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Montag, September 15, 2014

Hitler-Infektion, "The Strain" / Er ist wieder da

Gleich zweimal begegnete mir die Tage der Adolf Nazi (so nennt ihn Helmut Schmidt) beim privaten Medienkonsum. Muss das sein?

Man ist selber schuld, alle reden drüber über das Buch "Er ist wieder da" des deutschen Autors Timur Vermes. Ich laß mich also ein in das Werk, in dem der Herr Adolf Schlickgruber alias Hitler einfach so auf einem berliner Trümmergrundstück wach wird als sei nix gewesen und er sich in der Folge über die Zeitreise ins frühe 21. Jahrhundert wundert und wieso die Wehrmacht nicht auch "die Türklinken" gesprengt hat, wie in seinem "Verbrannte Erde"-Befehl vorgesehen. Stattdessen wächst und gedeiht das doch sozialdarwinistisch unterlegene deutsche Volk: Da wundert sich der Herr Hitler sehr. So weit so lustig, auch wenn ich die Art Komik zu erzeugen durchaus vorhersehbar fand. Etwa: Man reduziert den sozialdarwinistisch inspirierten Befehl, alle Infrastruktur vor Einnahme durch "den Feind" zu zerstören auf Kleinkram wie eine Türklinke, schon wird es ins Lächerliche gezogen. Nichts dagegen über Hitler zu lachen, warum nicht, eigentlich ist es ja eine recht lächerliche Figur, wenn da nur die vielen Toten nicht wären. Und die Hat Herr Vermes zu großen Teilen einfach ausgeklammert. Denn wie, so dachte ich mir vorher, will der Autor das Dilemma lösen, dass ein Adolf H. natürlich sofort wieder antisemitsche Hetze verbreitet oder wenigstens selbst in seinen Gedanken hat, schließlich ist das Buch in der Ich-Form erzählt. Welchen rhetorischen Kunstgriff will der Autor da anwenden? Denn wenn man bestimmte Passagen aus "Mein Kampf" kennt, dann weiß man, wie krankhaft-bizarr diese Hetzereien gegen Menschen jüdischen Glaubens werden können.
Und wie hat es Herr Vermes gelöst? Offenbar durch Auslassung. Denn als Hitler am Zeitungskiosk eine Bestandsaufnahme des ihm fremd gewordenen Deutschlands aufnimmt, noch ganz benommen im nach Benzin riechenden Uniformrock, da kommt das Wort "Jude" kein einziges Mal vor. So froh ich auch war, keine antisemitsche Hetze lesen zu müssen, so billig fand ich das Vorgehen, das Problemfeld einfach wegzulassen. Das ist etwa so als schreibe ich ein Buch über den Irakkrieg und erwähnte mit keinem Wort Saddam Hussein. Oder über Ebola und vergesse den Virus. Also gleich wieder weggelegt, da lasse ich den Hitler-Kadaver lieber ruhen.

In regelrechter Überraschungsmanier erwischte mich dann die braune Thematik ein zweites Mal. In der US-Serie "The Strain" (Achtung: Leichte Spoiler) war ich durch "den Klappentext" der TV-Serie auf ein mikrobiologisches Apokalypse-Szenario vorbereitet. Ein Flugzeug (aus Berlin!) in New York landend ist biologisch verseucht, der Virus breitet sich aus etc. pp. Doch was ich anfangs für eine halbwegs ernsthafte Pseuro-Science-Serie hielt wurde alsbald zum herrlichen Nazi-Trashfest. Untote Altnazis die mikrobiologisch auf den Endsieg hinarbeiten? Oder was auch immer. So ganz klar ist mir das noch nicht. Und wer liegt in dem Sarg, den sie durch die Gegend schleppen? Doch nicht ER? Der mit der nach Benzin riechenden Uniform? In der Folge wurde ich Zeuge, wie die Serie allerlei Filmklischees durcheinander warf. Die Deutschen, die natürlich Nazis sind. Den netten jüdischen Überlebenden mit kabbalistischem Geheimwissen. Eine Mischung aus den gängigen Ebola-etc-Thrillern, The Living Dead, Dracula und Alien. Ein herrliches Trashfest, das sich selbst todernst nimmt und damit viel unfreiwillige Komik erzeugt, aber eben auch handwerklich gut gemacht ist, was Erzeugung von Action, Suspense und die Qualität der Spezialeffekte angeht. Und das Wiedersehen mit manchen in X Filmen bekannten Szenarien, handwerklich sauber abgedreht, ist für einen TV- und Filmfan eben auch ein Genuss: Stichwort "belagerte Tankstelle". In "The Strain" sind die Nazis wenigstens noch Antisemiten, man verzeihe mir die Formulierung. Denn wenn man Nazis ohne Judenhass darstellt, dann macht man sich am Ende selbst der Geschichtsklitterung schuldig. Das gehört nun mal zu der Drecksbande dazu. Und so komplett geben sie auch ganz famose Bösewichte ab. Und Kompliment an die US-Serienmacher, der Filmdialog um die Machtergreifung Hitlers hatte sogar die wichtigsten Fakten richtig. Das ist keine Selbstverständlichkeit bei US-Produktionen.
Seit "The Strain" läuft, werden Flieger aus Deutschland bestimmt in den USA noch viel gründlicher durchgecheckt, ich habe da keine Zweifel.

Gut dass Sarah Palin nicht US-Präsidentin ist, sonst würde sie Frau Merkel sicher beim nächsten Treffen auf die Gefahr viraler Altnazis ansprechen.

Kommentare:

Miri hat gesagt…

Wer ist Timur Vermes? ;-) Ja, o.k. ich gebe es zu, auch ich habe mir das Buch vor einiger Zeit in Auszügen vom Herbst gelesen angehört. ;-)

Na ja, meine persönliche Theorie ist ja, dass der Adolf Nazi einen großen Hass auf die Deutschen und überhaupt auf die Menschheit hatte und sich überlegt hat, wie er dafür sorgen kann, dass die Deutschen sich und andere nach und nach selbst ausrotten und er die Hölle auf Erden bereiten kann. Er war ein brillianter Manipulator, aber im Grunde das personifizierte Böse. Bin eine große Anhängerin von Zimbardo und Milgram. In jedem Menschen ist "Gut" und "Böse". Wir entscheiden, welche Seite unser Handeln bestimmt. Und es gibt immer Menschen, die resilient sind gegenüber dem "Bösen", wie z.B. Zimbardos spätere Frau beim Stanford Prison Experiment und es schaffen, eine Wendung zum "Guten" herbeizuführen. Zimbardo hatte ja nach eigenen Angaben ein Problem beim Experiment und entdeckte eine sehr unschöne Seite bei sich. Er hat diese Erfahrung für seine spätere Forschungstätigkeit genutzt. Man entscheidet im Grunde sein ganzes Leben lang, welcher Seite man die Macht über sein Handeln einräumt.

"Ludigel" hat gesagt…

Tja, meine Theorie ist, dass er sich mit Hass vollgesogen hat. Da im Männerwohnheim. Hass gibt auch Kraft. Der antisemitische ältere Herr, der ihn beeinflusst hat dort, der wohl die aus England stammende Literatur gelesen hatte, die Juden schon als Antivolk diffamierte, das sich nicht an die Regeln hält, weil sie kein eigenes Land im sozialdarwinistischen Survival of the Fittest haben. Daher das kranke Bild von Juden als Schädlingen, die das Volk getarnt "fernsteuern", was er wegen dem jüd. Prof., der ihn an der Kunsthochschule abgelehnt hat, offenbar geglaubt hat. Wirres, krankes Zeug. In einer irrsinnigen Eskalation sollten dann die Deutschen sich entweder als stärkste Rasse erweisen und andere Völker unterjochen oder vernichten. Was eben in Richtung Hölle auf Erden geht. Erschreckend finde ich bis heute, wie weit er gekommen ist. Das es möglich war, so einen Irrsinn so weit zu treiben. Das Buch von Vernes ist ein laues Lüftchen, dem ich nichts abgewinnen konnte, wegen der dreisten Auslassung. Oder wird das Thema später behandelt? Außerdem kam mir Hitler zu sympathisch rüber. Also weg mit dem Büchlein für mich persönlich.

Anonym hat gesagt…

XindeLaoshi wrote:

Das ganze Dritte Reich war also nur eine Art Influenza-Infektion. Endlich ist das aufgeklärt.

Miri hat gesagt…

Es waren Deutsche, Österreicher/Österreicherinnen Franzosen/Französinnen u.s.w. jüdischen oder auch nicht jüdischen Glaubens... Die Menschen besaßen Bürgerrechte und eine Nationalität. Es ist traurig, dass wir heute wie die Nazis damals idR immer nur von den Juden reden. Mitbürgerinnen und Mitbürger haben hier einen Teil unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger ausgerottet und ihnen die Bürgerrechte aberkannt. Und der Kreis der Auszurottenden sollte immer weiter vergrößert werden. Begonnen wurde mit Menschen jüdischen Glaubens und Mit Sinti und Roma. Dabei ist auch interessant, was in der Naziideologie alles als jüdisch galt. Die Leute, die das gemacht haben, waren zum Teil nach 1945 recht schnell wieder in Amt und Würden. Mit Grauen muss man sich angucken, welche Vergangenheit z.B. ein Großteil der Justizangehörigen der jungen Bundesrepublik hatte.

Die Naziideologie war sehr vielschichtig. Diese Menschen erscheinen wie geisteskrank, aber das erklärt es nicht.

Miri hat gesagt…

Ich mag das, bzw. das, was ich aus dem Buch von Vermes gehört habe nicht. Ich mag den Herbst, deshalb habe ich es mir in Auszügen angehört.

Ich bin dafür lieber auf Veranstaltungen gegangen, auf denen traumatisierte Holocaust-Überlebende den Mut fanden zu reden. Es fiel ihnen schwer, aber sie haben geredet und ich und andere haben ihnen zugehört. Es sind immer weniger von ihnen am Leben, aber dafür ihre Kinder, EnkelInnen, UrenkelInnen... Die Menschen, die man umgebracht hat, haben keine Kinder bekommen, die sonst geboren worden wären. Muss an die Beschreibung des einen Mädchens denken, das in einem Haus in P., der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, aufwuchs, bis es "abgeholt" und mit der ganzen Familie zusammen umgebracht wurde. Das Mädchen mit den roten Haaren und den blauen Augen, das so schön "Platt" sprach, wie ihre eine Mitschülerin, die die Zwillingsexperimente in Theresienstadt überlebt hat, uns erzählte. Habe mich gefragt, wie ihre Enkelkinder ausgesehen hätten, ob ich mit ihnen zur Schule gegangen wäre, mit ihnen gespielt hätte, ob sie meine besten Freundinnen und Freunde geworden wären. Sie sind nie geboren worden. Für das Mädchen aus P. wurde vor ihrem Wohnhaus ein "Stolperstein" verlegt. Viele Menschen sträubten sich zunächst dagegen, allen voran die heutigen Bewohner des alten Fachwerkhauses. Irgendwann begann ein Umdenken und die Bewohner des Hauses spendeten dann sogar für die Steine. Nein, man möchte nicht mehr vergessen und verdrängen. Die, die man deportiert hat, werden in unseren Gedanken weiterleben. Und wie viele sind gerettet worden... Viel zu wenige, aber es gab Menschen, die Menschen gerettet haben. Vielleicht wäre ich selbst ja auch beinahe nie geboren worden. Zumindest ein Teil meiner Vorfahrinnen und Vorfahren waren alles andere als Mitläufer. Auch wenn sie niemanden versteckt haben, so befanden sie sich doch zunehmend im Widerstand. Solidarisierten sich mit einem eingeheirateten Familienmitglied, das deportiert wurde. Zum Glück waren sie nicht alleine. Und auch der Onkel, der Theresienstadt überlebte, erzählte dass er sein Überleben immer irgendjemandem verdankte, der ihm half und den Alliierten bevor er gerettet wurde bereits durch die Bombardierung der Gleise. Die Waggons Richtung "Vernichtungslager" konnten nicht mehr fahren. Ein Mann auf der Rampe von Theresienstadt sorgte dafür, dass er mit einer Hirnhautentzündung auf die Krankenstation kam, wo eine stinkende Salbe für Frontsoldaten an ihm getestet wurde. Der Gestank der Salbe hielt alle Läuse und Wanzen u.ä. Tiere von ihm fern. Und er galt als Testperson. In der Gartenbauschule Ahlem lebte er zuvor mit Frau und Kindern und wurde deshalb erst sehr spät deportiert. Seine Frau weigerte sich, sich scheiden zu lassen und seine Schwiegermutter lebte bei ihnen in dem Lager. Dort haben sich unfassbare Gräueltaten abgespielt. Aber sie alle haben zusammengehalten und überlebt. Als er deportiert wurde, stand die ganze Familie auf dem Bahnsteig. Sie waren so voller Liebe füreinander und haben nie den Glauben aufgegeben, dass er es schafft. Es waren allesamt Atheisten (auch der eingeheiratete Onkel, der den jüdischen Glauben seiner Vorfahren nicht teilte), es waren Humanisten, Sozialdemokraten, Sozialisten. Sie träumten von einer besseren Gesellschaft und glaubten fest daran, dass diese kommen wird. Und die von ihnen, die ich noch kennengelernt habe, haben mich später mit meinem christlichen Glauben so respektiert wie ich bin, sich nicht darüber lustig gemacht. Es waren und sind ganz besondere Menschen.

"Ludigel" hat gesagt…

Ja, als Deutschem geht es mir natürlich auch so, dass so lockerer Umgang mit der Thematik wie in "The Strain" leicht wie eine Relativierung wirkt. So als wolle man die Nazis entschuldigen. Allerdings scheint die Serie die Kurve zu kriegen und hat mittlerweile eine andere Richtung eingeschlagen. Sie spielt alle Filmklischees durch, so scheint es.

Das in der Serie gezeigte KZ wirkt aber viel zu harmlos. Töten wird nur angedeutet und geht an den Hauptpersonen vorbei - weichgespülte TV-Version. Aber OK, Amerikaner und andere nehmen das Thema nicht so ernst und treiben dann schon mal Schabernack damit, oder was wir Deutschen dann als unangemessenen Umgang empfinden.

Immer noch sitze ich auf dem Fotoalbum meines ehem. Lieblingsonkels, das u.a. von ihm mit zusammengetriebene Juden zeigt, als Militärpolizist war er dabei. Irgendwann muss ich das auch mal publizistisch verarbeiten, aber das wird viel Zeit und Sorgfalt erfordern.

Miri hat gesagt…

US-Amerikaner nehmen das Thema idR aber schon sehr ernst, gibt aber wie in jedem Land auch dort Menschen, die andere Prioritäten im Leben setzen. Sind ja auch relativ viele der Überlebenden in die USA ausgewandert. Gibt auch viele gute Bücher und Filme dort über die NS-Diktatur. Ein gutes Buch aus der Nachkriegszeit ist z.B. "They thought they were free". Das kennt in D leider kaum jemand. In den USA wird es seit einigen Jahren gerne zitiert, um darauf hinzuweisen, dass die eigene Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist.