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Freitag, September 04, 2015

Geistergeschichte

Da lebt man in einem geister- und magiegläubigen Umfeld und wenn einem dann eine Geistergeschichte passiert, dann hat sie rein gar nichts mit Taiwan zu tun. Merkwürdig, oder?

Nun bin ich natürlich ein naturwissenschaftlich geprägter Mensch. Schon von Berufswegen. Ergo würde ich an die Weiterexistenz verstorbener Verwandter höchstens glauben, wenn sie mir höchstselbst optisch wahrnehmbar erscheinen würden und am besten noch einen physischen Beweis ihrer Existenz hinterlassen. "Packung Manna steht im Kühlschrank, mach´s gut, muss jetzt weiter." Oder irgendwie so. Nun, etwas ähnliches ist mir passiert. Nicht in optisch sichtbarer Form freilich und so kann ich das ganze als Zufall verbuchen und mir mein naturwissenschaftlich geprägtes Weltbild erhalten. Frei nach dem Motto: Was nicht sein darf, wird als statistische Abweichung erklärt.

Was hat sich also zugetragen? Nun, es fing alles an mit irgendeinem kurzen TV-Ausschnitt aus Meran, einer italienischen Stadt. In der hatte ich mit meinen Großeltern in den sehr frühen 70er Jahren öfter als Kind viele Urlaube verbracht. Und kann mich leider an so gut wie nichts mehr aus der Zeit erinnern. Was mich schon mehrfach geärgert hat. Nur eine Wischi-Waschi-Erinnerung von einer als Pferdeskulptur zurecht gestutzten Buschanlage im Park habe ich und das ich als ganz kleiner Pöks da drum herum renne im Kreis. Das alles zog mir so durch den Kopf, als auf der taiwanischen Mattscheibe hier irgendein Reisebericht kam. Wahrscheinlich wieder diese Reisesendungen wo kichernde Taiwaner "exotisches" Essen in die Kamera halten, daran herum essen, "Mmmmmmhhhh" und "Aaaaaaah" und "Ohhhhhh" rufen, von links nach rechts springen und meine Frau am Ende des Beitrages immer in das jeweilige Land auswandern will.

Wie dem auch sei, ich legte mich mit Gedanken an das in meiner Erinnerung verschollene Meran schlafen. Und träumte dann offensichtlich von den alten Urlauben in Meran, mit samt Großeltern. Denn als meine Frau mich wegen ratternder Gasleitungen oder sonst etwas weckte und ich senkrecht im Bett stand, da fiel mir auf, dass ich den Traum komplett parat hatte. So real, als sei ich eben noch wirklich in Meran gewesen. Mit einer solchen Intensität hatte ich noch nie eine Traumerinnerung gehabt, es wirkte völlig real. Wahrscheinlich wegen des plötzlichen Herausgerissen-werdens. Kennen Sie die Situation? Eben noch glaubt man die Traumerinnerung komplett zu haben und im nächsten Moment ist sie schon wieder verschwunden. Das soll daher kommen, dass Träume vom Unterbewusstsein produziert werden. Übrigens eine Art Aufräummechanismus der etwa der "Garbage Collection" in Computerbetriebssystemen oder der Laufzeitumgebung eines Programms gleicht, etwa wenn nicht mehr benötigte Speicherbereiche frei gegeben werden. Weil aber nun unser Verstand davon logisch getrennt ist, versackt die Erinnerung wieder blitzschnell. Da hilft die manuelle Technik des "Stück-für-Stück Durchgehens" des Traumes, so als würde man ihn nacherzählen wollen. Habe ich mal - sicher in einer Frauenzeitschrift beim Frisör - gelesen und es funktioniert wirklich. Also "speicherte" ich den Traum schnell ab und war verblüfft. Eben noch waren wir in der Traumwelt beim "Italiener" Essen gewesen. Wo auch sonst im Meran der frühen 70er? "Wir" waren also meine Großeltern und ich. Ich - der im Traum gar nicht so klein wirkte - hatte Gulasch mit Spagetti. Lecker! Dann sind wir wieder aufs Hotelzimmer - sogar die Straße und das Treppenhaus vom Hotel sah ich recht klar vor mir und Großmutter und ich warteten im Zimmer auf meinen Großvater, der Einkaufen war. Er kam auch kurze Zeit später zur Tür rein und stellte eine Flasche Rotwein auf den Tisch. Mit so einem typisch gedrehten Hals, wie sie manche Touristenflaschen haben. Er zeigte auf die Flasche und sagte "Meraner Bier!". Alle lachten und im Traume war der Witz wesentlich komischer als jetzt beim Nacherzählen. Gut, der Humor meines Großvaters soll nicht so der beste gewesen sein. Sagt jedenfalls sein Schwiegersohn ergo mein Vater. Aber lassen wir das. Mich wunderte wie real das Erlebnis war, so als sei ich eben im Nebenzimmer noch mit den Großeltern - die seit den 70ern bzw. 80ern verstorben sind) zusammen gewesen. Schon ein ungewöhnliches Erlebnis. Dieses Abspielen eines alten "Urlaubsfilms" fand ich jedenfalls sehr beeindruckend. Schon erstaunlich, was man möglicherweise aus der frühen Kindheit noch im Gedächtnis abgespeichert hat, was aber dem Verstand normalerweise nicht zugänglich ist. Wie dem auch sei, ich musste daran denken, dass auch die Urlaube mit einer Tante (mit Namen Grete), mit der ich damals viel Zeit verbracht hatte - auch in Meran - ebenfalls aus dem Gedächtnis verschwunden waren. Und so murmelte ich ein nicht ernst gemeintes "Tante Grete.... melde dich doch mal als nächstes" noch halb schlaftrunken, während ich noch den grausamen Kontrast der Realität einer Taipei-Schlichthauswohnung mit der des malerischen Merans der 70er Jahre verkraftete.

Nun kommt das dicke Ende. Zwei Tage später rief meine Mutter an und erwähnte beiläufig, mein Vater habe im Keller (wo er allerdings immer viel rumsucht) das Tagebuch von "Tante Grete" gefunden. "Sie hat alles detailliert aufgeschrieben, auch deine Urlaube mit ihr in Meran", sagte meine Mutter. Mir wäre fast der Telefonhörer aus der Hand gefallen. Gesehen habe ich die Tagebücher noch nicht - werde sie mir bei der nächsten Deutschlandreise zu Gemüte führen. Aber prompter kann man eine Bestellung kaum erfüllen, oder? Kein Mensch wusste übrigens, dass Tante Grete Tagebuch geführt hat und wir haben -eigentlich- auch so gut wie kein Zeug von ihr im Keller.

Seither bin ich trotz des gerade von unserem Mobiltelefonprovider in Taipei erfolgten Umstiegs von "3G" auf "4G" viel mehr beeindruckt von der "1G"-Leitung, die ich da scheinbar ins Jenseits hatte für eine kurze Zeit. Weitere Versuche mit 1G sind allerdings bislang gescheitert. Sehr zuverlässig ist die Leitung wohl nicht ;-)

Ja ja, schon klar, war alles nur ein Zufall.

Die erste von zwei kleinen Geistergeschichten, passend zum Ghostmonth, der jetzt hier ausbricht. Aber 100% wahr - und schon vor ein paar Monaten passiert.

Kommentare:

Xinxi hat gesagt…

Interessant. Laut den Einheimischen Feng-Shui-Experten liegt Taiwan angeblich näher an der Yin (Geister-)Welt als die meisten anderen Ecken der Erde. Genauso wie Japan. Deshalb gibt es in TW auch jede Menge Gruselgeschichten. Etwa den Geisterbus der Cultural University am Yangmingshan (Yangming-Berg).
Ein - ebenso wie du ungläubiger - deutscher Freund hat im Jahr 2000 auch eine Art Spukerscheinung gesehen. Zumindest tauchte am Fenster eines mit nahezu 100%-iger Sicherheit leeren Raums ein Gesicht auf. Nach ein paar Monaten wirst du dir aber die Erfahrung ausgeredet haben. Geht allen Leuten so, die mir von ihren Geistererlebnissne erzählen.

"Ludigel" hat gesagt…

Habe noch zwei weitere Geschichten. Eine sehr zeitnah hier in Taiwan passiert, eine weitere in starkem Zusammenhang mit meiner Frau auf einer Deutschlandreise. Das sind die drei Vorfälle in dieser Hinsicht. Ich rede unter dem rhetorischen Deckmantel des Geistermonats davon. So wie die Amerikaner es gerne bei Halloween tun ;-)

Gibt ja die Theorie, dass das Umfeld die Realität definiert. Ergo: Bist Du in einem westlichen Land und vielleicht noch auf einer Konferenz von Mathematikern, ist die Wahrscheinlichkeit für paranormale Erscheinungen bei Null. In Taiwan müsste sie dann recht hoch sein ;-)

Xinxi hat gesagt…

Wenn man ohne Hohn und Spott herumfragt, haben erstaunlich viele Leute grenzwertig "Übersinnliches" zu erzählen. Auch im vordergründig kühl-rationalen Deutschland.
Vielleicht pendelt das menschliche Bewusstsein einfach nur häufiger zwischen Traum und Wachsein als uns das lieb ist? Psychologie ist schließlich keine stahlharte Naturwissenschaft. Ansonsten wären doch die ganzen Psychos, die irgendwelche Ratgeber zum Thema "Erfolg" schreiben, schon reicher als Zuckerberg und Gates. Wahrscheinlich gibt es noch etliche blinde Flecken auf unserer mentalen Karte, die wir nicht einmal bemerken...

Miri hat gesagt…

Der Hauch eines Blickes in eine andere Dimension? Unser menschlicher Verstand ist ein (noch) sehr begrenzter, der aber mitunter ahnt, was es noch so gibt. So wie das Insekt, das nicht dreidimensional denken kann, aber doch ahnt, dass es einen Weg aus der Flasche gibt und ihn mitunter auch selbständig findet.

"Ludigel" hat gesagt…

Nimmt der Flatline auf dem EKG-Dings im Krankenhaus den Schrecken. "Doc, lass uns hier zusammenpacken. Das Hotelzimmer ist schon bestellt!"
[flüsternd zur Schwester]: Jetzt ist er wieder geistig weggetreten...

Miri hat gesagt…

;-)

Gerade der gläubige Doc macht ja idR erfahrungsgemäß noch weiter, wenn andere längst aufgehört hätten. Er spürt, unabhängig von der Messfähigkeit technischer Geräte, dass da noch etwas ist und möchte nicht aufgeben, bis es gegangen ist.

Und die Filmindustrie wird ja erfreulicherweise immer fantasievoller. Mag z.B. die Idee mit dem Geist hinter dem Bücherregal in Interstellar. Ein Film, der zumindest versucht uns dumme, ignorante Menschen wachzurütteln...

"Ludigel" hat gesagt…

Toller Film. Nur die Kratzer / Beschädigungen an der Hamilton - Pilotenuhr sind schwer anzusehen für einen Uhrenfreak ;-)

Miri hat gesagt…

;-)

Da ist irgendwie so einiges ziemlich schwer anzusehen... ;-)