Taiwan-Independence aus der Hand genommen.

Ich sah weder das Grün der DPP noch das Orange ihrer radikaleren Schwester, der TSU. Hier dominierte Gelb und die Sonnenblume und es ging vordergründig um die Ablehnung eines weiteren Handelspaktes mit China, hinter den Kulissen aber wohl um die Annäherung von Taiwan an China unter der gegenwärtigen Kuomintang-Regierung unter Präsident Ma im Allgemeinen.

 Was wir Taiwan nennen, ist ja eigentlich die Republik China vom Staatsnamen her und existiert in dieser Form etwa seit 1949, als sich nämlich die Regierung Chinas unter Diktator Chiang Kai Shek 1949 vor den Kommunisten fliehend auf die Insel Taiwan absetzte und "sein" (bürgerlich-diktatorisches) China hier fortführte. Erst 1992-96 wurde es demokratisch. Vorher war Taiwan 1945-49 bereits unter Kontrolle der chinesischen Kuomintangregierung und daher kurz mehr oder minder zwangsweise Teil von China (VOR der Machtergreifung der Kummunisten!), davor seit 1895 japanische Kolonie. Und nochmal davor eher lose an das chinesische Kaiserreich angebunden.

 Wie chinesisch Taiwan ist, ist also immer wieder ein Streitpunkt unter Taiwanern, die (noch) ihre Regierung in freien, geheimen und gleichen Wahlen wählen können ohne formale oder faktische Anbindung an die Volksrepublik China. Höchstens der chinafreundliche Kurs des gegenwärtigen Präsidenten stellt eine Anbindung an oder ein Hinüberdiffundieren zur VR-China dar. Was Gegenstand dieser Demo ist.

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Nicht vergessen darf man, dass die VR-China Taiwan ständig mit militärischer Invasion bedroht um den Anschluss "ans Reich" herzustellen. Auch über 1000 Raketen sind auf die friedliche Insel gerichtet und die pseudokommunistische Elite in Peking hat den Finger am Abzug.

Ganz frei entscheiden können die Taiwaner also nicht, es sei denn sie wollen eine militärische Invasion Chinas in Kauf nehmen, sollten sie sich eines Tages etwa dafür entscheiden, den Staatsnamen in "Republik Taiwan" zu ändern. Aber gut, hier geht es ja nur um die aktuellen Verträge und dass Präsident Ma sie angeblich ohne große parlamentarische Diskussion einfach unter Ausnutzung der großen Parlamentsmehrheit seiner Partei durchwinken will. Man kann sicher unterschiedliche Meinungen zu dem Prozedere haben.

 Hier demonstrieren halt Leute, die sich als Taiwaner fühlen und eben ein kleines Herzchen über "Taiwan" malen und denen die Hinüberdiffundierung zu China unter Präsident Ma wohl gehörig auf den Senkel geht, denke ich mal.

Hier ist abgesperrt, das besetzte Parlament und Regierungsgebäude müssten hier irgendwo liegen.

Alles war friedlich...

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Polizei und Militär sagt man immer nach, dass sie in Taiwan Kuomintang-treu sind. Aber wer weiß schon, was der einzelne Beamte denkt.

Hier liefen rechts wohl irgendwelche bekannten Leute an mir vorbei, ich habe sie knapp verpasst, kannte sie eben auch nicht. Die Leute jubelten ihnen ein bisschen zu und sie riefen "zajo zajo", also "vorwäts, vorwärts".
Wie immer man das auch in lateinischer Umschrift schreibt.

Englischsprachige Schilder sah man so gut wie nie. Irgendwo im Netz habe ich eines mit der Aufschrift "I DO'T NEED SEX, THE GOVERNMENT FUCKS ME EVERY DAY" gesehen.

Einige Leute und auch ich legten im Schutz einiger Motorroller eine Pause ein.

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Prädent Ma verkauft nicht den Parkplatz hier, sondern die ganze Insel, so lautet wohl der Vorwurf (SOLD, verkauft).


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 Hier wurden Reden gehalten.

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Manchmal denke ich, dass die Bewegung tragisch ist. Taiwan diffundiert langsam aber stetig zu einem HongKong-Status herüber und selbst wenn sie es schaffen sollten, dass Präsident Ma das Gesetz zurück nimmt oder gar zurück tritt, dann ... droht eine Invasion durch China.

Trotzdem nett Menschen zu erleben, die ihr Land lieben und retten (save) wollen, anstatt es wie gewisse andere "taipeichinesische" Leute eher als Vehikel zum Wohlstand zu sehen. Taipei jedenfalls ist nur zum Geldverdienen und wer es geschafft hat geht nach Kanada, so ist es mir mal erklärt worden aus chinesischstämmigen Kreisen. Das Land zu lieben ist dazu natürlich eine Alternative.

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Das Poster zeigt einen Verletzten bei der Räumung von Regierungsgebäuden, die Studenten nach der Besetzung des Parlaments zusätzlich einnehmen wollten.

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Im Gewühl die Kamera über den Kopf gehalten... "9% Ma ... You suck" steht hier. 9% ist wohl die Zustimmungsrate des gegenwärtigen Präsidenten Ma, der 2008 gewählt und 2012 allerdings wiedergewählt worden ist. "9%... Ma, du bist ein Loser", könnte man wohl auf Neudeutsch übersetzen und dabei einen englischen Begriff (suck, lutschen) durch einen harmloseren ersetzen.

Trotz aller Sympathien wahre ich Neutralität, so will es das Ausländerrecht in Taiwan ... und ich kann mit meinem bisschen Pinyin (wo man nur die lateinische Umschrift lernt) ja nicht mal die Schilder lesen. Und offen gestanden, ob und an wen sie die Insel verkaufen, müssen die Einheimischen eben selber entscheiden.

Hier konnten Demonstranten zum Fotoshooting ein paar der vorbereiteten Schilder hochhalten. "Ich war dabei"-Fotos halt. 

Ob sie der gewählten Regierung nun dauerhaft aufs Dach steigen oder wie hier Spiderman auf dem Filmplakat wieder herunter fallen und alles seinen gewohnten prochinesischen Gang gehen wird, ich weiß es auch nicht.

Das Taiwanblog. Für Sie vorn am Stacheldraht ;-)

Als Ausländer ist einem die Taiwan-Independence immer irgendwie angenehmer als die vielleicht vernünftigere China-Hinüber-Diffundiererei, das will ich nicht verleugnen...


 ... und solange es bei taiwanischen Uniformträgern auf der anderen Seite bleibt (anstatt VR-Chinesischen) ist alles paletti.

Letztlich eine Ausschnittsvergrößerung, die mehr sagt als 1000 Worte...

Problembeschreibung: Annäherung von Taiwan/Republik China an die VR-China, beide Flaggen sind hier zu einer fusioniert im Bild.

Inselreich wochentags verkauft für 20 NT inklusive Samstags. Na dann freuen wir uns auf den Sonntag.
Das Bild im Bild zeigt Präsident Ma, allerdings hat er sonst keinen Oberlippenbart.

 Empfehlung:
Ähnliches Lesen in einem Nachbarblog: Luo2You1s bemerkenswerte Reihe zur Demokratie in Taiwan (als kritischer Blick):


Und auf Englisch, der Gottvater der Taiwan(-Indepence)-Bloggerei, Michael Turton über eine Drohung aus Pro-China Gangsterkreisen gegen die Besetzer des taiwanischen Parlaments: http://michaelturton.blogspot.com/2014/03/the-white-wolf-threatens-ly-protesters.html


Und demnächst auf dieser Welle:
Mein (Nahezu-) Besuch einer Kuomintang-Gegen-Demo am selben Tage und mein Gespräch mit einer verloren gegangen Malayin - und warum sie verwirrt die Flucht ergriff ;-)

Kommentare:

Luo2 You1 hat gesagt…

Also, erstmal sehr interessante Bilder, die der Welt näher bringen, wie es momentan in Taiwan aussieht. Beim staatskonformen Ein-China-Fernsehen in Deutschland wird es kaum einen ausführlichen Bericht geben. Taiwans Regierung wird ebenso keinen gesteigerten Wert auf viel Öffentlichkeit im Ausland legen (allein schon wegen der angesterebten Wirtschafts- und Tourismusförderung). Ich bin schon der Meinung, dass es für uns von Bedeutung ist, wohin die Heimat unserer Frauen verkauft wird. Da sollten wir schon Position beziehen, was uns lieber ist. Entweder wird es so ähnlich wie in Deutschland mit einem halbwegs brauchbaren Rechtsstaat oder es wird eine Assad-Asis-Putin-Erdogan-Xi-"Volksrepublik", wo schon mal das Internet streckenweise abgeschaltet wird. Meine Nichte habe ich übrigens noch nicht auf den Bildern gefunden. Mit welcher Kamera hast du geknipst?

"Ludigel" hat gesagt…

Mit meiner Sony Fullframe DSLR, Alpha 850 heißt sie. Und alten Objektiven aus Minolta-Zeiten. Einem Tokina 2.8-4.5/28-70, das gerade noch lichtstark genug war in der Dämmerung. Und vorher einem alten "Reisezoom" 28-200 von Tamron aus den frühen 90ern.

Ja, mein Gefühl ist voll auf Seiten der Demonstranten, mein Hirn mahnt hingegen zu Neutralität, von wegen Krise mit China und Hauptsache Wirtschaft gut. Die kleinen Herzchen als i-Punkt über "Taiwan" haben mich schlagartig für die Leute eingenommen ;-)

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank für ihren Blog und die tollen Bilder. Wir waren in Frankfurt bei der Solidaritätskundgebung und es ist schön zu erleben, wie die junge Geberation sich um ihr Land kümmert. Das hätte ich so nicht erwartet, viele erschienen mir meist unpolitisch. Das lässt sich auch nicht zurückdrehen und was Ma und die die KMT verstehen muss, das ist die neue Elite, die besten Studenten und Absolventen der taiwanesischen Unis. Die werden alle entscheidende Positionen in Politik und Wirtschaft in den nöchsten Jahren einnehmen. Die KMT verliert eine ganze Generation, je länger der Konflikt dauert. Wenn die KMT schlau ist, geht sie auf die Primärforderungen ein und sucht den Dialog. Aber das werden die Freunde in Beijing wohl nicht erlauben...