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Dienstag, Dezember 16, 2014

KMT-Urschrei am frühen Morgen

Wieder mal wunderliche Leute im heimatlichen Schlichtwohnviertel

Es ist ein leidiges Thema, "unser" Wohnhaus, ein  Schlichtbau mit seiner 70er-Jahre - Bausubstanz und abblätternder Farbe und Siff im Treppenhaus versetzt mich nicht gerade in Begeisterung, ist aber billiger und erstaunlich ruhiger Wohnraum. Und verkörpert für meine Frau die vertraute Umgebung ihrer Kindheit, in die sie immer wieder zurück will. Meine Lust, neue Wohnraumexperimente in Taipei zu machen hält sich auch in Grenzen. Der bessere Wohnblock in einigermaßen schicker Allee im selben Viertel führte zu drastischer Anhebung des Lärmpegels. Nicht nur schrie die "Generalsgattin" nebenan bei offener Wohnungstür zusammen mit mehreren älteren Frauen in sturmumtosten Nächten immer wieder "Ämen, Ämen, Ämen" (die US-Version von Amen, es waren offensichtlich irgendwie Christen), die besseren Straßen zogen auch Taiwans Lautsprecher-Verkaufswagen magisch an. Die wollen nicht etwa etwas von Bose und Harman-Kardon verkaufen, sondern sie benutzen einen auf dem Lieferwagen angebrachten Lautsprecher, um ihre Waren anzupreisen. Und parkten gerne unter meinem Fenster. Ein in Jongli (Zhongli) gekauftes Reihenhaus in einer Hakka-Community hatte eine ständig lauthals Karaoke singende Nachbarin, die auch noch stahl wie eine Elster (sicher nicht Hakka-typisch, aber typisch für die stadtbekannte Nachbarin) und eine Verwandte eben der Nachbarin kippte hinter unserem Küchenfenster ihren Kot aus, den sie in Eimern sammelte. Als Dünger für ihr Gemüsebeet auf wildem Grundstück. Jetzt wieder wie in den ersten Jahren im Schlichtwohnviertel in einer Wohnung wohnend finde ich es erstaunlich ruhig - und vor dem Dreck im Treppenhaus muss man halt kurz die Augen verschließen.

 Taiwans Präsidentenpalast, in dem heute der chinafreundliche Präsident Ma Ying-Jeou von der KMT (noch) sitzt und in dem einst der japanische Gouverneur saß. Als ich das Ding mal im Original von Vorne fotografiert habe, kam gleich ein Securitymensch angerannt. Hier konspirativ sogar von hinten fotografiert. 


Merkwürdig nur immer wieder ein alter Mann aus der Wohnung unter unserer, der mir schon mehrfach den Zugang zum Haus blockierte, die Türe vor der Nase zuschlug und mich im Treppenhaus anschrie. Völlig unprovoziert. Er mag offenbar keine Ausländer und schreit seine Aversion lauthals heraus. Da komme ich heute Morgen noch schlaftrunken aus dem Hauseingang und habe bepackt mit mehren Taschen nicht die Haustür zugemacht (bin aber auch zwei Minuten später wieder vor Ort, wenn ich meinen kleinen Sohn abhole und zu Schwiegermutter rüberbringe), da steht er im Halbdunkel vor mir, schreit mich mit hysterisch überschlagener Stimme an, dass er das halbe Viertel aufweckt und zeigt dabei mit seinem Spazierstock auf mich, als habe er den leibhaftigen Teufel gesehen. Habe mich etwas erschreckt, das gebe ich zu. Verstanden habe ich nur "Ni ren", den Rest nicht mehr. Also "Du Mensch...". Ich denke, so einen Ehrentitel würde er mir als Nichtmitglied der sinoiden Herrenrasse nicht zugestehen, daher kann man das wohl auch als Schimpfwort benutzen. Oder das "ren"/Mensch wurde durch ein nachstehendes Adjektiv abqualifiziert. Wieder mal denke ich, ich will gar nicht mehr Mandarin lernen, dann würde ich ja den gesamten Unsinn verstehen. Mit dem Krückstock zeigte er auf die Haustür, ich machte sie auch prompt zu, allein damit er aufhörte rumzuschreien. Der Vorfall ist um so blöder, als dass er ja selber gerade im Begriff war, durch die geöffnete Haustür zu gehen und sie dann wieder aufschließen musste. Aber bitte, wenn die Seligkeit dran hängt.

 Vieles in Taiwan hat "China" im Namen, wie eben auch die halbstaatliche Flugline "China Airlines" oder hier ein Schiffbauunternehmen. Dies ist freilich eine Miniatur aus dem "Shao Ren Guo"/Window-on-China - Park im Landkreis Taoyuan. Auch im Namen steckt schon wieder "China", obwohl es doch eher ein Fenster auf Taiwan ist.

In Taipei hatte ich über die Jahre immer eigenartige Vorfälle mit älteren Leute, von denen manche wenige offenbar einen ziemlichen Ausländerhass aufgesogen haben und mich daher an die alten "Wehrmachts-Opas" erinnern, die ich noch aus meiner Jugend in den 70er-Jahren in Deutschland kenne und die mir und Spielkameraden damals oft ein "unter Hitler wäre das nicht passiert" (Ballspielen, Kreidemalen auf dem Pflaster) oder "euch sollte man ins KZ schicken" hinterher schrien.
Taiwan hat da seine abgemilderte Form mit der einst diktatorisch herrschenden Partei KMT und ihrer Rassenlehre-Light, die natürlich den sinoiden Menschen zum Herrenmenschenbild stilisiert hat. Ich nehme an, rechtsradikale Pygmäen haben sich den "Superpygmäen" als Herrenmenschenbild gebaut, das kann auch jeder machen wie er will. Unser Schlichtwohnviertel ist hier jedenfalls um meine Wohnung rum ein Militärveteranenviertel. Und auch der Schreiopa heute Morgen sah wie eine Verkörperung eines solchen aus. Graue Hose, dunkelblaue Jacke und eine dunkelblaue Schirmmütze mit dem Logo des taiwanischen Militärs dran (Kaktusblüte im Ährenkranz). Die Familien hier kommen alle ursprünglich vom chinesischen Festland und stehen fest zu ihrer ebenfalls ursprünglich mit Diktator Chiang-Kai-Shek nach Taiwan rüber gekommenen KMT, deren Parteifarbe dunkelblau ist.

Wenn mich mal jemand fragen würde, würde ich als Nationalsymbol ja nicht die chinesische Kaktusblüte, sondern - zumindest heute Morgen reichlich genervt - den "oben offenen Kackpapier-Eimer im Ährenkranz" vorschlagen. Denn der ist für mich das Wahrzeichen Taiwans - findet man ihn doch auf jeder Toilette hier.

Stramm die Hacken zusammenschlagend,

Ludigel*

* Bar jedweden militärischen Grades

Edit: Und Taiwan aka die Republik-China nannte man ja früher auch "Nationalchina". Da waren die älteren Herrn noch jünger und hatten das Sagen. Die jungen Taiwaner haben aber offenbar China mehr und mehr satt, sei es das alte Nationalchina oder das neue pseudorote VR-China. Siehe HIER.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ma Ying-Ohjeh konspirativ von hinten genommen? Das macht doch sonst nur die KP Chinas.

"Ludigel" hat gesagt…

War ein bisschen wie in dem Film The Triffids, wo die menschenähnl. aussehenden Wesen mit dem Finger auf einen erspäten Orignalmenschen zeigen und dabei spitze Schreie ausstoßen.

Miri hat gesagt…

Ist der ältere Nachbar vlt. dement? Und/oder einsam? Du solltest Dein Mandarin verbessern und mit ihm reden... Da wird er dann vielleicht ein ganz anderes Wesen zeigen. Erinnere mich gerade an eine ziemlich zickige Bewohnerin des Pflegeheims, in dem ich mal mit Ende 19/Anfang 20 zur Studienfinanzierung auf der Pflegestation gearbeitet habe. War so ein Nobelpflegeheim mit vielen Promis unter den BewohnerInnen. Sie sei vom Temperament her recht anstrengend, hieß es. Dabei fühlte sie sich einfach nur unterbeschäftigt: Einmal Arbeitstier, immer Arbeitstier. ;-) Sie war einfach ein Mensch, der gerne arbeitete. Nicht arbeiten zu dürfen, machte sie aggressiv und wütend. Ermöglichte man es ihr "mitzuhelfen", war sie glücklich und schlagartig superlieb. Sie hat z.B. total gerne abgetrocknet. Bei mir durfte sie immer "mithelfen". Dein Nachbar möchte vielleicht einfach nur reden, spürt, dass er immer älter wird, dass er Dinge vergisst o.ä. Vlt. braucht er Hilfe?

Miri hat gesagt…

Ja und vermutlich möchte er zudem, dass Du die Haustür zumachst, weil er Angst vor Einbrechern hat. ;-)

"Ludigel" hat gesagt…

Schon klar, alles meine Schuld.

Karl hat gesagt…

Solange es keine Demonstrationen unter TaGot (Taiwan against germanise ost Tellerrand) ist doch noch alles in Butter. Sowas ist mir in allem den Jahren in Taiwan noch nicht passiert. Liegt wahrscheinlich an der Wohnlage

Miri hat gesagt…

Schuld?

Ich würde mich fragen, was ich möchte... Und das wäre z.B. möglichst harmonisch dort zu leben. Ihr werdet ja mit einem Kleinkind und einer temperamentvollen S. nicht gerade die Leisesten sein. ;-) Und wenn Ihr direkt über ihm wohnt, wird er, wenn Ihr mal zuhause seid, schon einiges zu hören bekommen, sich aber vermutl. denken, dass Ihr eben nun mal ne junge Familie seid und das tolerieren. Wenn Du dann aber die Haustür auflässt, wird es schwierig. Da haben alte Leute ja grundsätzlich gewisse Ängste und reagieren dann mitunter auch mal schroff. Und Du hast ja auch nicht verstanden, was er gesagt hat. Der Mann ist Dein Nachbar. Ist doch schade, dass es da ne Sprach- und Verständnisbarriere gibt. Wäre doch einen Versuch wert, diese Barriere zu durchbrechen.

Miri hat gesagt…

Ein (Fern-)Studium in Soziologie, notfalls als Nebenfach, wäre in Deiner Lebenssituation eigtl. ideal. ;-) Du könntest Dir dann den "soziologischen Blick" angewöhnen. Außerdem könntest Du in Deinem Umfeld z.B. jede Menge interessante Sozialstrukturanalysen anfertigen. Du könntest damit sogar Geld verdienen und würdest vermutlich einen sinnvollen wissenschaftlichen Beitrag leisten. Nichts mehr mit "Triffids"-Vergleichen u.ä. ;-) O.K., vielleicht als kleiner Scherz am Rande... ;-)

"Ludigel" hat gesagt…

Alled klar, machen wir dann auch noch irgendwann.

"Ludigel" hat gesagt…

Was sagen will, dass Du Recht hast, aber....
... Chinesisch steht ab heute wieder auf dem Trapez, aber nicht zum Opas herzen ;-)
Und ich will vor allem eines, nämlich weg. Manila ist da gar nicht so schlecht. Wo kann man Crockodile Dundees Ausrüstung kaufen? Mein eigenes Kurzschw... kann ich nicht mehr finden im Jugendzimmer.

Miri hat gesagt…

Auf den Philippinen wirst Du Dich sicherlich besonders wohl fühlen. Und Dein soziologisches Forschungsinteresse könntest Du dort besonders gut ausleben. Na ja, vielleicht nicht immer. "Stecken Sie den Dolch ein, ich wollte mich mit Ihnen lediglich geistig duellieren. Aber da scheinen Sie ja komplett unbewaffnet zu sein, Sie ...... äh wichtiger Teil der Elite dieses Landes. Oh, sie stecken ihn nicht wieder ein. Egal, ich war schon immer fasziniert von Crocodile Dundee und habe sogar seine Ausrüstung dabei. That's not a knife, that's a knife! Rufen Sie ruhig Verstärkung. Da kann ich noch schneller in diesem Land aufräumen." Ja, das jahrelange Leben in einem taiwanischen Veteranenblock könnte nicht wirklich spurlos an Dir vorbeigegangen sein... ;-) Und nimm Dich vor den K.O-Tropfen in Acht... Da nützt Dir Deine Ausrüstung auch nichts, wenn Du mit denen ausgeknockt wirst.

"Ludigel" hat gesagt…

Als glücklich verheirateter Drachenbesitzer kommt das natürlich nicht in Frage. Insbesondere wo es in Zukunft sogar noch ein zweiköpfiger Drache ist (Schwestern-Duo). Gut, nicht mit kompletter Funktionalität, aber gehen wir nicht so ins Detail.

Wenn Freundin, dann nur mit Bondage, damit sie nicht ein Messer ziehen. Vgl. ausgeblutet aus der Rattan-Couch. Die wird wahrscheinlich hier von Müttern ihren Töchtern empfohlen weil sie so saugfähig ist.

Genau, wie machen die eigentlich Diskussionen in Manila. Wenn alle immer ihr Messer ziehen...

Miri hat gesagt…

Dracarys... ;-D

Freundin?????? Ich bin entsetzt... ;-) Na, dann beschwer Dich aber nicht, wenn der doppelköpfige Hausdrache mal komplett Amok läuft, was nützt da die Bondage bei der Freundin... Da schaltest Du ja eine Person bei der Verteidigung komplett aus. Aber o.K. bei GoT haben sie auch ohne Bondage Null Chance vor dem Flammentod.