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Mittwoch, Dezember 10, 2008

Akademiker "made in Taiwan"

alle lächeln, alle sind Akademiker ... made in Taiwan

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GERMAN, Deutsch:


Akademische Grade in Taiwan...


Als Diplom-Informatiker erfüllt mich der Begriff “Master“ immer noch mit Verwunderung, wenn er von deutschen Universitäten verwendet wird, erinnert er mich doch ehr an alte Gruselfilme oder vielleicht noch an schwarz gekleidete Fetischtypen, nicht aber an Informatik. Aber gut, international verwendet man halt dieses Diplomäquivalent. Vollends verblüfft hat mich aber, in welcher Art und Weise man hier in Taiwan mit akademischen Titeln wie Bachelor oder Master umgeht. Grundregel: „Hat man ihn versucht, hat man einen.“ In userem Unternehmen gibt es mehrere Leute, von denen es heißt, sie hätten einen Master in Computer Science, also das Gegenstück zum Diplominformatiker. Eine sitzt in meiner Nähe und einer hat zumindest einen Bachelor darin. Der Bachelor von den beiden verblüffte mich allerdings mit dem Unwissen, was ein binäres Zahlensystem oder gar ein hexadezimales ist. Auch mein Verweis, das sei so wie unser dezimales und das vor-das-Gesicht-halten meiner zehn Finger und lautes Vorzählen halfen da nicht. Da der Kollege hervorragend Englisch spricht, so richtig mit Dialekt und angeblich in Großbritannien seinen Bachelor gemacht hat, konnte es nicht an Sprachschwierigkeiten liegen. Nun, das ist etwa so, als ob ein Friseur nicht so recht weiß, was Haare sind oder eine Schere.

Die Lösung kam alsbald, als wir über Prüfungen im Kollegenkreis diskutierten. Die beiden „Akademiker“ mit Bachelor und Master haben die Titel zwar schon, so hieß es, aber nicht die Prüfung gemacht. „Aha! Das Papier ist ihnen also irgendwo im Treppenhaus zugeflogen?“, kann man sich da fragen. Aber weit gefehlt, sie haben gar kein Papier, sondern man gesteht ihnen im taiwanesischen Volksmund nur den akademischen Grad zu, sozusagen ehrenhalber, weil sie ja immerhin eingeschrieben waren.

Der Trick ist folgender: In Taiwan sieht man einen akademischen Grad als „halb erworben“ an, wenn man ihn wenigstens eine Weile versucht hat, schließlich hat man ja was gelernt. In der Gehaltshierarchie in Unternehmen wird man dann auf halben Weg zwischen dem Gehalt für „ohne Studium“ und den entsprechend angeflogenen akademischen Grad gesetzt. Alles was man braucht, ist eine Immatrikulationsbescheinigung.

Taiwan ist sehr viel informeller als Deutschland, aber mich erstaunt auch im fünften Jahr hier immer noch das Ausmaß der Lockerheit hier.

Fast möchte ich mit „Ihr falscher Prof. Dr. Ludigel, Gehirnchirurg“ unterschreiben, weil ich ja mal „Grey’s Anatomy“ im Fernsehen gehen habe.

Ah, jetzt sitzen beide „Kollegen“ um mich herum, ganz jovial möchte ich ihnen kollegial mal auf die Schulter hauen. Oder woanders hin. Aber einer von beiden ist mein Chef-Chef. Viertelstudieren lohnt sich hier in Wundernesien!

Mit akadämlichen Grüßen,

Ludigel


Anmerkung: "Made in Taiwan" steht heute für Qualitätsprodukte, aber mit den akademischen Graden könnten sie es ruhig etwas genauer nehmen (grummel). Andererseits wären die Taiwanesen keine Taiwanesen, wenn sie es so preußisch genau nehmen würden mit den Formalien (hust).

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