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Mittwoch, Mai 23, 2007

Stottersage, Teil 3: ein erster Schraubenzieher


Nichts über Taiwan heute, sondern die Stottersaga spielt in Paderborn, Niedersachsen, Deutschland, Sol-System, Sektor 001, Alpha-Quadrant.

Sorry, this is German only. Please refer to my other articles to have English text. Thanks.

Im dritten Teil meiner persönlichen Erfahrungen mit der Greifenhofer-Stottertherapie (im Jahre 1999) kommen wir diesmal zu einem ersten Hilfsmittel...

Stotter-Saga Teil II: Greifenhofer-Institut :LINK
Und das war Teil I :LINK


Im Greifenhofer-Institut verlief der Einführungstag so, dass wir Stotterer uns dem einen Ding stellen mussten, vor dem wir uns ähnlich fürchteten wie vor Telefonen und ungeduldig mit dem Fuß wippenden Verkäuferinnen mit Oberlippenbart: Einer VIDEOKAMERA mit MIKROFON. Sämtliche Stotterer unter den Bloglesern haben sich spätestens jetzt unter dem Tisch versteckt. Der Normalsprechende macht sich ja gar nicht klar, welchen Horror der Alltag für einen Stotterer zu bieten hat. Videobänder weisen einen auf jedes nervöse Verzerren der Mundwinkel hin, zeigen jeden Krampf beim Sprechen in brutaler Klarheit und haben – oh Graus – auch noch Ton dazu. Anmerkung: Der letzte Satz ist auch auf jede Video-Aufzeichnung von „Deutschland sucht den Superstar“ übertragbar. Räusper.

Ludigel war damals über die Jahre schon zu einem Mäßigstotterer bis Wenigstotterer geworden – und so brachte ich das Ganze schon recht gut hinter mich. Auch wenn bei der anschließenden Manöverkritik ein Therapeut dort mein Ultraschnellsprechen und ein paar motorische Ausreißer als typische Stottervermeidungshaltung entlarvte. Und Stottern war hörbar, keine Frage, der Sprechstil etwas krampfartig. Hat man aber von Reden von Helmut Kohl damals auch immer gesagt.

Nein OK, es war schon ein gruseliges Band. Wir würden dann alle am Ende noch eines aufnehmen und beide vergleichen können. Keiner glaubte damals daran, jemals am Ende der zehn Tage ein stotterfreies Video produzieren zu können. Wir sollten uns geirrt haben! Und sie hätten mich damals mal Vorlesen hören sollen. Da wäre ein Limerick zur abendfüllenden Darbietung geworden.


Ein bisschen Werbung würde richtig auflockern...


Zunächst waren wir also in Gruppen von zirka zehn Leuten aufgeteilt, auch nach Alter in etwa sortiert. Eine Eingangsgruppendiskussion, später im Einzelgespräch fortgesetzt, ging einem heftig an die Privatsphäre. Manches empfand man als ungerecht, wie die Anschuldigung, sogar stottern zu wollen, weil es manchmal ganz angenehm sei, eine Extrawurst gebraten zu bekommen. Außerdem könne man sich immer bequem vor Herausforderungen und schwierigen Lebenssituationen drücken, andere würden Rücksicht nehmen und in der Schule konnte man sich die mündliche Beteiligung sparen und bekam trotzdem eine Drei etc.

Vieles war überspitzt, aber doch ansatzweise wahr. Damals lehnte ich es stark ab und bekam durch die aggressiv-wirkende Art von Roman Greifenhofer, der mit Lederhose und Winnetu-Hemd manchmal ehr wie ein zorniger Rockmusiker wirkte als wie ein Therapeut, den dringendem Wunsch, es diesem draußen mit einem teuren BMW Z3 herumfahrenden ***censored*** einmal zu zeigen. Ich kann doch sprechen, das ist doch klar, dem zeige ich es schon, diesem BMW-Fahrer.

Bitte nicht weglaufen, auch wenn es diesmal viel Text ist (Foto: Ludigel -rotwerd)

Ziel der Übung war wohl, unsere geistigen Mauern einzureißen, denn wenn man sich etwa Jahrzehnte lang mit einem Leiden wie dem Stottern arrangiert hat, dann lässt man fremde Leute da nicht so einfach ran. Das Stottern wird zum Teil der Persönlichkeit, man stottert individuell und mit Stil, ganz so wie ein Hinker auch majestätisch von dannen hinkt, wenn er jemanden mal ordentlich die Leviten gelesen hat. Vielleicht versteht man das Bild nicht so schnell, aber ebenso wenig wie ein Hinkender das Hinken einfach sein lassen kann, kann es der Stotterer. Es wird zum Teil von einem Selbst. Diese fatalistische Haltung hatte Roman Greifenhofer in unserer Gruppe durch seine Frontalattacke entlarvt, er gab später auch sinngemäß zu, dass dies sein Ziel gewesen war.

Dann gab es noch eine einfache erste Technik mit auf den Weg, die mir in der Folge immer sehr geholfen hat. Normalsprechende überlegen meist VOR dem Reden, was sie sagen wollen. Wenn das Mundwerk schneller war als das Hirn, überbrücken sie mal mit einem „äh“. Stotterer hingegen haben in ihrer Denkgeschwindigkeit die langen Stotterpausen schon einkalkuliert. Man denkt einen Satz an, spricht erstmal drauf los und kann dann nach der Stotterunterbrechung neu ansetzen (in der Mitte des Satzes) und weiterdenken und sprechen. Mir fiel auf, dass ich es damals tatsächlich so gemacht habe. Nur, damit kalkuliert man das Stottern fest ein! Besser ist es, sich auch als Stotternder den ganzen Satz zu überlegen und nicht schon das Stottern fest einzuplanen, nur dann kann man es vermeiden!

Wer selbst Stotterer ist, wird jetzt empört schnaufen. Unsinn! Sagt der Logopädenchor und der Verband der Selbsthilfestotterer. Das reicht nicht! Stottern ist viel dramatischer, ein so großes Leiden, kein Dahergelaufener kann da mit Tipps kommen und glauben, man werde es so los!

Ebenso habe ich auch lange das Stottern zu einer halben Religion gemacht. Und tatsächlich reicht dieser eine Tipp nicht. Er war nur ein klitzekleiner Anfang. Ein erster kleiner Schraubenzieher in unserem Anti-Stotter-Werkzeugkasten.

Über die Zangen und Bohrer schreibe ich beim nächsten Mal.

Fortsetzung (Teil IV): Euthanasie und Stottern im Dritten Reich

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hi, ich war auch mal Stotterer. Ich hab mich auf die Bühne gestellt und auswendig gelernte Texte gesprochen und nicht das Was war wichtig sondern das Wie. Das hat sehr geholfen.

Was anderes: Paderborn liegt nicht in Niedersachsen sondern eindeutig in Nordrhein-Westfalen, genauer in letzterem. Darauf muss ich als Paderborner bestehen. Ich würde sonst ja nicht mehr nach Hause finden.

Viel Grüße aus Paderborn

Ludigel ("Bob Honest") hat gesagt…

Danke für die Korrektur! Und den letzten Teil der Stottersaga bin ich bis heute schuldig geblieben, seit über einem Jahr.... Vielleicht mache ich mich gleich mal ran.

Ludigel ("Bob Honest") hat gesagt…

Korrektur, den 4. Teil gibt es schon, jetzt verlinkt. Und den Schluss schreibe ich jetzt endlich auch