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Dienstag, November 10, 2015

Jetzt PR der Philippinen (Update)

Die von meiner Frau veranlasste "Republikflucht" aus der Republik China aka Taiwan ist in eine entscheidende Phase getreten

Wie bereits mehrfach berichtet macht meine Frau seit einiger Zeit enormen Druck, zu ihrer mit einem chinesischstämmigen Philippino verheirateten Schwester nach Manila zu ziehen. Schwesterherz ist vor ein paar Jahren aus Taipei nach Manila gezogen und hatte dort eine Weile eine Taiwan-Bubbleteekette, bis diese größer als die Kontrollmöglichkeiten wurde und die Angestellten sich geweigert hatten, den nervigen Kunden noch Tee zu verkaufen und lieber auf den Getränkefässchen aus Plastik eingeschlafen sind. Arbeitsunfälle mit in die Augen gerammten Strohhalmen sollen an der Tagesordnung gewesen sein. Wie dem auch sei, aktuell betreute ihre Schwester das Einkaufszentrum-Outlet der (Aufkleber/Nummberschilder/Gewerbeschilder-) Druckerei ihres Mannes. Meine Frau wird von der Perspektive ins Business ihrer Schwester zu investieren und es zu expandieren angezogen wie eine Motte vom Licht - auch weil sie sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Taiwan-Marathon-Bürohölle zurückziehen will. Ein zweiter Kiosk hat bereits aufgemacht und läuft, ein dritter und mehr Business ist geplant. Unser Manilatrip in Stichworten, Bilder folgen später auch noch.





* Wir beantragen die PR-Karte lustigerweise basierend auf dem Altersruhestands-Programm der Philippinen. Gerade US-Bürger können sich hier schon mit über 40 zur Ruhe setzen. Nach eigentlich 3 Wochen kriegt man sie, wir kriegen sie in zwei Wochen. Oberwitzig sind die checkkartengroßen Ausweise eigentlich nicht. Doch der von Junior ist der Hammer, weil neben seinem Kinderfoto auch der Text steht: "Participant of the Old Age Retirement Program". Also: "Teilnehmer des Altersruhestands-Programms". Mit einem Kinderfoto daneben sieht das göttlich aus. Wohl auf Lebenszeit können wir alle drei dort bleiben und leben wenn wir wollen oder einfach kommen und gehen wie wir lustig sind. Solange wir nicht den Gegenwert eines Mittelklassewagens wieder vom philippinischen Staat zurückfordern, den man für diese Art der PR pro Familie überweisen muss.



* Die Kondoanlage mit Swimmingpool sieht ganz nett aus, doch überall sind Gott sei Dank nur kleine Ekelkäfer, wie man sie auch aus Taiwan kennt. Ich schwimme einmal im Pool und kriege sofort eine Niereninfektion. Auf das Antibiotikum reagiere ich mit Übergeben. Frau sagt, ich solle vielleicht doch lieber wieder nach Europa gehen...



* Die Toiletten auf dem Altersruhestands-Amt sind in einem Zustand, als sei die Putzfrau noch von den Spaniern eingestellt worden und läge irgendwo vermodernd unterm Rasen. Der schicke Mamorturm in Manilas Innenstadt steht dazu im krassen Gegensatz.



* Waffen, Waffen, Waffen. Unser Gastgeber zeigt seine Pistole. Ich überzeuge mich, dass er in der Tat auch die Kugel aus dem Lauf nimmt bevor er die Waffe meiner Frau gibt. Die zielt sofort damit auf mich. Ich fühle mich bestärkt, in meinem Haus nie eine Schusswaffe haben zu wollen, egal ob legal oder illegal. Die Supermarktwächter haben Schusswaffen. Die private Security in den Innenstadtzentren auch. Die Wächter an der leicht angeschmuddelten Gated Community von Schwesterherz auch. Als Junior dreimal die Starbucks-Toilette neben unserem Kiosk aufsucht, starrt mich der Wachmann hasserfüllt an. Er hat eine Kanone, ich komme nicht wieder.



* So funktioniert Manila. Draußen in den Slums und auch mal mitten zwischen den Nobelvierteln leben die armen Leute. Sie sind meist dunkelhäutiger als die öfter mal spanisch wirkenden Mittel- und Oberklässler. Sie sind der Grund für Zäune und weißgekleidete immer schelchtgelaunte und manchmal Ludigel und Sohn anpflaumende dunkelhäutige Wächter mit vielen Kanonen überall. Ein geniales System: Die Unterklasse ist einerseits der Grund für das Einsperren und Überwachen der Mittelschicht, andererseits stellt sie auch gleich das Personal dafür. Der Manilakapitalismus hat die Armut perfekt instrumentalisiert.



* Stau, Stau, Stau. Manila ist Stau und Stau ist Manila. Wir fahren morgens für 5 Kilometer eine Stunde. Kontrollieren ein paar Stunden die Kioske (eher Schwester als wir) und fahren dann in der Rushhour 2 Stunden wieder zurück. An öffentlichem Nahverkehr gibt es nur eine fast nirgends fahrende Stadtbahn (ein einziges Mal gesehen) und sonst die offenen Jeep-artigen Busse namens "Jeepneys", die ihre Fahrgäste fensterlos im Smog durchziehen lassen. Die Jeepneys halten überall, bevorzugt auf Kreuzungen, wo sie dann den Verkehr komplett lahmlegen. Einmal stehen wir vorm Supermarkt im Stau, den man in 5 Minuten hätte erreichen können zu Fuß. Der Wagen braucht 45 Minuten.



* Die Luft ist in der Gated Community und auf dem Gelände der benachbarten deutschen Schule klar und angenehm. Es ist heiß, aber nicht schwülheiß. Es stinkt nur nach Smog, wenn man an den Hauptstraßen steht. Aber da bin ich meist im klimatisierten Toyota. Vor der Altersruhestands-Behörde in der Innenstadt stinkt es zwischen den Wolkenkratzern recht übel nach Smog.



* Im TV laufen Nachrichten. Im Gefängnis gab es eine Razzia. Drogen und Waffen wurden gefunden. Der Tisch biegt sich fast vor lauter Schießeisen. Erstaunlich, dass sich so schwer bewaffnete Leute überhaupt einsperren lassen. In einer anderen Nachrichtensendung sieht man, dass in ländlicher Umgebung ein Kleinbus mit einem LKW zusammengestoßen ist. Der Fahrer ist eingeklemmt und sein Gesicht ist schmerzverzerrt, als Passanten (!) versuchen, den Mann mit einem Baumstamm (!) aus dem Auto zu hebeln. Der Polizist guckt zu, Feuerwehr mit Schneidwerkzeugen gibt es nicht offenbar.



* Im Stau läuft eine spärlich bekleidete Frau an der Autoschlange vorbei und bettelt. Ihr von der Sonne fast schwarz gebrannter Körper wirkt ausgetrocknet und dürr. Ihre Oberbekleidung ist spärlich, der Tiger-BH hinten nicht richtig zugemacht. Meine Manilafamilie lacht. Ich vergesse vor Entsetzen, dass ich eine Kamera in der Hand habe. Wie grausam doch die Entwürdigung des Menschen in Manila zelebriert wird. Doch alle lieben Jesus. Der ist überall. Schwesterherz hat es mal so formuliert:

Die Philippinos lieben Gott.
Hast du Geld, bist du Gott.
Hast du nichts, bist du nichts.


* Nichtsdestotrotz, die Philippinos wirken - von den Securityleuten abgesehen - freundlich. Eine hübsche weibliche Securitykraft, die ich nach einem Spielzeugladen frage, ist nicht grummelig. Na ja, bei meinem Gringo-Lächeln...



* Mein Spanisch versucht sich zu reaktivieren, obwohl es hier kaum jemand spricht. Selten hört man von sehr spanisch aussehenden gut gekleideten Leuten ein paar Brocken Spanisch. Wie es übrigens auch auf der philippinischen Vertretung in Taipei zu hören war brockenweise. Als ich zu Junior einmal "Vamos!" ("komm!") sage, starrt mich gleich jemand erstaunt an.



* Wir kommen um 12 im Supermarkt an. Die beiden jungen Verkäuferinnen im Schülerinnenalter haben eine Freundin mit im Printkiosk sitzen und geschlagene 95 Pesos Umsatz gemacht seit 3 Stunden, obwohl alles voll ist. Also weniger als 2 Euro. Schwesterherz steht 30 Minuten am Kiosk und schon sind 1800 Pesos in der Kasse. Mir fallen einige wartende Kunden auf, die teilweise ziemlich genervt sind. Wir gehen (nicht bei Starbucks sondern beim Konkurrenten Krispy Kreme) einen Kaffee trinken. Frau will einen komplizierten mit Sahnehaube. "Maschine broken, Ma'm" sagen die 4 Angestellten. "Chef nicht da, deswegen Maschine kaputt", erklärt Schwesterherz. Und bei uns am Kiosk war wohl den ganzen Morgen der Computer "kaputt".






UPDATE: Damit visarechtlich keine Missverständnisse aufkommen: Man darf mit der "Senioren-PR" zwar nicht arbeiten im klassischen Sinn, aber sehr wohl investieren. Und klar, dass man als Teilhaber dann beim Investitionsobjekt aufschlägt und nach dem rechten guckt. Mehr wird Gattin auch nicht tun, denn bei den geringen Lohnkosten wäre jeder Handschlag Verschwendung. Theoretisch ist die Gattin dann nicht der disziplinarische Vorgesetzte sondern nur Besucher, in Praxi weiß der Angestellte natürlich, dass Schlafen in Gegenwart des Investors wenig karrierefördernd ist ;-) Eine alternative Form der Senioren-PR erlaubt sogar ein Eigeninvest anstatt der Zahlung an die Staatskasse, wie wir sie geleistet haben. Invest ist also der Zweck dieser Senioren-PRs.

Kommentare:

Maxe Mueller hat gesagt…

Ist die Arbeitsmoral in Manila allgemein so mies oder vor allem im Dienstleistungsbereich?
Steht ja echt im Kontrast zum ostasiatischen Arbeitseifer, wo ich auch Taiwan mit einbeziehen würde...(Ja Produktivität ist teilweise wieder eine andere Geschichte, aber die Einstellung ist schon anders)

Philipp hat gesagt…

Ich liebe diese Berichte, sehr interessant!

"Ludigel" hat gesagt…

Tja, diese Verkäuferinnen sind natürlich unterste Angestelltenklasse. Ich kenne es auch aus Deutschland, dass z.B. viele Malergesellen nicht arbeiten sondern sogar Trinken und richtiggehend Unsinn machen auf der Arbeitsstelle, wenn sie nicht kontrolliert werden. Vaddern war Malermeister und kann da ein Liedchen singen. Ich kenne sonst nur die Druckerei vom Schwager von Frau. Dort arbeiten zwei Männer und eine Frau in der richtigen Mitte aus Konzentration und Entspannung wie in einer guten deutschen Werkstatt. Aber El Chefe kann ja auch jederzeit um die Ecke biegen. Beim Arzt, den ich Swimmingpoolinfekt-sei-Dank ja auch kenne, wurde ebenso effektiv gearbeitet. Auch da ist die Ärztin nur eine Ecke weit entfernt.
Behörden arbeiten auch ohne Bestechungsgeld, allerdings evtl. mit Zeitverzögerung, so dass dann zum vereinbarten Termin die Sache noch nicht fertig sein könnte und man wiederkommen muss. Aber fertig wird es irgendwann. Schwager sagt, er vereinbart gleich Festpreis und Termin ;-) Merke: Der Beamte verlangt Schmiergeld nie für sich selbst, sondern hat z.B. einen Kontakt da und da wo es mit Schmiergeld schneller geht, sagt er.

"Ludigel" hat gesagt…

Der beste der Verkäufer ist de facto ein Vorarbeiter für den zweiten Mann/Frau am Kiosk und arbeitet auch allein effektiv und denkt mit. Er leitet jetzt den neuen Kiosk, während neue Schlafkräfte am alten arbeiten.

Anonym hat gesagt…

Lu Er Fu:
Die Philippinen sind quasi der Bruderstaat von Thailand.
Alle träumen vom großen Geld, Office mit Klimaanlage, weißer Kragen und Scheffsein. Wenn's dann an's Umsetzen geht ist Kopfweh und Müdigkeit angesagt.

"Ludigel" hat gesagt…

In der Tat hat die Manilafamilie (der Bruder vom Schwager von Frau) schon mal 80 von diesen Printkiosken. Er war reich geworden, hat dann prompt die Kontrolle über das Unternehmen verloren und ist wegen Wohlleben leider an Diabetes gestorben und alles ward verloren schneller als ein Zuckerhaufen im Wind. Ich dachte schon immer: Watt war mit den Kontrolleuren, die ja sozusagen mittleres Management waren? Die hatten wohl auch viel Kopfweh und guten Schlaf. Jetzt alles noch mal von vorne, nur das Ende kann man schon absehen.