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Mittwoch, März 25, 2015

Architekturschock: Nobelbau am See abgerissen

Mehrstöckiges Gebäude mit luftig-lockerer Architektur am See (Bihu-Park) NeiHu wieder abgerissen. Zu hübsch gewesen?

Ein anderer Expat beschrieb im Ausländerforum den Städtebau in Taiwan einmal als "die Abwesenheit von Architektur". Das waren damals um das Jahr 2007 herum oder so weise Worte, denn damals bestanden Taiwans Städte fast nur aus schlichten grau-bräunlichen Zweckbauten, die nach dem Plattenbauschema in den 60ern und 70ern schnell hochgezogen worden waren und oft auch ziemlich verkommen waren. Die Balkone waren öfter mal mit Unrat zugestellt, manchmal mit vor sich hin gärendem Hausmüll und die Fenster hatten dreckige und oft irgendwie mit Pappe verklebte Fenster hinter rostigen Fenstergittern. Fotografiert habe ich die mich damals ständig umgebende Hässlichkeit nicht oder kaum, dachte ich doch sie würde mich ewig umgeben. Seit den 2000er und insbesondere Seit den 2010er - Jahren jedoch wurden viele der Schlichtbauten weggerissen und durch neuere schickere riesige Apartmenthäuser oder Bürohäuser ersetzt und die restlichen Schlichtbauten sind meist aufgehübscht. Fenster haben neue Anbauten in Schneeweiß mit teilweise blütenweißen sauberen Gittern (gegen Taifun und Einbrecher) und manchmal sogar Blumenkästen Parterre.

 Kürzlich gebaut...

Eine ganz gruselige Ecke war direkt am schicken See bei uns ganz in der Nähe, der noch in den 90ern eine reine wässrige Müllkippe war, wie meine Frau erzählt.  Noch in den 2000ern habe ich den See wegen einer vor sich hin stinkenden wilden Müllkippe, die zwischen meiner Wohnung und dem See lag selten bis nie aufgesucht. Erleichtert war ich entsprechend, als das wässrige Abbruchgrundstück geräumt wurde und stattdessen dort ein weißer luftig-lockerer vierstöckiger Nobelbau erstanden war. Alt (auf einem der seltenen Fotos von damals) und neu sind in diesem Artikel von neulich freudig gegenübergestellt: http://osttellerrand.blogspot.tw/2014/09/stinkender-mull-nobelapartments.html

Entsprechend groß war der Schock, als ich dieser Tage wieder dort vorbei kam. Der ganze Nobelneubau war komplett wieder weggerissen, es wird schon wieder dort gebaut. Das abgerissene Haus kann kein Jahr dort gestanden haben!

... und schon wieder weg. Taiwanische Wegwerfarchitektur? Deutlich erkennt man in beiden Fotos trotz unterschiedliche Perspektive das schmuddelige Eckhaus hier rechts mittig im Bild (im oberen Bild leicht links mittig).

Des Rätsels Lösung sind wohl die zahlreichen Werbespots für Hochhäuser mit Nobelapartments am See, die derzeit im Taiwan-TV laufen. Ich vermute, dass es sich bei dem wohl vierstöckigen Haus nur um einen Verkaufspavillon gehandelt hat. Das ist wegen der Zahl der Stockwerke ungewöhnlich, denn sonst handelt es sich bei solchen Verkaufsstellen immer nur um einstöckige Häuser.


Die Umgebung des Sees ist eine ziemlich verbaute Quaste aus alten Schlichtbauten, schmalen Gassen und neueren Häusern dazwischen. Alles steht wie planungslos oft kreuz und quer in schief zueinander. 

Dieses Bild lässt erahnen wohin die Reise geht. Weg von den alten Schlichtbauten, hin zu viel teureren Wohnungen in Hochhäusern, die dann leer stehen, weil sie von Spekulanten gekauft werden, die auf noch höhere Preise in Taiwans Immobilienblase hoffen. Eine 70qm-Schlichtwohnung wie im Häuserblock im Bild (der echte, nicht der auf dem Werbeschild) hat noch 2004 etwa 6 Millionen NT gekostet (ungefähr durch 40 in Euro nach dem alten Standardkurs, auch wenn der derzeitige Kurs niedriger ist). Heute kosten solche Wohnungen um die 21-23 Millionen NT, oft im unrennovierten Zustand. Miete ist in der Zeit mit 20.000 - 25.000 NT konstant geblieben; bislang waren das etwa 500 Euro mtl.). Nobelwohnungen auch ohne Seelage sind im Zeitraum von 3 bzw. 2 Jahren von 40 Millionen auf 50-60 Millionen NT gestiegen, also bei 1.5 Millionen Euro nach dem alten Standardkurs vor der eurokursdrückenen El-Greco-Taspiras-Zeit. Freistehende (und i.d.R. leer stehende) Häuser auf dem Lande sind in den letzten Jahren von 8-9 Mill. NT auf 20-23 Mill. NT gestiegen. Zuletzt 2012 oder so nachgefragt, bestimmt schon wieder teurer. Nobelreihenhäuser sind in dem Zeitraum komplett leerstehender Weise von 32 auf 60 Mill. NT geklettert.


Hübsch und ruhig liegt der See dar, vor dessen innewohnenden Geistern ich schon des öfteren gewarnt worden bin von meiner Taiwanfamilie. Doch mehr und mehr wird er wohl durch immer höhere und dann leer stehende Apartmentblocks zubetoniert. Ganz lustig übrigens links im Bild die Häuser. Das sind eigentlich auch simple Plattenbauten, die der Architekt aber durch aufgesetzte rote Hütchen von den schmuddeligeren Bauten dahinter abgesetzt hat. Macht die Preise sicher gleich viel höher.

Ein von mir kürzlich bewunderter auf dem Wasser treibender Dreikuppelbau aus Riet war auch schon wieder weg. Hier wäre er früher in der Bildmitte gewesen. Wegwerfarchitektur eben. Aufreißen, reingehen und wegschmeißen.

Hier wird also demnächst hohes unter dem beliebten Kürzel AIT zu sehen sein, wieder direkt vor den alten Schlichtbauten. AIT steht eigentlich für "American Institute in Taiwan" und ist die Quasi-Botschaft der USA in Taiwan, eine mächtige Instanz, die sich oft in Regierungspolitik mischt oder mischen will, wo doch die USA ein bisschen noch die Schutzmacht Taiwans sind. Offenbar hat eine taiwanische Immobilienfirma das Namenskürzel für sich entdeckt. Mit dem chinesischen Schriftzeichen links von AIT lese ich immer "LAIT", also "Milch" auf Französisch. Liegt aber vielleicht auch nur daran, dass ich Vater eines Kleinkindes bin ;-)

Mein Tipp an das falsche AIT: Einfach den See trocken legen, ein mehrgeschossiges blau gestrichenes Parkhaus reingebaut und schon sind alle Probleme - auch die mit den Geistern - gelöst. Denn wo die vielen Mieter in der extrem parkplatzarmen Gegend parken sollen, das weiß wohl kein Mensch - ob lebendig oder nicht.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Dr. Zok says: Man sieht wieder mal, wieso Taiwan öfter mal auf Unterernährungsindexen auftaucht. Die Leute verbringen ihren Urlaub in Kanada, essen aber nur Fisch und Gemüse und laufen superdünn durch die Gegend.

Martin hat gesagt…

Hallo Ludigel,

Happy Bithday! Ich wünsche Dir alles Gute und noch viele Jahre Taiwanblog.
(Äh, was wurde eigentlich aus Manila??)

Liebe Grüße
Martin

P.S. Wollte schon an Deine see-offline.de - Adresse mailen, aber ich glaub die is nich mehr, oder?

"Ludigel" hat gesagt…

Danke ;-)
Die ludigel@ mit dem See-Offline gibt es immer noch.

Tja, das mit Manila ist ein beliebtes Grummelthema zwischen mir und der werten Gattin. Nach typisch taiwanischer Methode wollte der Doppeldrachen aus ihr und Schwester in dem Einkaufszentrum einfach noch ein viertes Mal so ein Lokal aufmachen, wie es das schon etwa dreimal gibt und entsprechend sagt das Management immer wieder nein. They just don't understand Taiwan culture und ihr Busines-Gesetz der Serie. Nun ist ein zweiter Aufkleberkiosk geplant (ihre Schwester hat schon einen da), wieder das Gesetz der Serie. Ich rolle mit den Augen und warte auf das Ende der Taiwanplanung. Die verläuft immer so:
1. Übersteigerte Erwartungen
2. Tal der Enttäuschung
3. Ringelpietz mit Anfassen
... statt (3: Konsolidierung).

Also... mal schauen ;-)

Xinxi hat gesagt…

Willst bzw. kannst du denn dein nächstes Lebensjahrzehnt auf den Philippinen verbringen? Ich ächze hier in Kaohsiung unter der kombinierten Last von Rückzahlungen an die Bank & den letzten Raten für das Schulgeld von Junior. Inzwischen kommt mir Deutschland fast wie der Himmel vor. Besonders wegen der kostenfreien Schulen. Allerdings will meine Herzdame auch in der Alten Welt nicht mieten, sondern kaufen. Werde wohl die nächsten Jahre als Haussklave leben...

"Ludigel" hat gesagt…

Seufz, das sind wir dann wohl im selben Boot. Meine Frau ist völlig dem Plan der Schwester verfallen in Manila teil ihrer Unternehmertätigkeit zu werden, wobei das Geld angeblich durch Fast-Nichtstun kommen soll. Ihr letztes großes Projekt, eine Taiwan-Bubbletea-Kette hat sie aber verkauft, nachdem es sich nicht gelohnt hat. Weil die Angestellten nicht richtig gearbeitet haben unbeaufsichtigterweise. Aha! Geht offenbar doch nicht, das Geldverdienen als Unternehmer ohne Arbeit. Den Haken an der Taiwanplanung der beiden Damen bemerke aber nur ich und erwähne es nicht mal. Würde eh niemand zuhören. Jetzt kommt geschäftlich nichts in die Strümpfe denn "nicht gross Anstrengen" scheint auch bei der Planung die Devise zu sein. Ich bin nicht traurig drum, hält sich mein Vetrauen in die unternehmerischen Fähigkeiten der Leutchen und leider Frau eingeschlossen in engen Grenzen. Es ist alles zu sehr Luftikus, viel Gerede und wenig Aktion. Gekauft sind zwei Wohnungen in Manila. Noch ist da keine Blase. Laien vermuten immer eine, Wirtschaftsseiten sagen es wächst noch kräftig die nächste Zeit WENN es keine sozialen Unruhen gibt. Nur um das abzubezahlen bräuchten wir die nächsten 20 (Frau denkt 5) Jahre ordentliches Einkommen. Gleichzeitig will sie immer kündigen und nach Manila ziehen. Was machen wir da? Singen auf der Straße? Ach ne, wir werden ja reich mit Schwesterherz. Okay, ich versuche geduldig zu warten, bis die Planung so idiotisch wird, dass es selbst meine taiwanoptimstische Frau einsieht. Bis dahin ist das Kapital gebunden und wir müssen sogar Junior von der deutschen Schule nehmen.
Frau hat als Entschuldigung, dass sie möglicherweise (Worst-Case) erblindet in einigen Jahren und ihre Schwester hat dann taiwanpfiffig wie sie ist $$$ gerochen ...

"Ludigel" hat gesagt…

Korrektur. Schwersterherz hilft selbstlos. So haben wir das richtig gestellt. ;-)