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Freitag, Mai 30, 2014

Nach dem U-Bahn-Massaker...

Notizen zu dem U-Bahn - Massaker und mannigfaltigen Reaktionen darauf


Die Tage war im TV der Täter des U-Bahn-Massakers (http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/05/amoklauf-mit-messer-in-der-u-bahn.html) zu sehen, wie er von der Polizei irgendwo hin überführt wurde. Immer wieder empfinde ich den Anblick des jungen Mannes als verstörend. Nicht, weil er irgendwie monströs aussieht, sondern im Gegenteil, weil er irgendwie wie ein x-beliebiger Teenanger wirkt (auch wenn er schon 21 ist, aber die Leute hier wirken für westliche Augen meist ein paar Jahre jünger). Gerade in seinem rot-schwarzen Turndress, der aussieht wie frisch vom Unisport mitgebracht oder dergleichen, wirkte er nicht wie der irre Attentäter, der er ist, sondern wie irgendein junger Mann. Der etwa irgendwo im Café sitzen könne und mit dem Kopf wippt wie all die anderen jungen Leute hier, während er auf dem Smartphone bei Facebook postet. Seine Normalität macht ihn gewissermaßen unheimlich. Ein rotes T-Shirt hatte er immer noch an, jetzt allerdings Jeans und die in Taiwan auch in der Stadt üblichen blauen Strandlatschen (auch wenn hier nirgends Strand ist) an den Füßen.

Wie im Ausländerforum zu entnehmen ist, wohl aufgrund von chinesischsprachigen Pressemeldungen, fordern die Eltern selbst die baldige Hinrichtung ihres Sohnes - sie haben im übrigen noch ein weiteres Kind.
EDIT: Siehe hier: http://www.news24.com/World/News/Parents-of-Taiwan-subway-attacker-call-for-his-death-20140527. Die Eltern wünschen ihrem Sohn eine bessere Lebensführung in seinem "nächsten Leben".
In den Schilderungen vom Attentatshergang taucht jetzt eine zweifache Mutter auf, Mitarbeiterin eines Landvermessungsamtes, die jetzt anstelle des älteren Herrn als Verteidiger eines Mutter/Kleinkindpaares erwähnt wird. Offenbar hat sie den Angreifer mit einer Büchertüte in Schach gehalten, die sie in seine Richtung geschwungen hat. Ansonsten wird ein 52jähriger Geschäftsmann erwähnt, der mit seinem Regenschirm als Teil einer Gruppe des Angreifer in Schach hielt. Möglicherweise war dies der "ältere Mann", der anfangs erwähnt wurde. Auch wenn ich bei dem Terminus eher an einen Senioren denken muss. Aber ich muss mit als Endvierziger wohl langsam daran gewöhnen, dass andere mit "ältere Leute" meine Altersgruppe meinen.

Und Die MRT (Taipeis Stadtbahnsystem aus U-Bahn und Schwebebahn) wird hier von Christen durch Gebet "vom Bösen gereinigt" - genauer gesagt der Wagon, in dem die Morde stattfanden: http://www.chinatimes.com/realtimenews/20140528002191-260402

Regenschirme, gerade solche, die verkappte Kampfstöcke sind, sollen sich dieser Tage reißenden Absatzes erfreuen.

Wenn in taiwanischen Berichten ältere Männer hervorgehoben werden ist das sicher auch mit der Seniorenverehrung zu erklären, die aus der chinesischen Kultur kommend in Taiwan sehr verbreitet ist. Apropos, im Ausländerforum war sonst noch irgendwo die Rede davon ein westlicher Neuankömmling habe an seinem ersten Tag in Taiwan seinen Englischlehrerjob gleich wieder verloren, alles Geld verprasst und habe sich dann mit einem älteren Herrn geschlagen. So viel zur erfolgreichen Integration.

Kommentare:

Miri hat gesagt…

Er sagte angeblich, dass er ein Videospiel in der Realität nachspielte... Auf mich wirkt der Mann sehr krank. Sein Auftreten, dass was er angebl. gesagt hat, seine Tat, sein leerer Blick nach den Taten, das ist alles so krank. Die taiw. Gesellschaft macht die Eltern anscheinend mitveranwortlich für die Taten des Sohnes, man denkt anscheinend überwiegend, dass er die Taten auch begangen hat, weil seine Eltern ihn nicht richtig erzogen hätten. Die Eltern haben in ihrer schriftlichen Entschuldigung vermutet und akzeptiert, dass die Ankläger die Todesstrafe fordern werden und wünschen ihrem Sohn, dass er im nächsten Leben ein guter Mann sein wird. Sie haben aber auch geschrieben, dass sie ihn lieben. Die Eltern machen also anscheinend das, was von ihnen erwartet wird. Eigtl. wird von ihnen wohl zudem erwartet, dass sie sich auch noch persönlich bei den Opferfamilien entschuldigen.

Dass Täter "normal" aussehen, ist absolut normal... Schau Dir die Täter vor/bei/nach Tötungsdelikten an. Wie gesagt/geschrieben, wer Strafverteidigung macht, denkt nicht selten, dass ca. 50 % der Leute in der Straßenbahn einen weg haben könnten. Auch wenn sie "normal" aussehen. Obwohl, so "normal" sah er bei Begehung der Tat ja gar nicht aus. Weiße Turnschuhe, schwarze Sporthose und rotes T-shirt; bei der Festnahme nun wirklich kein "normaler" Gesichtsausdruck. Er unterschied sich von seiner Kleidung her deutlich von den Anderen und konnte leicht identifiziert werden. Seine Opfer trugen anscheinend, zumindest überwiegend, Businesskleidung. Mörder gehen oft sehr unauffällig vor, v.a. wenn sie ihre Taten lange planen, denn sie wollen nicht erkannt/überführt werden, "Amoktäter" wollen aber idR gerade auffallen, diesem Täter scheint es wichtig gewesen zu sein, gesehen zu werden, sich vom Umfeld auch optisch zu unterscheiden und überall als Täter bekannt zu werden.
Wenn Suizidgefahr besteht, bzw. der Täter extremst gefährlich ist, überlässt man Tätern wenn möglich keine potentiellen Tötungswerkzeuge mehr, wie z.B. Schuhe mit Schnürsenkeln. In D werden Täter übrigens, wenn Suizidgefahr besteht idR in Spezialzellen (sehr gruselige Orte) 24 h bei Licht dauerüberwacht, was auch "normale" Menschen komplett gaga machen würde.
Filme wie "The Cell" oder "Das Schweigen der Lämmer" zeigen eindrucksvoll, was im Kopf eines bestimmten Tätertyps vor sich geht. Auch dieser Tätertyp sieht häufig sehr "normal" aus. Das Irre findet im Verborgenen statt und wenn es dort die Überhand gewinnt, wird dieser Tätertyp gefährlich.
Oder der "Fremde", vor dem Kinder gewarnt werden. Oft ist der "Fremde" jmd. mit Bonbons o.ä., dem man das Böse nicht ansieht. Stichwort: Die Hexe in Hänsel und Gretel. Das Böse tarnt sich als gut, ist es aber nicht. Und idR ist der Vergewaltiger/ Sexualstraftäter/Mörder, dessen Opfer Kinder sind, ja gar nicht fremd, sondern jmd. aus dem Umfeld.

Anonym hat gesagt…

Vielleicht unterscheidet dies mein deutsches Denken vom taiwanischen Main Stream. Der These "Schnell Totmachen und dann ist die Welt wieder so ungefähr in Ordnung" kann ich gar nicht folgen. Natürlich ist auch das hiesige Denken ab und an überzogen, sich nur um den Täter kümmern zu wollen: "Der arme Junge, wie konnte er das tun. Die böse Gesellschaft!". Aber ihn allein als unfähige Kreatur zu verdammen und auf sein nächstes Leben zu vertrösten, geht gar nicht. Typisch chinesisches Denken, sagt auch die Taiwanerin im Haushalt. Gruß Luo You P.S. Schade, dass der Post "Entscheidung Taiwan Style" verschwunden ist. Das hörte sich im Hinblick auf eigene Erfahrungen sehr interessant an.

Miri hat gesagt…

Veröffentliche mal meine beiden letzten Kommentare nicht (Der zu Straftätern und der zur EU). Die sind ja eher privat und passen nicht so ganz als Blogkommentar.

Martin hat gesagt…

... fordern die Eltern selbst die baldige Hinrichtung ihres Sohnes...

Ich denke es ist schwer sich in die Situation der Eltern zu versetzen. Jeder in ihrer Umgebung weiß jetzt dass ihr Kind ein Amokläufer ist, über sie wird geredet, wenn sie auf der Straße sind werden die anderen über sie reden, "das sind die Eltern von dem Amokläufer, der so viele Menschen umbringen wollte..." Was sollen sie tun, sie fühlen sich schuldig, denn sie haben ihren Sohn erzogen. Die Eltern des Amokläufers von Winnenden sind weggezogen, haben ihren Namen gewechselt, wollen offensichtlich unerkannt leben, haben ihre Tochter auf eine andere Schule geschickt, und sie dann auf eine Schule in Australien angemeldet. Wer das tut muss einen enormen Druck fühlen. Es schien mir nicht, als ob sie sich quasi davonstehlen wollen, sondern trotzdem jeden Tag an das Geschehene denken. Stelle Dir vor, Dein Sohn macht so was wenn er so um die 17 Jahre alt ist, wochenlang steht es in den Medien, in zwei Kilometer Umkreis kennt Dich jeder, was würde in Dir vorgehen? Ich glaube es ist kaum zu erahnen. Ein "aber er ist doch unser Kind und deshalb lieben wir ihn" würden viele nicht verstehen. Die Vorkommnisse geben den Erziehern ein unglaubliches Schuldgefühl gegenüber den Opfern und deren Angehörigen, damit müssen sie umgehen.

Ob in TW zum einen die Behörden den Namenswechsel unterstützen würden und des weiteren die Medien den neuen Namen und neuen Wohnort nicht veröffentlichen würden, weiß ich nicht, möglicherweise haben die Eltern diese Möglichkeit nicht.