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Freitag, Mai 15, 2015

Shoppingsenderuhr, 26 Euro

Mal wieder Zeit für eine Uhrenvorstellung. Neuzugang "Nautec GMT" vom deutschen Ebay gebraucht und fast neuwertig erstanden. Alle hier vorgestellten Uhren sind Automatiken, laufen also durch die Bewegung am Arm per Schwungscheibe ohne Batterie

Die Marke Nautec, die sich mit dem Beinamen "No Limit"*** schmückt, soll von deutschen Shoppingsendern vertrieben werden. Während anfangs die Qualität laut diverser von mir im Netz aufgefundenen Kundenmeinungen sehr durchwachsen zu sein schien, wird den Uhren in der letzten Zeit durchaus vernünftige Qualität zugesprochen, wohl ausgelöst durch höhere Stückzahlen und eben die Partnerschaft von Nautec mit einschlägigen deutschen Shoppingsendern. Nautec ist offenbar eine der zahlreichen "deutschnesischen" Uhrenmarken. Will sagen ein Deutscher oder ein kleines deutsches Unternehmen bestellt massenhaft Uhren in China und lässt diese mit eigenem Markennamen versehen. Oder eben nach eigenen Wünschen anfertigen. Es gibt da viele Standardmodelle, die in horrend schlechter Qualität von chinesischen Fabriken ausgestoßen und dann in Deutschland meist bei Ebay und Amazon unter wechselnden Markennamen angeboten werden. Die besseren Marken, wie offenbar Nautec, können jedoch entweder über die Stückzahl eine bessere Qualität durchsetzen oder arbeiten die Uhren nach. So kann man durchaus gutes "deutschnesisches" erstehen, auch wenn meiner Meinung nach die besten dieser Uhren mit japanischen Uhrwerken wie dem Miyota 8215 versehen sind. Weil made-in-Japan - Uhrwerke eben um Klassen besser sind als einfache chinesische Uhrwerke.


Meine eigene Uhr erstand ich für nur 26 Euro leicht gebraucht vom deutschen Ebay. Auch wenn noch einmal das selbe an Versandkosten nach Taiwan dazu kam (u.a. weil der Verkäufer Uhrenbox und Uhr getrennt geschickt hatte), ist das sicher nicht viel Geld für eine Uhr. Herstellungskosten chinesischer Uhren belaufen sich oft nur auf 4 US-Dollar pro Uhr oder weniger, daher sollte man nicht zu viel anlegen für einen im Grund genommen volksrepublikanischen Ticker.
Zu richtigen Uhrenfotos bin ich nicht gekommen, ein paar schnelle Schüsse vom Handgelenk müssen reichen. Die Fraktion der Freunde haarloser Arme muss sich daher heute wieder ein neues Blog suchen, ich bitte um Nachsicht. Immerhin habe ich keine Tatoos auf dem Arm, könnte also auch schlimmer kommen.


Die Nautec GMT wie im Bild gibt es u.a. mit schwarzem und blauem Zifferblatt und gleichfarbigem Tauchring, außerdem mit rot-blau geteiltem Tauchring (die sog. Pepsi-Variante in Uhrenfreaksprache), wohl auch noch mit schwarz-rotem Tauchring (die sog. Coke-Variante). Und eben in Orangemetallik, eine Farbgebung, die der Omega Planet Ocean entlehnt ist. Das Gehäuse der Nautec GMT ist jedoch ähnlich dem großen Vorbild Rolex GMT (die quasi zu einem Industrie-Designstandard geworden ist), auch wenn das Gehäuse dank massiger Formgebung etwas Eigenständigkeit hat. Insbesondere in der ungewöhnlichen orangen Farbe wirkt sie eigenständig und weit vom Rolexdesign entfernt. Geliefert wird sie mit einem wertig wirkenden Metallband, das allerdings sog. Madenschrauben zur Gliederbefestigung verwendet (nicht an der Uhr selbst, sondern für die Bandglieder untereinander). Bei 27 Grad im Schatten wollten die Maden partout nicht aus ihren Löchern kommen und da ich sowieso hinreichend viele Uhren am Metallband habe (u.a. den Omega Planet Ocean-Klon von Alpha) entschied ich mich kurzerhand das Metallarmband tief in der Uhrenkiste verschwinden zu lassen und ein aus England geschicktes Lederband zu montieren, das im Bild zu sehen ist. Das wertige Band ist ähnlich teuer wie der von mir bezahlte Uhrenpreis und lässt den Glimmer des Tauchrings sehr viel poppiger hervortreten als das beim original Stahlband der Fall gewesen wäre.

Hier ist es 15.47 in Taiwan und 9.47 in Deutschland. Bei gerader Draufsicht auf das Zifferblatt statt schrägem Seitenblick sähe man, dass der 2.Zeitzonenzeiger kurz vor der 10 steht, wie es auch richtig ist. Die versetzte Einstellung des Tauchrings mit der 24h/GMT-Sala kompensiert ein leichtes Versetztsein des 24-Zeigers bei meiner Ablesung. Aber das kann sich jeder hindrehen wie er will.
Das Datum ist unter der Lupe gut ablesbar (hier nicht zu erkennen im Foto).


Technisch gesehen verspricht die Nautec GMT Saphirglas und 300 Meter Wasserdichte, will sagen sie soll zum Tauchen geeignet sein. Uhrenfreunde im Uhrforum sprachen zwar von zu dünnem Saphirglas um damit wirklich tauchen zu können (eine Preisfrage, denn das kratzfreie Saphir ist teuer), aber ich kann die Stärke des Glases nicht verifizieren und tauche ja auch nicht mit der Uhr. Ein spanischer Onlinehändler bei Ebay verkauft die Pepsivariante der Uhr oft für etwas über 50 Euro neu, sicher nicht zu viel für eine Saphirglas-GMT mit Edelstahlgehäuse. Übrigens ist die Uhr eine "unechte GMT" (GMT steht bei Uhren für eine zweite Zeitzone). Das heißt der 2.Zeitzonen-Zeiger ist eigentlich nur ein 24h-Zeiger, der der 24h-Beschriftung auf dem Tauchring folgt. Im Normalfall hat man den bei "24" angesiedelten Pfeil auf der 12 der Uhr und so kann man dann überflüssigerweise mittels des roten Zusatzzeigers (mit weißer Spitze) ablesen, ob es gerade 16 Uhr oder 4 Uhr morgens ist, wenn der normale Stundenzeiger auf der 4 steht. Will man nun eine zweite Zeitzone anzeigen, dann muss man den Tauchring verstellen, bis der 24h-Zeiger auf der gewünschten Uhrzeit der zweiten Zone steht. Hier im obigen Bild ist der Drehring so verstellt, dass der zweite Zeitzonenzeiger die deutsche Zeit GMT+1 anzeigt, während die Uhr sonst die taiwanischer Zeitzone GMT+8 anzeigt. Durch Sommerzeit in Deutschland ergibt sich derzeit aber nur eine Differenz von 6 Stunden, daher steht der Tauchring eben so wie er steht.
Der 24h-Zeiger folgt also bei Zeigerverstellen immer dem normalen Stundenzeiger und lässt sich nicht unabhängig einstellen. Im Gegensatz zu meiner Alpha GMT (siehe hier) läuft der "GMT-Zeiger" bei der Nautec übrigens konstant, will sagen weder zu schnell noch zu langsam im Vergleich zur Normalzeit. Das ist angenehm, weil ich dann nicht alle paar Tage die zweite Zeitzone nachregeln muss, wie das etwa bei der Alpha GMT der Fall ist. Vielleicht läuft der 2.-Zeitzonenzeiger der Nautec etwas versetzt zur Normalzeit (wie auch bei der Alpha GMT), aber das kann man durch ein leichtes Verstellen des Tauchrings kompensieren. Wichtig ist, dass die Anzeige konstant läuft, was ja auch der Fall ist bei der Nautec, während bei der Alpha die Zeitdifferenz zur Normalzeit zunimmt.

Alpha "P.O." zum Designvergleich. So etwa sieht eine echte Omega Planet Ocean auch aus.

Interessant ist es einmal, die drei Chinesinnen Alpha P.O. (oben, etwa 90 US-Dollar), Alpha GMT (unten, etwa 90 US-Dollar) und die Nautec GMT "unter der Haube" gegenüber zu stellen und im Praxistest zu vergleichen. Da ich kein Uhrenaufmacher bin muss sich der Vergleich freilich auf Worte beschränken.

Und noch eine Hongkong-Hommage, die Alpha GMT, extrem nah am Design der Rolex GMT, so nah wie es irgend geht

Die Alpha GMT mit ihrem echten GMT-Werk, bei dem der Nachteil ist, dass ein Verstellen des Stundenzeigers den eigentlich unabhängigen GMT-Zeiger mitverstellt, hat ein Werk des chin. Uhrenherstellers Shanghai unter der Haube, allerdings in B-Qualität. Das heißt, dass hier u.U. gebrauchte und schon mal reparierte Werke zum Einsatz kommen, die einem aufmachenden Uhrmacher schon mal leichte Verschmutzung inklusive Haare zeigten, wie ich im Netz gefunden habe. Und das bei einer fabrikneuen Uhr. Aber der Vorteil ist, dass solche Werke vielleicht schon mal durch die Finger eines Uhrmachers irgendwo in China gegangen sind und vielleicht gar nicht mal schlecht laufen. Meines läuft mit 15 Sekunden Vorlauf am Tag - normal für eine Unter-500-Euro - Automatikuhr. Gehäuse und Armband (sehr scharfkantig!) haben aber durch schelchte Verarbeitung genervt und Nacharbeitung u.a. mit Pattex erfordert - zur Wiederbefestigung der Pepsiskala.

Die Alpha P.O. in Orange hingegen hat wie die gleichfarbige Nautec ein Seagullwerk, möglicherweise das ST-6, wie man immer wieder liest. Das hat keine GMT-Funktion und läuft bei mir mit bis zu 55 Sekunden Vorlauf am Tag - hier müsste ein Uhrmacher mal eine Feineinstellung vornehmen. Bei der Alpha P.O. war das Armband eine Strafe, es ließ sich nur mit armbandbeschädigender Brachialgewalt verkürzen (Stifte saßen teilweise fest, auch der Armbandverkürzer hier in Taipei verzweifelte), sonst ist die "P.O." aber sehr gut verarbeitet. Beide Alphas haben aber nur Mineralglas und sind nur mit 30m bzw. 50m Wasserresistenz angegeben. 
Übrigens basieren sowohl das unechte GMT-Werk der Nautec (Seagull, Bezeichnung ist mir unbekannt) wie auch das echte GMT-Werk der Alpha auf einem älteren schweizer ETA Original-GMT-Werk, das natürlich um Klassen besser ist.

Nachteil der Nautec: Der Tauchring verstellt sich leicht, so dass die 2. Zeitzone dann evtl. verstellt wird.

Was die Nachtablesbarkeit angeht, so hat die Nautec die beste (grüne) Floureszierung, die beiden Alpha sind da eher leidlich, aber auch noch ablesbar. Wie genau die Nautec laufen wird ist noch nicht abzusehen, da sich Uhren immer erst einlaufen. Derzeit läuft sie auch mit etwa +15 Sek. pro Tag, man wird sehen. Verschraubte Kronen, wie sich das für echte oder Möchtegern-Taucheruhren gehört, haben übrigens alle der drei Uhren hier.

In Sachen Verarbeitung ist die Nautec gleichauf mit der Alpha P.O, kombiniert mit Ganggenauigkeit ist sie die beste der drei Chinesinnen. Als Referenz für die Preisklasse möchte ich die Gigandet Seaground 2 ins Feld führen. Da ist auch ein deutsches Unternehmen dahinter, das die Uhren in China mit dem erwähnten Miyotawerk bestücken lässt und im Netz zwischen 130 und bis zu über 500 Euro dafür verlangt - ich selbst habe 70 bei einer Auktion von einem anderen Anbieter bezahlt. Die Gigandet ist von der Verarbeitung her die hochwertigste (Band und Uhr problemlos) und hat eben ein japanisches Innenleben, wenn auch ohne GMT. 

 Gigandet Seaground 2 (hier im ungewöhnlichen Grün), eine der zahlreichen Rolex-Submariner Hommagen mit einer gewissen Eigenständigkeit im Auftritt

Die wohl beste Alternative unter den günstigen Uhren ist meiner Meinung nach die Orient Deep-Reihe aus dem Seiko-Konzern, unten in der Pepsivariante zu sehen. Für etwa 110-130 Euro hat sie ein gutes einfaches Automatikwerk (nicht schlechter als das Miyota) und eine solide Verarbeitung und ein eigenständiges, leicht retro-wirkendes Äußeres, Mineralglas und 200 Meter Wasserdichte nebst verschraubter Krone - Bild unten neben der Gigandet. Und alles Made in Japan bei Orient.

Rechts: Orient Deep "Pepsi" mit fremdem australischen Mesh/Milanaise-Armband

*** "No limits" hingegen (mit zusätzlichem S dran) ist ein Beiname des renommierten italienischen Uhrenherstellers Sector.

Kommentare:

Mr. ? hat gesagt…

26 Euro ist ein angemessener Preis. Gestern hat mir ein Bekannter seinen "Internetschnapper" voller Stolz gezeigt. So ein Sino-Teutonisches Zeiteisen, zum Mondpreis von 1200,-€ auf 200,-€ runtergesetzt, da wie er sagte ein defektes Zifferblatt (so eine Metallumrahmung um die Unruh hat sich gelöst) hat. Da es sich um einen guten Bekannten handelt, habe ich mir das Lachen verkniffen. Jetzt weiß ich, dass man auch mit kaputten Chinauhren zum Millionär werden kann.

"Ludigel" hat gesagt…

Das Grausligste was ich je bei Ebay gesehen habe an Mondpreis war eine "Calvados*** 1385" mit industriegoldenem Gehäuse für 1000 Euro im Sofortkauf. Industriegold ohne Karatangabe hat keinen nennenswerten Materialwert und die Uhr selbst ist eine aus der VR-China. Natürlich ein neues Unternehmen, ich sage nur "Tissot 1853" ;-)

*** Markenname und auch die Jahreszahl, die nichts mit der Unternehmensgründung in den 2000ern zu tun hat, sind von mir leicht verändert