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Montag, Mai 12, 2014

Persönliche Perzeption Politischer Petitiessen, rohe Molussken

Verwurstetes Familiendinner

Wenn ich so an vieles linksliberale deutsche Feedback im Blog denke, dann geht es mir manchmal so, dass ich meine tagtäglichen Handlungen dann und wann daraufhin prüfe, was jetzt wohl wieder die geneigte Leserschaft von diesem oder jenem halten würde. Etwa heute Morgen, als mir zum dritten Mal hintereinander von Spiegel.de eine mir gänzlich unbekannte Frau mit Bart in Großaufnahme präsentiert wurde. So als ob "Conquita Wurst" das Wichtigste am Morgen in Deutschland sei und das drei Tage hintereinander. Ich meine, es ist ja auch eine Frage der Perzeption. Dieses Wort habe ich glaube ich das letzte mal im Biologie-Prüfungskurs auf dem Gymnasium benutzt, nebenbei bemerkt. Von Wegen Aufbau des Auges und Zapfen. Wobei es nur ein kurzer Weg vom Zapfen zur Wurst ist und ich habe wirklich nichts gegen Transvestiten, andere geschlechtlich schwer zuordenbare Leute, singende Tranvestiten (gut, da habe ich das selbe wie gegen singende andere Leute: notfalls Ohrstöpsel) und gegen Paradiesvögel, Lebenskünstler oder Gesamtkunstwerke, aber der Anblick einer Frau mit Bart ist eben nichts, was ich drei Tage hintereinander sehen möchte beim Frühstück und - wie gesagt eben die Perzeption. Da erzeugt mir Spiegel.de immer so ein völlig linksliberal-politisch-überkorrekt verzerrtes Deutschlandbild. Weil ich ja Deutschland meistens nur noch aus dem Internet und da eben durch Spiegel.de kenne. Da stehen dann Themen im Vordergrund und vor allen Dingen Meinungen, die so gewichtig gar nicht sind, wie sie der Spiegel darstellt. Beispielsweise war ich neulich wirklich erstaunt, dass mein jüngst gekaufter Volvo SUV sich auch in Deutschland ausgesprochener Beliebtheit erfreut. Mein Modell ist der meistgekaufte Volvo im Lande und sogar der Nachbar an der Ecke bei meinen Eltern hat so ein Ding, wie ich beim letzten Heimaturlaub sah. Dabei erzeugt Spiegel.de bei mir immer den Eindruck, die Deutschen würden nur noch Einliter-Dreizylinder (besser als andersrum!) fahren mit extra hinten dran geschnalltem Feinstaubfilter. Und jetzt ist das Bartbild der sonst hübschen Dame oder wie auch immer eben von Adblock geblockt, zwei Tage angucken reicht mir einfach.

Jetzt höre ich schon wieder die politisch korrekten deutschen Leser aufjaulen. Über Conquita Wurst meckern und dann noch einen Volvo SUV fahren, pfui deibel. Eigentlich sollte diese Eingangs-Polit-Unkorrektheit aber nur von der wesentlich größeren ablenken, die ich schon wieder begangen habe. Gestern Muttertagsfestessen zu Ehren von Schwiegermutter bezahlt vom unternehmerischen Schwager, in einem Lokal mit "Sehzuan-Hakka-Cuisine", gleich neben Wendels deutschem Lokal in NeiHu. Da gab es massenhaft rohe Molluskeln, Fisch und Tintenfisch (beides auch oft roh) und mir fiel wohl das Fehlen des sonst immer dazu bestellten "ausländerkompatiblen" Essens auf. Eine Fortführung eben des Essenwegdrehens mit dem Drehtisch beim letzten Familienessen (http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/04/zuneigungsbarometer.html). So saß ich da nichtsdestotrotz quietschvergnügt und fütterte Junior mit gekochtem oder gedünsteten Seafood und gab mir Mühe Fröhlichkeit zu verbreiten. Denn wenn man gesund und fröhlich ist, ärgern sich die Leute erfahrungsgemäß immer am meisten. Außerdem saß ich da mit einem leckeren Oliven-Fladenbrot von Herrn Wendel nebenan und ein paar Quarkküchlein. Ist ja nicht so, dass der Herr Wendel und seine Brottheke aus der Welt liegt. Sehr politisch unkorrekt, ich weiß. Aber hier am östlichen Rande der Weltscheibe ist man als "Expat" eben auch seine eigene sozioökonomische Entität, wenn Sie wissen was ich meine. Und die schlägt eben auch manchmal fast schon asiatisch subitl zurück. Etwa als ich das ausländerkompatible leckere Rindfleisch in Scheiben durch hastige Drehung des Drehtisches erhaschte, mir ausgesprochen viel davon aufgabelte und dann... demonstrativ den ganzen Batzen bei meinem dicken Neffen nebenan auf dem Teller ablud und sagte "chi1, chi1", will sagen "iss, iss". Eine von meiner Frau angeregte Heimzahlung des Vorkommnisses beim letzten Familiendinner, wo mir das für Junior bestimmte Brötchen wieder durch die Frau des Gastgebers entzogen wurde um es demonstrativ eben diesem Neffen zu geben. Na, den Kleinen hat die "Heimzahlung" gefreut.

P.S: Aber da hat sich Schwiegermutter etwas neues einfallen lassen. Sie bedankt sich neuerdings bei mir, wenn ich bei ihr Besorgungen abliefere und lächelt dabei sogar. Anstatt wie früher stumm durch mich hindurch zu gucken. "Der Asiate" ist einem bei solch einem sozialkulinarischem Krieg doch überlegen und lässt sich immer wieder was neues einfallen... ;-)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Also ich mach dann mal den Anfang. Ich finde das unmöglich, gegen singende Transvestiten hetzen und deine Verwandtschaft provozieren, unmöglich! Ginge das eigentlich auch gleichzeitig?

Anonym hat gesagt…

Ich stimme Ludigel zu: Mit einer Frau mit Bart kann ich auch nichts anfangen. Ob das nun politically correct ist oder nicht: Ich mag Frauen mit Bart nicht.

Anonym hat gesagt…

Ich stimme Ludigel zu: Frauen mit Bart mag ich auch nicht. Das ist eine Frage der Asthetik und hat nichts mit Hetze gegen Transvestiten zu tun.

Miri hat gesagt…

Conchita Wurst ist eine Kunstfigur, gespielt von einem Mann. ;-) Von wegen Conquita Wurst und Frau... ;-P

Und was the importance of the ESC für TeutonInnen anbelangt: Ich befand mich z.B. auf der extremst genialen Geburtstagsfeier (50.) eines Kollegen, der innerlich und äußerlich wie max. 40 wirkt und auch als Fitnessmodel arbeiten könnte, wenn er es den wollte. Er hatte ein kl. Restaurant für seine Fete gemietet,und irgendwann bemerkte ich, dass irgendwo in einer Ecke beim Thresen, auf nem Monitor der ESC lief und ein Teil des Personals immer mal drauf guckte. "Oh, heute ist ja ESC, hatte ich glatt vergessen.", sagte ich zu den Leuten am Tisch. Sie lächelten müde, während sie kurz auf den Monitor schauten und gähnten innerlich. Irgendwie interessierte der ESC die Gäste (aller Altersgruppen) Null, sie räumten irgendwann die Tische beiseite, die Musik wurde lauter gedreht und dann wurde getanzt und das bis in die Morgenstunden. Und die Musik war so ganz anders als beim ESC...

Frühmorgens erfuhr ich dann zu Hause, dass Conchita Wurst gewonnen hatte. Finde ich sogar ganz witzig, diese Kunstfigur. Aber gegen einen Freddie Mercury ist sie für mich doch im Grunde künstlerisch so gut wie ein Nichts. Der SPIEGEL hyped vieles, und ist doch aber sowieso schon lange nicht mehr das, was er mal war. Geht um sehr viel Geld bei Veranstaltungen wie dem ESC, um sehr viel Show und heiße Luft. Man bringt gerne etwas auf die Bühne, von dem man meint, dass es der gleichgeschaltete Durchschnittsdauergucker gerne sehen möchte. Conchita hat hierbei wenigstens mal so etwas wie den Hauch von Kunst und Geschmack beim ESC auf die Bühne gebracht.

Und ich habe frühmorgens zu Hause gedacht: Was hast Du für ein Glück, dass Du auf dieser Geburtstagsfeier warst, womöglich hättest Du Dich sonst auch dazu hinreißen lassen, Deine wertvolle Zeit mit dem Gucken des ESC zu verschwenden... Und wenn Du eines Tages mal 50 sein wirst, dann möchtest Du auch so sein wie dieser Kollege es mit 50 ist.

Miri hat gesagt…

Und was Deine Verwandtschaft anbetrifft: N. hat hier regelmäßig Taiwaner zu Gast. Die sind so ganz anders als Deine Family zu sein scheint... Und haben Humor und sind superlieb. Ich bin ja schon ganz gespannt auf Taiwan. N. sagte neulich allerdings auch so etwas von "surrealistisch" wie ein gewisser Lu Digel... Aber auch, dass ich dieses Land lieben werde. Seine Freundin, (die er in Japan kennengelernt hat), schwärmt angeblich auch in den höchsten Tönen von dem Land. Na, da bin ich mal gespannt... Nachher bleibe ich da nicht nur nen paar Monate. ;-)

Miri hat gesagt…

Und diese Anspielung auf James Bond/Skyfall und das allen möglichen Leuten den Spiegel vorhalten finde ich schon ziemlich genial... -> Conchita Wurst ist gut, obwohl sie am ESC teilgenommen hat und ihn dann auch noch gewonnen hat... ;-)

"Ludigel" hat gesagt…

Miri: In der Tat ist meine Familie keine "Taiwanfamilie", wie ich immer schreibe, sondern eigentlich eine Taipei-chinesische. Sie sind etwa stolz darauf, dass das chin. Taipei chinesischer als die Chinesen in China ist, von wegen Reinkultur und nicht durch Mao verbogen. Das ist auch sicherlich richtig so. In Romanen wie Taipei beschreiben sie auch so Festessen, wo sie miteinander im sozialen Wettstreit liegen, etwa wer die besonders kleinen glitschigen Sachen nicht auf das Stäbchen kriegt hat Gesicht verloren. Das würde auch gut in meine Familie passen. Die machen so auf alte Großgrundbesitzer und Krone der Schöpfung, 5000 Jahre Kultur etc. Aber gut, einfach ist es eben auch nicht, einfach einer kulturell völlig anderen Familie beizutreten. Und wenn man dann schon mal so einen praktischen Drehteller hat um Schwupps das Essen wegzudrehen. Gacker. Finde das immer lustiger. Ob ich auch mal drehe, wenn einer zugreifen will? Prust......

"Ludigel" hat gesagt…

Nebenbei bemerkt, da wo heute das Wendel-Restaurant und auch das Hakka-Ding liegen, war früher noch unser graues und damals noch urwüchsigeres (mit Müll dekoriertes) Wohnviertel Marke Plattenbau. Alles grau in grau wohin man sah. Heute ist da ein schickes Büro- und Lokalviertel und sogar pickobello saubere Werstätten haben sie da. Taipei wandelt sich rasant. Manchmal finde ich mich gar nicht mehr zurecht, weil ganze Straßenzüge ersetzt worden sind.

Miri hat gesagt…

Klingt schon fast, als seien sie etwas traumatisiert, durch das, was sie erlebt haben... Haben ja tw. sehr schlimme Dinge erlebt. :-(

"Ludigel" hat gesagt…

Stimmt!

Anonym hat gesagt…

Die Schönheitsideale in Deutschland verändern sich. Bald findet Friedel Meier ohne Bart keinen Verehrer mehr.

Miri hat gesagt…

;-P

Martin hat gesagt…

Hallo Ludigel,

nun, nur weil es in Spiegel Online steht, muss es kein wichtiges Thema sein. Man kann auch in den Spiegel schauen und dann murmeln "mal wieder nichts passiert". Denk mal an diese armen Redakteure, jeden Tag müssen sie die Titelstories ein paar Mal wechseln! Was, wenn überhaupt nichts wichtiges passiert ist?! Die können ja nicht schreiben "Mal wieder nix los!!". Irgendwas muss her. Zur Not halt eine Chicita oder so. Schlimmer dran als diese Redakteure sind wohl nur noch jene Redakteure, die die Userkommentare redigieren müssen, LOL...

Es gibt eben Themen über die viel geredet wird. Und es gibt Themen, wenn ein paar Leute zusammen sind, verlaufen die so: Einer fragt "Hat jemand ESC gesehen?". Antworten: "Hä?", "Was ist ESC?", "habe ich mir überlegt, habs dann aber doch nicht angeschaut", "Wer hat eigentlich gewonnen?".
Habe es so die letzten Tage zwei Mal erlebt, dann war das Thema an Kaffeeecke und Mittagspause tot.

Und ja, SPON kann oft nervig sein. Wenn über Wochen ein ungeschickter Bundespräsident tief in der Illegalität verortet wird - von der im Gerichtsverfahren nicht mehr viel übrig bleibt etc.

Probier doch mal die Android-App der NZZ, musst ja nicht den Zürichteil lesen, aber
internationales, Wirtschaftsthemen etc. werden für mein Empfinden seriöser dargestellt. Mit weniger (und anderer) Ideologisierung. Es erscheinen auch viele Artikel über Deutschland, die aber immer eine größere Distanz zur Sache haben, eben eher ein Blick von außen. Wo die NZZ ja auch ist. Wie auch Du. Für micht ist es interessant, Themen aus diesem Blick analysiert zu sehen.

Hmmm, ob das aber ein Jusoherz erfreut weiß ich nicht, evtl. musst Du am Ende doch bei SPON bleiben, denke ich gerade...

Viele Grüße
Martin

"Ludigel" hat gesagt…

Richtig, NZZ habe ich schon lange verlinkt, vergesse aber immer wieder das morgentliche Umsteigen und die neue Lektüre. Wir üben das jetzt. NZZ.ch, NZZ.ch

Martin hat gesagt…

Hallo Ludigel,

ein Nachtrag:
habe am Wochenende mal wieder den Niggemeier-Blog gelesen, auch dort wieder über "Bei „Spiegel Online“ sind sie ganz aufgeregt. Gut, das sind sie immer, aber sie sind es auch wegen der Ergebnisse der Kommunalwahlen in England..." (Quelle: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/das-britische-erdbeben-der-durchmarsch-der-ukip-und-die-realitaet/) - hier kann man sich mal wieder zum aktuellen Niveau unserer Medien aufregen. Bin dann über Krautreporter.de gestolpert, wo ich mich spontan bereiterklärte das Projekt eines Crowdsourcing--Internetmagazins - falls es denn zustande kommt - mit 60 Euronen zu unterstützen. Vielleicht klappt es ja und das Magazin entwickelt sich inhaltlich in eine Richtung über die ich mich freuen würde. Bei der "Schattenmannschaft" könnte ich es mir zumindest vorstellen. 60 Euronen ist zwar auch nicht wenig, aber von nichts kommt nichts... (wobei das nicht beweist, dass von viel auch viel kommt...) Mal sehen.
Viele Grüße
Martin

"Ludigel" hat gesagt…

Ah ja, interessant. Die UKIP ist also schon länger so stark. Doch SPON wollte eben die anstehende Machtergreifung der "Rechten" anprangern. Ob sie nun rechts sind oder nicht weiß ich nicht, bei SPON und deutschen Medien kann man da sich eigentlich nicht informieren. Werde die UKIP mal ergoogeln. Mit Frau LePen wollen sie jedenfalls nichts zu tun haben, war zu lesen.
Krautreporter: Genau, gute Sache.

Miri hat gesagt…

Bzgl. der UKIP kannst Du z.B. auch den Guardian online lesen...

Schlimme Entwicklung in GB. Erinnert schon ein wenig an damals "in Weimar". Haben sogar die Polizei im Griff und versuchen Blogger, die gegen sie bloggen, per Polizei einzuschüchtern. Hier in D so gut wie gar nicht beachtet.

Aber die Nazis haben sich ja bei der Europawahl vielerorts, getarnt als Salonnationale", aus ihren Löchern getraut und Parlamentssitze errungen, weil Menschen so dumm sind und auf ihre plumpen manipulativen Sprüche hereinfallen, Halbwissen als Wahrheit betrachten, ohne sich weiter zu informieren, und sie wählen.

Und das mitten im Wirtschaftskrieg. Wir befinden uns in einer global sehr schwierigen Situation und brauchen ein starkes Europa.

"Ludigel" hat gesagt…

Nebenbei: Ich war schon immer für einen europäischen Bundesstaat. Bei dem ganzen Gewurschtele verliere ich nur langsam den Glauben daran und stelle mich auf einen Niedergang der EU gefühlsmäßig ein. Hoffen wir, dass er nicht kommt.

Miri hat gesagt…

Spannend...

Ich hoffe ja, dass man insgesamt noch rechtzeitig zur Besinnung kommen wird, aber wie sagt man doch gleich? Die Hoffnung stirbt zuletzt...

Man könnte schon fast glauben, gewisse Extremparteien würden von den ausländischen Gegnern der EU dafür bezahlt werden, am Niedergang zu arbeiten... Patriotisch ist das Verhalten gewisser Leute sicher nicht. Aber wenn die Menschen drauf reinfallen, sicherlich sehr effektiv, was den Niedergang betrifft...

Wollen wir hoffen, dass sich die EU trotz aller ihrer inneren und äußeren Feinde zusammenrauft und wir irgendwann den Bundesstaat haben werden.